Lady Bag von Liza Cody

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Lady Bag, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Argument.

  • Bloomington: iUniverse, 2013 unter dem Titel Lady Bag. 270 Seiten.
  • Hamburg: Argument, 2014. Übersetzt von B. Szelinski und Else Laudan. ISBN: 978-3867542227. 320 Seiten.

'Lady Bag' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Sie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Sie ist die Frau ohne Gesicht, die genau weiß, wie die Straßen von London riechen. Eines Abends läuft ihr in der Innenstadt der Teufel persönlich über den Weg. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten: Sie will wissen, wo er wohnt. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Sie erwacht mit zertretenem Kopf in einem Kranken­hausbett und wird mit einem fremden Namen angesprochen. Anscheinend hält man sie für eine gewisse Natalie Munrow, deren Handtasche sie bei sich hat. Bei erster Gelegenheit nimmt sie Reißaus und taucht ab. Was allerdings gar nicht so leicht ist, wenn man auf der Straße lebt und einem aus allen Zeitungen das eigene lädierte Gesicht entgegenblickt! Dann stellt sich heraus, dass die wahre Natalie Munrow ermordet wurde …

Das meint Krimi-Couch.de: »Walkin´ in the streets of London« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Die Londoner City ist eins der größten Finanz- und Handelszentren der Welt. Täglich werden hier Milliarden Dollars, Euros und Pfunds hin und her geschoben. An der Londoner Börse wird spekuliert, gewettet und gezockt, was das Zeug hält. Die Strippenzieher an den Terminals berauschen sich an den Zahlenkolonnen, die in Sekunden über Gewinn oder Verlust entscheiden können. Den Bezug zur Realität haben diese Herren schon längst verloren. Dass bei all ihren Transaktionen auch über das Wohl oder Wehe von Millionen Menschen entschieden wird, haben sie vergessen, verdrängt oder nie realisiert. Isoliert in ihren stahlbetonierten Bürotürmen, in ihren überteuerten Eigentumswohnungen in gentrifizierten Stadtteilen können sie sich fühlen wie die Masters of the Universe.

London ist ein Paradebeispiel für die riesige Kluft zwischen arm und reich, denn nicht weit von der Glitzerwelt des Mammons entfernt sieht es ganz anders aus.

Quasi zu Füßen des vorbeieilenden Wohlstands lebt Angela May Sutherland. Ein Name, der ihr nur noch eine vage Erinnerung ist, denn so hat sie schon lange niemand mehr genannt. Sie ist die Frau mit dem Koffer (Lady Bag), der alle ihre Habseligkeiten beinhaltet, oder die Frau mit dem Hund, denn die Hündin Elektra ist ihre einzige Freundin und Gesprächspartnerin. Lady Bag ist obdachlos und zieht durch die Straßen Londons. Das war nicht immer so. Als sie noch Angela May war, hatte sie einen guten Job in einer Bank und Erspartes auf der selbigen. Sie lebte mit ihrer Mutter in deren Eigenheim, wenngleich ihr das nicht leicht fiel, denn die Alte hatte ein herrisches Wesen. Erst spät lernte sie Gram Attwood, den Mann ihrer Träume, kennen. Ihm wollte sie alles geben. Er nahm es und noch viel mehr – ihr Geld, ihr Haus, ihre Zukunft. Als sie für ihn im Gefängnis saß, verschwand er ohne Abschied.

Es sollte Jahre dauern, bis sie ihn wieder sieht, ihren persönlichen Teufel, wie sie ihn mittlerweile nennt. Sie erblickt ihn, in Damenbegleitung den Piccadilly Circus entlang flanierend und in einem Taxi entschwindend. Alte Wut und lodernder Hass flammen in ihr auf. Sie will ihn stellen. Jetzt. Über seine Begleiterin findet sie heraus, wo sie ihren Teufel treffen könnte. Bevor es soweit kommt, wird sie in eine unübersichtliche Mordgeschichte verwickelt.

Lady Bag ist kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Es gilt zwar, einen Mord aufzuklären, und die Protagonistin ist mehr als tatverdächtig. Ja, sie weiß selbst gar nicht so genau, inwieweit sie in die Mordgeschichte involviert ist.

Die Spannung in diesem Roman resultiert aus der empathischen Verbindung, die sich sofort zwischen Leser und Heldin aufbaut. Die Lady mit ihrem ausrangierten Vuitton-Koffer und ihrer treuen vierbeinigen Begleiterin macht einen abgeklärten Eindruck. »Erst wenn du alle Hoffnung auf Veränderung aufgegeben hast, bist du frei, dich dem täglichen Existenzkampf zustellen« – zu dieser Erkenntnis ist sie kommen und sie hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Essen, Trinken, Schlafen.

Lady Bag erzählt aus der Ich-Perspektive und offenbart so ihre ganze Gefühls- und Gedankenwelt. Sie hadert mit ihrem Schicksal und besonders mit dem Mann, der für ihre Misere verantwortlich ist. Aber sie ergeht sich nicht in Selbstmitleid und Larmoyanz, sondern reflektiert ihr Leben analytisch, soweit sie dazu in der Lage ist. Ihr großes Plus ist ihre Schlagfertigkeit und ihr Humor. Und wenn der nicht hilft, dann tut´s auch ein Schluck vom algerischen Roten. Die Lady erobert das Herz des Lesers im Sturm und versetzt diesen in stete Sorge, ob sie und ihre Gefährten, den ganzen Schlamassel, auf den sie zusteuern, auch überleben werden.

Liza Cody dürfte bis dato weniger bekannt gewesen sein, aber sie ist den älteren Krimi-Lesern keine Unbekannte. Schon in den 1980er Jahren erschien auch in deutscher Übersetzung ihre kleine Roman-Reihe um die Privatdetektivin Anna Lee. In den 1990ern folgte die Bucket-Nut-Trilogie mit der unvergleichlichen Catcherin Eva Wylie. Gerade Letztere zeigt Codys Faible für außergewöhnliche Frauenfiguren. Die Autorin ist vielseitig talentiert und interessiert, arbeitet in den verschiedensten Berufen. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse fließen in ihre Romane ein, geben ihren Charakteren die nötige »Street Credibility«.

Ob in London, New York, Köln, Berlin oder Paris – eine oder mehrere Lady Bags, oder ihre männlichen Pendants gibt es in jeder Stadt. Nur werden wir sie als solche nicht erkennen. Wer von uns Normalbürgern weiß schon oder interessiert es, welche Schicksale hinter den hoffnungslosen Gestalten liegen, die uns auf Parkbänken, Lüftungsschächten oder in schmutzigen Straßenecken begegnen.

Unverschuldet ins soziale Abseits zu geraten, mag gemessen an der Gesamtbevölkerung noch die Ausnahme sein, aber es gibt Gruppen, die besonders gefährdet sind wie z.B. Erwerbslose oder Alleinerziehende. Bis über 20% der Menschen in Europa gelten als armutsgefährdet. In Deutschland allein sind fast eine halbe Millionen Menschen obdachlos, in Großbritannien sind es 250 000, zusammen fast Zweidrittel aller Obdachlosen in Europa. Die Welt der Lady Bags ist uns näher, als wir glauben möchten.

Lady Bag ist eine bittersüße Ballade über das Leben auf den Straßen Londons. Die Autorin erzählt sie mit soviel Verve und Humor, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Lachen und Weinen. Großes Kino, das einer Verfilmung harrt.

Jürgen Priester, November 2014

Ihre Meinung zu »Liza Cody: Lady Bag«

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Nasrim zu »Liza Cody: Lady Bag« 08.05.2016
Das Buch ist unterhaltsam und beste Lektüre. Spannend dazu. Durch und durch ein Krimi. Aber dankenswerterweise kein Wallander! Hier wird Humor und Scharfsinn genutzt um stumpfe Gewalt und Brutalität zu ersetzen, mit der viele Krimiautoren meinen ihre Leser unterhalten zu müssen. Liza Cody zeigt, dass es auch anders geht. Unbedingt lesen und schmunzeln.
Heino Bosselmann zu »Liza Cody: Lady Bag« 05.03.2015
Ganz unten!


Insofern es durchaus zentral um ein Verbrechen geht, mag man das Buch für einen Krimi halten, ja. Vielmehr als das ist es aber ein literarisch gelungenes Plädoyer für die Elenden und Ausgestoßenen der Gesellschaft, eines zudem, das ohne Rührseligkeiten auskommt und seine Botschaft mit einer Sorte bitterem Humor vermittelt, der viel mehr zu Herzen geht als sentimentale Betroffenheitsübungen.

Die Heldin des Romans, eine obdachlose Stadtstreicherin, hatte einmal sehr viel bessere Tage, ist aber durch ihren einstigen Lover, einen kaltherzigen City-Banker, mit perfider Berechnung erst persönlich gebrochen und dann sozial erledigt worden. Diesen Absturz nimmt sie fatalistisch an und zieht als Bettlerin durch London, unförmig, scheinbar entweiblicht, einerseits am Ende, andererseits von allen Konventionen befreit. Begleitet wird sie von Elektra, einer ausgemusterten Greyhound-Windhündin, der ihre ganze Liebe und Zuwendung gehört und die gewissermaßen zu ihrem animalischen Alter Ego oder Pendant wurde, ist das Tier nach seiner Renn-Karriere doch ebenfalls entwertet worden und der Giftspritze gerade so entronnen. Und ebenso wie sein Frauchen keine Kämpferin, sondern ein verschreckt verzagtes Wesen. Wenn die Stadtstreicherin mit ihrer Hündin-Freundin spricht – und vor allem die ihr verständig oder mit argwöhnischem Blick auf den permanenten Rotweinkonsum mahnend mit menschlicher Stimme antwortet –, dann wirkt das überhaupt nicht phantasiert, sondern in der Dauergemeinschaft der beiden natürlich. Dialoge der Symbiose zweier Verlorener, die sich helfen durchzukommen. Und wir wissen ja, wie menschlich Hunde blicken – oft im Gegensatz zu Menschen.

Plötzlich aber begegnet die „Pennerin“ ihrem Ex, in dem sie das personifiziert Böse ausmacht. Er erkennt sie nicht, sie aber folgt ihm und wird in den Strudel eines Gewaltverbrechens gezogen.

Bei der „Aufklärung“ des Falles sind Frau und Hund bald nicht mehr allein. Zu den beiden gesellt sich Transvestit, der von seiner Metamorphose ins – wörtlich – schöne Geschlecht träumt und auf diesem Weg sehr erotisch voranstöckelt. Die drei bestehen die Abenteuer – oder vielmehr die Katastrophen – gemeinsam. Mit viel Klamauk, nicht weniger Pech und allerlei Zerwürfnissen. Und sicher, das ist spannend, vor allem aber eine Geschichte von Elend und Entwürdigung, nur eben bittersüß vom Witz, den Liza Cody so meisterhaft beherrscht wie ihre Schilderungen der Obdachlosennot so berückend echt wirken, dass man Dreck und Kälte physisch wahrzunehmen meint.

Tierliebe statt Menschenliebe. Rotwein-Alkoholismus als letzte Wärme, in die sich die Seele einer Ausgestoßenen wenigstens kurzfristig wie in einen verschlissenen Mantel hüllen kann: „Algerischer Rote ist gut gegen alles, was mich plagt, es sei denn das, was mich plagt, ist algerischer Roter. (…) Ich betrachtete die Weinflasche am Boden neben der Matratze. Sie war leer. Ich konnte mich also nicht mal ins Koma saufen und erst wieder aufwachen, wenn ich tot war.“ Ob so deftig oder gefühlvoll – es finden sich eine Menge dieser beredt pointierter Sätze, meisterhaft, offenbar ohne Schwund übersetzt, sogar lautmalerisch stimmig.

Die Art, wie die Armen und Ausgegrenzten durch die Mächtigen, Starken und Ignoranten herumgeschubst und diskriminiert werden, das hat etwas von einem Woyzzeck-Schicksal und ist dabei sicher nicht übertrieben. Die „Penner“ habe es nun mal mit einer überheblichen Mehrheitsgesellschaft zu tun, die es genießt, über dem Elend zu stehen und jene, die darin versinken, noch die Schuld am harten Schicksal zuschreiben. Nichts erhöht den Reichen so wie der Blick auf die Elenden.

Dass die, obwohl auf ihre Art Selbsthilfe notgedrungen clever, gegenüber den Saturierten und deren Wohlstandsselbstgefälligkeit oft genug die moralischeren und überhaupt sie stärkeren Charaktere sind, wird hier sehr glaubwürdig illustriert, jedoch ganz und gar ohne Mitleidstour oder Anbiederei an die Schwachen. Wir lesen eine Art Road-Movie, das uns durch London führt, eine tragikomische Gaunerkomödie, eine reiche Milieustudie von unten. Nebenher einen Krimi, in dem das Gute beinahe siegt. Es hätte es mal verdient, denken wir, mindestens in der Literatur.
Uli Schandalik zu »Liza Cody: Lady Bag« 19.11.2014
Spannend, tieftraurig, berührend. Liza Cody gewährt Einblicke in die Welt einer Lady Bag. Die fatale Liebe zu einem Mann, echte und falsche Freunde, Mißhandlung, Mord, ein Hund, ein Teufel, Rotwein. Abgründe tun sich auf. Ein fesselndes Buch, von der ersten bis zur letzten Seite. Am liebsten würde man die obdachlose Protagonistin dieses Romans vor sich selbst schützenErwähnenswert auch die im Anhang angeführten links zun Thema Obdachlosigkeit.
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