Der amerikanische Krimi hat fast genau so lange Tradition wie der britische – aber eben nur fast. Denn bevor Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett den Kriminalroman neu ausrichten und anders akzentuieren konnten, legten Briten wie Sir Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, G.K. Chesterton, Dorothy L. Sayers etc. dafür die Basis. In der Entwicklung vom britischen »klassischen« Detektivroman zum amerikanischen »Hard boiled« dürfen Autoren wie Ellery Queen oder Rex Stout natürlich nicht ungenannt bleiben. Oft unterschlagen wird allerdings S.S. van Dine, der mit der Figur des Philo Vance eine Art New Yorker Sherlock Holmes schuf, gerade in Europa dafür fälschlicherweise nie entsprechend gewürdigt wurde.

Chandler und Hammett revolutionierten in den 30er Jahren den Kriminalroman. Dank Philip Marlowe oder Sam Spade standen nicht mehr ein gewisser Kampf des Guten gegen das Böse im Vordergrund, auch das rationelle Lösen von Geheimnissen war nicht mehr Hauptmotiv ihrer Romane. Stattdessen dominieren Gewalt, Habgier, Morallosigkeit das Geschehen. Die Gesellschaft ist heruntergekommen, die Detektive auch. Im Gegensatz zu den skandinavischen Krimis à la Sjöwall / Wahlöö heben aber weder Chandler noch Hammett den moralischen Zeigefinger.

Auch für eine weitere Prägung des Krimigenres zeichnet sich ein US-Amerikaner verantwortlich: Ed McBain, der Erfinder des 87. Polizeireviers, gilt als geistiger Vater des »Police Procedurals«, des Krimis aus dem Polizeialltag. Nichts neues, mögen Simenon-Kenner meinen. Dennoch: Auch Maigret hatte eher Eigenschaften eines Privatdetektivs, McBains Geschichten sind realitsnäh aus dem Alltag beobachtet. Und damit legte Ed McBain den Grundstein für die Martin-Beck-Reihe der Schweden Sjöwall / Wahlöö und zahlloser weiterer Krimis, in denen »normale« Polizisten das Geschehen bestimmen.

Krimis aus Amerika

Diese drei Autoren werden auch heute noch oft als Vorbilder bezeichnet, und dank Ihnen wurde der US-amerikanische Krimi weiterentwickelt, nur die Grenzen wurden durchlässiger und unklarer. Als Söhne Chandler, Hammetts und McBains lassen sich so Autoren wie Michael Connelly mit seiner Harry-Bosch-Reihe, Jeffery Deaver mit seinem Cops um den gelähmten Lincoln Rhyme und seiner Kollegin Amelia Sachs, oder John Sandford und seine Lucas-Davenport-Krimis auflisten.

Fließend war auch der Übergang vom Hard-boiled zum Thriller in all seinen Facetten, vom Justiz-Thriller von John Grisham oder Scott Turow bis zum Archäolgie-Thriller des Autorenduos Douglas Preston und Lincoln Child. Und dann wäre da ja noch der blanke Horror, der brutale Thriller, der dem Leser das Blut in den Adern gefrieren lässt. Bekanntester und erfolgreichster Vertreter dieser Gattung ist sicherlich Thomas Harris, der mit Dr. Hannibal Lecter wohl den berühmtesten (berüchtigtigsten) Kannibalen aller Zeiten schuf.

Ein besonderes Phänomen der amerikanischen Krimilandschaft scheint die Vorliebe für Gerichtsmedizin, Forensik, etc. zu sein: Patricia Cornwell hat es mit ihrer Protagonistin Kay Scarpetta vorgemacht und seitdem springen immer mehr (bemerkenswerterweise weibliche) Autoren auf den Zug auf: Kathy Reichs und Tess Gerritsen sind nur zwei Beispiele. Der makrabre Spaß an der Pathologie ist in.

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