Satanstango von

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1985 unter dem Titel Sátántangó, deutsche Ausgabe erstmals 1990 bei Rowohlt.

  • Budapest: Magveto, 1985 unter dem Titel Sátántangó. 333 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990. Übersetzt von Hans Skirecki . ISBN: 3-498-03468-5. 318 Seiten.
  • Zürich: Ammann, 2007. Übersetzt von Hans Skirecki. ISBN: 978-3250601104. 316 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2010. Übersetzt von Hans Skirecki. ISBN: 978-3-596-18073-8. 316 Seiten.

'Satanstango' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Eine heruntergekommene Ansiedlung in Südostungarn. Keine Arbeit, keine Hoffnung, keine Zukunft. Ringsum Verfall, von strömendem Oktoberregen in tiefe Trostlosigkeit getaucht. Nur eine Handvoll Menschen sind geblieben und warten auf ein Wunder, das ihr Los zum Besseren wenden könnte. Eines Tages kommt einer und verheißt Erlösung: Irimias, ein ehemaliger Dorfbewohner mit dem Charisma eines Propheten. Er verspricht anderswo einen neuen Anfang, Arbeit und ein besseres Leben. Die Dorfbewohner können sich der Suggestionskraft seiner Verheißungen nicht entziehen, wenngleich sie ahnen, daß sie wie schon so oft in ihr Unglück rennen werden. Und richtig, Irimias ist ein Gaukler und Gauner, der, seinerseits den Zwängen eines übermächtigen Systems ausgeliefert, Spitzeldienste für die Polizei verrichtet. Während aus dem Mund eines Irren Warnlaute erklingen und rätselhaftes Glockengeläut das Dorf erzittern läßt, tanzen dessen Bewohner zur Feier ihrer bevorstehenden Befreiung in der Kneipe einen infernalischen nächtlichen Tango.

Das meint Krimi-Couch.de: »Marode Welt« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

László Krasznahorkai führt uns in einen bleiernen Landstrich ohne Namen. Die Zeit spielt keine Rolle mehr. Wer noch hier ist, muss eh weg. Irgendwie. Findet kein Auskommen mehr. Die noch durchhalten, in ihren Häusern ausharren, haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Was wie eine ungarische Apokalypse nach dem Machtverlust der Kommunisten anheimelt, lässt sich sicher auch in mancher ostdeutschen Provinz nachspüren. Was wird aus Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, die stören, die sich umsiedeln müssen, um einen neuen Lebensinhalt, eine neues Auskommen, eine neue Heimat zu finden oder in einem Straßengraben verloren zu gehen.

Das Misstrauen untereinander führt dazu, dass sie miteinander brechen, sich gegenseitig zu übervorteilen suchen. Sie fangen an zu saufen, zu lügen, zu betrügen, bieten ihren Körper gegen Geld an oder entdecken plötzlich Gott für sich. Wer findet nicht zum Gebet zurück, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht? Wer hofft nicht auf den Erlöser, auf den Heilsbringer? Sie wollen an die Hand genommen werden.

Das, was die Siedlung ausmachte, die Geschäfte, die Werkstätten, die Schule ist verschwunden. Niemand besitzt mehr genug Geld, um sie am Leben zu halten, und wer wie der Arzt seinem Beruf nachgehen könnte, den plagen im Rausch Wahnvorstellungen, dass er dazu berufen ist, sich zu erinnern, eine Sammlung vergangener Tage anzulegen.

So erzählt László Krasznahorkai vom gescheiterten Versuch einer Handvoll Menschen zu überleben, indem sie erstarren. Sie sind empfänglich für Heilserwartungen, für Erlösersprüche, für Ganoven, die ihnen das letzte Hemd nehmen wollen. Neben dem bisschen Geld, ihre Würde, ihren Glauben an sich. Der vermeintliche Erlöser und ehemalige Mitbewohner Irimias hat leichtes Spiel, sie um sich zu scharen. Geld und Hoffnung verspricht er.

Mir doch egal, wessen Erlösung ich hinterher laufe. Auch wenn er nur ein feiger, biederer Polizeispitzel ist, ein Wolf im Schafspelz.

László Krasznahorkai setzt dies in einen festgefügten sprachlichen Block. Er kennt keine Absätze, keine Aufspaltungen in drehbuchgeeignete Dialoge und wenn sich zuweilen etwas Humor einschleicht, wird er sogleich vom Teufelskreis der Armut, vom Verrotten der Gefühle eingefangen. Er erinnert in seiner komplexen Einfachheit an Kafka. Auch dessen Labyrinth, in dem sich Menschen wie K. verirren, ist sprachlich an der Oberfläche realistisch. Lässt man sich darauf ein, sinkt man jedoch im Morast ein.

Es ist die Zeit danach. Das Todesurteil über die Siedlung längst gesprochen. Die meisten Bewohner kreischend, entsetzt, verzweifelt auf Lastwagen irgendwohin in die Ferne geflohen oder besser umgesiedelt worden. Zurück bleibt der Verfall, der Gestank stehender Hoffnungen. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren, der Hass.

»Herr Hauptmann, Sie wissen ebenso gut wie wir, was für ein Gesetz das ist. Deshalb sind wir beide doch hier. Was Sie auch von uns halten mögen, wir sind Bürger, die das Gesetz respektieren. Wir wissen, was Pflichten bedeuten. Ich möchte Sie daran erinnern, wie oft wir das unter Beweis gestellt haben. Wir stehen auf der Seite des Gesetzes.«

Wie schön. Was wohl nichts anderes heißt, als dass es längst kein Gesetz mehr gibt, nur noch den eigenen Vorteil. Nicht umsonst wird der Offizier wenige Zeilen weiter sagen:

»Ich weiß alles über euch ...«

László Krasznahorkai kennt seinen Kafka. Er hat eine Parabel geschrieben, die nur scheinbar irgendwo im Niemandsland gestriger Hoffnungen und Visionen angesiedelt ist.

Wir sind längst soweit, dass man uns mit einem einzigen Mausklick in ein geistiges, marodes Unterhaltungswesen verwandeln kann. Das macht László Krasznahorkai kleinen, grauen Roman so spannend. Er berichtet aus der Mitte des Stillstandes, wenn alles weitergezogen ist.

Wenn es nichts mehr gibt, das uns antreibt, an eine bessere Zukunft zu glauben.

Wolfgang Franßen, Februar 2011

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