Die Überlebende von Kishwar Desai

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Witness the night, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Indien, 1990 - 2009.
Folge 1 der Simran-Singh-Serie.

  • London: Beatiful, 2010 unter dem Titel Witness the night. 280 Seiten.
  • München: btb, 2013. Übersetzt von Leon Mengden. ISBN: 978-3-442-74372-8. 280 Seiten.

'Die Überlebende' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine kleine Stadt im indischen Punjab. Inmitten eines furchtbaren Blutbads wird als einzige Überlebende der niedergemetzelten Familie die 14-jährige Durga gefunden – mehr tot als lebendig. Das traumatisierte Mädchen wird von der örtlichen Polizei für das schreckliche Unglück verantwortlich gemacht. Doch die Sozialarbeiterin Simran Singh, aus Delhi zur Hilfe gerufen, um etwas aus dem verstörten Mädchen herauszubekommen, glaubt nicht an die Schuld des Mädchens. Simran, die in Delhi ein unabhängiges und unkonventionelles Leben führt, stößt auf ein düsteres Netz aus Korruption und Lügen – in einer Welt, der sie längst entronnen zu sein glaubte und in der das Leben eines Mädchens nichts zählt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Simran Singh: unerschrockene Ermittlerin aus Delhi« 69°

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Kishwar Desai wurde in Indien geboren, arbeitete dort als Journalistin, Produzentin und CEO fürs Fernsehen, bevor sie nach England kam. 2010 erschien bei Random House ihr Romandebüt »Witness the Night«, 2013 bei btb unter dem Titel Die Überlebende veröffentlicht. Die Handlung spielt im indischen Punjab, Hauptfigur ist Simran Singh aus Delhi, die sich als ehrenamtliche Sozialarbeiterin und Amateur-Psychologin um Strafgefangene kümmert.

In der Kleinstadt Jullundur ereignet sich eine Tragödie. Sämtliche Mitglieder der angesehenen Familie Atwal werden vergiftet aufgefunden, auf einige Opfer wurde zusätzlich eingestochen. Der Täter versuchte die Leichen zu verbrennen. Da es keine entlastenden Indizien oder Fingerabdrücke gibt, fällt der Verdacht auf die Tochter des Hauses, die erst vierzehnjährige Durga. Das Mädchen wurde als einzige lebend gefunden, schwer misshandelt, gefesselt und vermutlich auch vergewaltigt. Ihre Fingerabdrücke sind auf dem Messer, sie hat das Gift gekauft und als Erbin eines ansehnlichen Vermögens hat sie ein Motiv. Das traumatisierte Mädchen sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Der Generalinspekteur der Strafanstalten, Amarjit, ist ein alter Freund aus College-Zeiten und bittet Simran um Hilfe. Simran kann nicht ausschließen, dass Durga ihre Familie getötet hat. Ihr Motiv könnte Notwehr sein oder Rache für ihre geliebte ältere Schwester Sharda, die vor Jahren spurlos verschwand. Vielleicht wurde Durga vergewaltigt und ist verrückt geworden. Wenn sie die Täterin ist, war sie nicht allein. Wurde sie manipuliert oder hat sie jemanden manipuliert? Und wer könnte dieser Jemand sein? Simran hat bald eine ganze Liste von Verdächtigen. Durgas Schwägerin Binny, die vor dem Massaker zu ihrer Familie nach England floh, der dubiose Hausverwalter der Atwals, Polizeisuperintendent Ramnath Singh und Amarijt, die beide bei den Atwals ein und aus gingen, ferner Shardas und Durgas Hauslehrer Harpreet, ein Bild von einem Mann. Simran weiß, dass sie Durga nur helfen kann, wenn sie Shardas Schicksal aufklärt.

Frausein in Indien

Die Überlebende ist ein harter Kriminalroman, der auf zwei Zeitebenen erzählt wird, nach vorne und nach hinten. Simrans Ermittlungen treiben die Handlung voran, Durgas Tagebuchaufzeichnungen aus dem Gefängnis erzählen die Vorgeschichte des Verbrechens. Der Roman wirft ein Schlaglicht auf ein Indien, in dem der moderne Computer-Inder auf mittelalterliche Traditionen prallt: Clash of Cultures in psychotischer Dichotomie in einer Person vereint. Das Land wird von Terroranschlägen Al Kaidas oder anderer islamistischer Gruppen heimgesucht, während eine andere Form des Terrors hinter den verschlossenen Türen von Privatvillen, Krankenhäusern und psychiatrischen Anstalten geführt wird. Ziel ist die eigene weibliche Bevölkerung. Während die Autorin die Hintergründe eines Kriminalfalls entfaltet, enthüllt sie rücksichtslos und detailliert die Methoden und Grausamkeiten, mit denen sich man systematisch des »Kostenfaktors« Mädchen oder Frau entledigt. Frausein in Indien bedeutet ein Leben in ständiger Gefahr, ausgerechnet durch die eigene Familie, wobei Frauen nicht nur Opfer sind, sondern auch Täter.

Kriminalroman und Reportage

Der Realismus und das moralische Anliegen der Autorin sind eine große Stärke des Romans. Die Autorin, deren Vater Polizeibeamter im Norden Indiens war, ist eine unerschrockene Kämpferin für die Sache der Frau. Sie kennt die Fakten. Und zugleich ist dies die große Schwäche des Romans. Desais Ambition, alle Missstände und Ungerechtigkeiten zu berücksichtigen, führt zu einer Überfrachtung mit Sachinformationen. In diesen Momenten gleitet der spannende Kriminalroman in eine trockene Seminararbeit ab.

»Der Punjab ist berüchtigt dafür, dass er seine Töchter mordet. Die Rate von Frauen gegenüber Männern ist hier die niedrigste im ganzen Land – weniger als 850 Frauen auf 1000 Männer. Und trotz jeder Menge ernster Warnungen von Seiten der Sozialwissenschaftler und Demographen sind Mädchen hier einfach nicht erwünscht. In Chandigarh, der gemeinsamen Hauptstadt der beiden Bundesstaaten Punjab und Haryana, ist das Verhältnis sogar nur 777 zu 1000, und in manchen Dörfern in Haryana sind es mickrige 370 Frauen pro 1000 Männer.«

Et cetera pp. Manchen Lesern mag das gefallen.

Eine starke Heldin

Der Roman besticht durch seine starke Hauptfigur, die 45 Jahre alte Simran Singh, eine Sikh, die Bier, Gin und Whisky trinkt und Zigaretten raucht, wechselnde Beziehungen mit Männern hat und Kavaliere hasst. Ihre Mutter würde gerne Babyschuhe häkeln und nervt mit ihren Forderungen. Das ist lästig für Simran und weil es zu oft thematisiert wird, irgendwann auch für den Leser. Das väterliche Erbe ermöglicht Simran ein sorgenfreies Leben. Sie möchte aber etwas Sinnvolles machen, nämlich Gefangenen helfen, um mit guten Taten dem Vater zu gefallen. Hinsichtlich der indischen Männer im allgemeinen hat sie keine Illusionen. Typisch ist eine Szene, in der sie sich mit einer schweren Tür der Todesvilla abmüht, zum Amüsement der beiden Wachposten, die keinen Finger rühren, »wie es bei indischen Männern halt so üblich ist.« Den Gefallen, sie um Hilfe zu bitten, erweist sie ihnen nicht. Simran ist nicht nur eine hartnäckige, sondern auch eine dickköpfige Ermittlerin.

Mittlerweile ist der dritte Roman über die Sozialarbeiterin und Amateur-Detektivin Simran Singh erschienen.

Fazit: Ein spannender Krimi aus Indien mit einem brisanten gesellschaftspolitischen Thema und einer starken Ermittlerin, der jedoch zu oft ins Journalistische abgleitet.

Almut Oetjen, September 2013

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Sonja P. zu »Kishwar Desai: Die Überlebende« 01.12.2013
Habe den Roman geradezu verschlungen, konnt ihn fast nicht mehr loslassen.
Ich fand nicht, dass er mit Sachinformationen überfrachtet war, über dieses Schicksal der Mädchen ist bei uns viel zu wenig bekannt.
Simrans Mutter fand ich auch etwas nervig und für die Handlung eigentlich überflüssig. Nur am Ende des Buches spielt sie eine positive Rolle.
Unvorstellbar, diese Zustände in unserer Zeit, das muss unbedingt mehr in die Öffentlichkeit, um irgendwann ein Umdenken über die Wertschätzung von Mädchen und Frauen in Indien zu erreichen.

Ich freue mich auf weitere Bücher mit Simran!
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