Die Geliebte des Mörders von Mark Billingham

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Buried, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 6 der Tom-Thorne-Serie.

  • London: Little, Brown, 2006 unter dem Titel Buried. 512 Seiten.
  • München: Goldmann, 2007. Übersetzt von Isabella Bruckmaier. ISBN: 978-3-442-46306-0. 512 Seiten.

'Die Geliebte des Mörders' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Wenn ein Sechzehnjähriger verschwindet, ist das nicht automatisch ein Fall für die Mordkommission der Londoner Polizei. Da seine Vorgesetzten Detective Tom Thorne aber für eine Weile aus dem Weg haben wollen, findet sich dieser plötzlich in einem ganz neuen Wirkungsfeld wieder. Doch es dauert nicht lange, bis neben etlichen Ungereimtheiten auch die erste Leiche auftaucht – und der raubeinige Ermittler einmal mehr in einem tödlichen Rennen gegen die Zeit steht …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ungestylte Zyniker in einem rundum spannenden Lesevergüngen« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Detective Inspector Tom Thorne von der Londoner Mordkommission plagen nicht nur die Bandscheiben, auch das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten Trevor Jesmond ist getrübt. Darum wundert es ihn auch nicht, dass er kurzerhand an ein Sonderkommando verliehen wird, das die Entführung des sechzehnjährigen Luke Mullen untersuchen soll.

Der Jugendliche ist der Sohn eines vorzeitig in den Ruhestand gegangen hochrangigen Polizisten. Seltsam an dem Fall ist nur, dass Anthony Mullen und seine Gattin erst Tage nach dem Verschwinden des Sohnes an eine Entführungsmeldung denken und überdies keine Lösegeldforderung eingegangen ist.

Gemeinsam mit Detective Inspector Louise Porter, einer Spezialistin in Sachen Kidnapping, lassen sie sich von Mister Mullen eine Liste mit potentiellen Verbrechern geben, die dieser hinter Gitter gebracht hat, denn für die Ermittler ist es nahe liegend, dass es sich bei dem Verbrechen nur um einen Racheakt handeln kann.

Bei ihren Untersuchungen müssen Thorne und Porter allerdings feststellen, dass Muller einen Namen unterschlagen hat. Grant Freestone wurde wegen Kindesmisshandlung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nachdem er die Hälfte seiner Strafe verbüßt hatte, wurde er durch den Beschluss eines Resozialisierungskomitees auf freien Fuß gesetzt. Als er eine junge Frau mit zwei Kindern kennen lernt, verschweigt das Komitee den kriminellen Background Freestones. Und die Frau überlebt den Kontakt mit Freestone nicht.

Das Komitee wurde in der Zwischenzeit aufgelöst. Thorne und Porter versuchen die damaligen Mitglieder zu befragen. Doch der Entführer ist ihnen einen Schritt voraus und beginnt die Zeugen von damals zu beseitigen. Und den Ermittlern läuft im Entführungsfall die Zeit davon ...

Mark Billinghams sechsten Roman Buried mit dem eigenwilligen Detective Inspector Tom Thorne hat der Goldmann Verlag als Die Geliebte des Mörders in der Übersetzung von Isabella Bruckmaier soeben in unsere Buchhandlungen gebracht. Auf über 500 Seiten lässt der Autor seinen Antihelden Thorne ermitteln, wobei dieser stets übermüdete und von Schmerzen gequälte Mittvierziger zwar mit einer Partnerin zusammen arbeitet, aber eigentlich ein richtiger Eigenbrötler ist.

Billinghams Ermittler sind keine gestylten Fernsehpolizisten. Durch die Bank unter Erfolgsdruck gesetzt, wimmelt es von Zynikern und mit menschlichen Problemen beladenen Alltagsmenschen. Gerade durch die Schilderungen der unterschiedlichsten Schwierigkeiten aus privaten und beruflichen Stresssituationen werden die Polizeibeamten sympathisch und der Leser kann an allen Ermittlungsarbeiten teilhaben. Parallel dazu erfährt man zwischendurch, wie es dem Entführungsopfer geht und was der Täter denkt, allerdings ohne seine weitere Handlungsweise zu verraten. Und so bleibt dieser Fall von der ersten Seite an durchgehend spannend, wird konsequent aufgebaut, ohne dem Leser die Chance zu geben, den Täter vorzeitig zu erkennen.

Bei den verwendeten forensischen Methoden scheint der Autor technisch noch nicht auf dem Laufenden zu sein. Zum Beispiel gehören DNA-Analysen, die mehrere Tage brauchen, längst der Vergangenheit an. Dafür kennt er sich bei den Polizeistandards umso besser aus und die Erläuterungen zum Technical Support bei Scotland Yard übertreffen jede CSI-Folge um Längen.

Bei Mark Billingham erhält man endlich wieder einen soliden Polizeikrimi, in dem die Kriminalisten ihre Kenntnisse nicht durch puren Zufall erhalten, sondern grundlegend Wert auf professionelle Ermittlungsmethoden gelegt wird. Die Arbeit auf der Straße gehört dementsprechend dazu und auch der Leser kann somit durchgängig Anteil an Befragungen und Observierungen nehmen, mit allen Höhen und Tiefen, die so ein Polizeibeamter dabei durchmacht.

Die Lektüre dieses realitätsnahen Krimis ist ein rundum spannendes Lesevergnügen und Mark Billingham wird deshalb nicht zu Unrecht von der Presse in eine Reihe mit Topautoren, wie Ian Rankin oder Val McDermid gestellt. Die Geliebte des Mörders kann man jedem Liebhaber von (britischen) Polizeikrimis nur vorbehaltlos anraten.

Wolfgang Weninger, Mai 2007

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Stefan83 zu »Mark Billingham: Die Geliebte des Mörders« 30.05.2010
Auf den Tischen und in den Regalen der meisten deutschen (gut sortiert sind viele ja nicht mehr zu nennen) Buchhandlungen sucht man seinen Namen oft vergebens: Mark Billingham. Seit fast zehn Jahren ist der Stand-Up-Comedian und Drehbuchautor nun bereits schon ein fester Bestandteil der britischen Kriminalromanszene. Den Erfolg aus seiner Heimat konnte er bisher jedoch hierzulande nicht in dem Maße wiederholen. Schwierig zu sagen, welche Gründe das hat. An mangelnder Qualität kann es sicherlich nicht liegen, zumal die Konkurrenz im Genre des Polizeiromans dünn gesät bzw. nicht gerade von allerhöchstem Kaliber ist (siehe Andreas Franz). Vielleicht ist die fehlende Lobby ein wichtiger Faktor, die Billingham, dessen Bücher im Verlauf der Jahre immer wieder in verschiedensten Aufmachungen auf den Markt geworfen wurden, im Haifischbecken Krimi leider hat. Ein Grund mehr für mich, mithilfe von Rezensionen auf seine Werke aufmerksam zu machen und sie ins Scheinwerferlicht zu ziehen. Der mittlerweile sechste Band der laufenden Reihe um Chief Inspector Tom Thorne hat eine größere Bühne besonders verdient, da es Billingham hier erneut gelingt, eine weitere Schüppe oben drauf zulegen. Kurz zur Story:

Sechs Monate sind vergangen seit Tom Thorne undercover in den Straßen Londons ermittelt und versucht hatte, den Mann zu fassen, der drei Obdachlose totgetreten hatte. Mit dem erfolgreichen Abschluss des Falls konnte sich Thorne, der vorher bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen war, weitestgehend rehabilitieren. Nun lechzt er nach einer neuen großen Ermittlung, an der er teilhaben kann. Doch statt Nachforschungen bei einem Mord zu betreiben, erwartet ihn eine Überraschung. Trevor Jesmond, Thornes persönlicher Erzfeind auf dem Londoner Revier und unglücklicherweise im Rang über ihm stehend, „verleiht“ den Chief Inspector kurzerhand an ein Sonderkommando, das die Entführung des sechzehnjährigen Luke Mullen untersuchen soll. Das Prekäre daran: Der Junge ist der Sohn eines ehemaligen hochrangigen Polizisten, der vorzeitig in den Ruhestand gegangen ist. Und als ob das die Arbeit nicht schon genug erschweren würde, pflegt Anthony Mullen auch noch ein äußerst gutes Verhältnis zu Jesmond. Es sieht alles nach einem Fall aus, bei dem man nur verlieren kann.

Merkwürdigerweise haben Mullen und seine Frau das Verschwinden des Sohnes erst einige Tage später gemeldet, vorgeblich weil niemand der beiden wirklich an eine Entführung geglaubt hat. Doch Thorne ist sich sicher, dass mehr dahinter steckt. Zusammen mit Detective Louise Porter von der Kidnap Unit geht er die Liste der möglichen Entführer durch, welche Mullen angefertigt hat. Schon bald müssen beide feststellen, dass der ehemalige Polizist einen wichtigen Namen unterschlagen hat: Grant Freestone wurde, nicht zuletzt wegen Mullens Wirken, zu zehn Jahren Haft wegen Kindesmisshandlung verurteilt und nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe durch den Beschluss eines Komitees zur Resozialisierung auf freien Fuß gesetzt. In Folge dessen kam eine Frau und Mutter von zwei Kindern ums Leben, mit der Freestone angebändelt hatte und die nichts von der kriminellen Vergangenheit des Mannes wusste. Ihr Tod setzte auch gleichzeitig einen Schlussstrich unter das Komitee, welches sich im Anschluss an das Unglück auflöste. Steht die Entführung des jungen Luke Mullen irgendwie mit Grant Freestone in Verbindung? Ist er gar der gesuchte Kidnapper?

Fragen, die sich auch der Leser zu Beginn des Buches öfters stellt, nur um relativ schnell festzustellen, dass die offensichtlich eingeschlagene Richtung der Handlung viel tiefgründiger und vielschichtiger ist, als anfangs angenommen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Mark Billingham nun um einiges effizienter und ökonomischer schreibt. Kamen in den ersten Bänden in der Regel stets vier bis fünf neue Personen in Thornes Team oder privatem Umfeld dazu, besetzt er hier die Rolle wieder mit alteingesessenen Charakteren. „Never change a winning team“, muss sich Billingham gedacht haben und ist mit dieser Maxime äußerst gut gefahren. Der meines Erachtens besonders in den ersten Büchern der Reihe noch etwas farblose Thorne muss nun nicht mehr den gesamten Plot auf seinen Schultern tragen. Und dadurch eröffnen sich Billingham auch hinsichtlich des Storytellings neue Möglichkeiten, die dieser weidlich ausnutzt. So bekommt Thornes Kollegin Yvonne Kitson genug eigene Arbeit, als ein schon verloren geglaubter Fall, bei dem ein junger Pakistani von drei gleichaltrigen Neonazis zu Tode getreten wurde, dank Hollands Hinweis neu aufgerollt wird. Letzterer tritt dieses mal etwas in den Hintergrund, was nach seinen häufigen Auftritten und dem Gejammer über die nervige Lebensgefährtin in den Vorgängern, nun eine erfrischende Abwechslung darstellt.

Ansonsten bietet Mark Billingham wieder übliche Kost. Und üblich heißt in diesem Fall, authentische Polizeiarbeit, wo die Ermittler nicht blindlings über Indizien stolpern, sondern diese durch oftmals langwierige und fehlerbehaftete Nachforschungen zutage fördern. Knackige Latina-Ermittlerinnen, blondgelockte Detectives, messerschwingende Serienkiller. Bei Billingham sucht man solche schablonenhaften Figuren (gottseidank) vergebens. Stattdessen bewohnen leidgeprüfte Menschen seine Welt, welche unter dem täglichen Erfolgsdruck zusammenzubrechen drohen und sich nur mithilfe von Zynismus und schwarzen Humor über Wasser halten können. Bestes Beispiel ist da die Hauptfigur Tom Thorne, die immer noch am Tod des Vaters knabbert und mit der Frage hadert, ob dieser ein Unfall oder gar ein Anschlag war. Zudem ist der eigenbrötlerische und mürrische Ermittler in die Jahre gekommen, was sich nun auch körperlich durch Schmerzen in der Bandscheibe bemerkbar macht. Wandelt Billingham also auf Mankells Spuren? Ganz klares Nein, denn trotz der doch vielen menschlichen Probleme und Hindernisse bleiben die Ermittlungen stets im Vordergrund der Handlung. Der Leser kann auf Augenhöhe an diesen teilhaben, wobei es dem Autor hier meisterhaft gelingt, kleine versteckte Fährten zu legen, um Ersteren immer wieder aufs Glatteis zu führen.

Wer nun aus Angst vor der Detailfülle hinsichtlich der Polizeiarbeit Bedenken bekommt, sei schnell beruhigt. Trotz der vielen parallel laufenden Handlungsstränge und dem Wust an vielen Informationen, erhöht sich das Spannungselement von einer Seite zur nächsten. Konsequent steuert man einem Ende entgegen, das nicht nur einige Überraschungen bietet, sondern auch erzähltechnisch einmal mehr unterstreicht, dass Billingham sich vor den Alteingesessenen des Genres keinesfalls verstecken muss. Im Gegenteil: Spätestens mit „Die Geliebte des Mörders“ gehört er endgültig selbst mit in die Riege der großen Kriminalautoren.

Insgesamt ist „Die Geliebte des Mörders“ der bis hierhin beste Band aus der Serie um Tom Thorne, mit dem Mark Billingham hemaligen persönlichen Favoriten (wie z.B. Jeffery Deaver, der zuletzt sehr schwächelte) den Rang abgelaufen hat. Ein äußerst intelligenter, sehr realitätsnaher Polizeiroman mit düsterem Ton, der viel mehr deutsche Leser verdient hätte. Vielleicht trägt diese Rezension dazu bei, das zumindest ein paar auf diesen tollen Autor aufmerksam werden.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jens Zeidler zu »Mark Billingham: Die Geliebte des Mörders« 22.05.2007
Billingham ist längst kein Geheimtipp mehr. Mir gefällt die Art von DI Thorne. Irgendwie ist er die Mischung aus vielen Protagonisten aktueller Krimis. Dennoch kopiert Billingham keinen Kollegen. Und der Zeigefinger in Sachen sozialer Probleme bleibt unten.
Allerdings hat sich die Qualität seiner Romane in den Buchhandlungen von Chemnitz noch nicht rumgesprochen ... In der Auslage fand ich Nummer sechs nicht.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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