Der Janusmann von Lee Child

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Persuader, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Blanvalet.
Folge 7 der Jack-Reacher-Serie.

  • New York: Delacorte Press, 2003 unter dem Titel Persuader. 342 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2005. Übersetzt von Wulf Bergner. 512 Seiten.

'Der Janusmann' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Auch im 7. Roman mit dem Helden Jack Reacher gibt Lee Child wieder sein Bestes. Reacher, der seit Jahren untergetaucht ist, kommt ausnahmsweise freiwillig aus der Deckung. Durch Zufall ist er einem Mann begegnet, den er vor zehn Jahren selbst umbrachte – meinte er zumindest. Damals hatte der ´Janusmann’ Reachers Geliebte getötet, die Rechnung scheint wieder offen …ganz abgesehen davon, dass von ihm immer noch eine tödliche Gefahr ausgeht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Blutiges Katz-und-Maus-Spiel im einsamen Haus am Meer« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor zehn Jahren hat Jack Reacher, damals noch Militärpolizist, in einem Akt von Selbstjustiz den Landesverräter Quint erschossen, nachdem der eine Kollegin sadistisch zu Tode gemartert hatte. Nun muss Reacher erfahren, dass Quint nicht nur überlebt hat, sondern Anführer einer weltweit operierenden Bande von Waffenschmugglern geworden ist, während der einstige Polizist längst entlassen wurde und sich auf eine ruhe- und ziellose Wanderschaft durch Nordamerika begeben hat.

Reacher will den verhassten Quint endgültig ausschalten. Deshalb ist er bereit, mit der Justizbeamtin Susan Duffy zusammenzuarbeiten. Vor zwei Wochen hat sie einen weiblichen Spitzel in das festungsartig gesicherte Hauptquartier des »Teppichhändlers« Beck eingeschleust, der mit Quint zusammenarbeitet. Die Agentin meldet sich nicht mehr und ist offensichtlich entdeckt worden. Duffy will sie mit Reachers Unterstützung retten und gleichzeitig Beck aus dem Verkehr ziehen.

Reacher verschafft sich mit einem Trick Zugang zu Beck. Er gibt sich als flüchtiger Polizistenmörder aus, gelangt hinter die hohen Mauern des Beckschen Anwesens und tritt in die Dienste des Hausherrn. Immer mit der Gefahr konfrontiert, ebenfalls entlarvt zu werden, erkundet Reacher die Gangsterburg. Er erkennt bald, dass Beck nur ein Handlanger Quints ist, der tatsächlich das Sagen hat, seinen »Kompagnon« erpresst und dessen Familie als Geiseln hält. Quint selbst bleibt meist im Hintergrund, was Reacher eine Wartezeit abfordert, die er nicht hat: Seine Legende als Schwerverbrecher wurde überstürzt konstruiert und droht immer wieder aufzufliegen. Becks Frau und ihr Sohn haben ihn schon durchschaut. Der paranoide Torwächter Paulie traut ihm ebenfalls nicht. In Becks Haus gibt es einen weiteren Bundesagenten, der Duffy völlig unbekannt ist. Wie ein Akrobat, der mit zu vielen Tellern jongliert, ist Reacher damit beschäftigt Zwischenfälle zu vertuschen, die ihn verraten könnten. Die eigentliche Ermittlungsarbeit leidet darunter, was fatal ist, als Quint endlich persönlich auf der Bildfläche erscheint und nicht vergessen hat, wer ihn einst mit drei Kugeln im Leib für tot im Ozean treiben ließ …

Moderner Rächer der Enterbten

Es beginnt mit einer jener Auftaktszenen, die Lee Child perfekt beherrscht: Jack Reacher, der ruhelose Wanderer durch die Vereinigten Staaten, ist wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Er vereitelt spektakulär eine Entführung, erschießt dabei versehentlich einen Polizeibeamten, flieht mit dem geretteten Opfer und taucht bei dessen Familie unter. Wir lesen es und sind gründlich verwirrt: Reacher ist zwar ein Mann, dem Gewalt nicht fremd ist und dessen Verständnis von Recht & Ordnung ein eigenwilliges ist. Trotzdem hat er noch nie so offen kriminell gehandelt wie beschrieben; daran haben wir uns in sechs Vorgängerbänden überzeugen können.

Tatsächlich gehen wir dem Verfasser in eine perfide Falle. Die Handlung hat längst begonnen, bevor wir die erste Zeile gelesen haben. Reacher ist bereits als »Troubleshooter« aktiv geworden, der dem Gesetz dort Geltung verschafft, wo es sonst machtlos bliebe. Der literarisch feingeistige Leser sei gewarnt: Wo so gehobelt wird, fallen besonders viele Späne. Der »Persuader« (»Überzeuger«) des Titels bezeichnet eine von der US-Army eingesetzte Schrotflinte, deren eindrucksvolle Durchschlagskraft natürlich auch »am Mann« demonstriert wird.

Nein, auch in seinem siebten Abenteuer geht Reacher alles andere als subtil zu Werke. Die Kritik hat sich (wieder einmal) aufgeregt über eine Handlung, die reich an gebrochenen Genicken, Kopfschüssen und abgeschnittenen Brüsten ist. Lee Childs Reacher-Reißer sind nun einmal weder originell noch politisch korrekt. Sie besetzen eine Nische, die den einfach aber sauber konstruierten Thrillern mit jener Schwarz-Weiß-Zeichnung vorbehalten ist, die unsere reale Welt so schmerzlich vermissen lässt. Terroristen, Gangster, Sadisten: In Reachers Welt kriegen sie, was sie verdienen, nimmt man Volkes Stimme als Maßstab. Das kann man doppelt verwerflich finden, weil Child sein schriftstellerisches Handwerk so gut versteht. Man kann aber auch den Kopf abschalten und dem Bauch die Freude gönnen, dass die Guten die Bösen besiegen und dabei endlich einmal nicht die andere Wange hinhalten, sondern es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen. Das ist pubertär, grob versimpelt, bedient niedere Instinkte – und macht einen Riesenspaß, wenn man sich darauf einlässt.

Alles bleibt beim bewährten Alten

Insofern ist es falsch, über das sehr bekannte Strickmuster dieses Reacher-Romans zu klagen: Der typische Leser dieser Reihe will gar keine Neuerungen, sondern freut sich über die Variation des Bekannten. Reacher gerät unter Druck und straft Unholde. Unterschiedlich sind höchstens die Waffen, die dabei zum Einsatz kommen. Sie werden detailfreudig beschrieben und zum Einsatz gebracht. Akzeptieren wir es bzw. seien wir froh, dass Child nicht stattdessen weitere »romantische« Szenen in die Handlung schreibt, denn diese empören nicht nur den querulantischen Saubermann, sondern sind wahrlich schauerlich …

Die eigentliche Sünde dieser Freude an der Gewalt resultiert in der Tatsache, dass sie im großen Finale den bisher durchaus sorgfältig konstruierten und ausgeführten Plot dominiert. Es wird nur mehr verfolgt, geflohen, geschossen und gemeuchelt. Auch das wird – Kuschel- und Frauenkrimi-Fans bitte weghören – professionell und unterhaltsam beschrieben, fällt aber dennoch qualitativ ab.

Nach »Größenwahn« ist »Der Janusmann« der zweite Roman mit Jack Reacher als Ich-Erzähler. Child nutzt dies im Rahmen der Story, um Reachers Isolation als von Feinden umgebener Spitzel zu unterstreichen: Er weiß nie mehr als der Leser, dem Child als allwissender Autor dieses Mal keine Zusatzinformationen liefert. Das schürt die Spannung ebenso wie die kurzen, knappen Sätze, die dem Geschehen dort, wo sich die Ereignisse überschlagen, einen zusätzlichen Drive verleihen.

Figuren ohne Charakterschatten

Die holzschnitthafte Weltsicht der Reacher-Romane wurde bereits erwähnt. Sie ist deren Niveau angemessen und spiegelt außerdem die Sehnsucht der Leser nach einer Welt wider, in der Probleme auf einfache Weise gelöst werden. Reacher spricht den meisten unter uns aus der Seele, wenn er seine »Arbeit« wie folgt begründet: »Ich hasse nur die großen Kerle. Ich hasse Schlägertypen. Leute, die andere übervorteilen. Die mit allem durchkommen.« (S. 476) Stellvertretend für uns, die ähnlich denken aber (klugerweise) nicht zu handeln wagen, gibt ihnen Reacher, was sie verdienen.

Wobei uns Child anfänglich einen tüchtigen Schrecken einjagt: Jack Reacher lässt sich im Dienst einer Regierungsbehörde als Spitzel in eine Drogengang einschleusen? Wie konnte geschehen, was seinem Wesen so völlig widerspricht? Reacher ist ein Einzelgänger, der streng darauf achtet, sich von keiner Organisation vereinnahmen zu lassen. So ist es natürlich nicht, auch dieses Mal sind es persönliche Motive, die Reacher aktiv werden lassen.

Von geringer Prägnanz sind die Nebenfiguren, die uns Child routiniert präsentiert: auf der einen Seite die taffe Polizeifrau und der altgediente Cop, auf der anderen der skrupellose Gangster und seine durchgeknallten Schergen, dazwischen einige plakativ angeschlagene Unbeteiligte, die für retardierende Momente zu sorgen haben, wenn sie von Reacher gerettet und aus der Schusslinie gebracht werden müssen.

Was die Schurken angeht, so demonstrieren sie uns eindrucksvoll, wie Thriller à la »Janusmann« zu bewerten sind: Sie wirken etwa so realistisch wie die Bösewichte in den James-Bond-Filmen. Immer haben sie eine gewaltige Macke, sieht man ihnen Schuftigkeit und Irrsinn bereits äußerlich an. Quint mit seinem durchlöcherten Narbenschädel oder Paulie, den anabolikagestopften Schlagetot, kann man nur als »Rollen« in einer rein fiktiven Geschichte betrachten – sie Ernst zu nehmen hieße sich reichlich lächerlich zu machen.

Die Mission wird fortgesetzt

»Der Janusmann« ist kein Nagel im Sarg der modernen Zivilisation, sondern ein Roman – nicht weniger, aber auch ganz sicher nicht mehr. Deshalb darf man sich auch ohne schlechtes Gewissen darüber freuen, dass Lee Child nicht wie ursprünglich geplant die Jack-Reacher-Reihe mit dem zehnten Band abgeschlossen hat, sondern sie fortsetzt wie gehabt: spannend, rasant, brutal & soviel Vertrauen in seine Leser investierend, dass sie sich durch seine Bücher nicht in Rächer verwandeln, die mit »Persuadern« ihren persönlichen Widersachern nachstellen …

Michael Drewniok, März 2007

Ihre Meinung zu »Lee Child: Der Janusmann«

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M.Reinsch zu »Lee Child: Der Janusmann« 20.11.2010
Endlich hat mich LeeChild erhört - wieder mal ein Buch in der ersten Person!
Nach dem letzten Band "Tödliche Absichten", kann ich nur von einer enormen Steigerung reden! Ich bin begeisterter Jack Reacher Leser (auch wenn er manchmal etwas zu stark zum "Superman" mutiert...
Hier zeigt er wieder all sein Können und man wird durch etliche Wendungen und Spannungsmomente gejagd. Neben "Größenwahn" sein bisher bester Roman - sehr empfehlenswert!
Micha
hankhauser zu »Lee Child: Der Janusmann« 15.02.2010
Mein persönlicher Liebling von Child, weil mit ihm alles angefangen hat. Danach gings weiter mit Grössenwahn etc, etc. Im nachhinein gucke ich zurück und denke: "Ja, ich bereue es nicht Geld für diesen Roman ausgegeben zu haben. Im Gegenteil, für den hätt ich sogar noch draufgezahlt!" Viel Spass beim Lesen, wir sehen uns dann auf der anderen Seite.
silverfox zu »Lee Child: Der Janusmann« 12.07.2008
Ich wiederhole mich sicherlich: Auch dieser Titel von Lee Child hat mich begeistert. Spannende Handlung mit Raffinessen,schnörkellose Sprache und Action lassen förmlich an diesem Buch kleben bleiben. Okay,brutal ist es streckenweise,aber wen das stört,muß halt was anderes lesen.
Langeweile kommt zu keiner Zeit auf.
Spitze.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Biene0756 zu »Lee Child: Der Janusmann« 13.05.2008
Mir hat ein Freund zu Lee Child geraten. Auf den ersten Seiten hat mich die klare, prägnante Sprache fasziniert. Mal ganz was anderes. Weniger gefallen hat mir die Waffenkunde, die das ganze Buch durchzieht, sowie die porengenaue Beschreibung, v. a. zum Schluß, der Gewaltszenen. Doch die kann man schnell überblättern, wenns einem nicht paßt. Fazit, spannende Lektüre, Action Schlag auf Schlag, ein Buch, welches man nicht aus der Hand legen kann. Mein Mann (eher "Männerliteratur"?) hat es an einem Tag durchgelesen.
Luca zu »Lee Child: Der Janusmann« 06.03.2008
Auch meiner meinung nach,ist dies nach "Größenwahn"der bisher beste Jack Reacher.
Spannung von der ersten bis zur letzten seite,ein sehr sympatischer Held.
Und genug Action für drei Filme;-).

100%
Roland0605 zu »Lee Child: Der Janusmann« 03.12.2007
Kommt nicht an "Größenwahn" heran, ist aber definitiv einer der besten Reacher-Romane. die oft angesprochene Brutalität finde ich nicht übertrieben, sondern zur Rahmenhandlung durchaus passend. In "Der Janusmann" stellt Lee Child Reacher außerdem erstmals einen Antagonisten gegenüber, der ihm nicht nur ebenbürtig ist, sondern weit überlegen: den psychotischen Torwächter Paulie, ein ca. 200 Kilo schweres, 2,10 großes, von Steroidwut zerfressenes Monster, stark wie ein Büffel, trotz seiner Masse schnell und vor allem scheinbar komplett schmerzunempfindlich. der (Faust-)Kampf zwischen Reacher und Paulie ist dann auch der absolute Höhepunkt des Romans und wird von Child über ein gutes halbes Dutzend Seiten in jedem knochenbrechenden Detail geradezu zelebriert. das Buch ist danach nicht zuende, der eigentliche Showdown erreicht leider lange nicht die Intensität dieses "Kampf der Giganten" und wirkt etwas abrupt. trotzdem absolut empfehlenswert und für Reacher-Fans ohnehin ein Muss. und auf Englisch speziell in den Kampfszenen noch besser als die deutsche Übersetzung.
hagbard zu »Lee Child: Der Janusmann« 09.03.2007
der zweitbeste jack reacher, neben größenwahn; top unterhaltung, action ohne ende; kein tiefgang, niedriges niveau, brutal, deswegen weniger für jugendliche geeignet; wers mag....
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
carlsoak zu »Lee Child: Der Janusmann« 17.01.2007
Die beiden, "Größenwahn" / "In letzter Sekunde" und "Janusmann" gehören zu denen besten, die ich überhaupt gelesen habe, während Deaver doch einige Ausfälle aufweist.
Kein "foreplay", auf Seite 1 = man bereits in der Story drin,spannend bis zur letzten Seite, kurze Sätze, knappe Dialoge, keine mainstream-plots, ironisch, ständig aussichtslose Situationen, überraschende Wenden. Hauptfigur Jack Reacher ist der Bruce Willis der gegenwärtigen Krimiliteratur. Sein Auftritt und Abgang sind genial. Er macht keine Gefangenen, ein outlaw, der dem Recht auf illegale Weise wieder auf die Sprünge hilft.
Alexander zu »Lee Child: Der Janusmann« 11.07.2006
Also ich fand dieses Buch von Lee Child ziemlich enttäuschend. Es war vollgestiopft mit widerwärtigen Brutalitäten und aufgebauschten, auf Dauer sehr ermüdenden Actionszenen. Dagegen kaum zu finden waren Tiefgang und Hintergründigkeit. So fand ich die Figur des Janusmann völlig unzureichend beschrieben. Es ist überhaupt nicht erzählt wurden wie er wieder so mächtig und gefährlich werden konnte und das in einem Buch mit 500 Seiten. Ich verstehe auch eins nicht warum ein eigentlich talentierter Erzähler wie Lee Child immer so viel unnütze und brutale Gewalt in seine Bücher packen muß. Autoren wie Micheal Connelly und Ian Rankin tun dies doch auch nicht und ihre Geschichten sind trotzdem gut. Ich werde es mir gut überlegen ob ich nochmal einen Jack Reacher-Thriller lesen werde.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mrs-Murphy zu »Lee Child: Der Janusmann« 24.07.2005
Nachdem mir Lee Child mit seinen Reacher-Geschichten als supergutes Krimivergnügen immer wieder ans Herz gelegt wurde, habe ich nun endlich den Janusmann von ihm gelesen. Ich muß sagen ich bin absolut enttäuscht. Ich habe unzählige Krimis in meinem Leben gelesen, aber selten eine so platte, menschenverachtende Brutalität in einer Geschichte gefunden. Um die Sache komplett zu machen gibt es noch eine ausführliche kleine Waffen- und Munitionskunde. Nicht zu vergessen den Kurs in tödliche Schläge und Tritte - einschließlich der genauen Beschreibung wie man einem Menschen am besten und schnellsten das Genick bricht - genauer den vierten Halswirbel. Wer so etwas mag - und davon gibt es wohl viele - für den ist dieses Buch richtig. Ich für meinen Teil bleibe lieber bei Grimes, Mankell, Nesser und Co. Und werde sicherlich mit keinem weiteren Lee Child Buch meine Zeit verschwenden.

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