Finsternis in Breslau von Marek Krajewski

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Glowa Minotaura, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Breslau, 1930 - 1949.
Folge 6 der Eberhard-Mock-Serie.

  • Warschau: Wydawnictwo, 2009 unter dem Titel Glowa Minotaura. 347 Seiten.
  • München: dtv, 2012. Übersetzt von Paulina Schulz. ISBN: 978-3423213479. 352 Seiten.

'Finsternis in Breslau' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Breslau, 1937. In einem heruntergekommenen Hotel wird eine junge Frau ermordet aufgefunden. Auf der Jagd nach dem Mörder kommt Mock mit der Unterwelt, aber auch mit höchsten gesellschaftlichen Kreisen in Berührung. Als er zwei Jahre später, mittlerweile nach Lemberg versetzt, zusammen mit Kommissar Popielski ein Ungeheuer jagt, das wie der Minotauros Jungfrauen tötet, kommt ihm sein früherer Fall wieder in den Sinn.

Das meint Krimi-Couch.de: »Hintaumelnd an des Wahnsinns Sumpf« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Marek Krajewski springt zurück in der Zeit. Während Eberhard Mock seinen vorerst letzten Fall als Polizist in der Festung Breslau bereits im pensionsfähigen Alter – gerade angesichts der Zeitgeschichte – erlebte, ermittelt er jetzt wieder zwischen 1937 und 1939, zwischen Breslau, Kattowitz und Lemberg. Es beginnt und endet 1939 in Lemberg, damals noch zu Polen gehörend. Eine Universitätsstadt, in der Wissenschaftler und Künstler regen kreativen Austausch betreiben, aber auch ein Schmelztiegel, in dem sich vorwiegend Polen, Ukrainer und Juden über das Zusammenleben einigen müssen. Die Invasion der Deutschen ist noch kein Thema, weswegen das Ansehen und die Rechte des zur Abwehr gewechselten »Hauptmanns« Eberhard Mork eher geringer Natur sind. Was ihn aber nicht daran hindert, verbissen mit seinem Kollegen und Bruder im Geiste Edward Popielski, im Falle des »Minotaurus« genannten Killers, ohne Rücksicht auf Verluste oder Kleinigkeiten wie Menschenrechte achtend, quer durch Bordelle, Spelunken, finstere Hinterhöfe, Mietwohnungen und Adelshäuser zu jagen.

Eine persönliche Dimension erreicht das Geschehen, als die flatterhafte Tochter des alleinerziehenden polnischen Kommissars ins Visier jenes Killers gerät, der seine jungfräulichen Opfer vergewaltigt, ihnen Fleischfetzen aus dem Gesicht beißt, bevor er sie erwürgt. In seiner Raserei begeht er Fehler, durch die ihm die Polizei auf die Spur kommt. Doch handelt er auf eigene Faust oder existiert jemand, der den »Minotaurus« auf die Menschheit und ins Labyrinth der Städte loslässt? Der Verdacht mehrt sich, und je länger der Mörder auf freiem Fuß bleibt, umso mehr wird der Fall zu Popielskis Nemesis.

Heilloses passiert in Zeiten, in denen so viel »Heil!« geschrien wurde wie nie zuvor. Der Überfall Deutschlands auf Polen steht erst bevor, die Schreckensherrschaft ebenfalls. Deshalb dürfen sich in Lemberg Juden tummeln, im Polizeidienst, am Gymnasium, im alltäglichen Kampf der (Werte)systeme. Doch Zerfall herrscht an allen Ecken und Enden. Die Aristokratie flackert als blasser Schimmer und zehrt von ihrem Ruf, den finanziellen Möglichkeiten und Erwartungen, die durch die Jahrhunderte angehäuft wurden. Doch im Hintergrund warten bereits die Gestapo und deutsche Verwaltungsbeamte, die mit preußischer Gründlichkeit aufräumen werden, auch wenn dabei ganze Bevölkerungsschichten, Völker vernichtet werden. Doch das ist nicht das Thema der Finsternis in Breslau. Die wird von persönlichen Apokalypsen am Leben gehalten. Die Hauptfiguren huren und foltern sich durch die Unterwelt, im intuitiven Wissen, dass es kein Morgen gibt. Popielski träumt vom gewaltsamen Tod, nicht nur seiner Tochter, Eberhard Mock versucht sich mit dem Zeitlgeschehen zu arrangieren und ordnet jedes Handlungsmaß seinen Ambitionen einen Fall zu lösen, einen Mörder zu erwischen unter. »Grenzen zu überschreiten war Mock in Fleisch und Blut übergegangen«, er wendet die »Schraubstocktaktik« an, gerne im Verbund mit Popielski, die keine Verteidiger kennt, sondern nur Druck, auch körperlicher Art, bis zur Aussage.

So erfahren Mock und Popielski zwar einiges, aber verlieren noch viel mehr. Um am Ende als Richter und Henker vereint dazustehen. In der perversen Situation jegliche moralische Integrität verloren zu haben, um doch als Vertreter einer höheren Gerechtigkeit aus dem lodernden Feuer herauszutreten, das längst um sie herum entfacht wurde.

Finsternis in Breslau ist ein delirierender Roman, ein Buch in dem sämtliche Protagonisten ihre Obsessionen ohne Rücksicht auf Verluste ausleben. Und die Unterschiede, auf welcher Seite der Medaille, die sich Gesetz nennt, man steht, nur durch den Besitz einer amtlichen Legitimation, dem besseren Aussehen oder dem Wissen, dass es etwas gibt, das man mehr liebt als sich selbst, definiert wird.

Krajewski macht es seinen Lesern nicht leicht. Er springt durch Zeiten, Orte und moralische Codices als gäbe es einen Wettbewerb. Sein handelndes Personal ist vielfältig, wird teilweise für nur wenige Sequenzen auf’s literarische Parkett geschickt, um anschließend sofort wieder zu verschwinden. Nicht ohne Eindruck hinterlassen zu haben. Und das ist Krajewskis große Kunst; er lässt seine Protagonisten schalten und walten, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen, und doch bleiben sie jederzeit glaubwürdig, nachvollziehbar. Ein wahrhafter Endzeit-Roman, jenseits der Jahrhundertwende, die das vorgebliche Ende einläutete. Das wahrhafte kommt erst jetzt, zwischen 1937 und 1939. »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Er hat seine Hand ausgestreckt, die Handlanger im kleineren, individuellen Bereich sind multinational.

Mit Finsternis in Breslau erweist sich Krajewski einmal mehr als einer der interessantesten (Krimi)-Autoren der Gegenwart. Wenn Ambivalenz je eine Kunstform war, dann bei ihm. Literatur, die nachwirkt, gerade weil vieles nicht bis zum Ende ausdiskutiert wird, sondern der Leser genügend Raum behält, über das Gelesene nachzudenken.

Ein Roman, der mit heraustretenden Gedärmen beginnen kann, ohne zur gedankenlos hingeworfenen Schlachthausplatte zu werden. Oder doch? Immer wert es herauszufinden…

Jochen König, Juni 2012

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sesselermittler zu »Marek Krajewski: Finsternis in Breslau« 27.05.2012
langweilig und zu konstruiert.
die beiden macho-komissare fressen, saufen und huren zwischen lemberg und breslau durch die gegend und hauen sich gegenseitig lateinische zitate um die ohren *gähn**
der eigentliche plot ist zu konstruiert und entbehrt jeglicher spannung. zudem ist er unrealistisch.
gelungen hingegen ist die darstellung der topographie und der atmosphäre des polnischen lemberg.
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