Ketzer von Leonardo Padura

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Herejes, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Unionsverlag.

  • Mexico; Barcelona: Tusquets, 2013 unter dem Titel Herejes. 520 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2014. Übersetzt von Hans-Joachim Harstein. ISBN: 978-3293004696. 520 Seiten.

'Ketzer' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Havanna, 27. Mai 1939. Die MS St. Louis, ein Linienschiff der Hapag-Reederei Hamburg, fährt im Hafen ein. An Bord: 937 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Der achtjährige Daniel Kaminsky wartet an Land und sieht Vater, Mutter und Schwester winken. Mit einem Bild von Rembrandt, seit Generationen im Besitz der Familie, hoffen sie, sich freizukaufen. Doch die Einreise wird allen verweigert. Das Schiff fährt zurück nach Europa. Daniel Kaminsky wird seine Familie nie wiedersehen.
Amsterdam, 1648. Elias Ambrosius Montalbo de Ávila, der Junge aus einer alten sephardischen Familie, ist überglücklich: Rembrandt hat ihn als Schüler ins Haus genommen. Als der Meister eines Tages nach ihm ruft, um ihn zu porträtieren, weiß der Junge noch nicht, dass er für den Christus in »Die Pilger von Emmaus« Modell stehen soll. Der mächtige Rabinerrat verstößt Elias aus der Stadt, denn mit seiner Malerleidenschaft hat er gegen die religiösen Gesetze verstoßen. Vor seiner Flucht klopft es nachts an seiner Tür: Rembrandt gibt ihm sein Porträt mit auf den Weg ins Exil.
London, 2007 Sensation auf dem Kunstmarkt: Ein bislang unbekanntes »Christus-Porträt« von Rembrandt taucht bei einer Auktion in London auf. Wer ist der Eigentümer? Wurde es aus Kuba zur Auktion eingeliefert? Mario Conde macht sich auf die Suche nach den Geheimnissen des Christusbildes und der Familie Kaminsky. Der Fall führt ihn durch die Jahrhunderte. Die Spur zieht sich um die halbe Welt.

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walli007 zu »Leonardo Padura: Ketzer« 20.09.2015
Die St. Louis

Der ehemalige Polizist Mario Conde, der sich als Antiquar betätigt, erhält den Auftrag, aufzuklären, wieso ein verschwunden geglaubtes Gemälde in London zur Versteigerung angeboten wird. Elias Kaminsky, der Sohn eines Exil-Kubaners, in dessen Familienbesitz sich das Gemälde, bei dem es sich um einen Rembrandt handeln soll, befand, will die Geschichte seines Vaters Daniel Kaminsky in Kuba erleben und den Weg des Bildes klären. Bei seinen Nachforschungen stößt Conde zunächst auf die Reise des Passagierschiffs St. Louis, das im Jahr 1939 mit über 900 jüdischen Flüchtlingen vor Havanna ankerte, denen schließlich die Einreise verweigert wurde. Unter diesen Passagieren befinden sich auch die Eltern Daniels, der bei seinem Onkel untergekommen ist.

In drei Teilen berichtet der Autor vom Schicksal des Bildes und vom Schicksal derer, die mit ihm auf verschiedensten Wegen in Berührung kamen. Da ist zunächst die ungeheure Geschichte der St. Louis, bei deren Lektüre man sich wieder einmal fragen muss, wann die Menschen je etwas lernen werden. Sicher wartet niemand auf Flüchtlinge, doch manche Handlungen sollten einfach von Menschlichkeit bestimmt werden. Es folgt eine Reise in die Vergangenheit, die Aufschluss über die mögliche Entstehung geben kann. Und schließlich bekommt es Conde mit einem Vermisstenfall zu tun, in dem überraschend wieder eine Beziehung zu dem Bild zutage kommt.

Sehr unterschiedlich sind die drei Romanteile und doch verbindet sie das Bild. Ein Kaleidoskop mit prächtigen, dramatischen und düsteren Anteilen entblättert sich vor dem Leser. Mitgerissen von der tragischen Geschichte der Flüchtlinge auf der St. Louis, hingerissen von der Leidenschaft des E. A. und schließlich betrübt über das Schicksal eines jungen Mädchen und man sich zunächst klar werden über dieses anspruchsvolle Werk. Es verlangt dem Leser einiges ab und gibt doch so viel mehr. Leonardo Padura fordert seine Leser mit teilweise etwas überbordenden Ergüssen, allerdings belohnt er sie auch mit herausragend komponierten Schicksalen, die sich in das Gedächtnis einbrennen und die man nie missen möchte.
Günther Fecht zu »Leonardo Padura: Ketzer« 18.07.2014
Der erste Teil des Buches, der in Havanna spielt, ist phantastisch. Spannend und durchzogen von vielen originellen Gedanken ist "Der Ketzer" weit mehr als ein fesselnder Kriminalroman. Im Prinzip ist der kriminalistische Teil des Romans mit dieser Episode beendet; ohne weiteres und ohne schlechten Gewissens kann man hier die Lektüre beenden. Denn dann taucht die Handlung ab ins Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Hier ist es vielleicht nur für kunstgeschichtlich interessierte und versierte Leserinnen und Leser möglich, Pardura durch die Geschichte der alten Meister um Rembrandt und des sephardischen Judentums in den Straßen und
Grachten Amsterdams zu folgen. Ich könnte es nicht. Als die Handlung mit der bravourös gestalteten Figur des Detektivs wider Willens und verarmten Polizisten Mario Conde, der den Mord im ersten Teil aufklärte, dann aus den Tiefen der holländischen Kunst im London des Jahres 2007 wieder aufsteigt, wird es wieder richtig spannend - eben wie in Havanna.
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