Eifel-Krimi, Friesen-Krimi, Münster-Krimi, Niederrhein-Krimi, Frauen-Krimi, Internet-Krimi – mit welcher Ausdauer die Verlage ihre insbesondere deutschen Veröffentlichungen untertiteln, zeugt vor allem von Einfallslosigkeit. Durch die konsequente Ansiedlung ihrer Krimis vor der Haustür wurde im deutschsprachigen Raum der Begriff Regional- oder Regio-Krimi ein beliebter Marketing-Gag. Schreibt nun automatisch jeder deutsche Autor einen Regionalkrimi, nur weil er den Vorgarten seiner Nachbarn mit Leichen pflastert? Und warum wehrt sich nahezu jeder Schriftsteller, der etwas auf sich hält, gegen diesen Begriff? Eine Bestandsaufnahme.

Der Westdeutsche Rundfunk definiert den Regionalkrimi in der Buchbesprechung des Duisburgs Michael Preute alias Jacques Berndorf, der mit seinen in der Eifel spielenden Krimis um Siggi Baumeister, große Erfolge erzielte, beispielsweise so: »Angereichert mit viel, viel Lokalkolorit, jeder Baum korrekt beschrieben, jede Weggabelung vorher besichtigt. Also all die Methoden, mit denen sich die Autoren solcher Bücher gewöhnlich über ihr mangelndes Schreibvermögen hinwegmogeln und trotzdem schon ab Seite 20 den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.« Berndorf erfülle diese Kriterien zwar nicht und der WDR definiert weiter: Plot durchdacht und hintergründig, Figuren differenziert, ein Hauch Lokalkolorit und aus dem guten Regio-Krimi »wird etwas besseres«, so dass sich der Begriff selbst verbiete.

Krimis aus Deutschland

Schauen wir von der Eifel ins Ruhrgebiet, wo zahlreiche meist junge Autoren, den »Pott« auch kriminologisch kochen lassen. Alles Regionalkrimis, was aus ihrer Feder fließt? Nach Reinhard Jahn, der den Begriff Regionalkrimi einer Autopsie unterzogen hat (1) und als weiteres Kriterium das kartographische Element des Romans anführt, schreibt auch der mehrmaliger Gewinner des Deutschen Krimi Preises und Schöpfer des Ruhrpott-Marlowe Kristof Kryszinski Jörg Juretzka Regio-Krimis (Mülheim), weil dieser eben doch den ständigen Stau auf dem Ruhr-»Schnell«-Weg A 40 und den dunklen Seiten der Essener City beschreibt. Wie wenig der Begriff »Regio-Krimi« an qualitativer Aussage beinhaltet, beweist Juretzka, in dem er seinen Kryszinski in Fallera doch glatt in die schweizer Alpen schickt …

Auch Niklaus Schmid lässt seinen Privatdetektiv Elmar Mogge zunächst in Duisburg ermitteln, inszeniert spannende Finale auf der Rheinfähre Walsum-Orsoy. Regio-Krimi oder nicht? Nach bisherigen Ansatzpunkten schwierig, wo doch die Lösung für Mogges Probleme all zu oft auf den Balearen liegt, wie in Bienenfresser auf Ibiza.

Krimis aus der Schweiz

Bisher sind die Erklärungsversuche also nicht immer stichhaltig und wirft man einen Blick auf den »Urvater des deutschen Regional-Krimis«, die Tatort-Reihe in der ARD, kommen weitere Zweifel auf. Was wäre Stöver ohne friesische Morde auf Bauernhöfen? Oder Schimanski ohne Stahlwerke? Gerade die Wiederbelebung des Ruhrpott-Rüpels und seiner Fälle, die nun in Ex-Jugoslawien, Belgien, Köln oder Düsseldorf spielen, zeigen: Nur Lokalkolorit macht noch keinen bundesweit anspruchslosen Regionalkrimi. Vielleicht sollte man nicht den Fehler begehen, den Regionalkrimi mit Krimis lediglich von regionaler Bedeutung zu verwechseln.

Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, Mankells Wallander-Krimis als Ystad-Krimis oder die von Raymond Chandlers bzw. Michael Connellys als Los-Angeles-Morde zu bezeichnen. Anscheinend brauchen deutsche Leser Schubladen, in die sie deutsche Krimis einordnen können. Anders lassen sich wohl die plakativen Bezeichnungen wie »Eifel-Krimi« nicht erklären.

Krimis aus Deutschland

Allerdings gibt es kaum einen Autor, der sich gegen dieses Schubladen-Denken nicht wehrt. Weder Friedrich Ani (München) noch Glauser-Preisträger Horst EckertAnne Chaplet noch Astrid Paprotta Frauen-Krimis, (Düsseldorf) schreiben Regionalkrimis, weder Martin Suter keine Tirol-Krimis, Wolf Haas und Alfred Komarek keine Ösi-Thriller, sie wehren sich geradezu gegen die Schubladen, in denen sie von Verlagen und Medien gesteckt werden.

Krimis aus Österreich

Und das ist gut so! Deutschsprachige Krimiautoren können weit mehr, als ihr Platz in den Buchhandlungen vermuten lässt. Genug also von der im Grunde überflüssigen Debatte um Kategorien und Schubladen. Nur weil der Leser die Tatorte – sei es Düsseldorfer Rheinpromenade, Spielhallen im Revier, Kontore in Hamburg oder Englischer Garten in München – in deutschen Krimis kennt, sind sie noch lange nicht schlechter als der 243. Fall eines englischen Inspectors. Ganz im Gegenteil: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt? 

Vielen Dank für die Unterstützung bei der Auswahl und Recherche schweizer Krimi-Autoren an die Münstergass-Buchhandlung, Bern!

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