Das Meer der Illusionen von Leonardo Padura

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Paisaje de otoño, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Kuba / Havanna, 1970 - 1989.

  • Barcelona: Tusquets, 1998 unter dem Titel Paisaje de otoño. 260 Seiten.
  • Havanna: Ediciones Unión, 1999. 227 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2005. Übersetzt von Hans-Joachim Harstein. ISBN: 3293003249. 284 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2006. Übersetzt von Hans-Joachim Harstein. ISBN: 978-3293203747. 282 Seiten.

'Das Meer der Illusionen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

In einer Herbstnacht am Chivo-Strand in Havanna entdecken Fischer eine brutal verstümmelte Leiche. Der Tote ist Miguel Forcade Mier, der nach der Revolution mit der Enteignung des Kunstbesitzes der kubanischen Bourgeoisie beauftragt war, ein Mann von enormem Einfluss mit zahllosen Feinden. 1978 war er nach Miami ins Exil gegangen. Kurz vor seiner Ermordung kehrte er nach Kuba zurück, offenbar auf der Suche nach etwas äußerst Wertvollem, von dem nur er Kenntnis hatte. Die Ermittlungen werden Mario Conde aus seiner Bahn . Kurz vor seinem sechsunddreißigsten Geburtstag fühlt er, dass ein Abschnitt seines Lebens zu Ende geht und er eine unwiderrufliche Entscheidung treffen muss.

Das meint Krimi-Couch.de »Die leisen Töne dominieren, voll Wärme und bunten Bildern« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

Es ist Herbst geworden. Nicht nur beim Blick aus dem Fenster, sondern auch im großen, vierbändigen Romanzyklus des kubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. »Herbst« ist der Übertitel des vierten Bandes »Das Meer der Illusionen«. Und im Grunde genommen ist das auch die Geschichte des Teniente Mario Conde, der kurz vor seinem sechsunddreißigsten Geburtstag erkennt, dass sein Leben falsch gelaufen ist.

Conde hat sich entschieden, den Polizeidienst zu quittieren. Die Säuberungswelle bei der kubanischen Polizei hat auch seinen Chef und Freund Mayor Rangel erreicht, der die Verantwortung für die Korruption einzelner seiner Untergebenen übernehmen musste. Doch sein Nachfolger Colonel Molina nötigt Conde, noch einmal einen unklaren Fall zu lösen, dann würde er in seine Entlassung einwilligen.

Es handelt sich um die Leiche eines Mannes, der zuerst erschlagen, dann kastriert und schließlich ins Meer geworfen wurde. Es war Miguel Forcade Mier, in den Sechzigerjahren stellvertretender Leiter der Behörde für Enteignungen in der Provinz Havanna, Vizedirektor im Ministerium für Wirtschaftsplanung und Außenhandel, der sich 1978 nach Madrid abgesetzt hat. Warum ist er nach Kuba zurückgekehrt? War es ein Racheakt? Colonel Molina gibt Mario Conde drei Tage Zeit, den Fall zu lösen …

Herbst – das bedeutet auf Kuba wie auch in anderen Breitengraden die Zeit der Stürme. Die ganze Geschichte spielt vor dem Hintergrund des herannahenden Hurrikans »Felix«, eine Tatsache, die nach den Ereignissen um »Katrina« und »Rita« eine unheimliche Aktualität erlangt. Padura verwendet den Sturm als Metapher der politischen, geistigen und moralischen Zerstörung, die auf Kuba bereits vor Jahren begonnen hat. Zerstörung als Chance für einen Neubeginn.

Nach der Zerstörung bleibt vielleicht nur die Erinnerung, daher möchte Conde ein Buch schreiben, ausbrechen aus der von zweifelhaften Erfolgen gekrönten Routine des Lebens. Er findet Halt bei seinen Freunden, gescheiterten Existenzen mit verpfuschtem Leben.

Doch stürmisch verläuft die ganze Geschichte nicht. Herbstliche Müdigkeit zeigt sich im Abnehmen der Spannung und im Zunehmen der Selbstreflexionen. Der Kreis der handelnden Personen ist überschaubar, überhaupt hat der Roman eher kammermusikalischen Charakter. Obwohl hier ein Zyklus von vier Bänden vorliegt, in sich geschlossen und schlüssig, ist Padura für mich eher ein Meister der kleinen Form. Genreszenen, Momentaufnahmen sind seine Stärke. Als Beispielen von vielen dienen etwa die Begegnung mit seinem Hund oder die für Conde arrangierte Geburtstagsfeier.

Gelegentliche sozialkritische Betrachtungen, Abrechnung mit dem sozialistischen Wirtschaftssystem, Korruption etc. sind eher als Prise beigemengt, das große Thema ist hier nur noch »das Leben als Meer voll Illusionen« am Beispiel Mario Condes und seiner Freunde. Freundschaft und Erinnerungen als einzige Hoffnung.

Wiedereinmal legt Leonardo Padura hier ein poetisches, melancholisches Buch vor, in dem aber diesmal eher die leisen Töne dominieren, voll Wärme und bunten Bildern. Sein Protagonist Conde und die Grundlagen der Tetralogie, eine Art Chronik seines Landes, lassen manche Assoziationen zu Manuel Vazquez Montalban zu, doch der ist für mich persönlich aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und für Padura unerreichbar.

Trotzdem – und jetzt bewusst poetisch formuliert – ist Padura ein Fixstern in der Galaxis der lateinamerikanischen Kriminalliteratur.

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Jossele zu »Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen« 27.10.2014
Auch im vierten Band des Havanna-Quartetts bleibt sich Padura treu: der Kriminalfall ist das Beiwerk zu einem Roman über die gesellschaftlichen Zustände in Kuba und das Leben der „verborgenen Generation“. Wieder geht es um ein Verbrechen, das in der Oberschicht Kubas angesiedelt ist, bzw. diesmal in der ehemaligen Oberschicht Kubas und das Bemerkenswerte an dieser Geschichte: Padura zeigt auf, dass die Profiteure der Revolutionszeit keine besseren Menschen waren, als die der Vor-Revolutionszeit. Auch sie zögern nicht, sich Reichtum illegal anzueignen, wie es die Kapitalisten vor der Revolution getan hatten. Padura zeigt aber auch auf, dass es auch echte Freundschaft und Zuneigung unter den Menschen gibt. Das ist das berührende Moment, das sich durch alle vier Romane des Zyklus zieht. Zwischendurch fand ich es etwas langatmig, aber insgesamt wieder sehr gut gelungen. Ein toller Schriftsteller. Werde sicher auch die anderen Romane von ihm lesen. 85° von mir.
Marc@Krimi-Couch zu »Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen« 27.02.2008
Das Genre Krimi als Gerüst für ein Geschichte über Freundschaft, Mangelwirtschaft und Sinn. Wer schon die vorangegangenen Bände mit dem symaptischen Mario Conde genossen hat wird hier voll auf seine Kosten kommen. Die gewohnt blumige Sprache, die kubanische Atmosphäre, die Melancholie und philospischen Betrachtungen lassen den "Fall" fast in den Hintergrund treten. Klasse!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
K.-G.Beck-Ewe zu »Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen« 05.05.2007
Dies ist nun also der letzte Band des Havanna-Quartetts, aber nicht die letzte Geschichte über El Conde, die in dem Titel „Adiós, Hemingway“ und Paduras neuestem Titel fortgesetzt wird und dabei seinen Weg als Schriftsteller – und natürlich weitere Erinnerungen an sein früheres Leben – darstellt. Worauf man sich wieder freuen kann, wenn man die farbfrohe und doch melancholische Sprache Paduras nicht missen möchte, die mindestens so süchtig machend is, wie ein guter Rum und kubanische Zigarren.
bs35813 zu »Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen« 04.10.2005
padura ist eine entdeckung wer krimis versteht als "leiche entdeckt im pfarrhof in yorkshire" sollte die finger davon lassen- KRIMI ist beschreibung und analyse einer gesellschaftlichen realität. (siehe chandler)
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