Der Hüter des Kelchs von Margery Allingham

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1931 unter dem Titel Look to the Lady, deutsche Ausgabe erstmals 1968 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1910 - 1929.

  • London: Jarrolds, 1931 unter dem Titel Look to the Lady. 288 Seiten.
  • München; Wollerau: Goldmann, 1968 Achten Sie auf die Dame. Übersetzt von Alexandra & Gerhard Baumrucker. 189 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 1990. Übersetzt von Edith Walter. ISBN: 3-257-21862-1. 280 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. Übersetzt von Alexandra & Gerhard Baumrucker. ISBN: 3-442-03079-X. 282 Seiten.

'Der Hüter des Kelchs' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In der englischen Provinz lauert eine gefährliche Diebesbande darauf, die versnobte Adelsfamilie Gyrth des berühmten Familienkelchs zu berauben. Der Privatermittler Albert Campion bemüht sich dieses Verbrechen zu vereiteln, was schwierig ist, da jede Person im näheren Umkreis zu den Tätern gehören könnte. Anschuldigungen, verdächtige Aktivitäten, sogar Mord & Geisterspuk – es geht hoch her im sonst so beschaulichen Landsitz »The Tower«, doch die eigentliche Gefahr naht wie so oft aus einer gänzlich unerwarteten Richtung ... – Klassischer »Whodunit«-Krimi von einer Meisterin des Genres. In einem Thriller-Traumland, bevölkert mit skurrilen Gestalten, wogt ein gänzlich realitätsfreier Kampf mit erschröcklich schurkischen Räubern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein nostalgischer, zudem hochkarätiger Lesespaß!« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mr. Albert Campion ist seit jeher das schwarze Schaf seiner hochadligen Familie, die ihn deshalb auch prompt verstoßen hat. Nun verdingt er sich als privater Ermittler, der auch dort seiner kriminalistischen Arbeit nachgehen kann, wo die Polizei versagt. Campion hat dank seines bodenständigen »Partners«, des ehemaligen Einbrechers Lugg, einen guten Draht zur Unterwelt. So hat er von der Existenz der »Firma« erfahren. Diese Verbrecherbande arbeitet für hoch angesehene, schwer reiche, absolut skrupellose Kunstsammler, die ihrer Sammlung Stücke einverleiben wollen, die sich in Privatbesitz befinden oder in Museen hängen: Sie werden schlicht gestohlen.

Niemand konnte der »Firma« bisher Einhalt gebieten. Aufgrund der Protektion von ganz Oben ist die Polizei machtlos. Nun erging ein neuer »Auftrag« an die »Firma«: Der berühmte Kelch von Gyrth soll geraubt werden. Seit Jahrhunderten befindet er sich im Besitz der gleichnamigen Familie, die ihn in »The Tower«, dem Stammsitz nahe der Gemeinde Sanctuary in der Grafschaft Suffolk, aufbewahrt. Ein uralter Geheimverträge verpflichtet die Gyrthes den Kelch für die Krone zu hüten. Verschwindet er, verlieren sie Rang und Besitz.

Wer ist Freund, wer Feind?

Kein Wunder, dass die Aufregung groß ist, als Campion berichtet, dass die »Firma« bereits »The Tower« und Umgebung zu infiltrieren beginnt. Wer ist Freund, wer Feind? Campion findet einen Verbündeten in Valentine Gyrth, dem Sohn und Erben des derzeitigen Baronets. Dieser hat sich zwar mit dem Vater zerstritten, kehrt jetzt aber zurück, als die Familienehre in Gefahr gerät.

Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, belegt das unkluge Verhalten der verschrobenen Lady Diana. Valentines törichte Tante hat sich selbst zur »Kelchjungfrau« ernannt und zusammen mit dem Kelch fotografieren lassen. Nun weiß die Welt, welcher Schatz »The Tower« in seinem Mauern hegt. Diana bleibt von Vorwürfen jedoch verschont; als Valentine und Campion anreisen, hat man sie gerade tot auf einer Waldlichtung gefunden. Die »Firma« ist schon aktiv geworden – und sie will den Kelch offenbar um jeden Preis: schlecht für Campion & Co., die weiterhin absolut keine Ahnung haben, wer ihre Gegner sind!

Im klassischen Kriminalroman ist die Welt noch in Ordnung

Glückliches Großbritannien: Hier ist zumindest im klassischen Kriminalroman die Welt noch in Ordnung. Ein Verbrechen kann das nur kurzfristig stören. In so einer Umgebung möchten wir globalisierungsgestressten, outgesourcten Gegenwärtler insgeheim auch gern leben. Deshalb lesen wir so gern Romane wie diesen. Alle von den Fans so heiß geliebten Elemente eines zünftigen »Whodunit«-Thrillers werden von der Verfasserin kundig beschworen. Da haben das kleine, idyllische, von der Zeit offenbar vergessene Dorf auf dem Land, über dem ein feudaler, von einem verwunschenen Wald umgebender Landsitz thront, der über einen Turm mit Geheimkammer verfügt.

Der Plot ist dieser Umgebung angemessen. Vor Urzeiten hat ein frühmittelalterlicher Eroberer in »The Tower« einen Schatz verborgen, von dessen Existenz die englische Monarchie abhängt. Ein kompliziertes, höchst archaisches Ritual ist damit für jene verbunden, die ihn hüten. Die Vergangenheit ist und bleibt präsent, als sich nun gierige Diebesfinger nach dem wertvollen Kelch ausstrecken.

Ein leibhaftiges Gespenst mischt sich ein

Hüten können diesen natürlich nur Adlige reinsten Geblüts, die dann ruhig reichlich verschroben sein dürfen. Es ist unter diesen Umständen überhaupt kein Stilbruch, dass sich ein leibhaftiges Gespenst ins Geschehen einmischt. Auch eine Hexe, ein Dorftrottel, ein zerstreuter Professor, romantisch-verwegene Zigeuner, pittoreske Schurken und andere absolut unrealistische, aber allerliebst agierende Gestalten haben ihre großen Auftritte.

Eine riskante Geschichte, stets haarscharf am Rande der Lächerlichkeit balancierend: Das Talent der Autorin führt dazu, dass wir uns statt dessen durchweg gut amüsieren. Margery Allingham leugnet nie die Märchenhaftigkeit ihres Kelch-Krimis – sie ignoriert sie einfach bzw. präsentiert noch die haarsträubendsten Ereignisse mit dem berühmt-berüchtigten britischen Ernst, hinter dem sich knochentrockener Humor verbergen kann. Solche Meisterschaft und Dreistigkeit zugleich im Spinnen absurder Garne kennt man sonst nur von John Dickson Carr (1906-1977), der gruselige Burgen und Ruinen liebte und doch immer wieder streng rational denkende Detektive ihre Geheimnisse lüften ließ. In dieser Beziehung geht Allingham noch einen Schritt weiter: Die Präsenz des Übernatürlichen fügt sie geschickt ins Geschehen ein. Das hätte Carrs Dr. Fell niemals gestattet!

Hexenhatz und Massenprügeleien

Verfolgungsjagden, Massenprügeleien, nächtliche Hexenhatz, Entführungen, Todesfallen – auch sonst lässt Allingham ihre Leser nie zur Ruhe kommen. Albert Campion kommt kaum zum Kombinieren. Für einen angeblich vergeistigten, weichlich wirkenden Ermittler ist er ziemlich rege, reist inkognito mit Zigeunern im Land umher, verfügt über bemerkenswerte Verbindungen zur Prominenz seines Heimatlandes in Politik und Gesellschaft. Kein Wunder, ist er doch selbst so etwas wie ein Königskind, das sich zwar von seiner Familie losgesagt hat, aber dennoch seine Adelspflichten erfüllt. Um seine ehrwürdige Verwandtschaft nicht vor der Öffentlichkeit zu düpieren, hat er sich ein »bürgerliches« Leben und einen neuen Namen zugelegt. Die ihm in die Wiege gelegten Kontakte kombiniert er mit seinen kriminalistischen Talenten. Das ist für den »echten« Blaublütler praktisch: Selbst das Königshaus bemüht Albert Campion, wenn es heikle Verbrechen zu klären und Skandale zu verhindern gilt, denn er ist offiziell zwar persona non grata, aber trotzdem »einer der Jungs« & ein Gentleman, mit dem man sich abgeben kann.

Campion ist wie so viele Detektive der »klassischen Ära« ein Abkömmling von Sherlock Holmes. Allingham bemüht sich zwar ihn menschlicher wirken zu lassen, aber da ist einerseits doch eine Grenzlinie, hinter der sich der »wahre« Albert Campion verborgen hält. Andererseits finden wir halt doch viele Holmes-Elemente wieder, wenn wir nach ihnen Ausschau halten.

Lugg ist Campions »Watson«

Einen Watson besitzt Campion auch. Den hat Allingham allerdings völlig neu gestaltet. Lugg zeichnet ganz sicher nicht die Taten seines Herrn für die Nachwelt auf. Er schreibt (oder denkt) nicht, er handelt. Als waschechter Angehöriger der Unterschicht und geläuterter Krimineller verfügt er über Mutterwitz, Schlauheit und Mut. Allingham hat ihn bemerkenswert freigeistig gestaltet – keine Spur vom typischen Herr-Diener-Verhältnis, wie es z. B. Dorothy Sayers’ Lord Peter Wimsey und Bunter verbindet. Campion und Lugg haben viel miteinander erlebt; sie sind Freunde geworden, so weit dies das starre britische Kastensystem möglich macht.

Frauen sind im klassischen Thriller üblicherweise schmückendes Beiwerk. Auch Allingham hütete sich ihre zeitgenössischen Leser zu vergrämen. Emanzipation im eigentlichen Sinn wird man daher nicht finden. Allerdings deutet der Originaltitel unseres Abenteuers bereits an: Die Verfasserin ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass ihre Geschlechtsgenossinnen nicht nur deshalb auf dieser Welt wandeln, um von guten Männern vor bösen Kerls gerettet zu werden …

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Krimi-Tina zu »Margery Allingham: Der Hüter des Kelchs« 18.03.2010
Lord Percival St. John Wykes Gyrth, der restlos heruntergekommen sein Leben auf den Straßen Londons fristet, wird vermittels eines geheimnisvollen Briefs in die Wohnung von Albert Campion gelotst. Der ihm Hilfe anbietet, denn ein Kelch, dessen Hüter die Familie ?? seit Jahrhunderten ist, ist einer Bande von internationalen Kunstdieben ins Auge gefallen.
Das klingt jetzt ein bisschen nach A-Team und in ähnlich überdrehtem Stil geht die Geschichte auch weiter. Die Bösen sind ungeheuer teuflisch und werden sich durch nichts von dem Diebstahl abhalten lassen. Der Verlust wäre ein unsägliches Drama, die Familie würde alle ihre Ländereien verlieren. Wir haben Verfolgungsjagden, falsche Fährten, wilde Tricks und obendrein auch noch Zigeuner.
War der letzte Band eher ernsthaft ausgefallen, kehrt Margery Allingham mit diesem Buch wieder zu ihrer üblichen Mischung aus völlig überdrehter Handlung, schrägen Figuren, absurden Dialogen und Slapstick zurück. Nur Campion wirkt nach wie vor etwas konturierter als am Anfang. Erfreulicherweise hat sein Faktotum Lugg ,der bisher ja nur eine Randerscheinung war diesmal einen recht gewichtigen Auftritt. Alleine wegen der Dialoge zwischen ihm uns seinem Arbeitgeber lohnt es sich das Buch zu lesen.
Allzu ernst darf man das ganze nicht nehmen, auch zum mitraten ist der Krimi wieder wenig geeignet, die Bösewichte bei Allingham sind meist schon aufgrund der Beschreibung unschwer erkennbar. Man weiß zwar nicht so genau wie aber ziemlich sicher wer.
Wer das nicht braucht und auch auf einen Menge Blut und Toter verzichten kann andererseits alberne Dialoge und Situationskomik schätzt ist bei Margery Allingham gut aufgehoben.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
i.s. zu »Margery Allingham: Der Hüter des Kelchs« 31.03.2007
Ziemlich in der Machart von Dorothy L.Sayers "Lord Peter Wimsey". Wer ihn mag wird Albert Campion auch mögen. Von der Story her spannend aufgebaut mit einem Hauch von Mystik. Hatte schon lange kein Buch mehr so schnell gelesen. Für Fans des britischen Krimis fast ein Muß.
morus64 zu »Margery Allingham: Der Hüter des Kelchs« 17.11.2004
Grübelnd über die verbleibende Zeit im irdischen Leben & das Bücherregal mit den noch gelesen werden wollenden Krimis betrachtend müßte M. Allingham nach 2/3 kurzerhand in der Gruft der abgebrochene Bücher verschwinden: langweilendes Mittelmaß ohne Thrill, very "old british".
Dennoch: gute Sprache (= starke Übersetzung!!?) und liebevoll gezeichnete Charaktere (jedoch leider Langweiler).
TIPP: prima Weihnachtsgeschenk für die Großeltern.
So, jetzt aber ran an den nächsten Klassiker (= Eric Ambler) !!
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