Der Assistent der Sterne von Linus Reichlin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Der Assistent der Sterne, bei Galiani Berlin bei Kiepenheuer & Witsch.

  • Berlin: Galiani Berlin bei Kiepenheuer & Witsch, 2009 unter dem Titel Der Assistent der Sterne. ISBN: 978-3869710037. 320 Seiten.

'Der Assistent der Sterne' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Es gibt kein Schicksal.

Aber du kannst ihm nicht entrinnen. In seinem zweiten Buch sprengt der Krimipreisträger 2009 erneut die Genre-Grenzen! Hannes Jensen, ehemaliger Inspecteur der Polizei von Brügge, hat einen fatalen Fehler gemacht: Während eines Seminars in Island schläft er mit einer Frau, die er kaum kennt. Als er nach Brügge zurückkehrt, zu Annick, die er liebt, trägt er am Hals noch die Spuren jener Nacht in Island: Die Frau hat ihn gebissen, und dieser Liebesbiss entzündet sich. Jensen versucht, ihn mit einem Kaschmirschal zu verdecken. Annick den Fehltritt zu gestehen, hält er für schädlich: Es würde nur ihre Beziehung gefährden, die ohnehin auf wackligen Füßen steht. Außerdem hat Annick im Augenblick andere Probleme, in die sie Jensen nach seiner Rückkehr einweiht: Ihrer besten Freundin geht es nicht gut. Ein Féticheur, ein afrikanischer Wahrsager, hat ihr prophezeit, dass ihre einzige Tochter von einem Mann getötet werden wird, der ein Mal am Hals trägt. Jensen, als leidenschaftlicher Hobby-Physiker, glaubt nicht ans Schicksal. Seiner Meinung nach ist das Leben eine Abfolge von Zufällen, nichts ist vorbestimmt. Aber die Ereignisse der nächsten Tage lassen ihn an seinem Weltbild zweifeln. Es scheint, als bekomme der Féticheur mit seiner Prophezeiung recht. Je mehr sich Jensen gegen die schicksalhaften Verstrickungen wehrt, in die er gerät, desto weniger kann er ihnen entfliehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wolfsmomente« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Dass der Mensch vom Schicksal getrieben wird, mag nicht jedermanns Sache sein. Vor allem wenn er auf Naturgesetze vertraut. Einem Mann wie Hannes Jensen – ehemaliger Inspecteur der Polizei in Brügge, der seinen Beruf aufgegeben hat, um sich als Laie der Physik zu widmen – liegt nichts ferner, als in die Sterne zu schauen, die Zukunft zu deuten oder sich einem afrikanischen Wahrsager und seinem Fetisch anzuvertrauen. Jensen hat seine schwangere Frau Margarete nach einem Wespenstich verloren und strengt sich an, im Leben verhaftet zu bleiben, indem er auf eine zweite Chance hofft.

 Der Alltag mit der blinden Annick, deren Haut rote Pusteln bekommt, wenn sie herausfindet, dass sie belogen wird, ist voller Verunsicherung. Auch sie ist schwanger von ihm, weiß aber nicht, ob sie ihn liebt, mit ihm leben will. Jensen bricht nach Island auf, um an einem Physikseminar teilzunehmen, verbringt einen One Night Stand mit der mysteriösen Frau und sieht sich gezwungen, Annick nach der Rückkehr zu belügen. Von da an hat er alle Hände voll damit zu tun, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

 Linus Reichlins Einstieg in die Geschichte ist voller skurriler Gestalten und absurder Momente.

 Für Die Sehnsucht der Atome hat der Autor den Deutschen Krimipreis 2009 bekommen. Der ehemalige Werbetexter und Journalist reüssiert auch mit Der Assistent der Sterne, indem er weiterhin auf die Verwebung von physikalischer Erklärung, philosophischer Betrachtung und den Unwegsamkeiten eines Kriminalfalles setzt.

 Nur eines ist gewiss: Die Vergangenheit

 Ein filigranes Spiel um Leidenschaft im Alter, Sehnsucht nach einer Familie, um Lügen und ihre Fassaden entspinnt sich. Wäre da nicht das Fremde, das Unvorhergesehene, wäre da nicht Lulambo und sein Fetisch. Der selbst ernannte Wahrsager prophezeit ausgerechnet der Haushälterin von Hannes Jensens Freundin Annick, dass ihre Tochter sterben, und Jensen selbst, dass er sie umbringen wird.

 Was folgt, ist eine überdrehte, in manchen Passagen burleske Jagd danach, das Unausweichliche aufzuhalten. Jensen trägt nach einem Biss seines One Night Stands ein Mal am Hals. Es juckt, es brandmarkt ihn als Unheilsbringer. Jensen stemmt sich dagegen, teils aus schlechtem Gewissen, teils weil er auf Seiten der Physik steht. Ein ehemaliger Polizist darf schließlich nur an das glauben, was sich auch beweisen lässt.

 Reichlin richtet eine äußerst amüsante, nie vorhersehbare Melange aus den Rachegefühlen einer Einzelnen, den Schuldgefühlen eines Vaters, dem Beschützerinstinkt eines Ehemannes und der Eifersucht eines alternden Beaus an, bei der selbst die Randfiguren wie Lulumba und dessen Hang zu Ghanas Nationalmannschaft den Plot bereichern.

 Wie Muscheln in einer Kette

 Hätten alle im Roman auftretenden Figuren an einem Punkt in ihrem Leben eine andere Entscheidung getroffen, wäre das Desaster womöglich nie eingetreten. Reichlin behauptet: es wäre nur anders geschehen. Der sogenannte Wolfsmoment übernimmt die Regie – der »Moment, in dem die Ereignisse eine schlechte Wendung genommen hatten«, spielt alle Varianten durch, bis er in einer Tragödie endet.

 Wenn der Ziegel nicht vom Dach gefallen, die Ampel nicht ausgeschaltet, wenn man einer bestimmten Person nicht begegnet wäre. Wie einfach wäre das Leben. »Eine haarfeine Linie zwischen Leben und Tod«, »eine grausame Beliebigkeit« nennt Reichlin das.

 Gute Krimiautoren tanzen diese Linie entlang, brechen sie ironisch. Dass das Schicksal feststeht, empfindet Jensen als Beleidigung für den Kosmos, und doch findet der Autor eine fulminante Schlusspointe für den Roman.

 Reichlin springt milde mit der Welt um. Es tauchen keine Bestien darin auf. Sein Dasein ist ein komödiantisches Kabinett menschlicher Verfehlungen inmitten physikalischer Ungereimtheiten oder besser gesagt: vieler ungelöster Fragen.

Wolfgang Franßen, Februar 2010

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