Meierhoffs Verschwörung von Luis Fernando Verissimo

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel O Opositor, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Brasilien / Manaus, 1990 - 2009.

  • Rio de Janeiro: Objetiva, 2004 unter dem Titel O Opositor. 153 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2006. Übersetzt von Barbara Mesquita. 153 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als

ISBN 3-426-19720-0, 153 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Droemer-Knaur*

Leseprobe

Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita

Der Zuckerrohrschnaps redet mit der Zunge der Menschen. Ich weiß nicht, wie viel von dieser Geschichte dem Schnaps, wie viel dem Menschen zuzuschreiben ist. Ich kann auch nicht dafür garantieren, dass ich alles, was ich erzähle, gehört habe. Der Chauasca macht die Ohren empfindlicher. Die halbe Zeit über hörte ich außer der Stimme des Polen das Rumoren der Galaxien des Perseus und das Summen der Fische im Rio Negro und in den Nebenflüssen der Nebenflüsse der Nebenflüsse seiner Nebenflüsse. Vielleicht solltest auch du irgend etwas zu dir nehmen, bevor du mit der Lektüre beginnst. Ich empfehle Sapiri-Saft.

Der Mann sagte, sein Name sei Jósef Teodor. Erst als er erfuhr, dass ich aufschrieb, was er mir erzählte, zeigte er mir mit der Fingerspitze auf der Tischplatte, wie sein Name geschrieben wurde. Mit einem Akzent auf dem ersten ó. Mit f und nicht mit ph am Ende von Jósef. Teodor ohne h. Doch in der Kneipe in Manaus, in der ich ihn kennenlernte, wurde er nur der Pole genannt.

»Lass den Jungen in Ruhe, Pole!«

Das rief Hatoum, der Besitzer der Kneipe, ihm zu, als er, das leere Glas in der einen Hand und mit der anderen seinen Stuhl hinter sich herschleifend, an meinen Tisch trat.

Ich machte Hatoum ein Zeichen, »Alles in Ordnung«, und der hochgewachsene Mann mit dem großflächigen, roten Gesicht setzte sich, nachdem er die anderen Stühle vom Tisch fortgestoßen hatte, mir gegenüber. Stets denselben Stuhl hinter sich herziehend, wanderte er von Tisch zu Tisch. Er schlief, den Kopf in seine auf dem Tisch verschränkten Arme gelegt, im Sitzen auf dem Stuhl. Er nahm den Stuhl sogar mit, wenn er in der Kneipe auf die Toilette ging. Als ich ihn verwirrt von den Details seiner Lebensgeschichte fragte, welches seine Heimat sei, stand er schließlich auf und zeigte auf den Stuhl. Dort war seine Heimat. Doch das kam später. Als erstes sagte er zu mir: »Es gibt einundzwanzig Arten und Weisen, einen Menschen mit bloßen Händen zu töten. Ich kenne sie alle.«

Er hatte Haare so rot wie seine Haut und eine raue Stimme. Sein krachendes Portugiesisch schien ihm in sperrigen Brocken aus dem Mund zu kommen. Ich hatte ihn bereits bemerkt, als ich mit dem Cashew-Saft, den Hatoum mir mit einem Blick in mein Gesicht und einem unverständlichen Satz (»Für den Anfang Cashew«) empfohlen hatte, auf einen Tisch zusteuerte. Bei seiner Größe und dem wirren, flammenden Haar war es unmöglich, ihn nicht zu bemerken. Er war kein Mensch, er war eine Feuersbrunst. Er saß mit zwei weiteren Männern zusammen und malte mit dem Finger irgend etwas auf die Tischplatte. Die beiden anderen lächelten, so wie man vorsorglich einen wahrscheinlich Verrückten anlächelt, noch ehe man sich seiner Sache ganz sicher ist. Die übrigen Leute in der Kneipe schenkten ihm keine Beachtung. Sie kannten ihn offenbar schon seit langem.

Er verließ die Kneipe niemals. Ich konnte ihn nicht dazu überreden, seinen Stuhl stehen zu lassen, mit mir den Rio Negro hinaufzufahren und mir den Ort zu zeigen, an dem er Dr. Curtis beerdigt hatte – oder vielleicht auch nicht. Hätte er meine Aufforderung befolgt, es wäre das erste Mal in fünf Jahren gewesen, dass er aus der Kneipe herausgekommen wäre. Das erste Mal in fünf Jahren, dass er seine vierbeinige Heimat hinter sich gelassen hätte.

»Es gibt einundzwanzig Arten und Weisen, einen Menschen mit bloßen Händen zu töten. Ich kenne sie alle.«

Ich sagte etwas wie »Ach wirklich?« und lächelte ebenfalls so, wie man einen wahrscheinlich Verrückten anlächelt. Er prüfte mein Gesicht mit seinen blutunterlaufenen Augen eines langjährigen Trinkers. Wie um abzuwägen, ob ich es wert sei, noch mehr über ihn zu erfahren. Dann schaute er auf meinen Cashew-Saft und gab, ohne den Mund aufzumachen, einen verächtlichen Laut von sich.

Er streckte mir die Hand entgegen und sagte:
»Jósef Teodor.«

Ich schüttelte sie und nannte meinen Namen. Er wollte meine Hand gar nicht wieder loslassen. Dann zog er mich zu sich heran und sagte, den Mund nur ein paar Zentimeter weit von meiner Nase entfernt:

»Wie alt bist du?«
Ich nannte mein Alter, und er gab abermals einen Laut der Verachtung von sich.
»Ha! Du hast keine Ahnung.«
»Pole!«, rief Hatoum hinterm Tresen. »Lass den Mann in Frieden.«

Aus Hatoums Tonfall schloss ich, dass so etwas dauernd vorkam. Ständig belästigte der Pole die neuen Gäste in der Kneipe. Er beachtete Hatoum nicht weiter und fragte:

»Was weißt du?«
»Was sollte ich wissen?«
Er ließ meine Hand los und malte mit dem Finger rasch etwas auf die Tischplatte.
»Sag mir, was das ist.«

Ich hatte kaum erkennen können, was er gezeichnet hatte. Es sah aus wie drei Buchstaben. Oder wie eine Art Symbol. Ich sagte:

»Ich weiß es nicht.«
Er warf sich auf seinem Stuhl zurück, als gäbe er es auf.
»Du hast keine Ahnung«, wiederholte er. Ich hatte seine schlimmsten Befürchtungen über Cashewsafttrinker bestätigt.

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