Kein böser Traum von Harlan Coben

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Just one look, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Goldmann.

  • New York: Dutton, 2004 unter dem Titel Just one look. 370 Seiten.
  • München: Goldmann, 2006. Übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel. ISBN: 978-3-442-46084-7. 416 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-442-46084-0, 416 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Englischen von Christine Frauendorf-Mössel

Scott Duncan saß dem Killer Auge in Auge gegenüber. In dem fensterlosen, gewitterwolkengrauen Raum lastete verlegene Stille, jenes gespannte Verharren unter Fremden, wenn keiner weiß, wie die Musik spielen wird und welcher Tanz beginnt. Scott eröffnete versuchsweise mit einem neutralen Nicken. Der Killer, ziemlich auffällig in orangeroter Anstaltskleidung, fixierte ihn ausdruckslos. Scott verschränkte die Hände und legte sie auf den Metalltisch. Der Killer- die Polizeiakte wies ihn als Monte Scanlon aus, wobei man sicher ausschließen konnte, dass dies sein richtiger Name war- hätte es ihm ohneFußketten und Handschellen möglicherweise gleichgetan. Warum, fragte sich Scott zum wiederholten Mal, bin ich eigentlich hier?

Als Staatsanwalt war er ausschließlich für Korruption in der Politik zuständig gewesen- eine florierende Schattenwirtschaft in seinem Heimatstaat New Jersey-, bis dann vor drei Stunden dieser Monte Scanlon, ein Henkersknecht wie kaum ein zweiter, unverhofft sein langes Schweigen gebrochen und als Erstes eine Bedingung gestellt hatte. In der Tat: eine Bedingung. Ein Vier-Augen-Gespräch mit dem stellvertretenden Staatsanwalt Scott Duncan. Aus einer ganzen Reihe von Gründen ein ungewöhnlicher Vorgang. Erstens war ein Killer kaum in der Position, Bedingungen zu stellen. Zweitens war Scott ihm nie zuvor begegnet, noch hatte er von Monte Scanlon auch nur gehört.

Scott beendete das Schweigen. »Sie wollten mit mir reden?«
»Richtig.«
Scott nickte und wartete auf mehr. Es kam nichts. »Und? Was kann ich für Sie tun?«
Monte Scanlon starrte ihn weiter unverwandt an. »Wissen Sie, weshalb ich hier bin?«

Scott sah sich im Raum um. Abgesehen von Scanlon und seiner Person waren vier Leute anwesend. Linda Morgan, die Bundesstaatsanwältin, lehnte betont lässig an der Wand. Hinter dem Häftling standen zwei Muskelprotze, geklonte Schränke in Wärteruniform. Scott kannte die aufgeblasenen Typen, hatte die heitere Abgeklärtheit erlebt, mit der sie ihren Job erledigten. Heute allerdings, angesichts dieses mit Fußeisen und Handfesseln ruhig gestellten Häftlings, waren sogar sie nervös. Scanlons Anwalt, vom Typ »Wiesel«, der den Geruch billigen Eau de Colognes verströmte, vervollständigte den flotten Vierer. Alle Blicke ruhten auf Scott.

»Sie haben Leute umgebracht«, antwortete Scott. »Und zwar \'ne ganze Menge.« »Ich war, was man landläufig einen Auftragskiller nennt. Ich war« – Scanlon legte eine Kunstpause ein- »ein Mörder, den man mieten konnte.« »In Fällen, mit denen ich nichts zu tun hatte.«
»Richtig.«
Scotts Vormittag hatte noch leidlich normal begonnen. Er hatte eine Zeugenvorladung für einen Müllabfuhr-Unternehmer aufgesetzt, der den Bürgermeister einer Kleinstadt schmierte.Reine Routinesache. Ein alltäglicher Vorgang im Gartenstaat New Jersey. Das war- wie lange her? Eine? Eineinhalb Stunden? Jetzt saß er an einem im Fußboden fest verankerten Tisch einem Mann gegenüber, der- nach Linda Morgans grober Schätzung etwa einhundert Mitbürger kaltblütig ins Jenseits befördert hatte.
»Warum also ich?«

Scanlon wirkte wie ein alternder Playboy, jener Männertyp, der in den Fünfzigern problemlos als Galan von einer der Gabor-Schwestern durchgegangen wäre. Er war hager, fast schon ausgezehrt. Das ergraute Haar trug er glatt zurückgekämmt, die Zähne waren nikotingelb, die Haut ledern von zu viel Sonne und allzu langen Nächten in allzu vielen zwielichtigen Etablissements. Niemand im Raum kannte seine wahre Identität. Bei seiner Verhaftung trug er einen argentinischen Pass bei sich, der auf den Namen Monte Scanlon- Alter 51, ausgestellt war. Das Einzige, was daran stimmte, war vermutlich das Alter. Seine Fingerabdrücke waren in der Datenbank des National Crime Information Centers nicht erfasst. Bei der biometrischen Gesichtserkennung hatte der Computer eine dicke, fette Null ausgespuckt.

»Wir sollten uns allein unterhalten.« »Sie gehören gar nicht in meinen Zuständigkeitsbereich«, beharrte Scott.
»Das ist Sache der Frau Bundesstaatsanwältin.« »Hier geht es um eine Sache, die sie nicht tangiert.«
»Aber mich? Inwiefern?«
Scanlon beugte sich vor.
»Was ich Ihnen zu sagen habe, stellt Ihr Leben auf den Kopf.«

Scott versuchte, weder Spott noch Skepsis zu zeigen. Die Denkweise von Kriminellen hinter Gittern war ihm nur allzu vertraut- ihre trickreichen Manöver, ihr Verlangen nach Nervenkitzel, ihre Suche nach einem Ausweg, ihr aufgeblasenes Selbstbewusstsein. Linda Morgan schien seine Gedanken zu erraten, denn sie warf ihm einen warnenden Blick zu. Monte Scanlon, so hatte sie ihm unterbreitet, hatte über einen Zeitraum von gut dreißig Jahren für einige Mafia-Familien gearbeitet. Die Kollegen vom Dezernat für das organisierte Verbrechen waren mehr als scharf auf Scanlons Kooperation. Doch seit seiner Verhaftung hatte der Mann konsequent geschwiegen. Bis heute Morgen. Was wiederum Scott auf den Plan gebracht hatte.

»Ihr Boss«, begann Scanlon und deutete mit dem Kinn auf Linda Morgan, »hofft inständig, dass ich mich kooperativ zeige.«
»Ihnen blüht die Giftspritze«, entgegnete Morgan, die weiterhin um Lässigkeit bemüht war.
»Nichts, was Sie sagen oder tun, wird daran etwas ändern.«
Scanlon grinste.
»Aber nicht doch. Ihr habt doch viel mehr Muffensausen, dass euch meine Informationen durch die Lappen gehen, als ich vor dem Tod.«
»Na wunderbar. Wieder mal einer von den Kandidaten, die keine Angst vor dem Tod haben.«
Sie stieß sich von der Wand ab. »Wissen Sie was, Monte? Die ganz harten Jungs sind immer die ersten, die sich in die Hose machen, sobald wir sie auf die Trage schnallen.«

Scott versagte sich jeden Kommentar in Richtung seiner Vor- gesetzten. Scanlon grinste unbeeindruckt weiter, ohne den Blick von Scott zu wenden. Scott gefiel nicht, was er in diesen Augen
sah. Abgesehen von dem zu erwartenden schwarzen, kalten Glit-
zern war da- vielleicht bildete er es sich auch nur ein- etwas jen-
seits der routinierten Ausdruckslosigkeit. Eine Bitte? Scott
konnte sich diesem Blick nicht entziehen. Vielleicht Bedauern?
Möglicherweise gar Reue?

Scott sah zu Linda auf und nickte. Sie runzelte die Stirn. Scan- lon hatte die erste Runde gewonnen. Linda berührte einen der Muskelmänner leicht an der Schulter und bedeutete den beiden, den Raum zu verlassen. Scanlons Anwalt erhob sich und brach zum ersten Mal sein Schweigen.
»Alles, was er jetzt sagt, kann nicht gegen ihn verwendet werden.«
»Weichen Sie den Herrschaften nicht von der Seite«, befahl Scanlon ihm. »Möchte sicher sein, dass sie nicht mithören.«

Der Rechtsverdreher griff nach seinem Aktenkoffer und folgte Linda Morgan zur Tür. Kurz darauf waren Scott und Scanlon allein. Im Film gehört alle Macht den Killern. Im wirklichen Leben gestaltet sich das etwas differenzierter. Da sind sie keine Entfesselungskünstler, die sich mitten in einem Hochsicherheitstrakt ihrer Ketten entledigen. Außerdem wusste Scott, dass die beiden Fleischberge von Wärtern hinter der verspiegelten Glasscheibe standen und jede Bewegung verfolgten. Die Sprechanlage allerdings blieb auf Scanlons ausdrücklichen Wunsch abgeschaltet. Scott deutete seinem Gegenüber mit einem Schulterzucken ein fragendes Also? an.

»Ich bin kein gewöhnlicher Auftragskiller.« »Was Sie nicht sagen.« »Ich habe meine Prinzipien.«
Scott schwieg abwartend.
»Ich töte nur Männer.«
»Donnerwetter!«, bemerkte Scott. »Bin tief beeindruckt.«
Scanlon ignorierte den Sarkasmus. »Das ist Regel Nummer
eins. Ich bringe nur Männer um. Keine Frauen.«
»Hm, ich hab’s schon beim ersten Mal begriffen. Verraten Sie
mir eines- Ihre Regel Nummer zwei, lautet die vielleicht, dass
Sie Frauen erst nach dem dritten Rendezvous abservieren?«
»Halten Sie mich für ein Monster?«
Scott zuckte die Schultern, als läge die Antwort auf der Hand.
»Sie halten nichts von meinen Regeln?«
»Was für Regeln? Sie bringen Leute um. Sie erfinden diese so
genannten Regeln doch nur, um sich einen Anschein von
Menschlichkeit zu geben.«
Scanlon schien zu überlegen. »Möglich«, räumte er ein.
»Meine männlichen Opfer waren Abschaum. Abschaum hat
mich angeheuert, Abschaum zu vernichten. Ich bin nichts wei-
ter als ein todbringendes Werkzeug, eine Waffe.«
»Eine Waffe?«, wiederholte Scott.
»Richtig.«
»Einer Waffe ist es piepegal, wer durch sie stirbt, Monte. Män-
ner, Frauen, Omas, kleine Kinder. Eine Waffe macht da keine
Unterschiede.«

Scanlon lächelte. »Touché.« Scott strich mit den Handflächen über seine Hosenbeine. »Sie
haben mich doch nicht herbestellt, um mir einen Vortrag über
Ethik zu halten, oder? Also, was wollen Sie?«
»Sie sind ein geschiedener Mann, Scott.«
Er sagte nichts.
»Keine Kinder, Trennung in beiderseitigem Einvernehmen,
der Ex noch immer freundschaftlich verbunden.«
»Was soll das?«
»Ich versuche, Ihnen etwas begreiflich zu machen.«
»Was denn bitte?«
Monte senkte den Blick. Aber nur für einen Moment. »Was
ich Ihnen angetan habe.«
»Ich kenne Sie nicht mal.«
»Aber ich Sie. Schon ziemlich lange.«

Scott nahm es schweigend hin. Er starrte auf die verspiegelte Glasscheibe. Linda Morgan stand mit Sicherheit dahinter und versuchte zu erraten, worüber sie sich unterhielten. Sie brauchte Informationen. Er überlegte, ob sie möglicherweise den Raum verwanzt hatten. Vermutlich. In jedem Fall lohnte es sich, Scanlon bei der Stange zu halten.

»Sie sind Scott Duncan. Alter 39. Juraexamen an der Co- lumbia University. Sie könnten als Anwalt in der freien Wirt- schaft wesentlich mehr Geld verdienen, aber das langweilt Sie.
Sie arbeiten seit 6 Monaten bei der Staatsanwaltschaft des Staa-
tes New Jersey. Ihre Eltern sind vergangenes Jahr nach Miami ge-
zogen. Sie hatten eine Schwester. Aber die ist gestorben. Als sie
noch auf dem College war.«
Scott verlagerte unruhig sein Gewicht. Scanlon musterte ihn
aufmerksam.
»Ist das alles?«
»Wissen Sie, wie mein Geschäft funktioniert?«
Themenwechsel. Scott wartete einen Herzschlag lang. Scanlon spielte mit ihm, versuchte ihn zu verunsichern oder irgend-
einen ähnlichen Blödsinn. Scott hatte nicht die Absicht, darauf
hereinzufallen. Was er über Scotts Familienverhältnisse »ent-
hüllt« hatte, war kaum beeindruckend. Mit einigen geschickten
Anrufen hätte das jeder herausfinden können.
»Nein. Aber Sie werden’s mir sicher gleich sagen!«, antwor-
tete Scott.
»Nehmen wir mal an, Sie möchten jemanden aus dem Weg
haben«, begann Scanlon.
»In Ordnung.«
»Sie rufen einen Freund an, der einen Freund kennt, der wie-
derum einen Freund hat, der mit mir Kontakt aufnehmen kann.«
»Und nur dieser letzte Freund weiß, wer Sie sind?«
»So ungefähr. Ich hatte immer nur einen Verbindungsmann.

Aber auch was ihn betraf, war ich vorsichtig. Ich habe ihn nie per- sönlich getroffen. Wir haben Codenamen benutzt. Die Bezahlung erfolgte stets auf Konten in Übersee. Für jede, sagen wir, Transaktion habe ich ein neues Konto eröffnet und es wieder geschlossen, sobald die Transaktion erfolgt war. Können Sie mir folgen?«
»So schwierig ist das nicht«, antwortete Scott.
»Stimmt. Heutzutage läuft alles per E-Mail. Ich melde vorübergehend eine E-Mail-Adresse bei Hotmail oder Yahoo oder wem auch immer an. Nichts, was man zurückverfolgen könnte. Aber selbst wenn- selbst wenn jemand herausfinden sollte, wer die E-Mail geschickt hat, würde das nichts nützen. Sämtliche E-Mails wurden von Computern in öffentlichen Bibliotheken oder Internetcafés abgeschickt und auch geöffnet. Die Tarnung war perfekt.«

Scott verkniff sich die Bemerkung, dass er trotz perfekter Tarnung letztlich im Knast gelandet war.
»Und was hat das alles mit mir zu tun?«
»Darauf komme ich noch.«

Scanlon kam allmählich richtig in
Fahrt. Offenbar hörte er sich gern reden. »In den guten alten Zeiten- und damit meine ich die Zeit vor acht bis zehn Jahren- lief
das ganze Geschäft noch über öffentliche Telefonzellen. Namen
habe ich nie schwarz auf weiß gesehen. Sie wurden mir am Tele-
fon genannt. Ich habe sie nur gehört.«
Scanlon hielt inne, um sich Scotts ungeteilter Aufmerksam-
keit zu versichern. Sein Ton wurde eindringlicher, emphatischer.
»Das ist der Punkt, Scott. Das einzige Kommunikationsmit-
telwar das Telefon. Namen habe ich immer nur akustisch, nie
schriftlich mitgeteilt bekommen.«
Er starrte Scott erwartungsvoll an. Scott begriff noch immer
nicht. Also fuhr Monte fort.
»Kapieren Sie nicht, warum ich betone, dass alles übers Tele-
fon lief?«
»Nein.«
»Weil eine Person wie ich, ein Mann mit gewissen Prinzipien,
am Telefon einem Irrtum erliegen konnte.«
Scott überlegte. »Komme trotzdem nicht drauf.«
»Ich bringe keine Frauen um. Das war Regel Nummer eins.«
»Sagten Sie bereits.«
»Angenommen, ich sollte einen gewissen Billy Smith kaltma-
chen, nahm ich natürlich an, dass Billy ein Mann ist. Ein Billy,
der mit y am Ende geschrieben wird und nicht mit ie wie bei
demgleich klingenden Frauennamen. Fällt jetzt der Groschen?«
Scott geriet ins Grübeln. Scanlon sah es. Sein Grinsen war wie
weggewischt. Seine Stimme wurde leise und sanft.
»Ihre Schwester hatte ich eingangs schon erwähnt, nicht
wahr, Scott?«
Scott sagte nichts.
»Wie war doch ihr Name? Geri, oder?«
Schweigen.
»Dämmert’s, wo der Hund begraben liegt? Geri ist einer die-
serirreführenden, zweideutigen Namen. Am Telefon nimmst du
selbstverständlich an, dass er am Anfang mit einem J und am Ende mit einem y geschrieben wird. Vor 15 Jahren habe ich so
einen Anruf bekommen. Besagter Mittelsmann...«
Scott schüttelte den Kopf.
»...gab mir eine Adresse. Ich erhielt präzise Angaben darüber,
wann ›Jerry‹«, Scanlon deutete mit den Fingern Anführungszei-
chen an, »zu Hause sein würde.«
Die eigene Stimme schien Scott plötzlich fremd zu sein. »Es
hieß, es war ein Unfall.«
»Ist bei Brandstiftung die Regel. Vorausgesetzt man versteht
sein Geschäft.«
»Sie können mir viel erzählen.«

Doch dann sah Scott in diese Augen, und seine Welt geriet aus den Fugen. Bilder stürzten auf ihn ein: Geris ansteckendes La- chen, das kaum zu bändigende Haar, die Zahnklammer, die Art,
wie sie ihm bei Familienfeiern die Zunge rausgestreckt hatte. Ihr
erster richtiger Freund (ein Idiot namens Brad), die Katastrophe,
als sie zum Abschlussball der Unterstufe keinen Begleiter gefun-
den hatte, ihre Aufnahme ins College.
Scott fühlte, wie seine Augen feucht wurden. »Sie war erst
einundzwanzig.«
Keine Reaktion.
»Und warum?«
»Hintergründe interessieren mich nicht, Scott. Ich bin nur
ein Auftrags...«
»Das meine ich nicht.« Scott sah auf. »Mich interessiert, wa-
rum Sie mir das jetzt erzählen?«
Scanlon betrachtete sich eingehend im Spiegel. Seine Stimme
klang ruhig. »Kann sein, dass Sie Recht hatten.«
»Recht? Womit?«
»Mit dem, was Sie vorhin gesagt haben.« Er wandte sich er-
neut Scott zu. »Nachdem alles gesagt und alles getan ist, brauche
ich vielleicht die Illusion, ein Mensch zu sein.«

Drei Monate später

1

Bruchstellen entstehen aus heiterem Himmel, diese tiefen Zäsu-
ren in deinem Leben, die dir wie ein Messer ins Fleisch schnei-
den. Im einen Moment ist es noch dein Leben, im nächsten
Augenblick findest du es wie durch den Fleischwolf gedreht, bis
zur Unkenntlichkeit verändert. In seine Einzelteile zerlegt, aus-
geweidet wie ein Stück Wild. Und dann gibt es noch jene
Momente, in denen sich dein Leben einfach aufdröselt wie ein
Strickpullover. So als habe jemand an einem losen Faden gezo-
gen. Die Veränderung vollzieht sich anfangs nur langsam, bei-
nahe unmerklich.

Für Grace Lawson begann alles im Fotogeschäft.
Sie hatte schon beinahe die Klinke der Ladentür in der Hand, als sie eine entfernt bekannt klingende Stimme vernahm. »Wa-
rum kaufst du dir keine Digitalkamera, Grace?«
Grace wandte sich der Frauenstimme zu. »Für diese techni-
schen Neuheiten bin ich zu dämlich.«
»Aber ich bitte dich! Digitale Technik ist ein Kinderspiel.«

Die Frau hob die Hand und schnippte mit den Fingern. »Digital- kameras sind so was von bequem. Missglückte oder überflüssige Aufnahmen löscht man einfach. Wie Computerdateien. Bei un-
seren Weihnachtskarten zum Beispiel. Du glaubst es nicht, wie
viele Fotos Barry geschossen hat, weil Blake gerade die Augen
zugekniffen oder Kyle sich weggedreht hatte. Aber je mehr du
machst, sagt Barry, desto sicherer kannst du sein, ein paar
brauchbare zu finden. Und wo er Recht hat, hat er Recht, oder?«
Grace nickte. Sie versuchte sich erfolglos an den Namen der Frau zu erinnern. Ihre Tochter- Blake vermutlich- ging wahr-
scheinlich mit Graces Sohn Max in die erste Klasse. Oder war es
das letzte Jahr im Kindergarten gewesen? Sie hatte Mühe, nicht
den Faden zu verlieren. Graces Lächeln gefror allmählich zur
Maske. Blakes Mutter war nicht unsympathisch, ging jedoch in
der Masse der anderen unter. Und Grace fragte sich in diesem
Moment nicht zum ersten Mal, ob das mittlerweile nicht auch
auf sie zutraf, ob sie nicht ebenfalls eingetaucht war in das Meer
vorstädtischer Einförmigkeit, ob ihre einst durchaus starke Indi-
vidualität auf der Strecke geblieben war.

Der Gedanke war alles andere als ein sanftes Ruhekissen. Blakes Mutter erging sich weiterhin in Elogen auf die Wunder des digitalen Zeitalters. Graces im Lächeln erstarrte Gesichtsmuskeln schmerzten. Sie warf einen Blick auf die Uhr und hoffte, die High-Tech-Mutter würde den Wink verstehen.
14 Uhr 45.
Emma hatte nach dem Unterricht Training mit dem Schwimmteam, aber den Fahrdienst hatte heute eine andere Mutter.
»Wir sollten uns mal treffen«, sagte Blakes Mutter jetzt weniger aufgeregt.
»Zusammen mit Jack und Barry. Die beiden würden sich sicher verstehen.« »Absolut.«

Grace nutzte die Atempause, um der anderen zuzuwinken, die Tür des Fotogeschäfts zu öffnen und hineinzuschlüpfen. Die Glastür schnappte mit einem »Klack« hinter ihr zu und löste ei- nen Klingelton aus. Beißender Chemiegeruch stieg ihr in die Nase. Er erinnerte an Alleskleber. Sie fragte sich flüchtig nach den Langzeitschäden einer Arbeit in dieser Umgebung und empfand es schon ärgerlich genug, dem auch nur kurzzeitig ausgesetzt zu werden.

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