Verluste von Lawrence Block

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Everybody Dies, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Shayol.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.
Folge 17 der Matt-Scudder-Serie.

  • New York: William Morrow, 1998 unter dem Titel Everybody Dies. ISBN: 068814182X. 336 Seiten.
  • Berlin: Shayol, 2008. Übersetzt von Katrin Mrugalla. 275 Seiten.

'Verluste' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Mick Ballou, New Yorker Gangster alten irischen Schlags, hat zwei seiner Leute verloren. Sie wurden brutal und scheinbar völlig sinnlos ermordet. Mick bittet seinen alten Freund Matthew Scudder, ein paar Nachforschungen anzustellen. Kaum hat Matt angefangen, sich umzuhören, wird er von zwei Männern überfallen, die ihn schlagkräftig zu überzeugen suchen, sich aus der Sache herauszuhalten. Was Matt nur zu gern täte, doch irgendjemand hat inzwischen beschlossen, alles und jeden in Micks Umgebung aus dem Weg zu räumen. Mick hat keine Ahnung, wer der Feind sein könnte. Gemeinsam versuchen die ungleichen Freunde herauszufinden, wer ihnen nach dem Leben trachtet. Ein Zufall führt sie auf die Spur eines viele Jahre zurückliegenden Verbrechens und eines Gegners, der nur ein Motto zu kennen scheint: Jeder muß mal sterben, aber nicht unbedingt eines natürlichen Todes.

 

Das meint Krimi-Couch.de: »Alte Haudegen im selbstgerechten Gangsterkrieg« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mit Mickey Francis »Mick« Ballou verbindet Privatdetektiv Matthew Scudder eine lange, enge und seltsame Freundschaft, denn der irischstämmige Gangsterboss ist ein brutaler Mann, der nicht nur in New York City viele Feinde grausam zu Tode brachte. Doch als Freund ist Ballou jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, was Scudder schon mehrfach das Leben gerettet hat.
Nun soll er Ballou helfen, nachdem der zwei seiner ´Angestellten´ tot in einem Lagerhaus fand, wo sie Diebesgut abholen sollten. Dort wurden sie regelrecht hingerichtet. In der Tat glaubt sich Ballou seit einiger Zeit herausgefordert und bedroht, ohne seinen Gegner namhaft machen zu können. Scudder lässt vergeblich seine Verbindungen spielen. Als er schon aufgeben will, wird er von zwei Strolchen überfallen, bedroht und aufgefordert, Ballou seinem Schicksal zu überlassen. Als sie anfangen, ihn zwecks Festigung dieser Botschaft zu verprügeln, wehrt sich Scudder und kann seinen Peinigern eine Lektion erteilen.
Damit ist auch er auf die Todesliste des unsichtbaren Verfolgers gerutscht. Nur einem Zufall verdankt es Scudder, dass er einem Mordanschlag entkommt, bei dem stattdessen einer seiner ältesten Freunde auf der Strecke bleibt. Einen Tag später besucht er Ballou in dessen Kneipe, als ein Überfall mit Schnellfeuergewehr und Bombe erfolgt.
Obwohl ihm die Polizei im Nacken sitzt, schweigt Scudder eisern, während er seine Nachforschungen neu aufnimmt. Endlich hat er Erfolg, doch der Mann, der buchstäblich Ballous Kopf will, ist definitiv seit über dreißig Jahren tot. Das hält Scudder und Ballou nicht davon ab, privat mit dem scheinbaren Geist abzurechnen …

Das Gesetz muss draußen bleiben

Angesichts der Tatsache, dass auf den 300 (immerhin eng bedruckten) Seiten dieses Romans 28 Menschen ihr Leben gewaltsam lassen (falls ich richtig gezählt habe), trifft das originale »Everybody Dies« den Nagel eher auf (oder die Kugel in) den Kopf als der deutsche Titel. Andererseits passt auch »Verluste« zu dem gleichzeitig ultrabrutalen und wehmütigen Geschehen.

Der Plot ist eher Nebensache; primär der kritische und im Krimi die gespiegelte Realität suchende Leser sollte ihn nicht zu ernst nehmen. Eine Fehde dürfte sich nicht nur angesichts der erwähnten Opferstrecke kaum so problemlos und vor allem polizeifrei durchexerzieren lassen wie von Block geschildert. Gerade zwei Szenen widmet der Verfasser der genretypischen Konfrontation zwischen dem Detektiv und den offiziellen Ordnungshütern, doch das wirkt eher pflichtschuldig und bleibt folgenlos für die Handlung.
Die spielt in jener Grauzone, in die Autor Block die Alltagswelt seines dienstältesten Serienhelden im Laufe der Jahre verwandelt hat. Scudder begann 1976 in »The Sins of the Fathers«; dt. Mord unter vier Augen) noch recht konventionell zu ermitteln. Der Ex-Cop, der nach einem fatalen Fehlschuss zu saufen begann, war in seiner menschlichen Schwäche bei unvermindert ausgeprägten kriminologischen Fähigkeiten durchaus eine Klischeefigur des Krimi-Genres. Diese Ebene verließ Scudder erst allmählich, oder besser ausgedrückt: Die Figur wurde im Denken und Handeln vielschichtiger.

Die menschliche Meta-Ebene

Wobei Block vor allem in moralischer Hinsicht konsequent einen Sonderweg eingeschlagen hat. Scudder ist ein Mann, der sich vom ethischen Primat der gesellschaftlichen Mehrheit abgekoppelt hat und sich an Regeln hält, deren Alltagstauglichkeit er real erfahren und überprüft hat. Stimmen diese Regeln mit dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz nicht überein, werden sie von ihm nur insoweit berücksichtigt, dass ihn die Missachtung nicht ins Gefängnis bringt.
Was eigentlich einen kriminellen Opportunisten auszeichnen müsste, wirkt bei Scudder durchaus überzeugend. Er hat das Gesetz für sich von allen politisch, juristisch oder medial verursachten Überwucherungen befreit und auf ein erprobtes Grundwerk zurückgebaut, das Selbstjustiz, Notwehr ohne polizeiliche Überprüfung oder die Freundschaft zu einem Kapitalverbrecher zulässt.
Womit die Liste der Gesetzesverstöße, derer sich Scudder allein in Verluste schuldig macht, noch längst nicht abgeschlossen ist. Dem muss man sich als Leser beugen oder die Lektüre aufgeben. Leicht wird das aber nicht fallen, denn Scudder hat gute Gründe, um seinen persönlichen Weg zu begründen. Dass man darüber hinaus seine sehr brutalen Racheaktionen billigt, liegt daran, dass es stets nur echten Abschaum erwischt. Das funktioniert mit dieser Präzision nur im Roman und verärgert hier den Gutmenschen, an dessen Adresse sich Blocks Scudder-Geschichten sehr offensichtlich nicht richten.

Das Alter als Summe von Entscheidungen

Er mag sich versöhnlich gestimmt fühlen, wenn er zur Kenntnis nehmen kann, wie breit der Raum ist, den Block seinen Protagonisten zum Philosophieren (und Räsonieren) lässt. Verluste ist der 14. Roman der Scudder-Serie. Seinen Detektiv lässt der Autor chronologisch altern, so dass Scudder in diesem 1998 veröffentlichten Buch auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende ´Literaturgeschichte´ zurückblickt. Da New York City sein permanenter Standort blieb, wird jede Fahrt durch diese Stadt per se zu einer Erinnerungstour.

Das Alter spielt eine katalytische Rolle. Viele Figuren gehören zum Stammpersonal der Scudder-Serie. Sie haben viel und oft gemeinsam durchgemacht, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Scudder selbst spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Den Anschluss an die digitale Welt der Gegenwart hat er hoffnungslos verloren. In seiner Arbeit hält er sich an eine klassische und zeitlose Ermittlungspraxis, für die er nicht unbedingt einen Computer oder ein Handy benötigt. Wenn das nicht mehr reicht, greift Scudder auf ein kleines aber bewährtes Netzwerk von Helfern zurück.
Wenn das Ende näher rückt, beginnt der Mensch sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Nicht nur Scudder denkt so. Mehrfach weist er darauf hin, dass Verluste eigentlich Mick Ballous Geschichte erzählt. Der alternde Schwerverbrecher wird von besagter Frage gequält, weil ihm die Antworten nicht gefallen. Für eine Weile zieht er sich sogar in ein Kloster zurück, aber Block ist kein Gartenzwerg-Moralist: Ballou ist und bleibt Ballou. Ebenso geläutert wie notfalls mordlüstern kehrt er in die Geschichte zurück.

Schweigen wäre manchmal wirklich Gold!

Lakonie und Redseligkeit sind zwei Eigenschaften, die nicht nur auf den ersten Blick schwer zusammenkommen. Fast gelingt Block dieses Kunststück, wenn er seine Figuren ausgiebig über ihre Gefühle sprechen lässt, ohne sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. (Anmerkung: Nicht die Gefühle sind dabei das Problem, sondern das schauerlich oft fehlende Talent von Schriftstellern, diese adäquat zu schildern.) Ballou und Scudder erschießen Strolche, ohne zu fackeln, Gattin Elaine gestattet ihrem Matthew das Fremdgehen – oh ja, sie sind alle erfahren und weise und cool genug, um sich über die Klippensprünge ihrer Leben auslassen zu können.

Der Kritik gefällt so etwas, denn es verleiht dem Krimi ´literarische´ Qualitäten, die er zwar nicht nötig hat, die ihn aber offenbar trotzdem adeln, wenn sie denn gefunden werden. Wahrscheinlich schreibt Block ohnehin, wie und was er für richtig hält. Unabhängig davon hätte er die Flut der Lebensbeichten eindämmen sollen. Es irritiert, wie rasch man lernt, während des Lesens das Nahen jener Stellen zu erkennen, an denen Block den Gang herausnimmt und seine Figuren im Leerlauf schwadronieren lässt.

Angesichts der Generalqualitäten dieses Buches ist dies freilich eine lässliche Sünde. Mit seiner Scudder-Serie hat Lawrence Block als Schriftsteller einen Punkt erreicht, an dem er seinem Publikum zuverlässig Lesestoff einer Qualität liefert, die anscheinend zu gut für die Buchfabriken und Bestsellerlisten dieser Welt ist. Peinlich viele Jahre wurden nicht nur die Scudder-Romane nicht mehr in Deutschland verlegt. Die bunte Welt der Kleinverlage ermöglicht nun Blocks Rückkehr. Zwei weitere Scudder-Bücher hat der Autor nach Verluste noch geschrieben. Genügt diese Info als Wink mit dem Zaunpfahl?

Michael Drewniok, Oktober 2009

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Banon zu »Lawrence Block: Verluste« 14.12.2011
Wer nichts besitzt, zumindest auf dem Papier, kann auch nichts verlieren. So denkt Mick Ballou. Also laufen alle seine Geschäfte über andere Namen. Offiziell gehört ihm nichts. Doch Mick steckt überall mit drin. Und wer ihm in die Quere kommt, kann nicht unbedingt mit Nachsicht rechnen. Es gibt eine Geschichte, die besagt, Mick hätte einem seiner Widersacher mit des Vaters Metzgerbeil den Kopf abgetrennt und wäre danach mit einer Bowlingtasche durch die Kneipen gezogen. Ein richtig harter Kerl, dieser New Yorker Ire.

Doch mit einem Mal ist es aus mit der uneingeschränkten Selbstsicherheit. Ein Doppelmord an seinen Gefolgsleuten erschüttert den Gangster ernsthaft, denn er hat nicht die geringste Ahnung, wer hinter dieser Tat und anderen Anschlägen steckt.

Er holt sich Hilfe bei seinem Freund Matt Scudder, Expolizist und trockener Alkoholiker, der als Privatdetektiv arbeitet. Nach einigen Erkundigungen wird Scudder jedoch von zwei Typen angegriffen und etwas später an seiner Stelle sein Freund und Mentor Jim Faber erschossen. Beim darauffolgenden Treffen mit Mick entgehen beide bei einem Anschlag auf Micks Kneipe nur knapp dem Tod.

Das ist eine knallharte Story, die das Buch bis zum Ende geradlinig durchzieht. Dazwischen läßt Lawrence Block seine beiden Haupthelden viel menscheln. Ein möglichst gesetzestreu handelnder Matt Scudder und ein traditionell veranlagter Verbrecher mit eigenem Moralkodex werden als nachdenkliche, zum Teil altersweise Menschen dargestellt. Das nimmt dem Buch das Tempo, gibt den darin vorkommenden Personen allerdings auch Tiefe. Zwei Freunde, die gegensätzlicher in ihren Vorstellungen nicht sein könnten, raufen sich zusammen und ziehen gegen Mr. Unbekannt los.

Ein routiniert geschriebener Roman, der unterhält und seinen Spannungsbogen bis zum Ende dosiert. Am Ende erwartet den Leser ein angemessenes, aber eben auch nicht besonders originelles Finale.
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