Der letzte Bissen von Leo P. Ard

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei Grafit.

  • Dortmund: Grafit, 2006. ISBN: 978-3-89425-320-2. 285 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Jumbo, 2007. Gesprochen von Bernd Stephan. ISBN: 3833718579. 3 CDs.

'Der letzte Bissen' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Nicht nur Deutschland is(s)t fleischlos: Nach Schweinepest, BSE und Vogelgrippe wurde in der gesamten EU ein Verbot der Fleischproduktion und des Fleischverzehrs durchgesetzt. Allein eine asoziale Minderheit frönt noch dem Verzehr von Leberwurst und Lendensteaks, aber der illegale Fleischmarkt ist hart umkämpft. Die Soko »Fleisch« bekommt noch mehr Arbeit, als eine Bande, die ihre Fleischproduktion in stillgelegten Bergwerksstollen im Ruhrgebiet unterhält, dem Berliner Fleischpaten Günther Wollweber das Revier streitig machen will – bald gibt es den ersten Toten. Zeitgleich geht der Bundesregierung, die kurz vor der Wiederwahl steht, ein Erpresserschreiben zu: Die Verfasser des Drohbriefs haben es in der Hand, das Land ins Chaos zu stürzen. Ein mörderischer Kampf um geheime Fleischtransporte und eine geheimnisvolle CD entbrennt. Mittendrin zwei Kommissare, denen übel mitgespielt wurde: Sarah Kutah, eine überzeugte Vegetarierin, und Bastian Bennecke, der sein Leben für ein Rinderfilet geben würde.

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Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Es ist schon als große Überraschung zu werten, dass der Grafit-Verlag mit einem neuen Roman von Leo P. Ard aufwarten kann. Denn der Wahl-Mallorquiner hat schon seit über 10 Jahren keinen Krimi mehr in Romanform verfasst. Die Trilogie um das »Ekel von Datteln« datiert aus den späten 80er / frühen 90er Jahren. Danach noch einige Krimis zusammen mit Reinhard Junge um das Pegasus-Team sowie erste gemeinsame Werke mit Michael Illner. Diese Zusammenarbeit dürfte dann auch die zurückliegenden 10 Jahre geprägt haben, in denen die beiden sich als Drehbuchautoren für die RTL-Serie »Balko« hervor getan haben und dafür auch mit dem Grimme-Preis dekoriert wurden. Überhaupt liegt mit »Der letzte Bissen« der erste Roman vor, den Leo P. Ard allein verfasst hat. Auch dies darf als Überraschung gewertet werden.

Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft: nach diversen Fleischskandalen und Tierkrankheiten is(s)t nicht nur die ganze EU inzwischen fleischlos. Der verordnete Vegetarismus, vielfach auch als Prohibition bezeichnet, hat jedoch auch einen blühenden Schwarzmarkt geschaffen, auf dem mehrere hundert Euro für ein Pfund Rinderfilet gezahlt werden. Alle Fleischkonsum verherrlichenden Schriften wie alte Kochbücher und Magazine der Gattung »essen & trinken« sind verboten worden. Sogar Hunde- und Katzenfutter wird inzwischen auf rein pflanzlicher – oder besser chemischer – Basis hergestellt.

Bei der Fleischfahndung müssen Polizisten insbesondere Imbissbuden kontrollieren, inwiefern hier nicht illegal Fleisch über die Ladentheke geht. Eine sehr wenig verlockende Arbeit und deshalb verwundert es nicht, wenn Polizisten hierhin strafversetzt werden. So passiert es Sarah Kutah, eigentlich »eingefleischte« Vegetarierin, in deren Auto eine Kiste Hühnerschenkel gefunden wurde, und Bastian Bennecke, der bei einer Verkehrskontrolle erwischt wird, wie er eine Leberwurst in die eigene Tasche verschwinden lassen will. Beide erhalten also bei der Fleischfahndung eine letzte Chance und rasseln unversehens in einen ganz brisanten Fall, der in höchste politische Kreise führt.

Kompromittierendes Video von Fleischfressern

Denn gleichzeitig organisiert sich die Fleischmafia in Deutschland neu. Günter Wollweber kontrollierte den illegalen Fleischmarkt von Berlin, bis ihm der ominöse »Bergmann« in die Quere kam. Der Bergmann unterhält unterirdische Mastbetriebe in alten Kohlestollen unter dem Ruhrgebiet und schreckt vor keinem Verbrechen zurück, um seine Marktmacht auszubauen. Als Wollweber ein Video in die Hand gespielt wird, mit dem er die Bundesregierung unter Druck setzen kann, schmiedet er mit dem Bergmann eine Allianz – und wird fortan zum Staatsfeind Nr. 1.

Eine sehr originelle Idee, stimmig umgesetzt in eine vielschichtige Erzählung. Interessante Charaktere und viele kreative Einfälle können durchgehend begeistern und sorgen einerseits immer wieder für Erheiterung, andererseits für Bestürzung: Man stelle sich vor, Biolek wird zum Märtyrer der Fleischindustrie und weigert sich öffentlich auf Fleisch zu verzichten. Die Raubtierfütterung im Zoo wird von einer täglich wachsenden Fangemeinde verfolgt. Und Fleisch wird gedealt, als wäre es Heroin, Kokain oder eine andere harte Droge. Welch düstere Fantasien und welch diebische Freude dürfte Leo P. Ard empfunden haben, als er sich die Welt der Fleischprohibition ausmalte. Hier mögen manche Kritiker ansetzen und sagen, Ard habe den Bogen überspannt. Für mich machen diese zahlreichen Ausflüge des Autors die Sache rund.

Kino im Kopf

Ein guter Krimi wird »Der letzte Bissen« (der Titel bezieht sich auf das Stück Kohle, das die Opfer des Bergmanns waidmännisch in den Mund gelegt bekommen) aber nicht nur durch eine gute Idee, sondern auch durch eine entsprechende Umsetzung. Und hier zeigt Leo P. Ard (dieses lächerliche Pseudonym ist mit Abstand das Schwächste an dem Roman) welch ein Profi er ist. Immer wieder neue Entwicklungen, Wendungen und Überraschungen bei den Ermittlungen der beiden strafversetzten Polizisten. Zudem sind sowohl Kutah als auch Bennecke greifbare und lebensechte Figuren mit einem hohen Identifikationspotenzial. Der Schreibstil des Autors mit den häufigen Szenenwechseln, knackigen Dialogen und kurzen Kapiteln bewirkt beim Leser, was vielleicht am besten mit den Worten »Kino im Kopf« zu beschreiben ist.

»Der letzte Bissen« macht nicht satt, sondern vielmehr Appetit auf mehr Krimis vom Grimme-Preisträger. Der Roman schreit nahezu nach einer Umsetzung in Bild und Ton. Anknüpfend an die augenzwinkernde Unterhaltung von »Balko« hat der Autor zum ersten mal im Alleingang bewiesen, wie gut er mit einem Roman den Nerv seines Publikums zu treffen vermag. Es war eine Freude, sich eine Welt ohne Fleisch vorstellen zu dürfen. Beruhigend, dass der Autor kein »eingefleischter Vegetarier« ist, sondern bekennender Fleischfresser. Bleibt zu hoffen, dass der Neandertaler noch lange mit einer Keule und nicht mit einer Mohrrübe in der Hand in den Geschichtsbüchern abgebildet wird.

Thomas Kürten, August 2006

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hoffmann9471 zu »Leo P. Ard: Der letzte Bissen« 11.07.2007
Eine witzige Idee witzig umgesetzt. Natürlich ist das Thema undenkbar. Der Author hat Menschenkenntnis und (wie gesagt) Humor. Der Plot rast etwas hin und her; hat aber den Vorteil, daß er nicht völlig vorhersehbar ist. Hat Spaß gemacht; und das ist ja das Wichtigste. Filmisch sicherlich interessant umzusetzen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jürgen Pomorin zu »Leo P. Ard: Der letzte Bissen« 05.08.2006
Ein Dank an Thomas Kürten für diese treffende und wohlmeinende Rezenssion.
tatsächlich habe ich als Autor das "kino im Kopf" gehabt, als Drehbuchautor denke ich vor allem in Bildern und kann nur hoffen, daß bei Romanlesern ebenfalls ein Film abläuft.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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