Schweigende Sünde von Lieneke Dijkzeul

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel De stille zonde, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Niederlande, 1990 - 2009.
Folge 1 der Paul-Vegter-Serie.

  • Amsterdam: Anthos, 2006 unter dem Titel De stille zonde. ISBN: 978-9041410771. 263 Seiten.
  • München: dtv, 2012. Übersetzt von Christiane Burkhardt. ISBN: 978-3423213561. 304 Seiten.

'Schweigende Sünde' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Bei einem Klassentreffen wird der Lehrer Eric Janson auf der Schultoilette erschlagen. Nach Befragung der zahlreichen Teilnehmer des Treffens, Ex-Schüler wie Lehrer, können sich Kommissar Vegter und seine Kollegen allmählich ein Bild von dem Toten machen: Er war zwar fachlich kompetent, jedoch anmaßend und eitel, stellte Schüler und Kollegen gern bloß. Grund genug, ihn umzubringen? – Auch Eva Stotijn war bei dem Klassentreffen. Ihr hatte Janson als Schülerin Schreckliches angetan. Als ihr einstiger Mitschüler David, dem Eva auf dem Klassentreffen wiederbegegnet ist, davon Wind bekommt, setzt er sie immer mehr unter Druck und behauptet, er habe gesehen, wie sie Janson erschlug.

Das meint Krimi-Couch.de: »Recht oder Gerechtigkeit?« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Nach dem Überraschungs- und Achtungserfolg von Vor dem Regen kommt der Tod in der dtv-Premium-Reihe schickt der Verlag nachträglich Lieneke Dijkzeuls Krimidebüt Schweigende Sünde aus dem Jahre 2006 ins Rennen. Während bei Vor dem Regen kommt der Tod eindeutig der Thrillercharakter dominierte, wurzelt Schweigende Sünde stärker im traditionellen Kriminalroman und Thrillerelemente fügen sich erst später (zu spät) ein. Die Stärken der Autorin liegen im Thrillerbereich, was sie in eindrücklich bewiesen hat. Das Kleinklein der Polizeiarbeit, das beiden Romanen als Gerüst dient, schildert Dijkzeul ziemlich unspektakulär, wie es wohl auch der Realität nahekommt, aber für einen Krimi entsteht da zu wenig Spannung. Die Ermittler sind in beiden Romanen die selben. Hier in Schweigende Sünde werden Inspektor Paul Vegter und sein Team vorgestellt. Schon sehr früh kristallisiert sich heraus, dass neben dem »Chef« seine selbstbewusste Assistentin Renée Pettersen eine herausragende Rolle spielen wird.

Der Roman spielt in einer niederländischen Großstadt. Man kann vermuten, dass es sich dabei um Amsterdam handelt. Lieneke Dijkzeul verzichtet gänzlich auf das nervtötende »Street-Dropping«, mit dem werte Kollegen ganze Bücher füllen. Die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche und das ist vordergründig erst einmal der Kriminalfall.

Bei einem Klassentreffen – es scheint sich wohl eher um das Treffen ganzer Jahrgangsstufen zu handeln, denn es sind über 400 ehemalige Schüler anwesend – wird der allseits unbeliebte Lehrer Per Janson tot in der Herrentoilette gefunden. Unfall, Totschlag oder Mord? – das ist die erste Frage, die die Ermittler beantworten müssen. Eine weitaus größere Herausforderung wird es sein, die über 400 Personen zu befragen, die sowohl Zeugen, als auch Täter sein können. Spuren, Hinweise, auch sich widersprechende, gibt es reichlich; es war ja auch ein recht turbulenter Abend. Aber nicht nur die Schüler stehen unter Verdacht, auch im Lehrerkollegium hat Janson einigen auf die Füße getreten. Bei den Recherchen zum familiären Hintergrund des Opfers treffen Vegter & Co auch noch auf ziemlich erzürnte Ex-Gattinnen. Anstatt dass der Kreis der Verdächtigen sich verkleinert, kommen immer weitere hinzu. Die Morduntersuchungen ziehen sich über Wochen und Monate. Eine gewisse Lethargie hat sich in der Mordkommission breitgemacht, die auch den Leser nicht unberührt lässt. Wäre da nicht …

Parallel zu den laufenden Ermittlungen stellt die Autorin einige Verdächtige vor. Der selbstsüchtige David, der sofort Reißaus nimmt, als er erfährt, dass seine Lebensgefährtin schwanger ist, und sich stante pede an eine andere heranmacht. Irene und Eva, Schulfreundinnen von einst, die sich aus den Augen verloren haben. Die eine glücklich verheiratet mit einem Stall von Blagen, die andere alleinerziehend mit vielen Problemen. Der Rektor der Schule, seine Frau, eine Lehrerin, die Ex-Ehefrauen. Aus den Blickwinkeln aller nähern wir uns dem Opfer und mögliche Motive, ihn umzubringen, kristallisieren sich heraus. Hinter der Fassade von Strenge und Pedanterie tun sich wahre Abgründe auf. In dieser Gemengelage steckt das Spannungspotenzial von Dijkzeuls Geschichte und es offenbart sich ganz anders, als man es erwartet.

Anders als üblich ist auch das Ende der Geschichte. Der Leser darf/muss sich entscheiden, ob er mit dieser Lösung leben kann oder nicht. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Der Inspektor scheint es akzeptieren zu können:

Und plötzlich war er da, dieser Inspektor Vegter und alles, was in seinen Augen zu sehen war,waren Mitleid und Verständnis. [kleine grammatikalische Änderung durch den Rezensenten]

Mit Inspektor Paul Vegter hat Lieneke Dijkzeul einen sympathischen Serienheld am Start. Er erfüllt zwar fast jedes Klischee des einsamen Wolfes – verwitwet mit vielen Erinnerungen an seine Frau, allein lebend mit Zimmerlinde und Katze, Liebhaber klassischer Musik und philosophischer Literatur, etwas verliebt in seine junge Assistentin, aber klug genug, diesen Gefühlen nicht nachzugeben – doch strahlt er eine Form von Altersweisheit aus, die ihn über die sattsam bekannten »hardboiled detectives« erhebt. Es ist positiv zu vermerken, dass Lieneke Dijkzeul auf eine Liebesbeziehung zwischen ihm und der flotten Renée Pettersen verzichtet. Die Konstellation, älterer Ermittler und junge Frau im Tatumfeld verlieben sich, ist mittlerweile so abgedroschen, dass man glaubt, ihr in jedem zweiten Krimi zu begegnen. Gut gemacht, Mevrouw Dijkzeul.

Weniger gut ist allerdings die doch ziemlich lange Durststrecke, die man überstehen muss, bis die Handlung Fahrt aufnimmt. Die Autorin hat ihre Figuren gut positioniert und es sind auch einige interessante Charaktere dabei, doch mangelt es schlicht an Interaktionen. Das mag der Notwendigkeit geschuldet sein, in der ersten Folge einer Reihe ausführlicher auf die Lebensumstände des Stammpersonals einzugehen, was sich in diesem Fall als echter Bremsklotz erweist, besonders wenn man das temporeiche Vor dem Regen kommt der Tod zum Vergleich heranzieht.

Schweigende Sünde ist trotzdem ein guter Serienauftakt und Lieneke Dijkzeul zeigt schon hier ansatzweise, was ihr später noch viel besser gelingt, die Kombination von Kriminalroman und Psychodrama. Gerade bei letzterem beweist sie viel Einfühlungsvermögen. Die Autorin setzt nicht auf überzogene Theatralik oder konstruierte, lebensfremde Krisen, sondern auf fast alltäglich anmutende Situationen, in die ein jeder von uns hineinschlittern könnte.

Jürgen Priester, Mai 2012

Ihre Meinung zu »Lieneke Dijkzeul: Schweigende Sünde«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Torsten zu »Lieneke Dijkzeul: Schweigende Sünde« 06.06.2014
Ich bin nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht verärgert - auch weil das wieder einmal ein Buch ist bei dem man sich als Leser vom Klappentext verschaukelt vorkommen muss.
"Ihr hatte Janson als Schülerin Schreckliches angetan" - kann das wirklich derart simpel, derart vorhersehbar sein? Leider ist es das.
Dass David sein Wissen darüber ausnutzt, bzw. davon Wind bekommt ist auch noch schlicht falsch, denn er setzt Eva aus ganz anderen Gründen unter Druck - womit er das tut hat die KC in den obigen Klappentext hineingeschrieben, im tatsächlichen wird immerhin das nicht erwähnt. Dies geschieht nach quälend langweiligen 245 von 334 Seiten - und damit ist innerhalb eines Absatzes die ganze Luft 'raus, wenn denn überhaupt ein wenig drin war. Denn auch bis dahin war das weder spannend noch interessant. Das ist mehr als eine lange Durststrecke und dass die Handlung danach "Fahrt aufnimmt" kann man nun wahrlich nicht behaupten.
Nachdem also durch Davids "unter Druck setzen" der letzte Rest Spannung weg war, blieb ja auf den letzten 80 Seiten nur die Möglichkeit die Geschehnisse der Vergangenheit aufzuklären und so etwas wie die Beweggründe aufzuzeigen. Aber wie eingangs erwähnt - das ist derart simpel, vorhersehbar und klischeehaft ohne jede Überraschung, dass es wirklich ärgerlich ist.
Ich fand auch die Figuren wenig gut geschildert, vor allem die auch hier gelobten "psychologischen Betrachtungen" besonders von Vegter schlicht zu stereotyp. Und das dieser Vegter sympathisch sein soll muss ich für mich zumindest ausdrücklich verneinen - wie er mit dem armen Kater umgeht gibt für mich alleine schon nochmal 10 Grad Abzug für diesen eher kalten als lauwarmen Krimi.
hajoderichs zu »Lieneke Dijkzeul: Schweigende Sünde« 20.05.2013
Für mich ist Lieneke Dijkzeul eine echte Entdeckung. Nach einem meiner Lieblingsautoren Felix Thijssen endlich mal wieder was aus den Niederlanden!
Mich wundert nur, dass der Verlag einen Roman aus der Vegter-Serie offenbar überschlagen hat. So bleiben die kleinen Anspielungen im dritten Roman etwas in der Luft hängen, aber das ist das ist nicht das erste Mal, dass ich Verlagspolitik etwas rätselhaft finde.
Mezzebill zu »Lieneke Dijkzeul: Schweigende Sünde« 10.02.2013
Schon öfter fiel mir auf, dass Rezensenten beanstanden, wenn es nur langsam zur Sache geht ... oder wie Herr Priester oben schreibt, es an Interaktionen fehlt. Vielleicht liegt es daran, dass sie viel und schnell lesen müssen ... denn das ist ja ihr Beruf. Ich wiederum bin Leserin und jage nicht gerne wie von Furien gehetzt durch ein Buch. Insofern finde ich "Schweigende Sünde" ein höchst gelungenes Buch. Es wird auch ohne Geschwindigkeit Spannung aufgebaut ... und das Ende finde ich hervorragend. Der Gerechtigkeit ist genüge getan - das offizielle Recht ist biegsam und nicht immer gerecht.
Umarie zu »Lieneke Dijkzeul: Schweigende Sünde« 03.05.2012
Nein wirklich, diese niederländische Autorin hat mir keinen lauwarmen Krimi angeboten wie z.Zt. 3 Leser meinen.
Für mich ist sie eine Neuentdeckung und trifft genau meinen Geschmack. Eine Rahmenhandlung wie sie jeder von kennt. Dazu eine sehr geschickt aufgebaute Spannung, sensible psychologische Betrachtung der Protagonisten und sprachlich ein sehr schöner Stil.
Genau diese Vorzüge habe ich auch bei ihrem zweiten Krimi angetroffen "Vor dem Regen kommt der Tod".
Ich freue mich sehr auf mehr
Ihr Kommentar zu Schweigende Sünde

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: