Gottes Mühlen von Lilo Beil

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 bei Conte.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 1 der Friedrich-Gontard-Serie.

  • Saarbrücken: Conte, 2007. ISBN: 978-3936950496. 181 Seiten.

'Gottes Mühlen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Friedrich Gontard, jung, gut aussehend, mit melancholischem Blick, ist Kriminalkommissar und wird mit der Aufklärung eines Kindsmordes in der südpfälzischen Provinz beauftragt. Es ist das Jahr 1957. Der immer noch vom Krieg traumatisierte Gontard taucht in Pfaffenbronn ein in einen Mikrokosmos, der wie in einer Zeitreise zehn Jahre zurückzuliegen scheint. Dem jungen Mann aus bildungsbürgerlichem Frankfurter Haus ist hier alles nicht frei und offen genug. Die Stimmung im Dorf braut sich zusammen. Des Mordes verdächtigt wird der Außenseiter Otto Straub.

Das meint Krimi-Couch.de: » …mahlen langsam, aber gerecht« 32°

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

»Der Wald rückte immer näher. Schritt für Schritt fühlte sie sich freier, unbeschwert. Das Dorf lag weit hinter ihr. Fast widerwillig drehte sie sich um. Durch den herbstlichen Dunst stach eine milchige Nachmittagssonne und ließ die Silhouette der Häuser ein wenig zittern. Der spitze Kirchturm ragte frech aus dem sonnendurchfluteten Nebelfeld. Das Dorf auf dem Hügel schien zu schweben.
Wie ein Traumbild, dachte Erna Kowalski, und eigentlich wunderschön.«

Da schwebt mit dem 1. Absatz eine »Amateurin« auf einem prosaischen Level von Siegfried Lenz und Erwin Strittmatter, und es gelingt ihr mit ganz zarten Adjektiven, bereits im ersten Absatz eine großartige Stimmung und Gefühlswelt aufzubauen.

Die Autorin heißt Lilo Beil – ein Nachname, der zur Krimischriftstellerei (vgl. Karin Slaughter, allerdings als Pseudonym!!) geradezu prädestiniert zu seien scheint! Aber Lilo B. ist eine leise, atmosphärische, fernab vom Blut triefenden Thrill.

Die Autorin ist in der glücklichen Lage, als verbeamtete (?) Lehrerin – Hauptfächer vermutlich Deutsch, Geschichte oder Geografie – d. h. aus finanziell (und auch zeitlich!) abgesicherter Position en passe’ noch Bücher schreiben zu können. Und die hält der Saarbrücker Conte-Verlag für würdig, um veröffentlicht zu werden! Das wiederum sicherlich nicht nur zum Glück für die rheinländische Leserschaft.

Mit »Gottes Mühlen« liefert uns Lilo Beil einen so genannten Regionalkrimi ab, der im südpfälzischen nahe der französischen Grenze spielt.

Hier ticken die Uhren zwölf Jahre nach endgültigem Schlussstrich zum Tausendjährigen Reich noch etwas behäbiger.

Erna Kowalski ist eine Vertriebene, eine ostpreußische Flüchtlingsfrau, mittlerweile im fünften Lebensjahrzehnt. Im Winter 1944 musste sie mit den Kindern und dem Großvater die vertraute masurische Heimat verlassen.
Gestrandet ist sie letztendlich allein in Pfaffenbronn, wo sie seit sieben Jahren lebt und sich immer noch nicht heimisch fühlt.


Lilo Beil entführt uns ins herbstliche pfälzische Ländle Mitte der fünfziger Jahre, wo die Zeit wenig verändert hat am traditionellen Tagesablauf der einheimischen Weinbauern, die konzentriert mitten in der Vorbereitung für eine gute Weinernte stehen. Aber diese ländliche Idylle wird plötzlich und unerwartet durch schlimme Dinge durcheinander gewirbelt.


Erna Kowalski und der Beginn des Rufmordes

Beim Pilze sammeln entdeckt Erna Kowalski per Zufall die Leiche der erdrosselten zwölfjährigen Evi von Sutterer.

Schnell ist von den tratschenden Bäuerinnen ein Hauptverdächtiger ausgemacht: Der alte Eigenbrötler Otto Straub, 45 Jahre alt und Knecht beim reichsten Bauern im Ort. Straub ist ein »Wackes«, ein zu gezogener Elsässer, also ein »Ausländer«, Bücherleser und Vogelforscher noch dazu. Er wurde mit Evi und ihrer Freundin, der Pfarrerstochter Ruth Aichner häufig von der heimischen Dorfbevölkerung gemeinsam gesichtet bei irgendwelchen (garantiert scheinheiligen!) Naturbeobachtungen in den Wäldern und Feldern rund um Pfaffenbronn. Für die Klatschbasen im Dorf ist der Fall sonnenklar: fiese Verführung mit Kindesmissbrauch und anschließender Ermordung des armen Mädchens, basta!

Kriminalkommissar Friedrich Gontard wird von seinem vorgesetzten Chef Göttmann, der sein forsches Auftreten in der damaligen Waffen-SS mit Erfolg in den bundesdeutschen Kriminaldienst gerettet hat, zur Klärung des Falles abgestellt. Gontard selbst ist von seinen schlimmen Erlebnissen innerhalb der Wehrmacht psychisch immer noch geschädigt. Aus gutbürgerlichem Hause kommend haben seine belesenen Eltern ihm in Bewunderung des großen Dichters Hölderlin dessen Vornamen gegeben. Als gut aussehender Mittdreißiger hat er es nicht leicht bei der Klärung des Falles, denn Frankfurt liegt rechts des Rheines und denen trauen die Pfaffenbronnern ohnehin nicht viel zu.

Bevor Gontard so richtig seine Koffer auspacken kann, nimmt die Hetzkampagne ihren unausweichlichen Lauf.
Die Folge ist erschütternd, denn Otto Straub, der zugezogene Elsässer, der nicht hier her Gehörende, wird erhängt aufgefunden. Handschriftlich bekennt er seine Schuld.

Schon schnell stellt Gontard bei seinen Ermittlungen fest, dass Evi keines Sexualmordes zum Opfer fiel, das Bekennerschreiben des erhängten Otto Straub von fremder Hand geschrieben wurde und dieser bereits vor der Strangulation tot war.
Aber wer hat das Mädchen umgebracht, und wem fiel Otto Straub zum Opfer? Und woher hatte der Knecht das viele Geld, um sich die teuren Bücher über Vogelkunde leisten zu können? Existiert ein verborgener Zusammenhang zwischen beiden Mordtaten?

Kriminalkommissar Friedrich Gontard entlockt Ruth das Geständnis, von ihrer Freundin Evi am Tage ihrer Ermordung ein Geheimnis überreicht bekommen zu haben, ein aus Straubs Album heraus gerissenes Foto mit vier Personen, aufgenommen in einem nahe gelegenen Konzentrationslager, indem der Erhängte offenbar selbst als Häftling gefangen gehalten wurde. Wer waren die vier Personen, »das freundliche Struthof-Personal« auf dem Foto aus dem Jahre 1943? Ist das der Schlüssel zur Klärung des Falles?


Starke Stärken, zu viele Schwächen

Lilo Beil führt den aufmerksamen Leser mehrfach in die Irre, indem sie innerhalb der fortlaufenden Rahmenhandlung auf Indizien hinweist, die förmlich zu vorzeitigen Schlussfolgerungen verführen und sich dann doch als falsch erweisen.
»Gottes Mühlen« ist im Grunde ein whodonit, und Pfaffenbronn ist nicht viel größer als die Handlungsspielräume bei A. Christie oder J.D. Carr. Das hält den Fall für die Leserschaft übersichtlich beieinander.

Gottes Mühlen» ist beileibe kein Thrill. Es ist vielmehr deutsche Sprachkultur und Atmosphäre, bodenständige Literatur vom Feinsten. Die «bäurischen Hinterwäldler» und neureichen Pfaffenbronner werden zwar schön skurril und bildhaft dargestellt, aber der oben zitierte sprachlich schöne Einstiegslevel kann leider nicht beibehalten werden.

Ebenso baut sich der Spannungsbogen nur schwerlich auf. Es plätschert Vieles sprachlich schön dahin, ohne kriminell so richtig zu begeistern oder gar vom Hocker zu hauen. Es fehlt trotz der drei unnatürlichen Todesfälle ganz einfach der böse Biss.

Die Mystik und Aufklärung um das Foto mit den vier Personen vom Struthof wirkt sehr unrealistisch aufgesetzt und es braucht schon eine gehörige Portion Phantasie, um den Plot als glaubwürdig und nachvollziehbar zu akzeptieren.


Auch ist es – zu mindestens für «Ossis» nur schwer nachvollziehbar, dass in diesem Regionalkrimi, der zeitlich 1957 angesiedelt ist, so erstaunlich viele Personen in bedeutender Stellung und Reputation den nationalsozialistischen Idealen nachhängen, ja, sie weiterhin unter dem Deckmäntelchen der Halboffensichtlichkeit vertreten!

Vieles aus der Historie gewachsenes ist für den Leser fernab des Saarlandes nur schwerlich nachvollziehbar. Immer wieder nachgepiekt wird in den kleine aber feinen Unterschieden, Gemeinsam- und Widersprüchlichkeiten der links und rechts des Stromes lebenden Rheinländer, der deutschen Pfälzer und französischen Elsässer und deren Befindlichkeiten.
Das strengt an und wird auf Dauer ebenso nervend wie die hartnäckigen Rückblicke in die letzten Kriegsjahre mit all’ ihren grausamen Verbrechen und den ständigen Hinweisen auf die daraus resultierenden psychisch Entwurzelten, die in dieser Generation hinterlassen wurden.

Dennoch muss man dem Conte-Verlag Saarbrücken und seinen Autoren anerkennend sagen, mit solchen Veröffentlichungen (vgl. J. Amila: «Mitleid mit den Ratten") dem aus historischer Sicht brisanten deutsch-französische Grenzland immer wieder eine interessante literarische Plattform zu bieten und so diese konfliktreiche Gegend auf Dauer zu verewigen.

Bernd Neumann, August 2007

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Lilo Beil, Autorin zu »Lilo Beil: Gottes Mühlen« 04.10.2007
Lieber Herr Neumann, es lässt mir keine Ruhe: warum stecken Sie nach all den lobenden Worten(Stil wie Strittmater...ich habe übrigens nie eine Zeile von dem Mann gelesen, dies sei deutlich gesagt!) meinen Roman ( ich sage absichtlich nicht Krimi) in die Blindgängerschublade. Das ist heftig. Wie schon einmal gesagt: ich stehe zu jeder Zeile, die "ablenkt vom Plot", denn, wie viele Leser mir sagten sie sind das SALZ IN DER SUPPE. Zum Beispiel der Junge, der im Westwallbunker von einer Mine (einem BLINDGÄNGER) zerfetzt wurde, das war ein Klassenkamerad. Jede kleine Episode hat ihre Bedeutung, ist leitmotivisch erklärbar, aber, ich verstehe, für den nicht wichtig, der das Reißerische sucht. Ich stehe zu den Anekdoten, die der Pfarrer (Lothar Aichner ist eigentlich mein schon vor 23 Jahren verstorbener Vater)erzählt, ich stehe zu den Feinheiten über die Unterschiede Protestanten-Katholiken, das WAR damals so, ich habe es erlebt und mit wachen Kinderaugen beobachtet, denn die RUTH bin ja ich, die Träumerin, die mehr weiß, als alle denken. Lilo Beil, Autorin von GOTTES MÜHLEN, Verlag Conte.
Lilo Beil Autorin Gottes Mühle zu »Lilo Beil: Gottes Mühlen« 03.10.2007
Hier noch einmal die Autorin: besuchen Sie doch einfach mal Pfaffenbronn, äääh, Winden bei Landau in der Pfalz, da finden Sie immer noch, wie in den 50er Jahren, das nachtwächterhäuschen, das historische rathaus, KEINE Apotheke (anders als in meinem PFAFFENBRONN aus GOTTES MÜHLEN), dafür aber die schnuckeligen Fachwerkhäuser, vor denen man Obst und Wein und tolle Sachen kaufen kann.Aber erwarten Sie keinen Mord, den habe ich frech erfunden(bzw.die Morde). Mein Buch ist übrigens weniger ein Regionalkrimi im üblichen Sinne (Schwemme ...!!!), sondern ein Zeitgemälde, wie auch mein Gontard II wieder ein Zeitgemälde wird. Bleiben Sie mir weg mit zerstückelten Leichen, wie langweilig... da gibt es andere Spannungen.. und meine Bücher schreibe ich nicht wegen einer Mode, sondern primär FÜR MICH, und ich freue mich, wenn mein "Brief an den Leser" ankommt, nix anderes sind Bücher. Mein nächster Krimi spielt garantiert nicht in der Südpfalz, obwohl diese Gegend meine Herzensgegend ist, da hab ich gewohnt, bis ich 19 war, dann ging es ab in die Stadt...das war`s. Lilo Beil, Autorin von Gottes Mühlen und anderen Büchern, nicht alle Krimibücher, denn ich möchte mich nicht festlegen lassen. Von keinem Menschen.
Lilo Beil Autorin zu »Lilo Beil: Gottes Mühlen« 02.10.2007
hallo,hallo, hier nochmal die Autorin selbst zur Kritik von Bernd Neumann: mein Buch GOTTES MÜHLEN, lange in der Schublade vor sich hinschimmelnd, warum auch immer, vielleicht war die Zeit nicht reif für das Thema, was weiß ich, alles hat seine Zeit, ist wirklich gänzlich aus mir heraus und meiner Biografie heraus geschrieben. Die 50er Jahre Atmosphäre in der Südpfalz war so, exakt, das hat sich in Bildern so festgeschrieben in Kopf und vor allem Herz und Seele. Die Pfarrfamilie ist MEINE FAMILIE, eine Liebeserklärung an meine Eltern und meine Schwester. Die RUTH bin ich, so eine Träumerin halt, deren Freundin abgemurkst wird. Die Handlung freilich ist völig aus meiner Fantasie entstanden! Ich halte nix von Archiven. Ich habe selbst genug Fantasie. Und was die Altnazis betrifft, die gab es, lieber Herr Neumann, damals, und die gibt es immmer noch.. in alter und neuer Form. Mein nächstes Buch wird wieder- zeitlich und räumlich woanders, aber auch wieder in meiner Biografie verankert sein. Wenn man 60 ist und eine (schmunzel, schmunzel, klingt nach Neid..) abgesicherte Beamtin, hat man schon alles mögliche erlebt. Übrigens, mit einem halben Deputat ist auch eine Oberstudienrätin, die 35 Dienstjahre absolviert hat, nicht "finanziell abgesichert"..soviel zu den Vorurteilen über Lehrkörper... Ihre Lilo Beil

Eines noch: in HEUTE KEIN SPAZIERGANG 2002 rausgekommen, leider bei keinem engagierten Verlag, habe ich rabenschwarze und satirische Krimigeschichten geschrieben, die man einer ehemaligen Pfarrerstochter auch nicht zutraut. Aber es soll ja einige schreibende Pfarrerstöchter gegeben haben; und die englischen haben mein herz schon lange erobert: Ich lese übrigens keine deutschen krimis; nur englische; zum Beispiel Ruth Rendell UND nicht minette walters und nicht Elizabeth George. Und Geografie war mein verhasstestes Fach, Herr Neumann (schmunzel).
Lilo Beil Autorin zu »Lilo Beil: Gottes Mühlen« 27.09.2007
Antwort an bernd Neumann auf die Rezension meines buches, heute erst gelesen(die Rezension natürlich): das "Nervende" kommt daher, dass die Erlebnisse zum Teil wirklich Puzzleteile aus meinem leben sind, ich bin 60 Jahre alt und habe die Atmosphäre ganz authentisch so erlebt..die stzory natürlich frei erfunden... ich bin übrigens Lehrerin für Englisch und Französisch, und Oberstudienrätin seit 1980, seit ich 33 Jahre alt bin, und tarsächlich Amateurin. Ich werde in wenigen Monaten pensioniert. Schreiben tu ich ganz aus mir heraus, keine Archive, keine "Vorbilder", nur mein kopf und mein Herz. Liebe Grüße Lilo beil
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