Die Insel der flüsternden Stimmen von Laurie R. King

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Folly, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Wunderlich.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Massachusetts, 1990 - 2009.

  • New York: Bantam Books, 2001 unter dem Titel Folly. 400 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2002. Übersetzt von Sabine Schulte. ISBN: 3805206712. 591 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003. Übersetzt von Sabine Schulte. 591 Seiten.

'Die Insel der flüsternden Stimmen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Nach dem tragischen Tod ihres Mannes und ihrer kleinen Tochter war Rae lange Zeit in psychiatrischer Behandlung. Mit dem Mut der Verzweiflung gibt sie sich eine letzte Chance, ins Leben zurückzukehren: Sie lässt sich auf einer unbewohnten Insel aussetzten, um dort ihren Schmerz zu besiegen. Sie will mit eigenen Händen das Haus ihres Großonkels wieder aufbauen, der vor vielen Jahren ebenfalls auf der verlassenen Insel Unterschlupf gesucht hat. Das Gebäude ist damals unter mysteriösen Umständen abgebrannt, nur eine Ruine ist geblieben.

Unvermutet sieht sich Rae mit der großen Stille des einsamen Eilands konfrontiert, auf dem die kleinsten Geräusche plötzlich Bedeutung bekommen und das Gefühl der Bedrohung immer lastender macht. Sie fählt sich zunehmend beobachtet, wenn sie sich abends vor ihrem Zelt aufhält. Was ist das für ein Wispern, das der Wind zu ihr herüberträgt? Wie alt ist der Fußabdruck, auf den sie eines Tages stößt? Mit aller Kraft kämpft Rae gegen ihre Angst, verrückt zu werden. Ist ihr Lebensmut stärker? Gegen alle Widerstände setzt sie auf ihre eigenen Instinkte, um den unsichtbaren Feind zu finden, gegen den sie sich zur Wehr setzen muss, auf Leben und Tod …

Das meint Krimi-Couch.de: Inselspuk, Hirnsausen oder Schurkenstreiche? 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Zweifellos sind sie eine seltsame Familie, die Newborns aus Boston im US-Staat Massachusetts. Großvater William, der übermächtige Patriarch, hat seine Sippe fast ein volles Jahrhundert in Angst und Schrecken versetzen können. Sein Bruder Desmond fand es ehrenvoll, freiwillig in den I. Weltkrieg zu ziehen. In den Schützengräben hat er seine Gesundheit und seinen Verstand eingebüßt. Aus Europa kehrte ein verstörtes Wrack heim, das den Newborns Schande brachte, wie der unduldsame William befand. Desmond entzog sich dem Tyrannen und zog unstet durch sein Heimatland. Schließlich ließ er sich in den 20er Jahren auf einer der vielen San-Juan-Inseln vor der Küste des Staates Washington nieder. Ganz allein baute er dort »Folly«, ein Haus, das er vom Keller bis zur Schornsteinspitze selbst entworfen hatte – ein seltsames Gebäude, wie der Name schon sagt, der für ein schnurriges, eigentlich sinnloses Unterfangen steht, wie es ein Prachthaus auf einem unwirtlichen Eiland (das bald ebenfalls Folly genannt wurde) zweifellos darstellt. Aber Folly ist schon längst nicht mehr; 1927 brannte es nieder, und Desmond verschwand spurlos. Seither wurde er totgeschwiegen in der Familie Newborn, und so lange William lebte, achtete er auffällig streng auf die Einhaltung dieser Regel.

Brach man sie, durfte man seines beträchtlichen Zornes gewiss sein, wie noch Rae Newborn, seine Enkelin, erleben musste. Rae war und ist ohnehin das Sorgenkind der Familie, eine Frau, die unter schweren Depressionen leidet. Seit dreißig Jahren zermürbt diese Krankheit die jetzt 52-Jährige. Melancholische Phasen, scheinbare Normalität, monatelange Aufenthalte in geschlossenen Anstalten, Selbstmordversuche – Rae hat das alles schon mehrfach durchleiden müssen und mit ihr die eigene Familie. Die ältere Tochter Tamara ist der unberechenbaren Mutter entfremdet. Auch die über alles geliebte Enkelin Petra liebt und fürchtet ihre kranke Großmutter, deren letzten völligen Zusammenbruch sie vor einem Jahr miterleben musste: Ein betrunkener Autofahrer hatte Raes zweiten Gatten und ihre jüngste Tochter umgebracht und sie schwer verletzt. Kaum vier Monate später war sie von zwei Strolchen überfallen und beinahe vergewaltigt worden. Diese beiden Tragödien trieben Rae in den völligen Kollaps. Nach Monaten im Irrenhaus hat sie sich halbwegs wieder erholt und verordnet sich nun selbst eine Rosskur: Sie will Großonkel Desmonds Haus wieder aufbauen – ganz allein! Rein technisch kann sie es: Rae Newborn ist gelernte Zimmerfrau und sogar als Künstlerin in Holz reich und berühmt geworden.

Gesagt, getan; den mahnenden Stimmen der Psychiater, der Familie und bald auch der guten Leute von Friday Harbor zum Trotz beginnt Rae ihr Projekt. Aber sie muss schon bald wieder mit ihrer Krankheit kämpfen, hört Geräusche und Stimmen. Als sie eines Tages den Abdruck eines fremden Stiefels findet, informiert sie Sheriff Jerry Carmichael. Die ganze Gemeinde am sicheren Küstenufer kennt längst Raes Geschichte, aber Carmichael gibt sich hilfsbereit. Das ist hilfreich, denn als die wackere Zimmerfrau das Fundament von Folly freilegt, entdeckt sie ﷓ Desmonds von Kugeln durchsiebtes Skelett! Der verwirrte Kriegsheld hat sehr offensichtlich seine geliebte Insel nie verlassen, und seinem bei der Leiche geborgenen Tagebuch muss Rae entnehmen, dass Großvater William sein letzter Besucher dort war …

Krimi + Mystery = Bestseller des 21. Jahrhunderts?

Wer nun meint, damit sei die Katze aus dem Sack gelassen, sei beruhigt: Dies ist nur einer von vielen Erzählsträngen, die Laurie R. King hier kunstvoll spinnt. »Die Insel der flüsternden Stimmen« ist ein überwiegend wunderbarer, weil klug erdachter und ungemein sorgfältig in Szene gesetzter Thriller – trotz des wie so oft absolut dämlichen deutschen Titels. Sicherlich gibt es keine absolut treffsichere Übersetzung von »Folly« (vielleicht »Die Narreninsel«?), aber trotzdem wurde hier nicht die beste Alternative gesucht, sondern plump das Netz über die hiesigen Mystery﷓Fans ausgeworfen. Definitiv flüstern höchst selten Stimmen auf Folly. Statt dessen stehen das gleichnamige Haus und seine Bewohner im Mittelpunkt. Gleich zwei Mal in einem Jahrhundert zeigt sich, dass es seinen Namen zu Recht trägt. Zwei bis ins Mark verstörte Menschen errichten ein Narrenhaus auf einer einsamen Insel. So sieht es die »normale« Welt, die strikt negiert, dass sich diese beiden recht wohl bei ihrer Arbeit fühlen. Die Situation eskaliert erst, als sich die Außenwelt wieder in den Vordergrund drängt.

Großvater William Newborn, den wir nur in Schilderungen und alten Tagebuchaufzeichnungen kennen und trotzdem fürchten lernen, hat sich des peinlichen Bruders kurzerhand entledigt. Dasselbe Schicksal scheint ein Dreivierteljahrhundert später seiner Großnichte zu blühen. Das deuten jedenfalls die vielen seltsamen Ereignisse an, die Rae Newborn den Aufenthalt auf Folly erst unbehaglich und schließlich lebensgefährlich machen. Doch wieder macht es Autorin King (Nomen est Omen?) sich und ihrem faszinierten Publikum nicht so einfach. Finstere Gestalten durchstreifen die idyllische Inselwelt, junge Frauen verschwinden spurlos, und irgendwo im Hintergrund munkelt der böse Schwiegersohn.

Erst im Finale wird’s recht konventionell; die graue Eminenz im Hintergrund betritt die Szene, und es gibt sogar ein Feuergefecht in dunkler Nacht. Das ist schade, es schadet der Geschichte. Immerhin entwertet es sie nicht. Um die Breitenwirkung des Romans nicht zu beinträchtigen, muss das Rätsel von Folly für die etwas schlichter gestrickte Leserschaft halt eine Auflösung finden, die keine Fragen offen lässt – es bestünde sonst die Gefahr, dass das nächste King-Buch weniger Leser/innen findet.

Das wahre Leben als Vorbild

Doch über weite Strecken ist »Die Insel der flüsternden Stimmen« die für sich spannende Geschichte einer versuchten Selbsttherapie. Natürlich fürchtet Rae Newborn, dass besagte »Stimmen« wie schon mehrfach geschehen ihren Ursprung im eigenen Kopf haben, also einen Rückfall in die Krankheit markieren. Diese Ambivalenz wird logisch dargestellt sowie in die Story integriert und nicht nur aufgesetzt, um die Figur »interessanter« zu gestalten.

Laurie R. King wurde im Großraum San Francisco geboren. Sie studierte Theologie und zog sie sich anschließend zunächst ins Familienleben und aufs Land zurück, wo sie die nächsten Jahren damit verbrachte, zwei Kinder großzuziehen und ein heillos verfallenes Farmhaus zu renovieren; das dabei erworbene handwerkliche Fachwissen floss in die Figur der Rae Newborn ein und trägt zur Authentizität von »Folly« entscheidend bei.

»Folly« erhielt inzwischen (natürlich) eine Art Fortsetzung: Im März 2003 erscheint in den USA »Keeping Watch«, Kings neuestes Werk, das Sheriff Carmichaels Bruder Allen in den Mittelpunkt stellt, der es mit einem Fall von Kindesmissbrauch zu tun bekommt – auch dies ein Thema, zu dem King immer wieder zurückkehrt.

Ihre Meinung zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen«

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Peter Amann zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 04.09.2012
Eigentlich weiß ich garnicht was ich schreiben soll. Dieses Buch ist so wunderbar, so großartig in seiner Genauigkeit, seiner Feinfühligkeit in der Beschreibung der Umgebung, der Menschen und der vielfältigen Probleme derselben. Man muß es selbst gelesen haben und wer sich eine gewiße Empfindsamkeit bewahrt hat, kommt mehr als nur auf seine Kosten. Allein die Schilderung des Berufes der Rae ist wunderbar...Ich liebe dieses Buch! Ein Büchertraum.
monischnecke zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 29.09.2009
Mein absolutes Lieblingsbuch, die Geschichte einer mutigen Frau, die durch Krankheit und die Widrigkeiten ihres eigenen Schicksals trotzdem weiterkämpft, und nicht aufgibt, obwohl sie oft Gründe genug dafür hätte. Schön und beruhigend ist dass es für Rae doch noch einen Lichtblick für die Zukunft gibt.
muprl zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 16.02.2009
Hätte ich mal, bevor ich das Buch gelesen habe, auf diese Bewertungen geschaut! Dann hätte es mir sicherlich wesentlich besser gefallen, denn auch ich habe (wie meine Vorkritiker) mehr Action und mehr Thrillerhandlung erwartet und wartete daher Anfangs immer, dass eine Leiche auftaucht (oder etwas in der Art).
Das Warten wurde ja letztendlich belohnt, denn im letzten Drittel kommt wirklich reichlich Spannung auf. Und im Nachhinein betrachtet ist auch der erste Teil wunderbar geschrieben und Teil eines insgesamt großartigen Buches. Man sollte nur vorher wissen, dass es sich um keinen "reinen" Thriller handelt, dann kann man diese Lesestunden und die raffiniert gebaute Handlung wunderbar genießen.
Nicole Porten zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 19.04.2006
Für mich ein langweiliges Buch. Hat mir überhaupt nicht gefallen, obwohl sich der Klappentext sehr vielversprechend angehört hat.
Vielleicht fange ich nochmal auf Seite 300 an, denn da soll´s spannend werden :-)
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 29.07.2005
Dieses Buch ist eigentlich kein Krimi oder Thiller, sondern ein intelligentes Psychogramm einer psychisch kranken Frau, die ausserdem entsetzliche Schicksalsschlaege wegstecken musste. Lange wird nicht klar, ob sie "nur" Wahnvorstellungen hat oder ob es tatsaechlich jemanden gibt, der ihr Boeses will.
Spannung kommt leider erst auf Seite 300 auf, dann geht es leider zu schnell zu Ende.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Lucie zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 03.01.2005
Das Buch ist schön geschrieben. Tatsächlich legte ich es kaum mehr aus den Händen.... aber nur, weil ich auf Handlung wartete. Es ist kein klassischer Krimi à la Christie oder Sayers. 2/3 ist langatmige Erzählung. Erst im letzten Drittel kommt Bewegung hinein, das aber viel zu gedrängt. Die Geschichte geht dann plötzlich viel zu rapide zu Ende, was sehr schade ist. Ich hätte mehr erwartet, werde aber trotzdem noch weitere Bücher dieser Autorin (die einen gefälligen Stil hat) lesen. ;/
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
MarianneR zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 12.12.2004
Hallo meine Lieben
2003 ist auf englisch eine Vortsetzung diese wirklich guten Buches erschienen, Keeping watch, hoffe es kommt bald auf deutsch heraus. Die Beschreibung auf Laurie Kings homepage hört sich sehr interessant an.
Gruss Marianne
Anja zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 04.11.2004
ein wunderbares Buch, unglaublich spannend und gleichzeitig sehr nachdenklich geschrieben. Ich habe schon lange keinen so intelligenten Krimi mehr gelesen. allerdings habe ich jetzt ein ziemliches Schlafdefizit, es ist extrem schwer das Buch aus der Hand zu legen:o)
MarianneR zu »Laurie R. King: Die Insel der flüsternden Stimmen« 10.05.2004
Eines der besten Bücher seit langem, aber ihr müsst daran denken dass ihr die Nacht durchlest denn man kann nicht so einfach aufhören und als ich es fertiggelesen hatte habe ich sofort nochmals begonnen, dass ist mir schon lange nicht passiert
gruss Marianne
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