Der Winter des Commissario Ricciardi von Maurizio de Giovanni

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Il senso del dolore: l´inverno del commissario Ricciardi, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Neapel, 1930 - 1949.
Folge 2 der Commissario-Ricciardi-Serie.

  • Rom: Fandango, 2007 unter dem Titel Il senso del dolore: l´inverno del commissario Ricciardi. 247 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009. Übersetzt von Carla Juergens. ISBN: 978-3518461020. 246 Seiten.

'Der Winter des Commissario Ricciardi' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Neapel, Anfang der dreißiger Jahre. Commissario Ricciardi, ein intelligenter, melancholischer Einzelgänger aus reichem Elternhaus, besitzt eine Gabe, die sein Schicksal bestimmt: Er hört die letzten Gedanken von Ermordeten, sieht sie gefangen im Augenblick ihres Todes. So auch, als Arnaldo Vezzi, der Star der Opernszene, der Lieblingstenor des Duce, ermordet aufgefunden wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »Commissario Ricciardi hat das Potenzial zum Serienhelden« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Der Debütroman von Maurizio de Giovanni lebt in erster Linie von seinem Protagonisten. Commissario Luigi Alfredo Ricciardi ist der klassische Einzelgänger, dem die Kollegen nicht vertrauen und der sich seinen Vorgesetzten nicht unterordnen will. Früh verlor Ricciardi seine Eltern und verheimlicht seither seine adelige Herkunft und das damit verbundene große Vermögen, das ihm eigentlich ein Leben ohne jedwede Arbeit ermöglichen würde. Doch wir schreiben das Jahr 1931, Neapel ist wie ganz Italien in der Hand der Faschisten unter deren großem Führer, dem Duce. Da outet man sich nicht mal eben als reicher Aristokrat, zumal wenn jemand wie Ricciardi ohnehin nur eines im Leben kennt, nämlich seine Arbeit als Polizist.

Ricciardi verfügt über eine ungewöhnliche Gabe, die es ihm ermöglicht, die letzten Gedanken jener Toten im Moment ihres Sterbens zu hören, die durch Gewalteinwirkung umkamen. So führt ihn sein aktueller Fall geradewegs in das Königliche Theater San Carlo, in dem der berühmte Opernsänger Arnaldo Vezzi ermordet in seiner Garderobe aufgefunden wird. Vezzis letzte Gedanken bei seiner Ermordung galten einer Liedzeile aus einer Oper, doch deren Sinn erschließt sich Ricciardi zunächst nicht. Vielleicht auch deshalb, weil der Einzelgänger keine Hobbies und keine Freunde hat, mit denen er sich über die Musik oder andere Themen unterhalten könnte. Wie schon erwähnt, lebt er nur für seinen Beruf und einer mittäglichen Portion Sfogliatella, mal abgesehen von einer rein platonischen Beziehung zu seiner Nachbarin, die er heimlich abends bei ihrer Hausarbeit beobachtet.

Der Fall des ermordeten Vezzi erfordert Ricciardis vollen Einsatz, denn sein Vorgesetzter Garzo verlangt nach einer schnellen Aufklärung des Verbrechens. Aber halt, laut offizieller Anordnung gibt es im faschistischen Italien ja gar keine Verbrechen. Diese sind per Gesetz verboten. Nun hält sich dummerweise nicht jeder Mensch an die bestehende Rechtslage und so befindet sich Vezzi nun eben doch mit durchschnittener Kehle in seiner Garderobe. Nicht nur Garzo will eine rasche Aufklärung, sogar Rom drängt auf zügige Ermittlungen, denn Vezzi war der Lieblingstenor  Mussolinis. Aber wer hatte überhaupt ein Motiv? Ricciari wird schnell das Ausmaß des Falles bewusst, denn alle die je mit Vezzi zu tun hatten kommen als Täter in Frage. Der Startenor war arrogant und selbstverliebt, nahm sich bevorzugt Frauen anderer Männer als Geliebte. Für die Außenwelt ein Superstar mit göttlicher Stimme, in seinem Umfeld ein gehasster Egozentriker.

Ricciardi und sein einziger Freund, Brigadieri Raffaele Maione, müssen sich zunächst in der geheimnisvollen Welt der Oper zu Recht finden und stellen bald fest, dass sich hinter bunten Verkleidungen manche Abgründe verbergen…

Ricciardi hat das Potential zum Serienhelden, wenngleich es eigenbrötlerische Ermittler ja schon zur Genüge gibt. Aber dieser nur von seiner Arbeit besessene Ermittler, der dank seiner Gabe selbst die undurchsichtigsten Fälle löst, ist selten sympathisch. Zweifelnd und mit seiner eigenen Situation oftmals im Unreinen kann er dennoch nur seinen ihm vorbestimmten Weg gehen, um so den Toten in der Welt der Lebenden ihre letzte Ruhe geben zu können. Hört sich etwas abgehoben an, aber dass ein Krimi der bei Suhrkamp erscheint etwas Außergewöhnliches beinhalten muss, war ja irgendwie klar. Oder ist Ihnen der renommierte Suhrkamp-Verlag bislang als Spezialist für Kriminalromane aufgefallen?

Der Protagonist überzeugt, der Spannungsbogen ist ordentlich und die Atmosphäre in der Welt der Oper wird gelungen wieder gegeben. Als Minuspunkt ist anzumerken, dass man leider an nahezu keiner Stelle merkt, dass der Roman 1931 spielt. Vor dem Hintergrund der Herrschaft Mussolinis hätte man hier wenigstens ein bisschen über das Alltagsleben in Zeiten des Faschismus erfahren müssen. Daher Punktabzüge.

Jörg Kijanski, Oktober 2009

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tedesca zu »Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi« 29.06.2010
Ein wunderbar atmosphärischer Krimi, der uns mit viel Gefühl in das Neapel des beginnenden Faschismus führt. Die Hauptfigur, Commissario Ricciardi, würde man am liebsten in den Arm nehmen und trösten, denn er lebt in einer Welt, die nur ihm allein zugänglich ist und ihn zu ewiger Einsamkeit verdammt. Und auch die Nebenfiguren eröffnen sich uns in ihrer ganzen Verletzlichkeit und Sensibilität.
Die Krimistory selbst ist spannend und lebhaft, findet sie doch hinter den Kulissen eines Operntheaters statt. Launenhafte Künstler, eitle Intendanten, unterhaltsame Nebenfiguren - alles, was ein Stück braucht, um unterhaltsam zu sein.
Alles in allem ein herrliches Buch für alle, die damit leben können, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir wohl nie verstehen werden. Ich hab den zweiten Teil auf jeden Fall schon bestellt.
Gerwine Bayo-Martins zu »Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi« 05.04.2010
Hunger und Liebe sind die beiden Auslöser für die meisten Verbrechen. Immer wieder kommt Commissario Ricciardi zu dieser Schlussfolgerung. Im Neapel der Mussolini Ära, 1931, spielt dieser erste Kriminalroman des Autors. Der Kommissar besitzt viele ungewöhnliche Züge, seine Herkunft ist adlig und so reich ist er, daß er eigentlich nicht zu arbeiten braucht. Sein Mitgefühl gilt den Armen, Ausgestoßenen der Stadt, den leidenden Seelen, die er täglich trifft und sterben sieht. Eine besondere Gabe wurde ihm in die Wiege gelegt, sie hilft ihm, die Morde aufzuklären. Nur er kennt sie, niemand weiss davon, die Toten geben ihm ganz besondere Botschaften, die nur er entschlüsseln kann. Dieser erste Fall ist im Umfeld der Oper angesiedelt, im Königlichen Theater Neapels. Es ist ein verzwickter, schwer entschlüssel barer Fall, dem wir folgen. Es lohnt sich, bis zum Ende zu lesen, es bleibt spannend und die Lösung ist überaus überraschend und verblüffend. Neben der literarischen Sprache ist die Geschichte politisch und sozialkritisch, man bekommt Lust, sich weiter mit der Epoche zu beschäftigen, viele Hinweise laden dazu ein. Hoffentlich müssen wir nicht allzu lange auf den zweiten Fall dieses ganz besonderen Kommissars warten.
aerynsun zu »Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi« 15.10.2009
Habe das Buch per Zufall endeckt und bin sehr begeistert. Krimis aus Italien waren mir bisher unbekannt.
Die Figur des Commissario finde ich sehr gelungen, insbesondere die etwas düstere Aura, die diesen umgibt. Besser gefällt mir allerdings die Figur Maione. Ich hoffe auf weitere Fälle des Commissario.
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