Galgenberg von Margie Orford

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Gallows hill, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 4 der Clare-Hart-Serie.

  • Johannesburg: Jonathan Ball, 2011 unter dem Titel Gallows hill. 349 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2013. Übersetzt von Christoph Göhler. ISBN: 978-3-7645-0465-6. 416 Seiten.

'Galgenberg' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Auf einem illegalen Baugelände in Kapstadt werden Hunderte Skelette gefunden, die seit Jahrzehnten ungestört am Fuß des Gallows Hill liegen, wo einst die berüchtigten Galgen standen. Doch ein Fund passt nicht zu den anderen: Der Körper einer jungen Frau liegt zusammengekrümmt in einer kleinen Kiste. Wer ist diese Frau im grünen Kleid? Wer wollte ihren Tod? Captain Riedwaan Faizal und Profilerin Clare Hart ermitteln. Je näher sie der Identität der Toten kommen, desto mehr geraten sie in die Schusslinie. Denn es gibt jemanden, der das Geheimnis bewahren will …um jeden Preis.

Das meint Krimi-Couch.de: »Manche Knochen bleiben frisch« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Eine Obdachlose stirbt auf einer Baustelle im südafrikanischen Kapstadt. Was für die Polizei zunächst wie ein Routinefall aussieht, entwickelt sich zum Albtraum: Unweit der Leiche wühlt der Hund der Toten ein altes Massengrab frei. Vor zweihundert Jahren verscharrte man hier diejenigen, die an den Galgen von Gallows Hill, Kapstadts einstiger Richtstätte, starben.

Dem Bauherrn kommt der Fund höchst ungelegen. An dieser Stelle sollen Luxuswohnungen für Parlamentsmitglieder entstehen. Weder beim Grundstückskauf noch bei der Auftragsvergabe ging es mit rechten Dingen zu; Politik und Wirtschaft bilden in Südafrika eine durch Korruption verschmolzene Einheit.

Da der störrische und vor allem unbestechliche Captain Riewaan Faizal von der Einheit für organisierte Kriminalität den Fall übernimmt, wird die Sache nicht unter den Teppich gekehrt. Stattdessen bringt die Untersuchung des Massengrabes eine Holzkiste zum Vorschein, in der das Skelett einer erst vor zwei Jahrzehnten erschlagenen Frau liegt.

Diese Leiche führt in die Zeit der Befreiungskämpfe zurück. Schon in seinen letzten Zügen liegend, hatte das einstige Apartheitsregime besonders grausam und unrechtmäßig politische Gegner verfolgen und umbringen lassen. Viele Mitglieder der gefürchteten Sicherheitspolizei wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Sie haben vor dem Ende ihrer Terrorherrschaft ein solides Netzwerk aufgebaut, das sie noch heute schützt. Wer gegen sie ermittelt, begibt sich in Lebensgefahr.

Das erfahren sowohl Faizal als auch seine Lebensgefährtin und Kollegin, die Profilerin Clare Hart. Zu den alten Verbrechern gesellen sich neue, noch skrupellosere Kriminelle, die um jeden Preis ihre einträglichen Geschäfte weiterbetreiben wollen …

Pulverfass am Galgenberg

Südafrika ist ein Land mit bewegter Geschichte. Das trifft zwar auf die meisten Länder dieser Erde zu. Der entscheidende Faktor sind die wirklich unerfreulichen historischen Epochen. Viele Staaten haben buchstäblich ihre Leichen im Keller. Dies verliert an Sprengkraft, je weiter die Zeit des massenhaften Todes zurückliegt. Zeugen, Familienangehörige und Freunde, die nicht nur die Erinnerung an die Opfer erhalten, sondern auch die Bestrafung der Schuldigen fordern, sterben irgendwann und geben Ruhe. Vor der Erfindung der Fotografie gab es auch keine Bilder, die geschehenes Grauen bewahrten: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Schon seit mehreren Jahrzehnten können sich Täter nicht mehr auf dieses kollektive Vergessen verlassen. In Südafrika gibt es noch mehr als genug Menschen, die sich sehr gut und bitter an die Zeit der Apartheit erinnern: Eine Minderheit weißer Machthaber hielt trotz Ächtung durch den Großteil der Restwelt die Mehrheit ihrer schwarzen Mitbürger von demokratischer Mitbestimmung fern – scheinheilig legal und später, als die Macht zu bröckeln begann, auch mit brutaler Gewalt.

Die ersten freien Wahlen erlebte Südafrika 1994. Davor lagen Jahre, in denen sich das Regime und diverse Freiheitsbewegungen erbittert bekämpften. Unrecht geschah auf beiden Seiten, doch die Minderheitsregierung war ihren Gegnern in dieser Hinsicht einige Jahrzehnte voraus. Sie verlängerte damit eine ohnehin unrühmliche Geschichte, denn schon Südafrika als niederländische und später britische Kolonie missbrauchte die einheimische Landesbevölkerung als Sklaven und ab 1833 als billige Arbeitskräfte und schloss sie von jeglicher Mitbestimmung aus.

Selbst recht junge Menschen erinnern sich an 1994. In Südafrika herrscht nicht zuletzt dank Nelson Mandela Frieden. Allerdings ist die Vergangenheit weder aufgearbeitet noch vergessen. Groll und Ängste sind unter der Oberfläche präsent. Margie Orford weiß dies selbst gut. Als junge Frau und Gegnerin des Regimes wurde sie verhaftet und musste ein Jahr im Gefängnis sitzen. Auf diese Weise vergiften zahllose, nie gesühnte Verbrechen sowie konserviertes Unrecht den gemeinsamen Neubeginn.

Frau mit Mission und Sinn für Spannung

Margie Orford schreibt einerseits spannende Kriminalromane. Gleichzeitig ist diese Spannung der Zucker, mit dem sie ihren Lesern diverse bittere Wahrheiten versüßt. Orford ist politisch zu aktiv, um sich auf die Rolle der reinen Unterhaltungsautorin zu beschränken. Mit dem »Mama-Afrika«-Kitsch, wie ihn beispielsweise Alexander McCall Smith in seiner »Mma-Ramotswe«-Serie verbreitet, hat sie nichts im Sinn. Orford nimmt dem Slum-Alltag der ausgegrenzten Armen jeden malerischen Zauber. Sie ist zudem Journalistin und Filmemacherin und deshalb gewohnt, ihr Publikum zu unterhalten, dadurch abzulenken und nebenbei zu belehren.

Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es geschickt geschieht. Mit »Galgenberg« erreicht Orford erfolgreich beide Ziele. Nur manchmal schießt sie – verständlicherweise – über ihr Ziel hinaus, lässt die Botschaft ein wenig zu deutlich durchschimmern und nimmt der Handlung ihre Bodenhaftung. Dies lässt sich verschmerzen, denn Orford punktet durch ihre offensichtliche Ortskenntnis, die über normales Lokalkolorit weit hinausgeht. Ihre kritische Haltung hat sich die Autorin bewahrt. Nicht nur Clare Hart, sondern auch Riewaan Faizal sind ihre Alter Egos und Sprachrohre.

Die historische Hypothek wird durch aktuelle Missstände vergrößert. Das neue Südafrika boomt. Wer davon profitiert, blendet die Vergangenheit problemlos aus. Geld wird in der Gegenwart verdient, parallel dazu freie Bahn für eine lukrative Zukunft geschaffen. Recht und Moral sind dabei Hindernisse oder werden als Instrumente missbraucht. Orford beschreibt eine Oberschicht, in der Politiker, Geschäftsleute und organisierte Verbrecher kaum voneinander zu trennen sind.

Die Stimme des Rechtes

Faizal und Hart spielen nicht mit und zahlen dafür ihren Preis. Er ist in seiner Karriere steckengeblieben; ein Captain wird Faizal bleiben, obwohl er zu Höherem fähig wäre. Wie ihm ergeht es vielen anderen mahnenden Spielverderbern, die von der korrupten Führungsschicht sorgfältig der Macht ferngehalten werden. Immer wieder konfrontiert Orford Faizal mit Handlangern, die ihn bedrohen und einzuschüchtern versuchen, während die Auftraggeber unsichtbar bleiben. Sie können sich darauf verlassen, Schläger und Mörder wie Waleed »Hond« Williams zu finden, die bereit sind, sich für ein Stück vom Kuchen die Hände schmutzig bzw. blutig zu machen.

Clare Hart stand lange an Faizals Seite, ist aber inzwischen ausgebrannt. Als wir sie in diesem vierten Band der Serie wiedersehen, versucht sie nach langer Krankheit die Rückkehr in eine Normalität, die es für sie in dieser Umgehend nicht geben kann. Folgerichtig gleitet Hart bald wieder in vertraute und gefährliche Bahnmuster zurück; wie Margie Orford kann sie gar nicht anders.

Die beiden Hauptfiguren sind ein wenig zu gut, um sympathisch zu sein. Charakterliche Schwächen oder Kanten haben sie nicht. Des Nachts wird ein bisschen gekuschelt, um die Seifenoper-Fraktion der Leser/innen zufriedenzustellen, doch ansonsten gilt es gegen das Unrecht zu kämpfen, sich zu sorgen und zu entrüsten. Entschlossene, widerstandsbereite Männer und entsprechend motivierte Frauen müssen den Strolchen die Stirn bieten, so Orford, denn nur so lassen diese sich beeindrucken. Kann dies wirklich funktionieren? Wohl nur bedingt, das weiß auch Orford, weshalb sie Faizals Assistentin stellvertretend für ihren Chef einem Mordanschlag zum Opfer fallen lässt: Die alte/neue Elite hat den Terror nicht verlernt.

Michael Drewniok, Mai 2014

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walli007 zu »Margie Orford: Galgenberg« 14.10.2017
Haute Couture

Eine alte Obdachlose stirbt. Die Baustelle, auf der sie gefunden wird, entpuppt sich als Grabstelle vieler Toter. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich um alte Skelette, vermutlich von Menschen, die vor über 200 Jahren dort hingerichtet wurden. Doch ein Skelett ist deutlich jünger und weist Anzeichen auf, dass die Person gewaltsam zu Tode gekommen ist. Captain Riedwaan Faizal beginnt mit den Ermittlungen. Er zieht seine Freundin, die Profilerin Dr. Clare Hart hinzu, die zunächst herausfinden soll, ob die sterblichen Überreste nach über zwanzig Jahren noch identifiziert werden können. Tatsächlich ergibt sich bald ein Hinweis, der berühmte Griff nach dem Strohhalm.

Es scheint ein Griff ins Wespennest zu sein, denn sowohl Faizals als auch Clares Leben wird bedroht. Ein ehemaliger Kleinkrimineller, der zwar so wirkt als sei er in bessere Kreise aufgestiegen, der aber seine Herkunft nicht verleugnen kann, spricht offene Drohungen aus. Das hält die beiden Ermittler natürlich nicht davon ab, weiter zu machen, eher im Gegenteil. Schon bald gibt es Proteste, weil die Baustelle stillgelegt wurde, und Riedwaan fängt an, nachzubohren, bei großen Bauobjekten ist schließlich viel Geld im Spiel, da liegt der Gedanke an Schmiergeldzahlungen meist nicht fern. Clares Nachforschungen führen zunächst in eine andere Richtung. Das grüne Kleid, von dem Reste an der Toten gefunden wurden, scheint ein Einzelstück gewesen zu sein.

Südafrika nach der Apartheid, werden die Spuren davon jemals verschwinden? Auch in diesem vierten Band um die Profilerin Dr. Clare Hart werden die Nachwirkungen dieser Zeit deutlich geschildert. An der Oberfläche scheint alles eitel Sonnenschein, doch die alten Strukturen bestehen großenteils weiter. Korruption herrscht und besonders durchlässig ist die Gesellschaft nicht. Die Volksgruppen leben eher nebeneinander als miteinander. Politiker, Reiche und andere mit Macht ausgestattete spielen ihre Spielchen um Geld und Macht. Wenn da zum Beispiel ein Obdachloser ins Räderwerk gerät, juckt das eigentlich niemanden. Wenn jemand Teile der Strukturen aufdeckt, ist er eben tot. Es herrscht schon eine große Kälte und die wenigen, die sich dem System entgegenstellen, bringen sich selbst und ihre Familien in Gefahr.

In einen fesselnden Kriminalroman hat die Autorin ihre Beschreibung der Zustände verpackt. Man fragt sich, ob eine Hoffnung bestehen kann, dass jede weitere Generation den Weg zu einer einheitlichen Gesellschaft ebnen könnte, man befürchtet allerdings, dass die Hoffnung eher als vage anzusehen sein könnte.
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