Die rote Lampe von Mary Roberts Rinehart

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1925 unter dem Titel The Red Lamp, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Scherz.

  • New York: George H. Doran, 1925 unter dem Titel The Red Lamp. 317 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1959. Übersetzt von Maria Meinert. 191 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1987. Übersetzt von Maria Meinert. 178 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009. Übersetzt von Maria Meinert. 232 Seiten.

'Die rote Lampe' ist erschienen als

In Kürze:

Was geschah wirklich in Twin Hollows, dem alten, allzu geräumigen Landsitz, den der etwas weltfremde Universitätsprofessor William A. Porter von seinem verstorbenen Onkel Horace geerbt hat? Geht es tatsächlich um in seinen Mauern, wie es Jane, die hellseherisch begabte Gattin, behauptet? Oder treiben allzu weltliche Schurken ihr Unwesen? Einige Menschen (und viele Schafe) müssen sterben, bis sich ein mörderisches Komplott zu enthüllen beginnt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Rote Lampe gibt grünes Licht für Gauner & Geister« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nach dem Herztod des sonderlichen Horace Porter ging Twin Hollows, das alte, einsam am Meer gelegene Haus unweit des kleinen Ortes Oakville im US-Staat Massachusetts, vor einem Jahr in den Besitz des Neffen über. William ist ein biederer Professor, der sich über das Erbe freut und mit seiner kleinen Familie den Sommer dort verbringen möchte. Während Nichte Edith hellauf begeistert ist, zeigt sich Gattin Jane abweisend. Sie ist hellseherisch begabt und wird von Unheil verkündenden Träumen geplagt, die Twin Hollows als Ort des Grauens zeigen.

Darin stimmen ihr die Bürger von Oakville zu. Schon bevor es den alten Horace dahinraffte, soll es mächtig gespukt haben in dem alten Haus. Eine übel beleumundete Spiritistin hat hier einst Séancen abgehalten und Horace sich gefürchtet, wie ein zufällig gefundenes Brieffragment belegt. Seit seinem Tod leuchtet des Nachts immer wieder die rote Lampe, die er in seinem Arbeitszimmer installieren ließ. Auch Geistergestalten sieht man manchmal um das leer stehende Gebäude gaukeln.

William erhört Janes Flehen. Man zieht in das Pförtnerhaus und vermietet Twin Hollows an einen hoffentlich weniger empfindsamen Sommergast. Der alte Mr. Bethel und sein zwielichtiger Sekretär Gordon sind allerdings wenig angenehme Nachbarn. William wird ohnehin wenig Erholung finden in diesem Sommer. Ein unheimlicher Tierschinder terrorisiert die Bauern von Oakville und hinterlässt auf den Kadavern hingemetzelten Schafe das Hexenzeichen. Sogar ein heidnischer Opferaltar wird entdeckt. In und um Twin Hollows tummeln sich Straßenräuber, Attentäter, Einbrecher und Geister in nie gekannter Zahl. Dann verschwinden die ersten Menschen. Manche werden an den Strand der nahen Bucht gespült, andere tauchen nicht wieder auf. Die Polizei tappt im Dunkeln und beginnt William zu verdächtigen, der sich als Amateurdetektiv versucht und dabei ein Talent an den Tag legt, sich selbst verdächtig zu machen. Glücklicherweise steht ihm der junge Halliday, Ediths Verlobter, zur Seite – oder muss er zum Kreis der Verdächtigen gezählt werden ...?

Krimi-Spuk auf hohem Niveau

Ein kleines Juwel ist dieser klassische »Landhaus-Krimi« aus dem Jahre 1925. Trügerisch leichtgewichtig, dabei aber klug konstruiert kommt die Geschichte daher. Aufgebaut ist sie wie so oft bei Mary Roberts Rinehart als monumentaler Rückblick, d. h. das Geschehen ist zum Zeitpunkt der Erzählung längst Geschichte. Einer kurzen Einleitung, die in der Gegenwart spielt, folgen die Tagebucheinträge des William Porter aus dem vorjährigen Schicksalssommer in Twin Hollows. Kurz vor dem großen Finale brechen sie ab und gehen – die Spannung geschickt steigernd – in eine interpretierende Rückschau der Ereignisse und ihre Auflösung über.

Der Plot selbst ist verwickelt, um nicht zu sagen überkompliziert, aber er ist auf seine verquere Art schlüssig. Das Gewicht liegt ohnehin auf der Schaffung einer Stimmung vager Bedrohlichkeit, in der die Aktivitäten der auftretenden Figuren verschwimmen. Jede und jeder ist verdächtig, und es spricht für Rineharts Talent, ihre Leser bis zuletzt im Unklaren zu lassen.

Erstaunlich ist die Entscheidung der Autorin, das Rätsel der roten Lampe nicht vollständig zu enthüllen. Der Spuk als solcher wird nachträglich rational erläutert, aber einige Seltsamkeiten bleiben bestehen, und Rinehart macht keinen Hehl daraus, dass es in Twin Hollows in der Tat nicht mit rechten Dingen zugeht. Diese phantastische Dreingabe stört überhaupt nicht, sondern steigert höchstens den Reiz.

Geister- und Mörderjagd: kein Zuckerschlecken

Mit dem gar nicht so klugen Professor Porter ist Rinehart eine hervorragende Hauptfigur gelungen. Sie formt ihn fern jener süßlichen Schnurrigkeit, für die der »Kuschel-Krimi« bekannt und berüchtigt ist. Porter ist ein eher passiver Mensch, ein überforderter Jedermann, der in der Krise eifrig versucht ein kriminalistisches Knäuel zu entwirren. Dabei geht schief was nur schief gehen kann. Auch das entwickelt sich aus der Handlung und ist nicht auf Komik getrimmt.

Angenehm durch Abwesenheit glänzen lästige Archetypen wie der knorrige Ex-General, der zerstreute Pfarrer, der treudumme Dorfpolizist etc. Vielleicht liegt es daran, dass »Die rote Lampe« den klassischen Krimi nicht exhumiert, sondern tatsächlich in seiner großen Zeit entstanden ist. Zur Harmonie der Geschichte trägt weiterhin bei, dass Rinehart mit den schon damals zum Klischee gerinnenden Elementen des »Cozys« nicht spielt (wie z. B. wenig später John Dickson Carr, der sie ironisch übertreibt und – freilich mit bemerkenswertem Geschick – ins Künstliche überhöht), sondern sie einsetzt, um ihre Geschichte möglichst unterhaltsam zu erzählen.

Einen verbissen ermittelnden Inspektor oder einen genialen Detektiv gibt es übrigens auch nicht. Zwar tritt die Polizei in mehreren Inkarnationen auf, bekleckert sich aber nicht mit Ruhm. Der Amateur löst hier das Rätsel – und es ist nicht Porter, was »Die rote Lampe« noch heller leuchten lässt.

Die Frauenrollen sind zeittypisch angelegt, ohne deshalb die Leserin von Heute zu erzürnen. Jane Porter ist zwar ´nur´ Gattin, aber kein repräsentatives Aushängeschild oder Hausmütterchen. Nichte Edith drängt es zur Ehe, doch sie ist es, die diesbezüglich die Fäden in die Hand nimmt, und sich sogar – hier denkt Rinehart zweifellos an ihre eigene Vergangenheit – selbst um einen Job bemüht, den ihr Verlobter lange nicht zu finden vermag.

Womit dem Leser klassischer Krimis genug Anreize zur Lektüre dieses fälschlich der Vergessenheit anheimgefallenen und im Rahmen der Reihe Fischer Crime Classics endlich wieder ´geborgenen´ und vom Krimi-Couch-Chefredakteur Lars Schafft kommentierten Romans geliefert sein dürften …

Michael Drewniok, August 2009

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Krimi-Tina zu »Mary Roberts Rinehart: Die rote Lampe« 17.12.2009
Mit Freude hatte ich zur Kenntnis genommen, dass die FCC Reihe auch ein Buch von Mary Roberts Rinehart in ihrem Programm hat..
Der Englisch-Professor Porter hat ein Haus von seinem Onkel geerbt. Wie wohl sehr idyllisch gelegen, ist das Haus sehr unbeliebt, da es dort angeblich spukt. So stößt der Gedanke dort die Ferien zu verbringen auf wenig Gegenliebe bei seiner Frau. Als Kompromiss ziehen sie ins dazugehörige Bootshaus und das eigentliche Anwesen wird vermietet.
Kaum ist die Familie, inklusive Verlobtem der Nichte, dort eingetroffen, geschehen merkwürdige und unheimliche Dinge. Und bald auch ein erster Mord.
Der Roman ist in der Rückblende geschrieben und zwar, von Vor- und Nachwort abgesehen, in Form des Tagebuches das Porter in besagtem Sommer schrieb. An sich keine schlechte Idee, nur wird das Lesen dadurch erschwert, dass wie in einem Tagebuch üblich, die handelnden Personen im Allgemeinen kaum vorgestellt werden. Man muss sich das irgendwie zusammenreimen. Dazu kommt die Angewohnheit der Autorin auf Dinge Bezug zu nehmen die erst im späteren Storyverlauf erklärt werden.
So habe ich mich mit dem ersten Teil des Buches recht schwer getan und hatte Mühe zuzuordnen, wer wer ist. Wenn dann erstmal die Szenerie aufgebaut ist und alle Handlungsträger eingeführt sind, entwickelt sich die für diese Autorin wohl typische Mischung aus Krimi und Schauerroman. Wobei die übernatürlichen Elemente nicht überhand nehmen. Fast alles wird rational erklärt
Nett aber „Der große Fehler“ hat mir deutlich besser gefallen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mase zu »Mary Roberts Rinehart: Die rote Lampe« 20.08.2009
Dieses FCC Buch unterscheidet sich vom Stil her deutlich von den bereits erschienen. Dadurch, dass es fast komplett in Tagebuchform geschrieben ist, sind die Sätze kurz und die Sprache ist nicht so „altertümlich“ wie bei anderen Krimis aus dieser Zeit. Rinehart lässt aber zum Glück trotzdem wörtliche Rede in die Tagebucheinträge einfliessen, um die Geschichte aufzulockern.

Für einen klassischen Krimi passiert hier aussergewöhnlich viel. Schafe werden in Massen abgeschlachtet, versuchte Entführung und verschwundene Menschen, sowie Morde und versuchte. Die Tagebuchform nimmt diesen Ereignissen jedoch die Brisanz.

Die Gruseleffekte und die gesponnene Geistergeschichte geben diesem Buch eine spezielle Note, aber eine Gänsehaut wie z.B. Carr in „Die Tür im Schott“ konnte Rinehart bei mir nicht auslösen.

Auch interessant fand ich die Protagonistenfrage. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, wer in diesem Roman eigentlich die Hauptrolle spielt und habe dann den Tagebuchschreiber für diese Rolle auserkoren – und siehe da, der Fall wird von einer Person gelöst, die zu Beginn eine Nebenrolle inne hatte.

„Die rote Lampe“ ist in jedem Fall ein Krimi, der Abwechslung schafft und bestens zum miträtseln geeignet. Vom Hocker hat er mich aber nicht gerissen, denn dazu fehlte mir eine ermittelnde Figur, eine Bezugsperson, die den Leser mehr an den Ergebnissen seiner Gedankengänge teilhaben lässt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
arthez zu »Mary Roberts Rinehart: Die rote Lampe« 30.07.2009
Ein Volltreffer für mich, in liebenswert altmodischem Stil (das Original ist ja von 1925), die Gespenstergeschichte ist gelungen im Krimi eingebettet, spannend bis zur letzten Seite mit überraschender Auflösung. Unerheblich ob der Landsitz jetzt an der US-Ostküste liegt oder in England, ein echter Klassiker.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
RolfWamers zu »Mary Roberts Rinehart: Die rote Lampe« 25.09.2006
Was die Bücher von Mary Roberts Rinehart auch heute noch lesbar macht, ist schlicht die Tatsache, dass sie zu den besseren Schriftstellerinnen im Krimigenre gehört. Die Geschichten haben mächtig Patina angesetzt, aber nach 20 Seiten Lektüre stört das überhaupt nicht mehr.Man weiß, alles wird (für die Heldin ) gut, aber man hört nicht auf zu lesen, weil man wissen will, wie es weiter geht. DER Leseanreiz schlechthin - und keine Selbstverständlichkeit.
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