Der Mandant von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel The Lincoln Lawyer, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1990 - 2009.
Folge 1 der Mickey-Haller-Serie.

  • New York: Little, Brown, 2006 unter dem Titel The Lincoln Lawyer. 404 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-01434-3. 525 Seiten.
  • München: Heyne, 2009. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-43367-0. 525 Seiten.
  • München: Heyne, 2011. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-43567-4. 543 Seiten.

'Der Mandant' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Mickey Haller ist der »Lincoln Lawyer«. Der Anwalt lässt sich in seinem Wagen durch Los Angeles chauffieren und erledigt dabei auf der Rückbank seine Fälle. Seine Maxime: Jeder Angeklagte verdient die denkbar beste Verteidigung. Bislang hat sich Haller nie von diesem Grundsatz abbringen lassen. Ob Dealer, Kleinkriminelle, Prostituierte – er versteht sich exzellent darauf, das Optimum für seine Klienten herauszuholen. Als ihm die Verteidigung eines reichen Sprösslings aus gutem Hause angeboten wird, zögert er nicht lange, verspricht dies doch ein äußerst lukrativer Auftrag zu werden. Die Anklage lautet auf schwere Körperverletzung und Vergewaltigung einer Prostituierten. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, beteuert der Angeklagte seine Unschuld. Haller recherchiert und findet bald einen ersten Hinweis, der die Beweisführung der Anklage zu entkräften vermag. Der Fall scheint gelöst zu sein, doch was als Routine beginnt, entpuppt sich als ein teuflisches Spiel, bei dem nicht nur Mickey Haller um sein Leben kämpfen muss.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Winkeladvokat in tödlicher Bedrängnis« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Michael Haller ist der »Lincoln Lawyer« – ein moralisch geschmeidiger Winkeladvokat, der seine Geschäfte am liebsten vom Rücksitz einer Limousine der gerade genannten Automobilmarke aus führt. Mobilität ist angesichts seiner Arbeitsmethoden keine schlechte Wahl, denn Haller pflegt seine Klienten finanziell so stark wie möglich zur Ader zur lassen und ist daher kein beliebter Zeitgenosse. Allerdings gehört er zu den Besten seiner Zunft – ein mit allen Wassern gewaschener Strafverteidiger, der seinem Job bereits zwei Ehen geopfert hat.

Das Geschäft läuft in der letzten Zeit mehr schlecht als recht, weshalb Haller sogleich anbeißt, als sich ein prominenter und wohlhabender Immobilienmakler Hilfe suchend an ihn wendet: Der smarte Louis Ross Roulet wurde verhaftet, weil er eine junge Frau namens Regina Campo zusammengeschlagen und bedroht haben soll, nachdem sie sich ihm verweigert hatte. Roulet weist alle Schuld von sich und behauptet, in eine Falle gelockt worden zu sein.

Weil die Frage nach Schuld oder Unschuld eines Klienten für einen gegen Honorar angeheuerten Verteidiger absolut nebensächlich ist, übernimmt Haller gern den Fall. Sehr bald erkennt er, dass er sich sein Geld hart wird verdienen müssen. Roulet, der zunächst wie ein arges Muttersöhnchen wirkt, ist ein eiskalter Serienkiller, der Haller mit der Drohung, sich an seiner kleinen Tochter zu vergreifen, dazu zwingt, ihn vor Gericht nicht nur zu verteidigen, sondern von aller Schuld frei zu waschen. Damit Haller noch besser spurt, schiebt ihm Roulet sogar einen Mord unter.

Haller steckt in der Zwickmühle. Die Polizei verdächtigt und verfolgt ihn als Mörder, sein Mandant manipuliert ihn. Aber Roulet überspannt den Bogen. Haller beschließt ein gefährliches Spiel: Er wird seinen Mandanten durch den Prozess bringen und ihn trotzdem dem Gesetz ausliefern. Der Plan weist indes diverse Schwachstellen auf, und Roulet ist ein überaus misstrauischer Mann …Dass Haller eine gravierende Tatsache gänzlich übersieht, droht ihm schließlich buchstäblich ins Grab zu bringen.

Der Gerichtssaal als Manege und Kriegsschauplatz

Die Welt der US-amerikanischen Justiz wirkt auf den (europäischen) Leser (oder Fernsehzuschauer) überaus befremdlich: Vor dem Richter stehen Ankläger und Verteidiger, die sowohl die Geschworenen als auch einander durch allerlei Tricks zu beeinflussen versuchen. Zur Staffage verkommen wirken dagegen Opfer und Angeklagter, degeneriert zur Verschiebemasse eines Geschehens, dessen Eigendynamik die Frage nach der Gerechtigkeit ausklammert. Tatsächlich ist der Angeklagte in diesem Schauspiel – in dem die modernen Medien eine wichtige Rolle spielen – nur insofern wichtig, als er (oder sie) die Zeche zu zahlen hat: Schuldspruch oder Freispruch ist in den USA vor allem eine Frage des Geldes. Wer sich einen Verteidiger leisten kann, der besser als der Ankläger ist, wird in der Regel obsiegen.

Ist dieses Bild zu schwarz gemalt? Liest man den vorliegenden Roman, so muss man die Frage entschieden verneinen. Es ist sogar noch schlimmer. Michael Haller lernen wir nie als Juristen kennen, der über Urteilen und Präzedenzfällen brütet. Stattdessen ist er vor allem damit beschäftigt, seine Klienten zu übervorteilen, die Mitglieder seines Netzwerks zu schmieren und den gleichfalls gierigen Anwaltskollegen die einträglichen Fälle wegzuschnappen.

Das mag um der Dramatik willen überzeichnet sein, wirkt aber erschreckend real. In die Mühlen dieser Justiz möchte man keinesfalls geraten. Sie hat sich von ihrem Ursprung – der Suche nach und die Vermittlung von Gerechtigkeit – abgekoppelt und eigene Regeln entwickelt. Haller macht sie sich zunutze; in diesem Milieu bewegt er sich wie ein Fisch im (reichlich trüben) Wasser. Dies zu verfolgen ist außerordentlich spannend und unterhaltsam. So zu empfinden ist garantiert politisch unkorrekt, doch solche Vorbehalte schwinden schnell – Connelly hat uns fest am Haken und dirigiert uns nach Belieben durch eine auch sonst spannend geplottete und rasant geschriebene Geschichte.

Gerechtigkeit hat im Gerichtssaal nichts zu suchen

Und ein Spiel ist es, an dem Michael Haller teilnimmt. Er ist süchtig wie ein Spieler nach dem Kampf vor den Schranken des Gerichts; zwei Ehen sind darüber zerbrochen, und als Vater fühlt sich Haller zu Recht als Versager. Er wohnt quasi in seinem Lincoln, den er von einem zahlungsunfähigen ehemaligen Mandanten chauffieren lässt, den er um den halben Lohn prellt. Ex-Gattin Nr. 1 ist eine gefürchtete Staatsanwältin, mit der er sich oft misst, Nr. 2 führt ihm die Buchhaltung.

Obwohl er genau weiß, dass sein Leben neben der Spur läuft, kann und will Haller es nicht korrigieren. Nach vielen Jahren im Geschäft hegt er keine Illusionen mehr. Seine Kenntnis des Gesetzes nutzt er, um sich zu bereichern und im Notfall auch, um sich ihm zu entziehen. Haller wartet nicht, bis die Klienten zu ihm kommen. Er verteilt reichlich Schmiergelder an jene, die sie ihm vermitteln, bevor die Konkurrenz – die selbstverständlich ebenso handelt – Wind davon bekommt. Sein Vorrat fauler Tricks ist unerschöpflich – für die Leser, die ihn nicht engagieren (oder sich ihm anvertrauen) müssen, eine unerschöpflich sprudelnde Quelle der Unterhaltung. Autor Connelly hat die Kontakte, die er – siehe Nachwort – zu realen Juristen knüpfte, weidlich genutzt und Augen wie Ohren offen gehalten.

Dank Reagan und zweimal Bush halten die Reichen und Mächtigen in den USA die Privilegien, die ihnen zugeschanzt wurden bzw. die sich angemaßt haben, längst für selbstverständlich. Nur die Dummen, d. h. die politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Ausgegrenzten, haben sich an die Gesetze zu halten. Zwar landet auch Prominenz (noch) auf der Anklagebank, doch dort wartet bereits eine teuer bezahlte Phalanx fähiger i. S. von rechtsverdrehender Anwälte auf sie. Am Beispiel des Windsor-Roulet-Clans spielt Connelly die Blindheit Justizias deprimierend glaubhaft durch.

Ein Rechtsverdreher entdeckt sein Gewissen

In der zweiten Hälfte des Romans bekommt Haller eine ordentliche Dosis der eigenen Medizin zu schmecken. Aus dem tatkräftigen Verteidiger wird ein Opfer. Plötzlich entdeckt Heller seine Moral wieder. Im Grunde seines Herzens ist er Idealist geblieben. Es fällt schwer zu entscheiden, ob Verfasser Connelly dies ernst meint. Auf jeden Fall wirkt es aufgesetzt, nachdem er Haller erfolgreich als aalglatten Teufelsadvokaten dargestellt hat. Außerdem weist der Epilog darauf hin, dass Haller seine Lektion nur bedingt oder gar nicht gelernt hat: Seine Vaterpflichten erfüllt er nun besser, aber ansonsten wird er bald in den Ring zurückkehren und den Lincoln Lawyer geben.

Immerhin ist Connelly ernsthaft (und sarkastisch) genug, Haller nicht ganz ohne Denkzettel davonkommen zu lassen: Der Mann, den er aus der Hölle einer lebenslänglichen Haftstrafe befreien konnte, verklagt ihn prompt auf Schadensersatz. Der Wolf kann nicht auf die Seite der Schafe wechseln, die längst seine Spielregeln übernommen haben.

Haller lebt in seinem Mikrokosmos an der Seite recht farbenfroher Gestalten, die Connelly sehr unterhaltsam in Szene zu setzen weiß. Ein wenig übertreibt er es vielleicht, wenn er seinem gebeutelten Helden gleich zwei Ex-Frauen an die Seite stellt, die sich ihm gar zu eng verbunden fühlen. Wenigstens verschont uns Connelly mit süßlichen Vater-Tochter-Szenen.

Richtig vom Leder zieht der Verfasser in den Gerichtsszenen. Dort findet ein 'Spiel’ statt, dessen Beteiligte sich nach allen Regeln der Kunst beharken. Pardon wird weder erwartet noch gegeben. Connelly quetscht noch den kleinsten Rest potenzieller Spannung aus dem Geschehen. Er arbeitet im Grunde mit sehr bekannten Elementen, oft sogar mit Klischees, doch er weiß genau, was er tut.

Allzu routiniert: der finale Twist

Sicherlich wird der treue Connelly-Fan die Zahnräder der Maschine erkennen, die der Autor in Gang setzt. Michael Haller ist ein Hieronymus Bosch der Justiz. Die beiden Figuren sind sich überaus ähnlich, auch wenn Bosch nicht so verschlagen ist wie Haller. Doch ihr Verhalten ist typisch: Stress ist der Treibstoff, der ihre Motoren auf Hochtouren bringt. Haller gerät von allen Seiten unter Beschuss und wagt dennoch ein Doppelspiel. Bosch ergeht es regelmäßig ebenso. Trotzdem ist es immer noch spannend zu verfolgen, wie sich Connellys angeschlagene Helden aus der Bredouille retten. Nicht einmal das heutzutage allzu typisch gewordene 'doppelte Finale’ kann das verderben: Gemeint ist die aus dem Hut gezogene 'Überraschung', mit der wir konfrontiert werden, nachdem wir endlich zu wissen glauben, was geschehen ist und wie die Handlung enden wird. In »Der Mandant« hat sich Connelly in dieser Beziehung leider nicht mit Ruhm bekleckert; man kann das nicht beschönigen. Dennoch hat man sich mehr als 500 Seiten hervorragend amüsiert und ist neugierig auf die neuen, zweifellos unmoralischen Abenteuer unseres Lincoln Lawyers.

Michael Drewniok, August 2007

Ihre Meinung zu »Michael Connelly: Der Mandant«

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trafik zu »Michael Connelly: Der Mandant« 17.12.2016
Ich ging mit sehr großen Erwartungen in diesen Krimi., nachdem ich den letzten Poeten gelesen habe.
Leider haben sich diese nicht erfüllt. In keinster Weise war dieser Krimi schlecht, aber für mich doch nur mittelmässig. Das ganze Buch war ein John Grisham Verschnitt.
Was mir gefehlt hat war die Spannung in diesem Buch. Sehr flach von vorne bis hinten.
Wie der Anwalt die Fälle geschickt leitet. Naja!
Kann so passieren oder auch überhaupt nicht.
Hoffe, daß nächste ist wieder besser.
koepper zu »Michael Connelly: Der Mandant« 13.06.2011
Wer Gerichthriller mag wird mit "Der Mandant" bestens bedient. Dass Michael Connelly schreiben kann und interessante Geschichten anbietet, weiß man spätestens wenn man die grandiose Harry Bosch Reihe gelesen hat.
Michael Haller ein skrupelloser Strafverteidiger, bekommt einen neuen Klienten und damit massig Probleme. Haller ist ein Mann ohne Moral, der dieses seltsame Rechtssystem in den Staaten weidlich ausnutzt und erst als er in Schwierigkeiten gerät entdec kt er so etwas wie ein Gewissden und Gerechtigkeitssinn. Connelly bietet wie immer spannende und gute Unterhaltung. Ich kann das Buch empfehlen.
vifu zu »Michael Connelly: Der Mandant« 05.06.2011
Ich mußte mal eben dieses (gebundene) Buch auslesen, um es nicht ins Fluggepäck stecken zu müssen! Das war hart, denn auch der Lincoln Lawyer war, wie alle Connellys, superspannend. Also kein Problem, ausser daß ich zu nichts anderem kam :-))
So freu ich mich jetzt schon auf eine neuerliche Wiederbegegnung mit Haller. Diese Figur braucht den Vergleich mit Bosch nicht scheuen! Unbedingt empfehlenswert!!
Erich Mixner zu »Michael Connelly: Der Mandant« 30.01.2011
Jänner 2011: Ich habe das Buch in zwei Nächten ausgelesen - einen Stromausfall (häufig auf Phuket) habe ich mit Taschenlampe überbrückt.
Ich konnte einfach nicht aufhören.
Wenn es eine scheinbare Lösung gab, nichts wurde drauss, wieder eine andere Richtung und man kann sich in jeden Charakter hineindenken, nichts ist überzogen, alles scheint real gewesen zu sein.
Wo der Autor seine raffinierten Winkelzüge herhatt, hat sich mir leider nicht geoffenbart, sagen wir halt eine besondere Begabung.
mg11 zu »Michael Connelly: Der Mandant« 11.01.2010
Der Mandant wird sicherlich nicht Jedermanns Geschmack treffen, da sich ein Großteil der Geschichte im Gerichtssaal abspielt. Dies kann für manchen, der sich nicht so für die amerikanische Justiz begeistern kann, schon mal langweilig werden.

Bes. gut fand ich jedoch die Erzählperspektive aus der Sicht eines Anwalts, der ohne Gewissensbisse, das amerikanische Gerechtigkeitssystem voll zu seinem Vorteil (sprich Geld verdienen) ausnutzt.

Alles in allem eine spannende Geschichte, die durchaus lesenswert ist. Wenn sich allerdings jemand nicht für die Prozesse in einem US-Gerichtssaal interessiert, sollte dann doch eher einen anderen Michael Connelly Roman lesen.
Dirty_Harry 1976 zu »Michael Connelly: Der Mandant« 31.05.2009
Michael Conelly hat hier nicht den typischen "Anwaltsthriller" geschaffen. Vielemahr erzählt er hier in der Ich-Form von einem ANwalt, der eigentlich nur Geld verdienen will. Moral scheint nicht immer zu zählen. Doch die Story gewinnt ziemlich schnell an Fahrt und aus einem reinen Justizthriller wird eine Geschichte, die immer wieder eine andere Wendung nimmt als man es erwartet. Die Geschichte von Mickey Haller und seinem Mandanten der ihn zu einem Katz und Maus Spiel zwingen will ist spannend und trotzdem nicht übertrieben. Alaso absolut lesenswert.
Alexander zu »Michael Connelly: Der Mandant« 22.10.2007
Michael Connelly hat mit diesem Roman eine
neue Art von Hauptperson in seinen Erzählkosmos eingeführt. Und es ist ihm wieder gelungen einen fulminanten Pageturner zu schreiben, indem ähnlich wie in seiner Harry Bosch-Reihe die vielen Details aus dem Alltag des "Lincoln Lawyers" das eigentliche Salz in der Suppe sind. Handlungsmäßig hat man sicherlich schon wendungsreichere Sachen gelesen, aber trotzdem ist man mit einem Buch von Michael Connelly immer gut bedient. Vor allem positiv zu bewerten ist, dass er sich von der arg drehbuchhaften Schreibe seiner
Werke "Dunkler als die Nacht" und "Im Schatten des Mondes" abgewendet hat.
Schrodo zu »Michael Connelly: Der Mandant« 07.09.2007
Connelly schafft es einfach ab der ersten Seite seine Leser in einen Bann zu ziehen, der erst wieder endet nachdem die letzte Seite erreicht ist. Das Buch ist spannend und absolut empfehlenswert. Meine Wertung 98°
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