Der Bestseller-Mord von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2006
unter dem Titel The secret life of E. Robert Pendleton,
deutsche Ausgabe erstmals 2008
bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: USA, Mittlerer Westen, 1970 - 1989.
- London: Weidenfeld & Nicholson, 2006 unter dem Titel The secret life of E. Robert Pendleton. 437 Seiten.
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New York: Bloomsbury, 2006.
ISBN:
978-1596912298. 307 Seiten.
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München: btb, 2008.
Übersetzt von Eva Bonné.
ISBN:
978-3-442-73718-5. 420 Seiten.
'Der Bestseller-Mord' ist erschienen als
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In Kürze:
Robert E. Pendleton ist Literaturprofessor an einem College im amerikanischen mittleren Westen. Und er ist ein gescheiterter Schriftsteller. Als Pendleton versucht, sich umzubringen, scheitert er auch daran. Er überlebt im Halbkoma und wird von dem Literaturgroupie Adi gepflegt. Die entdeckt auf dem Speicher ein altes Buch von Pendleton und veröffentlicht es. Es wird zum Bestseller. Doch es erzählt von einem Mord, der sich vor einiger Zeit genauso zugetragen hat. Ist der Autor der Mörder und das Buch seine Beichte?
Das meint Krimi-Couch.de: »Aus den Abgründen des Kulturbetriebs«
Krimi-Rezension von Thomas Kürten überspringen
Henry James steht auf Stephen King! Dies ist wohl eine der erstaunlichsten Erkenntnisse, die man dem Roman Der Bestseller-Mord entnehmen kann und zugleich Zeichen für den unterschwelligen Sarkasmus, mit dem Michael Collins zu Werke geht. Henry James verehrt die Horror- und Gruselromane eines Stephen King. Doch bevor Verwirrung aufkommt: Es handelt sich bei Henry James hier mitnichten um den englischen Autor des 19. Jahrhunderts, der selber mit Turn of the screw einen Klassiker der Gruselliteratur geschrieben hat, sondern um Henry James Wright, Fotograf und Chronist des Bannockburn Colleges, einer Privatuniversität im amerikanischen Mittelwesten.
Im Umfeld dieser »Wiege der Mittelmäßigkeit« spielt Der Bestseller-Mord des amerikanischen Autors Michael Collins, der neben einer Alltagsstudie des Kleinstadtlebens im mittleren Westen auch eine kritische Sicht auf Aspekte der Literatur in der Zwickmühle zwischen Wissenschaft und Kommerz wirft.
Der Tod eines Autors
Tragischer (Anti-)Held des Romans ist der Literaturprofessor E. Robert Pendleton, der als Schriftsteller und im Leben gescheitert ist und sich mit seiner Stelle als Professor mehr schlecht als recht über Wasser halten kann. Da er seit Jahren nichts mehr veröffentlicht hat, droht ihm die Aberkennung seiner Approbation. Größte Demütigung widerfährt ihm durch die Einladung des Bestsellerautoren Allen Horowitz, einst Studienkollege Pendletons, dem früh der kommerzielle Durchbruch gelang, zu einem Vortrag. Am Abend dieses Vortrages versucht Pendleton sich umzubringen. Doch auch sein Selbstmordversuch scheitert und Studentin Adi Wiltshire rettet sein Leben. Sie kümmert sich um den nunmehr schwerstbehinderten Professor und beginnt ihre Doktorarbeit über Pendletons Werk zu schreiben. Dabei entdeckt sie in seinem Keller ein Buch, dass bislang nicht in seiner Bibliografie aufgeführt wird. Schrei ist eine literarische Sensation. Ausgerechnet Horowitz hilft Adi bei der Vermarktung des Romans, weniger um seinem Studentenfreund späten Ruhm zu verschaffen, sondern vielmehr um die junge Adi ins Bett zu kriegen.
Zwei Jahre dauert es, bis der Roman gedruckt ist. Kurz vor der Veröffentlichung fällt Adi auf, dass der Mord an einem Mädchen in diesem Roman Parallelen zu der Ermordung der kleinen Amber Jewel aufweist. Doch Amber wurde erst nach dem Erstdruck des Buches entdeckt. Hat Pendleton die Veröffentlichung des Romans damals verhindert, weil er damit seine Schuld am Tod des Mädchens gestanden hätte? Adi versucht diesen Aspekt zu verheimlichen, doch offenbar kennt noch jemand das düstere Geheimnis des Romans.
In der Ruhe liegt die Kraft
Michael Collins kann seine Herkunft nicht verbergen, die irische Ruhe ist ihm geblieben. Sacht und konzentriert bringt er die Handlung seines Romans voran. Dabei muss er sich jedoch einer Menge Krücken bedienen, bis er erst einmal die Ausgangskonstellation für die Auflösung des zehn Jahre zurück liegenden Mordfalls erreicht. Mit dem düsteren Jon Ryder stellt der Autor einen Ermittler vor, der durch sein eigenes Schicksal eine unmittelbare emotionale Verbindung zu dem Fall des ermordeten Mädchens herstellt. Aufgewühlt setzt Ryder ganz eigene Ermittlungsmethoden ein, wodurch er sich intensiver mit dem Fall auseinandersetzt als es seine Familie und die Geduld seiner Vorgesetzten zulassen wollen. Doch nur weil ihn das Schicksal des toten Mädchens (und ihrer Schwester) so berühren, schöpft er die Energie, um den Fall noch einmal komplett neu aufzuwühlen und die offensichtliche Erklärung, nämlich die Entlarvung des Professors als Mörder, abzulehnen. Fast jede auftretende Figur kommt so in den Verdacht, sich eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben.
Der ruhige Erzählstil bewirkt, dass die eigentliche Qualität des Romans, nämlich der bissige Sarkasmus hinsichtlich Literaturwissenschaften und -kritik, die Satire auf den Universitätsbetrieb, zwischen den Zeilen unterzugehen droht. Er entlarvt den pseudo-intellektuellen Kulturbetrieb als eine Veranstaltung von Blendern, die in purer Interpretationswut mit Superlativen um sich werfen und voneinander abschreiben. Gerade der bärbeißige Horowitz, der Ryder nur als Vorlage für eine Romanfigur sehen will und immer wieder Nietzsche zitiert, wird zum Ekelpaket degradiert. Selbst die Verhöhnung der Lokalgeschichte durch das jährliche Studentenfest steuert zu der Diskussion um Fakten und Fiktion, die Wahrheit und was die Erzählung daraus macht, bei. Auch Aspekte des Urheberrechts finden so Eingang in die Handlung.
Wenngleich Thriller im Umfeld einer Universität und Geheimnisse alter Bücher nicht unbedingt vollkommen neu sind, Collins beweist mit seiner schnörkellosen Prosa, dass auch aus diesen Motiven gute Krimis komponiert werden können.
Thomas Kürten, April 2008
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