Lestrade und die Struwwelpeter-Morde von M. J. Trow

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1985 unter dem Titel The adventures of Inspector Lestrade, deutsche Ausgabe erstmals 1991 bei Rowohlt.
Folge 1 der Inspector-Lestrade-Serie.

  • London: Macmillan, 1985 unter dem Titel The adventures of Inspector Lestrade. 224 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1991. ISBN: 3-499-42952-7. 252 Seiten.

'Lestrade und die Struwwelpeter-Morde' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In dieser Kriminalgeschichte aus dem Jahre 1891 treten auf: Inspector Lestrade- ein Detektiv von Scotland Yard; Melville McNaghten – Chef von Scotland Yard und Vater einer energischen Tochter; Sherlock Holmes – ein kokainsüchtiger «Beratender Detektiv»; Dr. Watson – Verwandter zweier Mordopfer; Arthur Conan Doyle – Provinzarzt und Chronist der abstrusen Erlebnisse von Holmes und Watson; Edward Prince of Wales – Thronfolger und Vater von Victor, Duke of Clarence – duellfreudig und verdächtig; Oscar Wilde – berühmtere Hälfte eines Liebespärchens samt Freund; große Dichter, berühmte Maler; gläubige Spiritisten; ein Eton-Schüler bei Scotland Yard; zehn Mordopfer und der Struwwelpeter-Mörder – der sich ein Kinderbuch zum Vorbild nimmt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Rehabilitierung eines Rattengesichts« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Es ist der Frühsommer des Jahres 1982. Meirion James Trow sitzt im Pfarrhaus des Dorfes Havenstreet auf der Isle of Wight grübelnd über einigen Manuskripten. Er will seiner Frau ein unterhaltsames und amüsantes Buch schreiben, das möglichst im 19. Jahrhundert spielen soll. Trow, der selbst Geschichte studiert hat, ist von der viktorianischen Ära besonders angetan. Schließlich sind es die Sherlock Holmes-Filme mit Basil Rathbone in der Hauptrolle, welche ihn auf die richtige Idee bringen. Doch anstatt nur ein weiteres von vielen Holmes-Pastichés zu Papier zu bringen, geht er, auch zur Überraschung seiner Frau, einen anderen Weg. Die unangenehmen Charakterzüge des größten Detektivs sind ihm nämlich längst zuwider. Holmes tut niemals das Falsche, ist heiliger als ein Eid und fast eine Art Übermensch. Ein Übermensch ohne Herz, dem Trow nun seinen eigenen Helden entgegensetzt: Inspector Sholto Lestrade von Scotland Yard.

Von allen Ermittlern des Yards taucht Lestrade am häufigsten in den Holmes-Fällen Sir Arthur Conan Doyles auf. Nicht selten charakterisiert als ein störendes Ärgernis, das zwar schnell und energisch, aber auch entsetzlich konventionell handelt, wenn zur Tat geschritten wird. Dr. Watson beschreibt Lestrades ersten Auftritt in Eine Studie in Scharlachrot (1887) dergestalt: »Es gab da einen kleinen blassen Burschen mit Rattengesicht und dunklen Augen, der mir als Mr. Lestrade vorgestellt wurde«. Trow macht den gebeutelten Inspector nun zum ungeschickten, eifrigen Helden aus der Arbeiterklasse und beginnt mit der Rehabilitierung dieses Rattengesichts. Das Buch schreibt er in seiner Freizeit, das fertige Manuskript wandert durch einige Verlage. Bis schließlich das renommierte Londoner Haus Macmillan die Geschichte 1985 unter dem Titel The Adventures of Inspector Lestrade abdruckt und damit eine, vor allem in England, beeindruckende Erfolgsserie ihren Lauf nimmt.

England, 1891. Inspector Sholto Lestrade knabbert immer noch an der Tatsache, dass man ihn während des Ripper-Falls weitestgehend außen vor gelassen und keinen Einblick in die Akten gewährt hat. Sein Vorgesetzter vom Scotland Yard, Melville McNaghten, will von der grausamen Mordserie in Whitechapel am liebsten nichts mehr hören. Zu sehr hat die Reputation der Polizeibehörde unter den vielen Fehlschlägen bei der Jagd auf Jack the Ripper gelitten. Da kommt es ihm schon fast entgegen, dass ein neuer, brutaler Mord, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und gleichzeitig die Möglichkeit bietet, den guten Ruf des Yards wiederherzustellen.

In einer Schlucht an der Küste der Isle of Wight ist eine Leiche gefunden worden. In stehender Position festgebunden, bietet sie einen grausamen Anblick. Struppiges, abstehendes Haar sowie übermäßig lange Fingernägel verstärken diesen Eindruck noch. Und selbst Lestrade, ermittelnder Beamte vor Ort, muss tief Luft holen, bevor er sich an die Untersuchung des Körpers machen kann. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Es ist der Auftakt einer ganzen Reihe von schrecklichen Morden, welche allesamt nach dem Vorbild der Geschichten des »Struwwelpeters« begangen werden. Für Lestrade, der immer mehr unter Druck gerät, wird es zu einem persönlichen Wettkampf, den es mit allen Mitteln zu gewinnen gilt …

Lestrade und die Struwwelpeter-Morde teilt das Schicksal von vielen guten Büchern der letzten Jahre. Im Rowohlt Verlag auf Deutsch erschienen, sorgte die wohl vergleichsweise geringe Resonanz beim Lesepublikum dafür, dass nur neun der sechzehn Lestrade-Bände übersetzt wurden, und selbst diese sich nur kurze Zeit der Lieferbarkeit erfreuen durften. Worin liegt dieses Desinteresse begründet? An der äußeren Aufmachung kann es nicht hängen, denn diese ist selbst für Rowohlt-Verhältnisse äußerst ansprechend geraten. Jedes Buch ist nicht nur liebevoll verziert und mit Fotos versehen, es enthält ebenso einen informativen Anmerkungsteil sowie ein abschließendes Kapitel, in dem Trow näher von seiner Arbeit berichtet. Ein absolutes Kaufargument, besonders für Freunde des viktorianischen Zeitalters, die eine ganze Reihe historischer und literarischer Fakten geboten bekommen, welche die ungemein authentische Atmosphäre der beschriebenen Fälle noch untermauern. Einen Bock, und zwar bei der Wahl des deutschen Titels, hat der Verlag dann aber dennoch geschossen. Während die englischen Leser bis Seite 94, auf der Lestrade erst den Zusammenhang mit dem Kinderbuch herstellt, fleißig miträtseln dürfen, verfolgt man hierzulande die Ermittlungen mit einer gewissen Ungeduld, da man ja bereits weiß, dass es sich um »Struwwelpeter-Morde« handelt. Ein absolut unverzeihlicher Patzer, der dem Leseerlebnis einen Großteil seiner Spannung raubt.

M.J. Trows Erstling ist natürlich mehr als nur ein Kriminalroman, sondern in erster Linie eine augenzwinkernde Abrechnung mit Sir Arthur Conan Doyles Werken, die dessen geliebte Fiktion mit der schnöden Wirklichkeit konfrontiert. Die Übergänge zwischen historischer Realität und literarischen Phantastereien sind so fließend wie anspielungsreich und entlarven Trow als einen echten Kenner des viktorianischen Zeitalters. Oscar Wilde, der Duke of Clarence (damals ein heißer Ripper-Kandidat) und Jack the Ripper höchstpersönlich sind nur ein paar der historischen Figuren, die Lestrades Welt bevölkern. Eine Welt, die man zu kennen glaubt und die dann doch in vielen Dingen etwas anders wirkt. Bestes Beispiel dafür ist dieser hitzige Dialog Arthur Conan Doyles mit seinem Verleger:

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir meine Manuskripte wieder aushändigen würden. Ich werde das Geschäft anderswo machen. Es ist sonnenklar, dass die Firma Blackett von guter Literatur keinen Schimmer hat. Sie will billigen Ramsch, über den sogar das … Strand Magazine die Nase rümpfen würde.«
Conan Doyle hatte die Tür erreicht.
»Übrigens … diese Hand da.« Er deutete gebieterisch auf Blackett. Der Verleger starrte auf seinen Arm, als sei dieser gerade abgetrennt worden.
»Nicht der Arm, Mann …die Finger.«
»Die Finger … was ist mit ihnen?« Blackett war verblüfft.
»Wenn ich mich nicht irre – die Grockel’sche Krankheit. In Southsea haben wir eine Menge Fälle. Armer Kerl – wahrscheinlich unheilbar. Guten Morgen.«

Detailverliebt, wortgewandt und äußerst amüsant nimmt Trow Doyles Welt, und letztendlich natürlich besonders Sherlock Holmes, aufs Korn. Der meisterhafte Detektiv ist hier kaum mehr als ein kokainsüchtiger Amateur, der von Watsons dauernder Anwesenheit an den Rand des Wahnsinns gebracht wurde. Ein Umstand, welcher dem Doktor natürlich völlig entgangen ist. Dieser ist allerdings auch zu sehr damit beschäftigt, eine Klage gegen Doyle vorzubereiten, der seiner Meinung nach geistiges Eigentum geklaut und sich an Watsons Geschichten bereichert hat. Trotz all dieser parodistischen Anspielungen funktioniert Lestrade und die Struwwelpeter-Morde auch als Spannungsroman hervorragend. Das liegt nicht zuletzt an Lestrade selbst, der zäh und unerbittlich sein Ziel verfolgt und mangelnde Genialität mit zielgerichtetem Ehrgeiz kompensiert. So bieten die gerade mal 227 Seiten Buch (ohne Anhang und Nachwort) ein actionreiches, fesselndes Kaleidoskop auf stilistisch hohem Niveau und entlarven gegen Ende einen Mörder, mit dem man ganz sicher nicht gerechnet hat.

Insgesamt ist Lestrade und die Struwwelpeter-Morde temporeicher Kriminalroman und treffend formuliertes Gesellschaftsporträt zugleich. Ein Buch, das trotz all seiner Häme auch die Freunde von Sherlock Holmes ansprechen dürfte. Eine Wiederveröffentlichung wäre mehr als verdient.

Stefan Heidsiek, April 2010

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tedesca zu »M. J. Trow: Lestrade und die Struwwelpeter-Morde« 20.07.2010
Mit diesem Buch hat M. J. Trow eine wunderbar amüsante Krimireihe gestartet, die alles vereint, was ein Buch braucht. Einen gut gezeichneten Hauptcharakter mit Ecken und Kanten, eine spannende und durchaus skurrile Handlung und dazu witzige pointierte Dialoge, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen. Als Zuckerl tauchen dann auch noch immer wieder historische und literarische Figuren aus dieser Epoche auf, die dort und da auch eine markante Rolle spielen. Actionreich und fesselnd, auf hohem sprachlichem Niveau geschrieben, ist dieses Buch ein Tipp für alle Fans klassischer Krimiliteratur, in der Atmosphäre und Lokalkolorit eine Rolle spielen, ohne dass die Spannung dabei zu kurz käme. Eine erfreuliche Zufallsentdeckung!
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fosch89 zu »M. J. Trow: Lestrade und die Struwwelpeter-Morde« 27.04.2010
Endlich holt mal jemand diese hinreißenden Bücher wieder ans Tageslicht. Ich habe alle auf Deutsch erschienen Bücher gelesen, schrecke aber davor zurück, die leider nicht hierzulande veröffentlichten Bände im Original zu lesen. Ich habe den Anmerkungsapparat einfach benötigt, weil mir sonst viele der einfach genialen Anspielungen nicht aufgefallen wären. Leider hat Rowohlt bei den beiden zuletzt erschienenen Bänden bereits darauf verzichtet, womöglich um Geld zu sparen. Das war aber meines Erachtens der Todesstoß für die deutschen Ausgaben.Es ist jammerschade, dass diese Riehe sich hier nicht durchsetzen konnte. Jeder Band strotzt vor Infos und vermittelt aufs Beste die Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters in Großbritannien. Dabei sind die Bücher so humorvoll, wie man es als Anhänger britischer Komik erwarten darf. Und nicht zuletzt ist jeder Band bis zum Schluss richtig spannend.Hoffen wir, dass die Stimmen der Lestrade-Fans sich laut zu Wort melden, auf dass die Bücher (mit Anmerkungen) auch wieder in Deutschland zu bekommen sind.Ich vegeb jeden falls 100 Prozent!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
guidobillstein zu »M. J. Trow: Lestrade und die Struwwelpeter-Morde« 08.03.2010
Very British, indeed…

Inspector Sholto Lestrade wurde bekanntlich erfunden von einem Schotten. Mr Conan Doyle. Von diesem völlig zu Unrecht als Trottel von Scotland Yard diffamiert. Verkannt im Schatten des vermeintlich genialen Mr Holmes. Meint Mr M.J. Trow, walisischer Geschichtslehrer und Autor von ca. 30 Kriminalromanen. Und erhält somit verdiente Rehabilitierung.

Der erste Lestrade Roman: Eine Mordserie aus dem Jahre 1891. Die Opfer werden nach Art der grausamen Bestrafungen in der deutschen Struwwelpeter Geschichte ermordet. Illustre Personen geben sich ein Stell-Dich-Ein: Mr Holmes. Dr („My Dear“) Watson. Mr Oscar Wilde. Mr Jack The Ripper (Backstage). Die Männer der Elften Husaren (eine Art britisches Äquivalent der siebten US-Kavallerie). Und viele andere mehr.

Meine Lieblingsszene: Der alljährliche Polizeiball. In diesem Jahr eine Fancy-Dress-Party (Maskenball). Mit Sholto Lestrade als Harlequin…

Dies ist keine schnelle Lektüre: Anspruchsvoll geschrieben. Detailverliebt und anspielungsreich. Pageturner insoweit, als man häufig in die historischen Erläuterungen am Ende des Buches vorblättert. Und natürlich wieder zurückblättern muss.

Köstlich für alle Freunde britischen Humors. Der Geschichte und Kultur des viktorianischen Zeitalters. Der History-Comedy Serie ‚Flashman‘ George MacDonald Frasers. Und natürlich von Sherlock Holmes sowie der Männer der Elften Husaren.
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