Requiem für einen Genießer von Manuel Vázquez Montalbán

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2004 .

  • Barcelona: Planeta, 2004 Milenio Carvalho. 2 Teilbände: Rumbo a Kabul & En Las antípodas. 421 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2005. Übersetzt von Luis Ruby, Theres Moser, Elisabeth Brock, Maria Hoffmann-Dartevelle. ISBN: 3-492-04696-7. 848 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2006. ISBN: 978-3-492-24811-2. 848 Seiten.

'Requiem für einen Genießer' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

In Barcelona wegen Mordes gesucht, bringt sich Pepe Carvalho vorsichtshalber auf der Fähre nach Genua in Sicherheit, um von dort aus gemeinsam mit seinem Arbeits- und Küchengehilfen Biscuter die Welt zu umfahren. Gerade mal auf dem Weg nach Griechenland, sehen die beiden sich ihres Fahrzeugs beraubt, und die als Vergnügungstour geplante Reise wird zur gefährlichen Jagd um den Erdball. Verfolgt von einer Serie mysteriöser Anschläge, läßt das kuriose Paar Europa hinter sich, durchquert alle Kontinente, unzählige Restaurants unterschiedlichster kulinarischer Färbung und hinterläßt einen bleibenden Eindruck bei verschiedensten Damen mit ernsten, tödlichen und zweifelhaften Absichten.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das literarische Vermächtnis eines universellen Humanisten« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

AManuel Vasquez Montalban, der große spanische Schriftsteller, ist 2003 im Alter von 64 Jahren unerwartet und plötzlich verstorben. Er hinterlässt ein umfangreiches literarisches Werk. Ein Teil dessen ist die langjährige Krimiserie um den Privatdetektiven Pepe Carvalho, welche bereits 1972 mit »Ich tötete Kennedy« begann und hier auf der Krimi-Couch mehrfach und ausführlich besprochen ist.

Der zwangsläufige Schlusspunkt ist das vorliegende Buch »Milenio«, so der Originaltitel. (Die Wiederholungstäter an den Titelübersetzungsschreibtischen mögen endlich in der Hölle schmoren!). Es ist etwas geheimnisvolles um diesen Roman. Er ist ein Abschied von Carvalho und seinem Adlatus Biscuter, ein End- und Höhepunkt in der Carvalho – Saga. Ist das nur Zufall, oder ahnte Montalban sein bevorstehendes Ende? Das folgende Zitat spricht Bände:

Carvalho sprach von seinem Vorhaben, eine Reise um die Welt zu machen.
»Wovon nehmen sie Abschied?«
Er hatte nichts von einem Abschied gesagt, aber Charoen hatte den Sinn seiner Reise erfasst.
»Von allem und von nichts«

Es geht also um eine Reise um die Welt, die Carvalho und Biscuter gemeinsam antreten. Der Versuch einer Zusammenfassung der fast 800 Seiten an Handlung kann in seiner eigentlichen Undurchführbarkeit nur folgendermaßen aussehen:

Die Geschichte beginnt mit einem Paukenschlag: Carvalho wird wegen Mordverdachts gesucht. Gerade rechtzeitig schiffen sie sich unter den Decknamen Bouvard und Pécuchet nach Genua ein, wo sie die geheimnisvolle Madame Lissieux  kennenlernen. In Rom entgehen sie nur knapp einem Mordanschlag, in Athen finden sie eine Menge Rauschgift in ihrem Auto, es wird auf sie geschossen. Mit dem Schiff geht’s nach Alexandria, weiter nach Kairo, Jerusalem, dort begegnen sie der argentinischen Fremdenführerin Malena, die eigentlich Mossad – Agentin ist. Sie schmuggeln den russischen Wissenschaftler Samuel über Syrien aus Israel heraus, auf der Suche nach einer russischen Musikerin, die in Istanbul als Prostituierte arbeitet. Dort wird Samuel ermordet, Biscuter flüchtet, man entführt Carvalho nach Aserbeidschan.

In Baku wird ein Mafioso getötet, und Carvalho erlebt im Zug nach Samarkand ein erotisches Abenteuer. Biscuter taucht wieder auf. Ein gefährlicher Auftrag führt sie nach Kabul, wo Carvalho auf der Universität einen Gastvortrag hält. Ein General erliegt einem Bombenanschlag, sie flüchten nach Afghanistan. In Indien werden sie fast Opfer einer Lynchjustiz. Die Rettungsaktion einer indischen Ehebrecherin führt sie nach Kalkutta, Bangladesh, Birma, Thailand (incl. Bordellbesuch), sie suchen und finden Inspektor Charoen im Altersheim (s.» Die Vögel von Bangkok«).
In Singapur befreien sie ein Kind, verdingen sich auf einem holländischen Kreuzfahrtschiff als Koch und Kommunikationsspezialisten und gelangen so bis nach Jakarta. Ein Bombenanschlag zerfetzt einen Nachtclub, und sie fliegen als spanische Journalisten nach Australien. Dort entgehen sie nur durch einen Zufall der Verhaftung. Sie beteiligen sich an einer Pazifiküberquerung auf einem Segelboot und landen in Chile.

Auf den Spuren von Pablo Neruda kommen sie nach Argentinien und weiter nach Süden bis Ushuaia, der Stadt der Gefangenen. In Buenos Aires treffen sie nach sechs Jahren wieder auf Alma (s.»Quintett in Buenos Aires«) und trinken Caipirinhas mit einem ehemaligen Killer des Capitán.

In Brasilien schließen sie sich einer Missionsreise des Aidshilfebüros der Dominikaner an und kommen so nach Afrika. In Dakar begegnen sie dem Kapitän Ginés Larios Pérez (s.»Die Rose von Alexandria«). Über Timbuktu und Marokko gelangen sie illegal wieder nach Spanien und Frankreich. Hier bereiten Biscuter und Madame Lissieux Carvalho eine unerwartete und sehr ungewöhnliche Überraschung …

Wer Montalban kennt, weiß, was ihn erwartet. Jeder einzelne Ort der Handlung inspiriert ihn zu spezifischen Betrachtungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, historischen Analysen, spannenden, kuriosen und humoristischen Abenteuern sowie selbstverständlich eingehenden Schilderungen der lokalen Küche. Es ist auch eine Reise in die Vergangenheit Carvalhos.

Montalban macht alles wie aus dem Handgelenk, mit unglaublicher Phantasie, rhetorischer Brillanz, enormem Wissen und glaubhaftem moralischem Engagement. Kurze Kapitel erleichtern die Bewältigung dieses literarischen Unternehmens. Diejenigen, die weniger subjektiv an Montalban herangehen als – zugegebenermaßen! – der Rezensent, mögen seine Intellektualität vielleicht gelegentlich etwas elitär finden. Die vielen einzelnen Passagen können naturgemäß auch nicht immer das gleiche, allgemein hohe Niveau halten.

Mit den Figuren Bouvard und Pécuchet bezieht sich Montalban auf den gleichlautenden Roman von Gustave Flaubert, der sein Buch eine »Enzyklopädie der menschlichen Dummheit« nennt.

Bouvard und Pécuchet sind zwei Bürobeamte, die zu Geld gekommen sind und ihren Beruf aufgeben, um sich autodidaktisch den Wissenschaften zu widmen. Naturgemäß scheitern sie und kehren desillusioniert an ihre Schreibtische zurück.

Flaubert schreibt am Ende des 19. Jahrhunderts, einer Epoche, in der man sich ausschließlich durch Bildung, Wissen und dessen praktische Anwendung Aufklärung und Fortschritt erwartete. Das Scheitern der beiden ist bezeichnend für Flauberts Sicht der Dinge.

Montalban erweitert diesen gesellschaftskritischen Ansatz auf die Welt in der Jahrtausendwende, indem er unerbittlich und mit scharfem, analytischen Verstand die Folgen der Globalisierung, des Materialismus, des Imperialismus und des religiösen Fanatismus aufzeigt. Die Ereignisse in Afghanistan und die (damals) drohende Irakkrise sind ständig präsent. Das führt am Ende zu einer resignativen, fast tragikomischen und doch sehr konsequenten Haltung des Pepe Carvalho, im Gegensatz zu Biscuter, der gleichsam in höhere Sphären aufsteigt (Mehr wird hier nicht verraten).

Man sollte sich hüten, dieses Buch als kulinarische Reise eines »Genießers« zu bezeichnen.
Es ist das literarische Vermächtnis eines universellen Humanisten.

 

Ihre Meinung zu »Manuel Vázquez Montalbán: Requiem für einen Genießer«

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Stefan Scherer zu »Manuel Vázquez Montalbán: Requiem für einen Genießer« 13.08.2007
Ein völlig abstruser Plot und durchgeknallter Abgang. Schade, ich hätte mir für Pepe Carvalho und seinen Assistenten das Ende in einer Form gewünscht, welche die andern Romane zu Leckerbissen gemacht haben.

S. Scherer
Hans-Dieter Lorenz zu »Manuel Vázquez Montalbán: Requiem für einen Genießer« 28.03.2006
Spannend, amüsant, geistreich und alle Augenblick mit neuen und vor allem unerwarteten Überraschungen gespickt. Diese 800 Seiten sind keinen Augenblick langweilig, ich mag normal keine Bücher über 400 Seiten, ich wollte den letzten Montalban-Pepe Carvalho-Roman eben lesen und habe es keinesfalls bereut.

Neben dem Feuerwerk von Überraschungen hat mich vor allem die Entwicklung des Begleiters und jahrzehntelangen Assistenten Biscuter überrascht, der im Laufe der vielflältigen Handlungen sich immer mehr entwickelt und meiner Ansicht nach im letzten Viertel des Buches seinem Chef sogar den Rang abläuft, er wird zum Schluß der dominierende , nicht verzagende und der Zukunft optimistisch entgegensehende, während Carvalho immer mehr in Resignation versinkt.

Auf jeden Fall zu empfehlen, das ist eigentlich kein Krimi, sondern eine wunderbar erzählte und mit vielfältigen Hindernissen gespickte Weltreis zweier sehr individueller Egozentriker.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Peter zu »Manuel Vázquez Montalbán: Requiem für einen Genießer« 10.12.2005
Ein Feuerwerk aus Klugheit, Wissen und Sarkasmus. In der spanischen Originalausgabe in 2 Bänden erschienen, hat es mit seinen 700 Seiten in der deutschen Ausgabe ausreichend Backsteinqualität um erwachsenen Lesern mit Neigung zur Selbstverblödung die Frisur zu plätten. Mein Buch des Jahres. Wer danach immer noch Harry Potter liest.... s. o.
5 von 7 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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