Mary Roberts Rinehart

Mary Roberts Rinehart wurde am 12. August 1876 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Sie ließ sich als Krankenschwester ausbilden und heiratete 1896 den Arzt Dr. Stanley M. Rinehart. Geldnot plagte das junge Paar. Ab 1904 begann Rinehart deshalb zu schreiben. Zunächst verkaufte sie Kurzgeschichten an die Billigmagazine jener Zeit. Ihr erstes Buch (The Man in Lower Ten, dt. Der Mann in Nummer zehn) erschien 1906. The Circular Staircase (1908, dt. Die Wendeltreppe) ist wohl ihr bekanntestes, bis heute nie vergriffenes Werk, das von Robert Siodmaks brillanter Verfilmung aus dem Jahre 1946 (The Spiral Staircase) endgültig unsterblich gemacht wurde (auch wenn das Drehbuch Elemente aus dem Roman mit Motiven aus Ethel Lina Whites »Some Must Watch« mischt). Rinehart schuf hier den »Romantic Thriller«, der eine Heldin in den Mittelpunkt stellt, die sich in einem Gespinst mysteriöser Geschehnisse und schließlich allein mit einem Mörder in einem dunklen, einsamen Haus oder an einem anderen unerfreulichen Ort gefangen sieht.

Ihre Geschichten erzählt Rinehart streng chronologisch und spielt (scheinbar) mit offenen Karten, so dass der Leser miträtseln kann, um letztlich doch hinters Licht geführt zu werden. Dabei liebt sie die Rückschau, die sie mit düsteren Andeutungen auf künftiges Geschehen verbrämt. Mary Roberts Rinehart gilt daher auch als Erfinderin der »HIBK«-Schule (»Had I But Known« – »Hätte-ich-nur-gewusst, dass ...«). Das ist durchaus spöttisch gemeint, weil sie und vor allem ihre zahlreichen Nachahmerinnen es oft übertrieben. Sparsam und kundig eingesetzt erfüllt dieser Kniff freilich durchaus seinen Zweck die Spannung zu schüren.

Rinehart wurde eine der bekanntesten (und höchstbezahlten) Autorinnen ihrer Zeit. 1908 ließ sie die schlecht zahlenden Magazine hinter sich, schrieb (Theater-)Komödien und Liebesgeschichten und zeigte sich auch in anderen Bereichen der Unterhaltungsliteratur sattelfest. 1910 schuf sie die ungemein populäre Figur der Letitia »Tish« Carberry, die sie jene kleinen und großen Abenteuer erleben ließ, welche die gesellschaftliche Etikette den Frauen dieser Epoche eigentlich verbot. Rinehart war eine Frauenrechtlerin – heute würde man sie Feministin nennen -, die sehr auf das Recht der weiblichen Selbstbestimmung pochte. Erfolgreich waren auch ihre Geschichten um diverse Krankenschwestern, die in berufsbedingte und private Turbulenzen gerieten. (Für dieses Nischengenre gibt es die hübsche Bezeichnung »Nurse Fiction«.) Mit Hilda Adams alias »Miss Pinkerton« schuf sie 1914 eine Krankenschwesterfigur, die gleichzeitig Kriminalfälle löst.

Zwischen 1914 und 1929 löste sich Rinehart vom »Schund« und schrieb Mainstream-Belletristik. Nach Ansicht ihres Biografen Jan Cohn geschah dies unter dem Einfluss ihres Gatten, der seiner Ehefrau den Erfolg neidete, ihr Minderwertigkeitskomplexe einredete und sie in die »hohe« Literatur trieb. Die Ehe war auch sonst unglücklich, Rinehart litt unter Depressionen. Ihre »guten« Bücher verkauften sich ebenfalls prächtig, wurden von der Kritik jedoch abgelehnt.

In den 1930er Jahren kehrte Rinehart – ab 1932 Witwe und mit einem Sohn, der ein eigenes Verlagshaus gegründet hatte – ins Krimigenre zurück. Sie hatte nun einen sicheren Abnehmer für ihre Romane und Storys, was ihrem Werk freilich nicht unbedingt bekam. Die Romane wurden lang und weitschweifig, auch wenn sie in Sachen Erzählhandwerk weiterhin kaum zu wünschen ließen.

Heute gesteht die Kritik Rinehart ihren Klassikerstatus zu. Das war lange anders. Ihre Romane galten spätestens nach dem II. Weltkrieg als altmodisch. Erst später fiel auf, dass Rinehart mehr war als eine geborene Geschichtenerzählerin mit einem außerordentlichen Gespür für spannende Plots mit düsterer Atmosphäre. So arbeitete sie vor schon in ihrem Frühwerk außerordentlich geschickt mit Symbolen und Chiffren, die sie der zu dieser Zeit noch jungen Wissenschaft der Psychoanalyse entlehnte.

Als letztes Werk erschien 1952 »The Swimming Pool« (dt. »Der Fall Judith«/»Das Abgründige in Judith«). Mary Roberts Rinehart starb am 22. September 1958. Während des I. Weltkriegs hatte sie als erste Kriegsberichterstatterin aus den USA überhaupt für die »Saturday Evening Post« von den europäischen Schlachtfeldern berichtet. Dafür wurde sie mit einer Grabstätte auf dem Arlington National Cemetery in Washington, D. C., geehrt. Ihr Gesamtwerk umfasst mehr als fünfzig Romane und Storysammlungen, ein halbes Dutzend Theaterstücke und unzählige Kurzgeschichten, Gedichte und Artikel. Sie hinterließ zudem eine ganze Schar von Krimiautorinnen und -autoren, welche die »HIBK«-Schule am Leben hielten, sowie die unsterbliche Krimiphrase »Der Butler war’s!«

(Dieser biografische Abriss stützt sich vor allem auf Michael E. Grosts schmucklose, aber inhaltsstarke Website »A Guide to Classic Mystery and Detection« und hier. Grost greift seinerseits auf Jan Cohns Rinehart-Biografie von 1980 zurück.) [Michael Drewniok]

Krimis von Mary Robert Rinehart

  • Kurzgeschichten-Kollektionen:
    • (1921) Alptraum um Mitternacht
      Sight Unseen and The Confession
    • (1933) Mary Roberts Rinehart 's Crime Book
    • (1953) Die furchtsame Gattin
      The Frightened Wife
  • Weitere Werke:
    • (1909) When a Man Marries
    • (1912) The Cave on Thundercloud
    • (1912) Mind Over Motor
    • (1915) Kings Queens and Pawns. An American Woman at the Front (Non-Fiction)
    • (1916) Through Glacier Park Seeing America first with Howard Eaton (Non-Fiction)
    • (1917) Bab: A Sub-Deb
    • (1917) The Altar of Freedom (Non-Fiction)
    • (1918) Amazing Interlude
    • (1918) Tenting To-Night (Non-Fiction)
    • (1919) Twenty-Three and a Half Hour’s Leave
    • (1919) Love Stories (Stories)
    • (1919) Salvage
    • (1920) Poor Wise Man
    • (1920) Affinities (Stories)
    • (1922) The Breaking Point
    • (1924) Temperamental People (Stories)
    • (1926) Nomad’s Land (Stories)
    • (1929) The Romantics (Stories)
    • (1934) Mr. Cohen Takes a Walk
    • (1937) Married People (Stories)
    • (1939) Writing Is Work (Non-Fiction)
    • (1948) A Light in the Window
  • Letitia (Tish) Carberry-Serie:
    • (1911) The Amazing Adventures of Letitia Carberry
    • (1916) Tish
    • (1921) More Tish
    • (1926) The Book of Tish
    • (1926) Tish Plays the Game
    • (1937) Tish Marches On
  • Autobiografien:
    • (1931) My Story
    • (1948) My Story A New Edition and Seventeen New Years
  • Biografien:
    • (1980) Jan Cohn: Improbable Fiction. The Life of Mary Roberts Rinehart
    • (1994) Charlotte MacLeod: Had She But Known: A Biography of Mary Roberts Rinehart

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