Der Attentäter von Brooklyn von Matt Beynon Rees

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel The fourth assassin, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Beck.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 2010 - heute.

  • New York: Soho, 2010 unter dem Titel The fourth assassin. 281 Seiten.
  • London: Atlantic, 2010. 281 Seiten.
  • München: Beck, 2011. Übersetzt von Klaus Modick. ISBN: 978-3406612831. 287 Seiten.

'Der Attentäter von Brooklyn' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Eine Konferenz der UNO im winterlichen New York verschafft Omar Jussuf die Gelegenheit, seinen Sohn Ala zu besuchen, der in Brooklyn lebt, in einem großen, von Palästinensern bewohnten Viertel: »Little Palestine«. Als Omar Jussuf in Alas Wohnung ankommt, entdeckt er einen Toten: Alas Mitbewohner ist geköpft worden, und Omar Jussufs Sohn wird als Verdächtiger festgenommen. Omar Jussuf muss alles daransetzen, die Unschuld seines Sohnes zu beweisen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Palästinensisches Patt« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Gegen Ende, wenn der mutmaßliche Mörder des Vaters und dessen Sohn die Waffen aufeinander richten, denkt Omar Jussuf darüber nach, dass die Amerikaner dies ein mexikanisches Patt nennen. Matt Beynon Reyes berichtet seit seinem ersten Roman Der Verräter von Bethlehem aus dem Leben der Palästinenser, aus den Lagern, dem Gazastreifen, dem kümmerlichen Leben unter israelischer Besatzung und schält dabei vor allem jenes Bild heraus, dass die Palästinenser in erster Linie sich selbst im Wege stehen.

Als Omar Jussuf, der Geschichtslehrer und Gelegenheitsermittler, nach New York reist, um an einer Konferenz der UNO teilzunehmen, will er vor allem über das andere Palästina reden. Jenes, in dem der Hass nicht gezüchtet und von Generation zu Generation wieder geboren wird. Auch will er die Reise dazu nutzen, seinen Sohn Ala zu treffen, der zusammen mit seinen Freunden in »Little Palestine« lebt. Vier junge Männer, die er von klein auf kennt und die sich als Kinder die »Assassine« nannten, ohne zu ahnen, dass die Bezeichnung mit den Jahren zu einem Etikett der weltweiten Bedrohung wird.

Rees lässt seinen Omar Jussuf im vierten Band seiner Reihe, eine geköpfte Leiche in der Wohnung seines Sohnes in New York finden. Sein erster Schrecken, es könne sich dabei um seinen Sohn Ala handeln, bewahrheitet sich jedoch nicht. Jussuf trifft auf einen arabischen Ermittler, der sich weniger um die Toten als um die lebenden Araber in New York kümmert. Er begegnet einer Tochter, die von ihrem Vater geschlagen wird, weil sie sich mit dem Falschen einlässt und davon träumt, ihr Leben als Mischung aus amerikanischem »Everything is possible« und arabischer Tradition zu führen. Er leidet unter UNO-Delegierten, die nur die Anklage Israels im Sinn haben, und bangt um seine vier Schützlinge, die während der Intifada als Jugendliche festgenommen und von religiösen Fanatikern infiltriert wurden.

Eine Geschichte um Verblendung, Verführung und Hoffnungslosigkeit, die in der Dramaturgie an Hitchcocks Film Der Mann, der zu viel wusste erinnert. Das Gespenst eines Attentäters kristallisiert sich allmählich heraus. Die Wahrheit hat mit dem Anbau von Drogen im Libanon zu tun, mit New York als Umschlagplatz und horrenden Gewinnen, die terroristische Aktionen finanzieren helfen sollen. Ein skrupelloser Geheimdienstchef tritt auf, der das Geld aus den Unterstützungsfonds abzweigt, um seine kriminelle Machenschaften abzusichern. Vor allem zeichnet Rees das Leben einfacher Menschen nach, die gezwungen werden, das Spiel der Mächtigen mitzuspielen, um in der neuen Welt in Ruhe gelassen zu werden. Hier ist Rees Fatalist. Was soll sich ändern, solange die eigenen Leute die Waffe auf einen richten.

Du kannst fliehen, wohin du willst. Sie werden dich finden. Sie werden dich töten, wenn du dich gegen sie stellst. Sie werden dich zur Zusammenarbeit zwingen, wenn sie deiner benötigen. Ein düsteres Bild, das der Autor, der Arabisch und Hebräisch spricht und in Jerusalem lebt, da entwirft.

Zuweilen ist es arg vom Schwarz-Weiß und dem Bemühen geprägt, im Chaos, in der Niedertracht etwas Gutes zu finden. Omar Jussufs Rede vor der Konferenz, die von einem seinen Widersachern angefochten wird, erscheint einem Gutmenschen abgerungen zu sein und klingt fast wie ein Märchen, dass endlich mal jemand aufstehen möge, um die Wahrheit zu sagen.

Dass der Autor dies anhand einer hitzigen Liebesgeschichte zu erzählen vermag, bei der mehr als nur Freundschaften zerbrechen, ist ein Kunstgriff, den Rees benutzt, um vom Desaster im Nahen Osten zu erzählen.

Er lebt dort. Er hat den Wahnsinn jeden Tag vor Augen. Er erzählt von der Unmöglichkeit, den Knoten zu durchschlagen. Selbst mit dem Schwert nicht.

Wolfgang Franßen, April 2011

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