Miss Pinkerton oder Ein Fall für die feine Gesellschaft von Mary Roberts Rinehart

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1932 unter dem Titel Miss Pinkerton, deutsche Ausgabe erstmals 1933 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1930 - 1949.

  • New York: Farrar & Rinehart, 1932 unter dem Titel Miss Pinkerton. 309 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 1933 Keine Spur!. Übersetzt von Julia Koppel. 247 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1961 Miss Pinkerton. Übersetzt von Elisabeth Vergés. 189 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1979 Keine Spur. Übersetzt von Julia Koppel. ISBN: 3-548-10004-X. 127 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1986. Übersetzt von Elisabeth Vergés. ISBN: 3-502-51078-4. 178 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1998. Übersetzt von Elisabeth Vergés. ISBN: 3-502-51662-6. 178 Seiten.

'Miss Pinkerton oder Ein Fall für die feine Gesellschaft' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Schwester Hildas sanfte Hände bringen Kranken Linderung – und dem Mörder einen Strick …Als der Neffe der alten Dame Selbstmord begeht, will die scharfsichtige Krankenschwester der Sache auf den Grund gehen und begibt sich damit in tödliche Gefahr.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mord zieht Mord nach sich« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Einst gehörten die Mitchells zur High Society von New York City, doch die Familie verarmte und starb aus. Zurück blieben die alte, kranke Juliet Mitchell und ihr Neffe Herbert Wynne, ein Taugenichts und Verschwender, der seine Tante mindestens ebenso verabscheut wie diese ihn; ein Gefühl, das von den Dienstboten Hugo und Mary herzlich geteilt wird.

Womit bereits drei Verdächtige beisammen sind, als Juliet Herbert mit einer Kugel im Schädel in seinem Zimmer findet. Offenbar hat er sich beim Reinigen seiner Pistole versehentlich umgebracht. Doch Inspektor George L. Patton von der Mordkommission findet keinen Pulverschmauch an der Leiche: Herbert wurde aus einiger Entfernung erschossen. Er hinterlässt keine trauernden Erben aber eine Lebensversicherung in Höhe von 100.000 $. Da die Mitchells noch immer einen guten Ruf und Beziehungen besitzen, kann Patton Juliet und den Dienstboten keine Daumenschrauben anlegen. Er setzt auf eine bewährte List. Da Juliet ein schwaches Herz hat, schleust er die Krankenschwester Hilda Adams in das Mitchell-Haus ein. Sie ermittelt für Patton Undercover in verdächtigen Verhältnissen. Schnell entdeckt die routinierte Detektivin seltsame Umtriebe hinter der vornehmen Kulisse. Der sonst stets abgebrannte Herbert verfügte seit einiger Zeit über viel Geld. Außerdem war er verlobt. Paula Brent stammt ebenfalls aus gutem Haus und musste die Verbindung vor ihrem dominanten Vater verbergen. Weitere Verdächtige sind Familienanwalt Arthur Glenn und Hausarzt David Stewart, die im Mitchell-Haus ein und aus gehen.

Als die alte Juliet spektakuläre Enthüllungen ankündigt, liegt sie kurz darauf tot in ihrem Bett. Sie wurde vergiftet, was Schwester Adams angelastet wird, der man keinen Glauben schenkt, dass nachts ein Unbekannter durch das dunkle Haus schleicht und dort offensichtlich verzweifelt etwas sucht …

Die Fassade muss gewahrt bleiben!

Das Haus ist alt, sein Inventar verschlissen, die Eigentümerin pleite. Doch eine rationale Reaktion auf die Misere bleibt aus: Eisern harrt Juliet Mitchell, begleitet von zwei überforderten aber treuen Bediensteten, in ihrem Elend aus, denn schließlich ist sie jemand – die (zweit-) letzte Repräsentantin einer Familie mit großer Vergangenheit und gutem Ruf.

Die daraus resultierende Verpflichtung wird ihr zum Fluch: Juliet Mitchell muss die Fassade vornehmer Prominenz aufrechterhalten, obwohl dies zu einer fast unmöglichen Herausforderung geworden ist, die ihr die letzten finanziellen Mittel, die Gesundheit und ihren Seelenfrieden raubt. Dabei weiß ohnehin jeder, wie es um die Mitchells steht. Die High Society von New York City verschließt jedoch in diesem Jahr 1932 davor die Augen: Verarmung ist – zumal in der aktuellen Weltwirtschaftskrise – keine Schande, solange besagter Ruf gewahrt bleibt. Erst wenn dieses Bollwerk fällt, liegt die Familie Mitchell endgültig am Boden.

Miss Pinkerton erzählt nicht nur eine spannende Kriminalgeschichte, sondern auch vom Bemühen einer todkranken Frau, diese letzte Schmach um jeden Preis zu vermeiden. Obwohl Juliet Mitchell nur selten und in einer passiven Rolle auftritt, wird sie zur wichtigen Gestalt im Hintergrund, die ihre letzten Kräfte darin investiert, peinliche Beweise zu manipulieren, um die Wölfe von ihrem maroden Haus fernzuhalten.

Feine Kreise haben ihre Privilegien …

Gemeint sind damit jene »modernen« Elemente, die den gesellschaftlichen Ehrenkodex der Vergangenheit nicht mehr akzeptieren. In erster Linie gilt dies für die zeitgenössische Presse (auch wenn diese aus heutiger Sicht mehr als zaghaft vorgeht), die vor einer vulgären Leserschaft die Privatangelegenheiten »besserer« Leute ausbreitet. Eingeschlossen ist aber durchaus auch die Polizei. Inspektor Patton muss sich wohl oder übel damit abfinden, dass die Prominenz der Stadt zusammen- und ihn davon abhält, mit der üblichen Vehemenz auf Verbrecherjagd zu gehen. Faktisch müssen er und seine Beamten mit dem Hut in der Hand die Verdächtigen bitten, Auskunft über ihr Treiben in der Mordnacht und überhaupt zu geben.

Aber Patton macht aus der Not eine Tugend. Er übt sich in Diplomatie und aktiviert seine Geheimwaffe: Ungeachtet der Frage, ob es realiter jemals möglich war, eine ´Geheimagentin´ wie Hilda Adams für die Polizei zu beschäftigen, setzt Verfasserin Rinehart diese Figur mit bestechender Logik ein. Adams bringt es selbst nüchtern auf den Punkt: Eine Krankenschwester gehört in der High Society zu jener Schattengesellschaft, die im Hintergrund putzt, kocht, aufräumt und andere Knechtsdienste leistet. Sie wird kaum zur Kenntnis genommen, und man redet vor ihr, als ob sie keine Ohren besäße.

… andere Menschen ihre Intelligenz

Genau dies wird ihnen zum Verhängnis. Schwester Adam hat nicht nur sehr scharfe Ohren, sondern auch einen scharfen Verstand. In einem Prolog schildert Rinehart ihre erste Begegnung mit Patton, der ihr Potenzial sowie ihre Unzufriedenheit erkannte: Adams wird durch die Zeitumstände in die Rolle einer Schwester gedrängt, obwohl sie vermutlich das Zeug zu einer guten Ärztin hätte. Die Rolle der Agentin dient ihr als Ventil für einen intellektuellen Überdruck.

Nicht nur aber vor allem in diesem Zusammenhang lässt Rinehart ohne mahnend erhobenen Zeigefinger und durchaus deutlich diverse zeitgenössische Ungerechtigkeiten in die Handlung einfließen. Rinehart war eine Frauenrechtlerin – heute würde man sie Feministin nennen –, die sehr auf das Recht der weiblichen Selbstbestimmung pochte. Schon 1910 hatte sie die ungemein populäre Figur der Letitia »Tish« Carberry geschaffen, die sie jene Abenteuer erleben ließ, welche die gesellschaftliche Etikette den Frauen dieser Epoche verbot.

Hilda Adams revoltiert unauffällig gegen Einschränkungen. Sie ist auch als Figur interessant: unsentimental und nüchtern, wobei durchschimmert, dass sie mehr vom Leben erhofft als eine eigene kleine Wohnung, in der ein Kanarienvogel auf sie wartet. Solchen Gefühlen verweigert sie sich auf der Furcht vor unweigerlich drohender Enttäuschung.

Köpfchen vor Herzeleid

Unklar aber gerade deshalb spannend bleibt die Frage, ob Adams die zurückhaltenden aber deutlichen Avancen des Inspektors erkennt und absichtlich ignoriert. Patton ist gerade in seiner Zeit ein besonderer Mann: Er sieht nicht nur die Frau in Hilda Adams, sondern betrachtet sie als gleichberechtigte Partnerin. Adams ist faktisch süchtig nach den ausführlichen Diskussionen, die Patton mit ihr führt. Er zieht sie zu Rate, akzeptiert ihren Widerspruch, geht auf Vorschläge ein und ermöglicht ihr auf diese Weise eine Handlungsfreiheit, die ihr sonst verschlossen bliebe. Obwohl Adams mehrfach darüber klagt, sich wie ein Polizeispitzel zu fühlen, wird sie dies keinesfalls riskieren.

Die für das weibliche Publikum auch im Krimi vorgeblich notwendige Liebesgetändel verlagert Rinehart auf andere Figuren. Paula Brent ist eine erwachsene Frau, die von ihrem Vater in ihrem Zimmer eingeschlossen wird, wenn er ihren Umgang missbilligt. Dennoch mag Rinehart sie nicht zum passiven »Mädchen in Not« herunter brechen. Als es im Hause Mitchell hart auf hart kommt, entwickelt Paula unerwartet Energie zum Widerstand (bevor pflichtschuldig dem Finale eine Hochzeit folgt).

Weitere scharf gezeichnete weibliche Gestalten sind Mary, die nur scheinbar unauffällige Dienstfrau, und Florence Lenz, eine Glücksritterin, die skrupelarm wie ein Mann ihre Chance ergreift, einer verhassten Lebenssituation zu entkommen.

Krimi mit vielen Hintertüren

Als Krimi ist Miss Pinkerton ein »Whodunit« reinsten Wassers. Rinehart investiert viel Aufwand in die Konstruktion eines scheinbar unmöglichen Mordes, der sich hinter gleich drei verschlossenen Türen ereignet und auch sonst manches Rätsel aufwirft. Ihre Geschichte erzählt Rinehart streng chronologisch und spielt dabei (scheinbar) mit offenen Karten, sodass der Leser miträtseln kann, um letztlich doch hinters Licht geführt zu werden.

Dabei liebt sie die Rückschau, die sie mit düsteren Andeutungen auf künftiges Geschehen verbrämt. Mary Roberts Rinehart gilt als Erfinderin der »HIBK«-Schule (»Had I But Known« – »Hätte ich bloß gewusst, dass ...«), weshalb sie oft bespöttelt und parodiert wurde, mit der es allerdings erst ihre zahlreichen Nachahmerinnen übertrieben. Sparsam und kundig eingesetzt erfüllt der HIBK-Kniff durchaus seinen Zweck, die Spannung zu schüren.

Natürlich ist Miss Pinkerton dennoch ein rundum altmodischer Roman, und manchmal schießt auch Rinehart literarisch einen Bock: »Das war am Montag, dem 14. September. Wenn man meine Leiche je seziert, wird man dieses Datum quer über mein Herz geschrieben finden.« Hier gilt es wieder zu berücksichtigen, dass Miss Pinkerton 1932 und in einer ganz anderen Zeit entstand. (Andererseits ist dieser Satz so krude, dass er schon wieder beeindruckt.) Zeitlos blieben dagegen die Spannung eines sauber aufgelösten Kriminalfalls sowie einige kritische Anmerkungen, die Rinehart ihrem Publikum sanft aber eindringlich unter die Nasen rieb.

Der Film zum Buch

Mary Roberts Rinehart war vor dem II. Weltkrieg eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Da die Filmwirtschaft die zeitgenössischen Bestsellerlisten schon damals im Auge behielt, dauerte es nicht lange, bis Hollywood Rinehart und Miss Pinkerton – der Spitzname erinnert übrigens an Allan Pinkerton (1819-1884), der 1850 die erste US-amerikanische Privatdetektei gründete – aufmerksam wurde.

1932 entstand unter der Regie des B-Movie-Veteranen Lloyd Bacon »Miss Pinkerton«, ein 66-minütiger, billig aber routiniert umgesetzter Streifen, der in den Kinos vor dem teuer produzierten und mit Stars besetzten Hauptfilm gezeigt wurde. In der Rolle der Hilda Adams spielte eine noch sehr junge Joan Blondell (1906-1979), als Inspektor Patton stand ihr George Brent (1899-1979) zur Seite. 1941 entstand mit »The Nurse’s Secret« eine neue Version. In den Hauptrollen spielten nun Lee Patrick (1901-1982) und Regis Toomey (1898-1991), zwei weitere Fließbandarbeiter der US-Filmgeschichte.

Michael Drewniok, Juli 2011

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