Die guten Schwestern von Leif Davidsen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel De gode søstre, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Zsolnay.

  • Kopenhagen: Lindhardt og Ringhof, 2001 unter dem Titel De gode søstre. 349 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2004. Übersetzt von Peter Urban-Halle. ISBN: 3-552-05289-5. 541 Seiten.
  • München: dtv, 2006. Übersetzt von Peter Urban-Halle. ISBN: 978-3423208734. 541 Seiten.

'Die guten Schwestern' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Es ist das Jahr 1999 und Krieg auf dem Balkan. Der dänische Universitätsdozent Theodor Nikolaj Pedersen, genannt Teddy, befindet sich auf einer Dienstreise in Bratislava. Hier trifft er eine rätselhafte Unbekannte, die behauptet, seine Halbschwester Maria zu sein und die Wahrheit über seinen verstorbenen Vater zu kennen: Als dieser nach dem Krieg plötzlich verschwunden war, hatten seine Frau und die drei Kinder ihn für tot erklären lassen. Tatsächlich aber war er geflohen, weil seine Vergangenheit in der Waffen-SS ans Licht kam, und hatte in Kroatien mit einer zweiten Frau ein neues Leben begonnen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Davidsen ist ein ausgezeichneter Erzähler« 77°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Teddy Pedersen ist Dozent an der Universität von Kopenhagen. Sein Spezialgebiet ist die ehemalige Sowjetunion und der Ostblock. Dinge, mit denen sich nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten nicht mehr viel anfangen lässt. Trotzdem befindet sich Teddy noch viel auf Reisen durch Osteuropa.

In Warschau war ihm die Frau zum ersten Mal aufgefallen, dann sah er sie in Prag erneut unter den Zuhörern seines Vortrags. Und dann klopft sie schließlich in Bratislava an die Tür seines Hotelzimmers und erzählt ihm eine haarsträubende Geschichte: Sie sei seine Halbschwester Maria und ihr gemeinsamer Vater hätte sich nach dem Krieg nach Kroatien abgesetzt, wo er mit ihrer Mutter ein harmonisches Familienleben führte. Bislang war Teddy der Meinung, sein Vater wäre 1948 in Hamburg umgekommen, nachdem er die Familie verlassen hatte, weil aufgrund seiner Unterstützung der Nationalsozialisten seine Bäckerei geschlossen wurde.

Teddy kommt kaum dazu, das Gehörte zu verarbeiten, als ihn auf der Toilette ein Hexenschuß ereilt, so daß er sich vor Schmerzen kaum bewegen kann. Er muß die Vortragsreise abbrechen und kehrt nach Hause zurück, um sich von seiner Frau pflegen zu lassen. Doch die gemeinsame Wohnung ist verlassen. Als seine Frau zurückkehrt, eröffnet sie ihm, dass sie einen anderen hat und ihn verlassen wird.

Ziemlich viel auf einmal für den armen Teddy. Doch damit noch nicht genug: An seiner Tür klingeln zwei Polizeibeamte und wundern sich, dass sie Teddy Pedersen persönlich in seiner Wohnung antreffen. Denn Teddy Pedersen wurde angeblich in seinem Hotelzimmer in Budapest ermordet. Der Irrtum ist schnell aufgeklärt: ein anderer Dozent hat das Hotelzimmer von Teddy übernommen. War es ein zufälliger Raubmord oder galt der Anschlag Teddy?

Und ein weiterer Schock wartet auf ihn: Seine ältere Schwester Irma wurde wegen Spionage verhaftet. Genaueres erfährt man nicht, denn sie sitzt in Isolationshaft. Dann ruft ein Unbekannter bei Teddy an, der sich mit ihm treffen will. Die geheimnisvoll organisierte Zusammenkunft führt ihn in eine nationalsozialistische Vergangenheit.

Diese Inhaltsangabe, die etwa das erste Viertel des Buches wiedergibt, suggeriert einen Pageturner mit viel Action. Dabei ist der Roman eigentlich das genaue Gegenteil. Schlägt man das Buch an einer beliebigen Stelle auf, so fallen lange Absätze und relativ wenig direkte Rede auf. Daß jedoch zu keiner Zeit Langeweile aufkommt, liegt daran, dass Leif Davidsen ein ausgezeichneter Erzähler ist und mit einer ausgewogenen Mischung aus Geschichte, Politik und Action den Leser zu fesseln weiß. Seine Vergangenheit als Journalist und Auslandskorrespondent in Moskau kommt ihm dabei natürlich zugute und man merkt deutlich, dass hier kein reiner Krimiautor zugange ist. Aufgrund seiner Tätigkeit nimmt man ihm auch ab, was er berichtet.

Überraschend wirds im zweiten Abschnitt. Nachdem man sich schon so richtig mit Teddy Pedersen identifizieren konnte, baut der Autor mit Per Toftlund vom polizeilichen Nachrichtendienst plötzlich einen neuen Protagonisten auf. Auch mit ihm lässt sich sympathisieren. Der dritte Abschnitt dann wieder aus einer völlig anderen Sicht. Hier lässt Davidsen Irma, die Schwester von Teddy, das Geschehen von ihrer Kindheit an aus ihrem Blickwinkel erzählen. Erst im vierten und letzten Teil werden die Fäden und die verschiedenen Protagonisten wieder miteinander verknüpft.

Eigentlich ist die Zeit des kalten Krieges seit dem Niedergang des Kommunismus in Osteuropa vorbei, doch schafft es Davidsen, vor dem Hintergrund des Balkankrieges das Thema wieder aufzugreifen. Die Verbindungen, die er dabei zieht, reichen sowohl zeitlich als auch örtlich sehr weit. Der auch in Dänemark im Krieg weitverbreitete Nationalsozialismus wurde nach dem Krieg weitgehend totgeschwiegen. Davidsen zeigt auf, dass viele Dänen mit den Deutschen sympathisierten und kollaborierten. Die spätere Enthüllung solcher Zusammenarbeit machte den betroffenen Familien sehr zu schaffen.

Der Autor hat mit »Die guten Schwestern« eine sehr vielseitige und tiefgehende Familiengeschichte geschaffen. Dabei versucht er verschiedene Blickwinkel auf ein und dieselbe Sache aufzuzeigen. Dies tut er nicht nur anhand von verschiedenen Personen, sondern auch anhand verschiedener Kriege und Konflikte, in denen man trotz unterschiedlicher Ideologien immer wieder Typen und Gruppierungen mit gleichen Zielen antreffen kann. Und er legt dar, wie die Vielzahl der Konflikte und der Völker untereinander und mit der Vergangenheit verflochten sind.

Davidsen nimmt nicht selber konkret Stellung zu politischen Themen, sondern kritisiert und fordert gleichzeitig Verständnis zu zeigen.

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Anja S. zu »Leif Davidsen: Die guten Schwestern« 15.08.2010
Das hier ist ein gut recherchierter Krimi zu einem in Vergessenheit geratenen Kapitel des Nazionalsozialismus in Dänemark und seinen Verstrickungen in die heutige Zeit. Nicht superspannend geschrieben, aber doch so, dass ich gern weiter gelesen habe. Die Beschreibung des Flüchtlingslagers in Albanien ist zu Herzen gehend, auch die Nebenhandlung um Toftlunds Familie. Das Ende, nun ja, ist nicht befriedigend, aber realistisch.
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