Der weiße Drache von Lars Bill Lundholm

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Södermalmsmorden, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1990 - 2009.

  • Stockholm: Forum, 2003 unter dem Titel Södermalmsmorden. 230 Seiten.
  • München: Heyne, 2005. Übersetzt von Ulrike Nolte. ISBN: 3-453-43114-6. 352 Seiten.

'Der weiße Drache' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In einem Kanal des Stockholmer Viertels Södermalm wir ein aufrecht im Wasser stehender bleicher Mann entdeckt, der aus milchweissen Augenhöhlen an die Oberfläche starrt. Eine schwere Ankerkette an seinem Bein hält ihn unter Wasser. Am Arm trägt er eine auffällige Tätowierung: ein geflügelter Drache. Mit einem Foto des Toten und einem Bild der Tätowierung nimmt Kommissar Axel Hake die Ermittlungen in Södermalm auf, einem Viertel voller schräger Figuren und gescheiterter Existenzen. Bald wird ein Gebrauchtwagenhändler als vermisst gemeldet und seine Frau gibt vor, der Tote sei ihr Mann. Doch all das passt nicht zu den Beobachtungen der skurrilen Lizzi Hammarlund, die das Geschehen am Kanal den ganzen Tag über aus dem Fenster beobachtet. Kann Hake ihr vertrauen?

Das meint Krimi-Couch.de: »Überzeugt mit guten Charakteren und realistischer Ermittlungsarbeit« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

»Östermalmsmorden«, »Södermalmsmorden«, »Kungholmsmorden« – der schwedische Autor Lars Bill Lundholm benennt seine Romane aus der Krimiserie um den Kommissar Axel Hake nach Stadtteilen der schwedischen Hauptstadt. Nun liegt erstmals eines der Bücher in deutscher Übersetzung vor, merkwürdigerweise aber wieder mal nicht das erste der Serie, sondern das zweite.

Der deutsche Titel von »Södermalmsmorden« lautet »Der weiße Drache«, denn ein solcher ist auf der Tätowierung zu sehen, die das unbekannte Mordopfer trug, das man aus dem Wasser gefischt hat. Mit einer Ankerkette befestigt stand die Leiche unter Wasser im Kanal, so daß sie zwar nicht sofort entdeckt wird, aber auch nicht allzu lange verborgen bleibt.

Zahlreiche Motive und Verdächtige

Die Tätowierung erweist sich als ein Zeichen der Fremdenlegion und über die Vermisstenkartei wird schnell der Gebrauchtwagenhändler Harry Stenman, wegen seiner roten Haare Red genannt, als Opfer identifiziert. Obwohl dessen Frau und Bruder, die in der Firma mitarbeiten, keinen Grund nennen können oder wollen, warum Red umgebracht worden sein könnte, findet die Polizei recht schnell einige Spuren, die auf mögliche Motive hindeuten. Um die Firma stand es nicht allzu gut, und Red hat sich eine größere Summe von einem Freund geliehen. Doch wofür? Jedenfalls nicht, um seine Schulden zu bezahlen. Dann scheint er auch mit Russen in Geschäfte mit gestohlenen Autos verwickelt gewesen zu sein. Und schließlich tauchen auch noch ehemalige Kameraden aus der Fremdenlegion auf, die nicht so gut auf Red zu sprechen waren. Die Ehefrau reiht sich ebenfalls in die Gruppe der Verdächtigen ein, da sie von einer hohen Lebensversicherung profotiert.

Das Ermittlerteam besteht aus dem Kommissar Axel Hake und seinen Mitarbeitern Oskar Lidman und Tobias Tobisson. Hake scheint mal ausnehmsweise ein Ermittler ohne irgendwelche psychischen Probleme und mit relativ intakten Familienverhältnissen zu sein, auch wenn Lebensgefährtin Hanna eine eigene Wohnung besitzt, in die sie sich mit der kleinen Tochter zurückzieht, wenn Hake mitten in einem Mordfall steckt. Hake ist ein sympathischer Typ, der eine gewisse Ausstrahlung besitzt, obwohl er durch eine Knieverletzung ständig auf einen Stock angewiesen ist. Auch Hakes Schwester Julia, eine Tierärztin, spielt eine Rolle in diesem Fall. Der übergewichtige Lidman ergänzt Hake mit seinen Schlüssen optimal und der leicht aufbrausende Tobisson ist eher für langwierige Ermittlungen zuständig.

Der Autor zeigt ein deutliches Bild des etwas heruntergekommenen Stadtteils Södermalm, das von einigen zwielichtigen Gestalten bevölkert ist. Eine behinderte Frau, die den ganzen Tag am Fenster sitzt, kann Hake wichtige Informationen liefern. Ein Obdachloser, der sich in einem VW-Bus unter einer Brücke eingerichtet hat, spielt eine zwielichtige Rolle. Und bei den Geschäftsleuten aus dem Viertel scheint nicht immer alles ganz astrein zu laufen.

Auch ohne Hochspannung genügend Stärken

Außer mit großartigen Milieuschilderungen und hervorragend dargestellten Charakteren überzeugt »Der weiße Drache« auch durch logische und realistische Ermittlungsarbeit. Stückchen für Stückchen gewinnen die Polizisten neue Erkenntnisse, deren Schlüsse der Leser gut nachvollziehen kann. Immer wieder neue Verdachtsmomente und überraschende Wendungen lassen zu keiner Zeit Langeweile aufkommen. Lediglich die Penetranz, mit der Hake dem russischen Freund seiner Schwester eine Verbindung zu dem Mordfall andichten will, blos weil ein Russe ja den anderen kennen muß, passt nicht so recht ins Bild.

Daß die Ermittlungen niemals eintönig werden, dafür sorgen einige Nebenhandlungen. Hakes Schwester hat sich da in eine Sache reinziehen lassen, um die sich der Bruder natürlich kümmern muß. Dann scheint Freundin Hanna plötzlich in einer Lebenskrise zu stecken. Und zu allem Übel macht ihm sein unsympathischer Chef Rilke auch noch die Hölle heiß. Doch Hake lässt sich nicht unterkriegen.

Einzig der Spannungsbogen bleibt relativ flach, was jedoch die bereits geschilderten Vorzüge des Romans mehr als wett machen. Die überraschende Auflösung setzt schließlich noch das i-Tüpfelchen auf einen hervorragenden Kriminalroman, der erwarten lässt, dass sich Axel Hake in der Riege der skandinavischen Krimiermittler etablieren kann.

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CRI zu »Lars Bill Lundholm: Der weiße Drache« 02.01.2012
Ich kann nicht ganz nachvollziehen, wieso Axel Hake auf dem Einband der schwedischen Taschenbuchausgabe als Alltagsheld bezeichnet wird, auch nicht dass hier die "realistische Ermittlungsarbeit" gelobt wird. Es wird wohl kaum ein echter Polizeibeamter mit einem tatverdächtigen Boxer in einer einsamen Trainingshalle in den Ring steigen, um diesem Informationen zu entlocken, schon gar nicht, wenn er selbst eine schwere Knieverletzung hat und somit vorprogrammiert ist, dass er ordentlich etwas abbekommt.
Insgesamt ein durchaus spannender Kriminalroman, in dem manche Personen etwas überzeichnet wirken (Hakes Vorgesetzter, Tobissons sportlicher Ehrgeiz, Lidmans Vorliebe für Süßigkeiten und das Tanzen, die Beschäftigung der Zeugin Lizzi). Keinesfalls langweilig. Ab und an hatte ich den Eindruck, man müsste den ersten Teil gelesen haben, um die Personen besser zu "kennen" (bspw. wird erst gegen Ende knapp erwähnt, was mit Hakes Knie passiert ist).
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