Der letzte Tango in Aberystwyth von Malcolm Pryce

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Last Tango in Aberystwyth, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Shayol.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / Wales, 1990 - 2009.

  • London: Bloomsbury, 2003 unter dem Titel Last Tango in Aberystwyth. 232 Seiten.
  • Berlin: Shayol, 2009. Übersetzt von Richard Betzenbichler. ISBN: 978-3926126863. 232 Seiten.

'Der letzte Tango in Aberystwyth' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Dekan Morgan, Inhaber des Lehrstuhls für Bestattungswesen, ist auf mysteriöse Weise in Aberystwyth verschwunden. Ist er der Essen-auf-Rädern-Bande zum Opfer gefallen oder haben etwa die Druiden ihre Hand im Spiel? Privatdetektiv Louie Knight macht sich in der Unterwelt der walisischen Küstenstadt auf die Suche nach dem Vermissten. Doch statt Antworten tauchen nur immer neue Fragen auf: Was war in dem mysteriösen Koffer, den der Dekan bei sich hatte? Wer ist der unheimliche Mörder, den man den Raben nennt? Wieso wollen die Bauchredner nicht reden, nicht mal mit dem Bauch? Und was zum Teufel ist ein Quietus?

Das meint Krimi-Couch.de: »Liebe, Snuff und düstere Legenden« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Der letzte Tango in Aberystwyth beginnt und endet mit Judy Juice, über die Privatdetektiv Louie Knight sagt: »Kein Zauberer hat je etwas Bemerkenswerteres aus seinem Hut gezaubert.«

Dazwischen passiert eine Geschichte, oder besser Geschichten, die reich sind an absurden Momenten, nahezu surrealistischen Ereignissen, dem schwärzesten und traurigsten Humor, den man sich nur vorstellen kann und purer Poesie. »Welsh Noir« sollen Pryces Romane sein, was natürlich Vergleiche zum nicht allzu weit entfernten »Tartan Noir« (der schottischen Variante) provoziert. Doch mit dem prägenden Ian Rankin und seinen John-Rebus-Romanen haben Pryce und Schnüffler Louie Knight nur die melancholische Grundstimmung gemein. Denn wo Rankins Bücher politische und historische Vorkommnisse einfließen lassen, bereist Pryce literarische und cinematographische (Alp)traumwelten. Pu der Bär, Dr. Faustus, Graf von Monte Christo (in einer bitterbösen Variante), natürlich Raymond Chandler, dazu noch Volkssagen und Legenden, aber auch Reminiszenzen ans Kino finden sich zuhauf (u.a. Dr. Strangelove, Mad Scientist Filme überhaupt, Alfred Hitchcock, explizit Roy Ward Bakers Last Night To Remember [Die letzte Nacht der Titanic]).

Manische Sportlehrer und Patagonienkämpferinnen

Privatdetektiv Louie Knight hat es nicht leicht. Während er den vermissten Dekan Morgan, Inhaber des Lehrstuhls für Bestattungswesen in Aberystwyths Nachbarstadt Lampeter, sucht, braut sich über seinem Kopf ein Unwetter zusammen. Nicht nur, dass er im Zusammenhang mit seiner Ermittlung belogen, zusammengeschlagen, fast ins Meer geworfen und gefoltert wird, auch verbünden sich seine Feinde, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Und was er für Feinde aufzuweisen hat: an erster Stelle Louies ehemalige Putzfrau Mrs. Llantrisant, die sich als Patagonienkämpferin und Terroristin entpuppte; Herod Jenkins, der manische Sportlehrer und Dai the Custard Pie, der soziopathische Birdman aus dem unterirdischen Hochsicherheitsgefängnis von Aberystwyth.

Außerdem stellt sich die Frage, wer sich hinter dem mysteriösen »Philanthropen« verbirgt, der sich in einem ehemaligen Sanatorium verkrochen hat, das immer noch mit abscheulichen, neuronalen Experimenten in Verbindung gebracht wird.

Aberystwyth ist ein dunkler Jahrmarkt am Rande des Fegefeuers. Hier werden dumme Augusts in Käfigen gehalten, Bauchredner haben eine eigene Enklave, und während der Machtkampf zwischen den »Druiden« und der katholischen Kirche noch nicht entschieden ist, macht ein druidischer Assassine die Gegend unsicher. Ganz zu schweigen von den Aktivitäten der mächtigen Essen-auf-Rädern-Truppe unter Führung der eisenharten, einarmigen Miss Bligh-Jones, die in Verdacht steht, ihre Vorgängerin, während einer verzweifelten Rettungsaktion in den Waliser Bergen, verspeist zu haben.
Das Ende hält noch die ein oder andere Überraschung parat; im dunklen Aberystwyth Parallel-Universum geschieht (fast) nichts wie man es erwartet.

Ritter in rostiger Rüstung

Ein herkömmlicher Kriminalroman ist Der letzte Tango in Aberystwyth nicht gerade. Allein die Vielzahl an Figuren mit unaussprechlichen, walisischen Namen dürfte den durchschnittlichen Leser, der auf Krawall und Remmidemmi aus ist, abschrecken. Zwar folgt Pryce formal dem Schema des chandleresken Hardboiled-Romans. So ist sein Louie Knight, nicht nur dem Namen nach ein aufrechter Ritter in rostiger Rüstung, der Spuren im Auftrag einer Klientin verfolgt, über weitere Verbrechen stolpert und am Ende vielleicht das Mädchen seiner Träume bekommt.

Wobei dies wörtlich zu verstehen ist, denn seine geliebte Myfanwy ist seit drei Jahren verschwunden und erscheint Louie vorerst nur in dessen Imagination. Sehr real hingegen ist Calamity Jane, die frühreife, »sechzehndreivierteljährige« Partnerin (!) des Detektiven. Sie gerät ins Visier des unheiligen Triumvirats, das Louie Knight demütigen und zerbrechen will.

Mehr noch als Detektiv ist Louie Knight Reiseführer in eine Welt am Rande der Realität, bzw. in deren Spiegel. Doch abseits der Jahrmarktsattraktionen, der Clowns, der Spinnrad drehenden Goldlöckchen, Satyren, Bauchredner und schwergewichtigen Adeptinnen des Bestattungswesens brilliert Der letzte Tango in Aberystwyth mit Betrachtungen über das Leben, das gerne als das »echte« apostrophiert wird. Denn auch in Aberystwyth dreht sich alles um Sehnsüchte, Loyalität, Machtverhältnisse und die Magie der Liebe; die einsame Verbrecher manipulieren wollen. Ohne dabei zu merken, dass sie auf den kleinen Betrug, die Welt freundlicher zu sehen, als sie in Wahrheit ist, einen größeren setzen: den an sich selbst.

Manchmal zum Schmunzeln, manchmal zum sarkastischen Grinsen, ist Der letzte Tango in Aberystwyth alles andere als ein Schenkelklopfer erster Güte. Der Humor ist eher hintergründiger Natur, näher bei Kafka als bei Monty Python. Das Lachen in Aberystwyth ist immer ein Trotzdem. So wie die Stadt selbst: Knapp der großen Überflutung entgangen, wird trotzdem weiter gearbeitet, gefeiert, gelebt, geliebt und gelegentlich gemordet.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Eine Episode soll nicht unerwähnt bleiben, die das reale Aberystwyth nah an sein fiktives Schattenbild führt – und Monty Python ins Spiel bringt. Fast dreißig Jahre war die Aufführung von Das Leben des Brian in Aberystwyth verboten. Bis die Schauspielerin Sue Jones-Davies 2008 Bürgermeisterin wurde und sich vehement für eine Einstellung des Vorführverbotes einsetzte. Nicht ganz uneigennützig, spielte Mrs. Jones-Davies doch die Rolle der Judith in der kultigen Komödie. 2009, genau dreißig Jahre nach der Uraufführung, wurde das Verbot tatsächlich aufgehoben. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins in Aberystwyth …demnächst.

Nebenbei angemerkt: Passend bekam ich gerade das erste Soloalbum von John Jones, dem Sänger der Oysterband, zwecks Review zugeschickt. Eine teils sperrige, sparsam instrumentierte und äußerst faszinierende Mixtur aus Traditionals und neu geschriebenen folkigen Rock-Songs. Wie sollte es anders sein, John Jones Geburtsort ist Aberystwyth und The Rising Road ist der perfekte Soundtrack zu Malcolm Pryces Buch. Obwohl weder Bernardo Bertolucci noch ein Tango vorkommen. Aber das ist im Roman nicht anders.

Aberystwyth ist überall, und wer hin findet, wird es lieben.

Jochen König, August 2009

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Carline zu »Malcolm Pryce: Der letzte Tango in Aberystwyth« 12.08.2009
Schade, auch dieses gute Buch wird keinen oberen Platz in den Bestsellerlisten erklimmen. Es ist eben anders, nicht in eine Schublade zu ordnen und es erfordert ein wenig Konzentration. Ein Sammelsurium schräger Typen und ganz viele kleine Geschichten in der Geschichte machen den Roman außergewöhnlich. Man wird nicht von Seite zu Seite gehetzt und kann sich wirklich mit Genuss auf die abgedrehte Story einlassen. Nicht Jedermanns Sache, für mich eine echte Entdeckung.
Dieser Malcolm Pryce muss ein hoffnungsloser Romantiker sein, um so einen wunderbaren Schluss hinzukriegen und ich glaube, ich habe mich ein bisschen verliebt in seinen Schnüffler Louie Knight.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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