Todestanz von Margie Orford

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Daddy\\\\\\\'s Girl, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Kapstadt, 1990 - 2009.

  • Jeppestown/Südafrika: Jonathan Ball Publishers, 2009 unter dem Titel Daddy\\\\\\\'s Girl. ISBN: 978-1868423262. 281 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2010. Übersetzt von Christoph Göhler. ISBN: 978-3-7645-0375-8. 416 Seiten.

'Todestanz' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine verlassene Straße unterhalb des Tafelbergs. Ein sechsjähriges Mädchen wartet auf seine Mutter. Allein. Und dann ist es verschwunden, spurlos …Das Mädchen ist Yasmin, die Tochter von Riedwaan Faizal, Polizist in der südafrikanischen Eliteeinheit gegen Bandenkriminalität. Er weiß, dass die meisten vermissten Mädchen nicht lebend wieder gefunden werden. Ihm bleiben nur 72 Stunden, um seine Tochter zu retten und seine Unschuld zu beweisen. Denn er selbst wird von seiner Exfrau verdächtigt. Riedwaan hat allein keine Chance, und es gibt nur eine einzige Person, die ihm und Yasmin helfen kann: Profilerin Dr. Clare Hart.

Das meint Krimi-Couch.de: »Aus den Augen, aus dem Sinn?« 78°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Geraume Zeit vorher und natürlich besonders bis Mitte diesen Jahres stand Südafrika durch die Fußball-Weltmeisterschaft im Fokus des öffentlichen Interesses. Auch die südafrikanischen (Krimi-) Autoren profitierten von der gesteigerten Medienpräsenz ihres Landes. Aber man musste nicht Kassandra heißen, um vorherzusehen, dass diese Aufmerksamkeit nach dem Fußball-Spektakel schnell wieder abklingen würde. Nun müssen sich Smith, Brown, Meyer, Orford & Co wieder der Normalität des Buchmarktes stellen. Wenn sie weiterhin mit Qualität überzeugen, dürfte es nicht schwer sein, die gewonnene Klientel zu halten.

Margie Orford macht mit dem Deutschland-Release von Todestanz den Anfang in der Post-WM-Ära. Der Blanvalet-Verlag schickt Todestanz mit aufgebrezeltem Outfit als Klappenbroschur ins Rennen.

Mit Fug und Recht könnte man annehmen, dass Todestanz der dritte Teil der Reihe um die Journalistin und Profilerin Clare Hart ist, zumal nirgendwo etwas Gegenteiliges zu lesen ist. Doch Kenner der Serie werden schnell feststellen, dass dieser Roman mit dem Copyright by Margie Orford 2009 zeitlich vor den bisher erschienenen Folgen spielt. Ob es sich um ein Frühwerk Orfords handelt, das nachträglich veröffentlicht worden ist, oder ob Orford gebeten wurde, ein Prequel zur Serie zu schreiben, das entzieht sich unserer Kenntnis. Auf jeden Fall steht Todestanz seinen »Vorgängern« in Sachen Spannung in nichts nach.

Dr. Clare Hart, Orfords Heldin, hat in ihrer Eigenschaft als Journalistin fast den ganzen Schwarzen Kontinent bereist und dabei viel Leid gesehen. Zuhause in Kapstadt hat sie eine Organisation ins Leben gerufen, die sich mit dem Verschwinden blutjunger Mädchen beschäftigt. In einer eigenen Fernsehsendung stellt Clare aktuelle Fälle vor, versucht aber auch, auf präventive Schutzmaßnahmen aufmerksam zu machen. Fast täglich nehmen verzweifelte Eltern Kontakt zu ihr auf und bitten sie um Hilfe. So lernt sie auch Riedwaan Faisal, einen Polizei-Captain in einer Sondereinheit gegen das Organisierte Verbrechen, kennen, dessen sechsjährige Tochter Yasmin nach ihrem Ballettunterricht gekidnappt wurde. Obwohl es wahrscheinlicher ist, dass diese Tat auf das Konto einer der Banden geht, gegen die Faisal ermittelt, kann ein Sexualdelikt nicht ausgeschlossen werden, deshalb soll Clare die Ermittlungen beratend unterstützen. Doch auch Riedwaan Faisal steht unter Verdacht, seine eigene Tochter entführt zu haben. Seine Ehe gilt schon seit langem als zerrüttet. Frau und Tochter beabsichtigten, nach Kanada auszuwandern. Und in der Vergangenheit hatte Faisal schon einmal seine Tochter für ein Wochenende »entführt«, ohne die Mutter in Kenntnis zu setzen, was besonders auf seiner Dienststelle für Wirbel sorgte.

Obwohl Clare von seiner Unschuld überzeugt ist, fällt es ihr anfangs schwer, mit diesem eigenbrötlerischen Workaholic zusammenzuarbeiten. Doch je tiefer die beiden in den Dschungel der Kapstädter Unterwelt eintauchen, desto beständiger wird ihre gemeinsame Vertrauensbasis. Trotz allen Kompetenzgerangels bei der Polizei, aller politischen Intrigen und der Verteilungskämpfe der Verbrechersyndikate steigen die Chancen, dass Yasmin rechtzeitig gefunden wird.

Tja, die Eingeweihten wissen natürlich, wie es ausgehen wird und was sich bei Riedwaan und Clare so entwickelt. Dass die Chronologie nicht eingehalten wurde, aus welchen Gründen auch immer, ist schon ein kleiner Wermutstropfen.

Nicht nur an der Beziehung der Hauptprotagonisten merkt man, dass der Todestanz schon älteren Datums ist oder auf alt getrimmt wurde, sondern z.B.auch an der Tatsache, dass Heroin zu der Zeit gerade Modedroge wurde. Die Kriminalität scheint in Kapstadt zu allen Zeiten erschreckend hoch zu sein. Wenn man das Interview mit Roger Smith in der Oktober-Ausgabe der Krimi-Couch liest, bekommt man eine leise Ahnung davon, was er unter einer »toxischer Gesellschaft« versteht.

Margie Orford drückt sich in ihren Werken nicht so drastisch aus wie Kollege Roger Smith. Bei ihr finden wir die Realität mehr zwischen den Zeilen und sie ist nicht minder katastrophal. Südafrika ist ein Einwanderungsland, in dem Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen aufeinander prallen. Alle darauf bedacht, sich einen Platz zum (Über)leben zu sichern. Hier ist ein Konfliktpotenzial entstanden, das die junge Demokratie in vielen Bereichen überfordert. Mit der Beendigung der Apartheid, die viel zu lange ein Anachronismus war, sind neue Probleme entstanden. Die Ressentiments, die sich in den langen Jahren der Unterdrückung aufgestaut haben, brechen nun Bahn und es gibt keine Autorität, die sie kanalisieren könnte.

Hier ist nicht nur die Politik gefragt, sondern jeder Bürger, besonders die privilegierten wie z.B. Krimiautoren. Die südafrikanischen Autoren engagieren sich innerhalb und auch außerhalb ihrer Romane. Margie Orford unterstützt u.a. den Rape Crisis Cape Town Trust.

Kriminalromane sind im Grunde genommen immer politisch, ob der Autor das beabsichtigt oder nicht – sie spielen ja nicht im luftleeren Raum. Margie Orfords Romane haben ganz bewusst eine gesellschaftspolitische Komponente, die aber nie ihre Plots dominiert.

So wartet Todestanz auf mit einer spannenden Suche nach der vermissten Tochter einerseits und dem Gesellschaftsportrait eines Staates im Umbruch andererseits. Eine Kombination, die sowohl den reinen Krimifreund als auch den politisch Interessierten ansprechen könnte.

Jürgen Priester, November 2010

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