Krimis aus Russland

Stirb Brüderchen, stirb

Krimis aus Russland

Zugegeben: Im westeuropäischen Raum nimmt der russische Krimi immer noch eine fast »exotische« Sondereinstellung ein. In Russland selbst ist hingegen mittlerweile jeder dritte neu erscheinende Roman zur Kriminalliteratur zu zählen, die erfolgreichsten Krimi-Autoren in der Zeit des Post-Kommunismus weisen Auflagen in zweistelliger Millionenhöhe auf.

Das ganze ist durchaus als überraschender Boom zu betrachten. »Mörderjagd als intellektuelles Vergnügen wäre stilbildenden Autoren, vor allem den Klassikern im Innersten suspekt gewesen«, erklärt der »Rheinische Merkur« und stellt fest: »Es gibt also keine entsprechende literarische Tradition wie etwa in Frankreich oder den angelsächsischen Ländern.«

Krimis aus Russland

Hinzu kommt, dass jede kriminelle Handlung – und dann noch in literarischer Form – »eine ideologische Kriegserklärung« (Rheinischer Merkur) gegen die Kommunisten gewesen wäre. Der Krimi war also nicht nur verpönt sondern geradezu inexistent.

Natürlich hat die Begründung des Krimi-Booms in Russland durch Glasnost und Perestroika, durch West-Orientierung und Öffnung des riesigen Landes, durch die neu gewonnene Freiheit, seine Berechtigung. Vor allem liegt es aber wohl an der Realitätsnähe der russischen Krimis, dass sie dermaßen erfolgreich sind.

Wer aber sind diese Autoren, die den russischen und nun auch den deutschsprachigen Leser um den Schlaf bringen? Die das ZDF zu einer Aussage wie dieser treiben: »Was ist bloß dran an den russischen Autoren? Das Gefühl für die lebhafte, unter die Haut gehende Sprache scheint bei ihnen im Allgemeinen stark ausgeprägt, sodass man eine bestimmte genetische Veranlagung zur Schriftstellerei bei diesem Volk vermuten möchte.« Krimi-Couch.de versucht einen Überblick zu geben.

Als Senkrechtstarterin darf die 1957 in St. Petersburg geborene Ex-Polizistin Alexandra Marinina bezeichnet werden, über 20 Krimis um die Moskauer Polizei-Majorin Anastasija Kamenskaja wurden innerhalb von fünf Jahren veröffentlicht. Es geht um Korruption, Mord und die Mafia – eine Mixtur, die die Russen zu lieben scheinen. Marininas Gesamtauflage nähert sich stetig der der britischen »Crime-Mum« Agatha Christie und das ehemalige Regierungsorgan »Iswestija« tönt sogar: »Die Demokratie hat gesiegt, denn das Land liest Marinina«. In Deutschland sind bisher neun Anastasija-Fälle auf den Markt gekommen.

Krimis aus Russland

Polina Daschkowa, Jahrgang 1960, ist hingegen so etwas wie eine russische Liza Marklund. Ebenfalls Journalistin, ebenfalls sehr jung, ihre Protagonistin Lena Poljanskaja auch Redakteurin und ebenfalls sehr erfolgreich. Ihre Krimis haben mittlerweile sogar den Weg in den frankophonen Sprachraum gefunde.

Andere Wege als Alexandra Marinina und Polina Daschkowa schlägt Boris Akunin ein. Akunin, der Krimis zur Entspannung schreibe, hat mit seinem Helden Erast Fandorin, der im ausgehenden 19. Jahrhundert in Russland ermitteln darf, eine Mischung aus »Sherlock Holmes, Maigret und James Bond mit russischer Seele« (ARD) erfunden, an der sogar Filmstudios aus Hollywood Interesse entdeckt haben.

Mittlerweile nimmt die russische Kriminalliteratur allerdings abstruse Züge an: Konnte ein Schriftsteller zu Sowjet-Zeiten noch gut und gerne zwei Jahre von einer Veröffentlichung leben, sind die Autoren nun gezwungen, am Fließband zu produzieren, doch schaffe man gerade alle drei Monate einen Krimi, der dann an Kiosken, Zügen und Bussen verkauft wird – für knapp drei Euro. Davon selbst erhalte der Autor rund 60 Cent, was ihn nicht nur dazu zwinge, schnell neue »Ware« abzuliefern, sondern auch Ghostwriter zu beschäftigen, um der immensen Nachfrage nachzukommen, berichtet die Frankfurter Rundschau. Dazu herrsche gerade im russisch-sprapchigen Internet ein purer Ideenklau en masse, komplette Romane sind – natürlich ohne Tantiemen gezahlt zu haben – frei im Netz verfügbar: Wild-West im tiefen Osten. (Lars Schafft)

Seiten-Funktionen: