Sechs Gräber bis München von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1967
unter dem Titel Six graves to Munich,
deutsche Ausgabe erstmals 2011
bei Edition Phantasia.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1950 - 1969.
- ?: ?, 1967 unter dem Titel Six graves to Munich. unter dem Pseudonym Mario Cleri. 220 Seiten.
- London: McLehose, 2009. 200 Seiten.
-
Bellheim: Edition Phantasia, 2011.
Übersetzt von Joachim Körber.
ISBN:
978-3937897462. 220 Seiten.
'Sechs Gräber bis München' ist erschienen als
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In Kürze:
Michael Rogan dient im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Agent hinter den feindlichen Linien. Doch dann macht er den schweren Fehler und verliebt sich. Als er von den Nazis gefasst wird, benutzen diese seine Frau und seinen ungeborenen Sohn als Druckmittel und missbrauchen die Frau, wie auch Rogan selbst, als Objekte für grauenhafte Foltern und Experimente. Doch Michael Rogan überlebt wie durch ein Wunder. Zehn Jahre lebt er mit den Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse, die er durchmachen musste, und dann kehrt er nach Europa zurück und sucht die Männer, die für sein Leid und das seiner Familie verantwortlich sind. Ein blutiger Rachefeldzug beginnt, der Rogan auf der Suche nach den Tätern quer durch Deutschland führt. Sieben Männer sollen dafür büßen, was sie ihm angetan haben.
1985 gehörte ich zu dem, vorsichtig geschätzten, dreckigen Dutzend, das sich ein filmisches Machwerk namens »Eine Zeit zu sterben« (»A time to die«) im Kino anschaute. Regisseur Matt Cimber, bekannt als letzter Ehemann Jayne Mansfields, hatte nahezu gleichzeitig schon James M. Cains The Butterfly (Blutiger Schmetterling) in den Sand gesetzt. Ein müdes Star-Vehikel für die gänzlich unbegabte (naja, nicht komplett talentlos: In »Die nackte Kanone 33 1/3« hatte sie einen starken Auftritt) Pia Zadora , hilflos agierend immerhin neben Stacy Keach, Orson Welles und Stuart Whitman.
»A Time To Die« war die so schwülstige wie brutal vorgetragene Mär des Michael Rogan, der sich auf einen gnadenlosen Rachefeldzug durch Europa begibt, um sieben Männer zu töten. Ehemalige Nazischergen von ganz unterschiedlichem Rang, Benehmen und Ansehen. Allesamt beteiligt an der Ermordung von Rogans Frau und beider ungeborenem Kind. Während der amerikanische Agent, gedemütigt, gefoltert und lebensgefährlich verletzt, seine eigene Hinrichtung überlebt. Eddie Albert jr. in der Rolle des Michael Rogan killt sich wenig zimperlich durch Italien, Ungarn und Deutschland, um am Ende in München Rex Harrison in seinem letzten Filmauftritt gegenüber zu stehen. Graphisch höchst drastische Gewaltexzesse, Pathos satt und eine Romanze ohne Bestand, ergaben einen wüsten, bordellbunten und wenig erquicklichen Film, dem weder die Musik von Ennio Morricone zum Erfolg verhelfen konnte, noch der Umstand, dass die literarische Vorlage von Mario Puzo, veröffentlicht unter dem Pseudonym »Mario Cleri«, stammte. Nicht nur das. Sechs Gräber bis München ist zwar die wildeste Kolportage, die man sich vorstellen kann, aber zugleich ein bemerkenswertes Buch. Sebastian Fitzek würde vermutlich sagen: »Spannend, emotional und atmosphärisch dicht«.
Wie später beim Welterfolg Der Pate, ist Puzo alles andere als ein filigraner Autor, fein ziselierte psychologische Studien und Charakteristika sind seine Sache nicht, sprachlich wird derart aus dem Vollen geschöpft, dass eine Trunkenheitsfahrt nachts auf der Route 66 bei Vollgas nichts dagegen ist.
Die Welt ging unter, als sie eine vierzehnjährige Jungfer mit Tagträumen und Flausen im Kopf war. Der Drache des Krieges hatte sie entführt.
Atemlos und spannend durch die Nacht. Puzo macht – wie sein Protagonist – keine Gefangenen. Sechs Gräber bis München birst über vor Superlativen, hier sind die Gesten groß, die Schluchzer laut, die Intelligenz überbordend bis zum Wahnsinn, und Menschen tun sich Schreckliches an; nur aus einem einzigen Grund: weil sie es können und weil es ihren jeweiligen Zielen dient. Das ist vielleicht das erschütterndste an Puzos kleinem, fiesen Buch: es wird gar nicht in Frage gestellt, das Rogans siebenköpfige Nemesis Kriegsverbrecher, Folterknechte und faschistische Menschenschinder sind. Sie sind lediglich eine von vielen möglichen Varianten des Versagens der Menschlichkeit.
Der Agent Arthur Bailey, immerhin vereidigter Stellvertreter amerikanischer Interessen, nimmt gelassen hin, dass die ehemaligen Nazis einfach weitermachen, sich auf einmal als aufrechte Demokraten durch´s Leben schmuggeln. Sie können sie sogar Kanzler werden, so lange klar ist, dass der neue Feind im Osten sitzt. Und niemand, nicht einmal Michael selbst, macht einen Hehl daraus, dass sich alle männlichen Beteiligten unter den entsprechenden Umständen genauso verhalten würden, wie Klaus von Osteen und seine Handlanger. Wenn kaltschnäuzige Gesinnung regiert, wird sich Humanität keinen Weg bahnen können. Ein frühes Beispiel der kommenden Globalisierung: Die Welt ist ein schmutziger und dunkler Ort, ganz egal, wo man sich gerade aufhält. Und wenn jemand wie Michael Rogan eine blutige Schneise zieht, bleibt offen, ob er jenseits der Aufmerksamkeit einiger Eingeweihter, mehr herbeiführen wird als einen weiteren Untergang. Die persönliche Apokalypse auf einem Schlachtfeld, auf dem bereits ganz andere Kriege geführt werden. Opfer ist nicht nur die Liebe.
Ganz nebenbei gelingen Puzo auch einige wunderbar klischeetriefende und doch treffende Bemerkungen zu(m) deutschen Wesen, an dem und an denen die Welt garantiert nicht genesen wird. Humor, der ist wie das ganze Buch: Brachial, aber gut. Eine fette Scheibe davon ist allen derzeit angesagten Hoppelhäschen-aus-dem-Allgäuer-See-und-Wiesengrund-Krimi-Komödianten ans schwachbrüstige Herz gelegt.
Jochen König, November 2011
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