Die letzte Wahrheit von Kevin Wignall

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Who is Conrad Hirst?, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Heyne.

  • New York: Simon & Schuster, 2007 unter dem Titel Who is Conrad Hirst?. 227 Seiten.
  • München: Heyne, 2010. Übersetzt von Teja Schwaner. ISBN: 978-3-453-43458-5. 299 Seiten.

'Die letzte Wahrheit' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Conrad Hirst ist Auftragskiller für einen deutschen Verbrecherboss. Nach seinem letzten Mord beschließt er, auszusteigen und ein neues Leben zu beginnen. Doch er kennt die Spielregeln des Gewerbes. Es gibt vier Personen, die wissen, wer er ist und was er tut. Vier Personen, die er töten muss. Ein scheinbar einfacher Plan, aber bald muss er feststellen, dass er nur eine Marionette in einem sehr viel größeren Spiel ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wer ist Conrad Hirst?« 75°

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Um heutzutage einen guten Kriminalroman aus der Masse der vielen Neuerscheinungen hervorheben zu können, bedarf es einer geschickten Werbung seitens des Verlags. Nicht selten wird mit Vorschußlorbeeren in Form von Zitaten anderer Autorenkollegen gearbeitet, um die Aufmerksamkeit eines eventuellen Lesers zu erregen. In die Riege dieser Buchtitel reiht sich nun auch Kevin Wignalls Die letzte Wahrheit (Who is Conrad Hirst?) ein. Diesmal sind Jeffery Deaver und Mark Billingham, beide bekannte Größen des Genres, voll des Lobes für den Roman des in Belgien geborenen Autors, welches zudem im Jahre 2008 für den Barry Award und, in der Kategorie »Best Paperback Original”, für den Edgar Award nominiert worden ist. Derart hohe Weihen suggerieren natürlich einen Knaller von Buch und führen dazu, dass man unwillkürlich auch andere Maßstäbe während der Lektüre anlegt. Doch kann Wignalls deutsches Debüt (auf Englisch bereits sein vierter  Kriminalroman) dieser Erwartungshaltung gerecht werden? Der Klappentext hält sich ziemlich bedeckt und verrät wenig Inhaltliches, weshalb die Geschichte hier noch mal kurz angerissen sei:

 Mitte der 90er Jahre in Zentraleuropa. In Jugoslawien tobt ein blutiger Bürgerkrieg, dessen Fronten durch ganze Familien laufen und die Grenzen zwischen gut und böse verschwimmen lassen. Das Elend ist überall sichtbar, für fast alle Beteiligten bedeutet dieser Konflikt Leid, Armut und Tod. Für den jungen Conrad Hirst jedoch, der nach dem tödlichen Unfall seiner Eltern das Studium geschmissen und die Welt bereist hat, ist Jugoslawien der spanische Bürgerkrieg seiner Generation. Gemeinsam mit seinem besten Freund Jason begibt er sich in das zerrüttete Land. Romantische Gefühle von Abenteuer und Heldentum hegend, streben die beiden danach, die neuen Hemingways und Capas zu werden. Am Kriegsschauplatz angekommen zerplatzen diese Träume so schnell wie Seifenblasen. Die Gräueltaten und Kriegsverbrechen holen sie brutal in die Wirklichkeit zurück und verrohen die beiden Freunde. Als Anneke, Conrads erste große Liebe, bei einem Bombenangriff stirbt, verliert dieser damit den letzten Halt. Verstört und traumatisiert schließt er sich einer marodierenden Milizeinheit an. Er tötet, foltert und gerät bald darauf in das Visier eines Söldners, der ihn aus Jugoslawien wegholt und zum Auftragskiller ausbildet.

 Fast zehn Jahre später hat Conrad Hirst genug von seiner «Arbeit”. Sein letzter Auftrag, die Tötung eines greisen Mannes, öffnet ihm die Augen und lässt ihn zum ersten Mal nach langer Zeit wieder etwas fühlen. Er beschließt auszusteigen, kennt jedoch die Spielregeln seines Gewerbes. Neben seinem mysteriösen Auftraggeber, dem deutschen Verbrecherboss Julius Eberhardt, kennen drei weitere Personen seine Identität. Nur sie stehen zwischen ihm und der Möglichkeit des Vergessens. Also macht Conrad sich auf sie zu töten. … Eine einfache Aufgabe für den souveränen Profi, der jedoch bald feststellen muss, dass nichts um ihn herum so ist wie es scheint.

 Bei wem jetzt sofort Erinnerungen an Jason Bourne hochkommen, der liegt mit diesem Vergleich gar nicht mal so falsch. Conrad Hirst hat zwar nicht sein Gedächtnis verloren, dafür aber jedes Gefühl, was ihn zu einem gefährlichen Fremdkörper innerhalb der Gesellschaft macht. Menschen sind für ihn vor langer Zeit zu einer Zielscheibe degradiert worden, die es nicht zu verstehen, sondern lediglich zu treffen gilt. Heimlichkeit, Lügen und Verrat sind unabdingbar für den Erfolg in seinem »Geschäft”. Und genau diese gefühlsmäßige Kälte spiegelt sich in der Sprache Kevin Wignalls wider. Mit Die letzte Wahrheit hat er einen Thriller zu Papier gebracht, der nicht einfach den Weg eines Killers nachzeichnet, sondern auch in Rückblicken dessen Werdegang und Ursprung skizzieren will. In Briefen schreibt Conrad Hirst an die längst verstorbene Anneke, berichtet ihr von seiner Absicht auszusteigen und vom Blut, das an seinen Händen klebt. Dadurch gewinnt das Buch eine Art von Innensicht, die anderen Vertretern dieses Genres sonst eher abgeht. Dennoch bleibt der sprachliche Stil knapp, kurz, aufs äußerste Minimum reduziert. Dialoge sind rar gesät. Sprechen tut in erster Linie Conrad Hirsts Waffe. Und damit kommt man zum ersten großen Kritikpunkt des Buches.

 Mit einer schon erschreckenden Teilnahmslosigkeit und Taubheit lässt Wignall seinen «Helden” durch die Handlung morden, als gäbe es nichts Natürlicheres auf der Welt. In Bezug auf Conrad Hirst ist das ein geschickter Schachzug, nimmt er tatsächlich die Umwelt kaum noch richtig wahr. Wenn er allerdings mit dieser interagiert und andere Figuren ins Spiel kommen, gerät eine möglicherweise angestrebte Differenzierung ins Wanken, denn das Töten anderer Menschen scheint für nahezu jedermann und –frau eine Selbstverständlichkeit zu sein.

 Auch wenn später Erklärungen für diese Haltung nachgereicht werden, führt der durchgängige gefühlskalte Habitus zu Brüchen in der eigentlich stringenten Handlung. Das schlicht unpassende Verhalten mancher Beteiligter raubt dem Plot einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit und beißt sich mit dessen ernsthaftem Unterton. Denn von solchen Störungen abgesehen, liest sich Kevin Wignalls Thriller äußerst flüssig. Der Anfang kann mit stimmungsvollen Umgebungsbeschreibungen überzeugen (man fühlt sich unwillkürlich an Eric Ambler erinnert) und Hirsts’ Annahme, nur vier Personen seien zu eliminieren, erweist sich schon bald (damit verrate ich nicht zuviel) als äußerst falsch und leitet die Geschichte in eine sehr interessante, wenn auch ab einem gewissen Punkt ziemlich vorhersehbare, Richtung. Der Blick nach innen, den Wignall Hirst stets werfen lässt, nimmt allerdings in vielen Passagen das Tempo heraus. Zu oft grübelt der Killer, überdenkt seine Motivationen und den moralischen Standpunkt, um schlussendlich doch wieder die Waffe durchzuladen und abzufeuern.

Er wusste, dass es keinen Sinn ergab. Er wusste, dass es falsch war, aber so wenig, wie er jemals hatte morden wollen, und so neutral, wie er sich als Auftragsmörder stets verhalten hatte, so sehr wollte er jetzt den Mann töten, der ihn vor so vielen Jahren in einem Hotelzimmer in Mittenwald angeheuert hatte.

Er wusste nichts über ihn, kannte nicht einmal seinen Namen. Er wusste so wenig, dass er nicht begreifen konnte, warum sein Bedürfnis derart stark war. Aber töten wollte er ihn, keine Frage.

Kevin Wignall überreizt hier die Geschichte von der verlorenen Persönlichkeit. Und auch das viele Blut, das er Hirst verspritzen lässt, kann nicht die logischen Abgründe überdecken, welche besonders am mit Kitsch und Pathos überfrachteten Ende klaffen und die Handlung ins Lächerliche zu kippen drohen.

 Insgesamt ist Die letzte Wahrheit ein kurzweiliges Thriller-Werk mit hohem Body Count, das beim Versuch Tiefsinnigkeit mit moralfreien Gewaltexzessen zu verbinden, im letzten Drittel Schiffbruch erleidet. Ein Buch für die Bahn- oder Busfahrt, das nach Beendigung der Lektüre wohl schnell wieder in Vergessenheit gerät.

Stefan Heidsiek, März 2010

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Nadir36 zu »Kevin Wignall: Die letzte Wahrheit« 22.05.2010
Absolut hirnloses und spannungsfreies Gemetzel. Das erste Buch, das bei mir die 10-Punkte-Marke unterschreitet.

Dabei ist die Grundidee gar nicht mal so schlecht: Auftragskiller meint seine Laufbahn mit vier strategischen Morden beenden zu können. Tatsächlich setzt Conrad Hirst mit seinem ersten Mord eine fatale Kettenreaktion in Gang, denn die Nummer zwei auf seiner Liste ist nicht identisch mit der Person, der er zu Beginn seiner Killerlaufbahn vorgestellt wurde.
Und da er eigentlich nichts als Totschießen kann, ist er mit seinen Ermittlungen in eigener Sache immer einen Schritt hinterher und tappt dabei in etliche Fallen, bei denen er eigentlich nur befragt werden soll. Aber Conrad lässt lieber seine Knarre sprechen. Ein Verhalten mit dem er immerhin die jährliche Mordrate von Luxemburg vervierfacht, während der Amateur die halbe CIA-Spitze eliminiert...
Die Konsequenzen werden weder hier noch im Buch verraten, dafür bildet der Auslöser für seine Mordswut einen Epilog, der sich auf die Formel: ein Missverständnis, viele Tote bringen lässt.
Ich finde diese wort- und motivlose Niederballerei absolut zum Kotzen!
ich hatte schon etliche Krimis, die vielleicht sogar schlampiger geschrieben waren, aber eben auch ihre guten Momente hatten. Dieser Selbstfindungstrip mit der Wumme ist frei von bemerkenswerten Stellen, es sei denn, jemand sucht ein literarisches Pendant zum Ego-Shooter
top28 zu »Kevin Wignall: Die letzte Wahrheit« 24.04.2010
Der Krimi hat es in sich! Eine etwas seltsame Motivation treibt den Helden zu seinen Taten.
Dafür muss er "nur" noch 4 Leute beseitigen, dann erhofft er sich Erlösung und innere Freiheit. Ein seltsames Motiv, in einem interessanten Labyrinth der Geheimdienste. Das Ganze spielt im deutschsprachigen Raum und ist sehr kurzweilig erzählt. Psychologisch nicht immer nachvollziehbar, denn es geht eigentlich um die Vergangenheit des Helden und die Erinnerung daran. Die Handlung entschädigt aber für diese etwas bedeutungsvolle Grundlage.
Flotte Übersetzung, spannende Lektüre.
mase zu »Kevin Wignall: Die letzte Wahrheit« 17.02.2010
Auftragskiller will aussteigen. Dazu muss er jedoch die 4 Personen töten, die seine wahre Identität kennen. Jahrelang hat er sich keine Gedanken über diese 4 Personen gemacht und ohne Fragen zu stellen seine Ziele getötet. Jetzt stellt er fest, dass er nur eine Marionette in einem grossen Spiel war und selbst seinen wirklichen Auftragsgeber nicht kannte. Für wen hat er jahrelange getötet?

„Die letzte Wahrheit“ ist aber nicht im Geringsten ein „Action-Thriller“ und hat auch mit einem Agenten- oder Spionagekrimi nichts gemein. Es wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der durch eine Kette von Ereignissen (die dem Leser erst am Ende bekannt werden) in das Tötungsgeschäft rutscht, irgendwann aufwacht und feststellt, dass sein Leben verwirkt ist.

Das herausragende ist hier der Schreibstil, der durch englische Zurückhaltung geprägt ist und erinnerte mich manches Mal an die stillen Szenen des Films „Leon, der Profi“. Hier spritzt kaum Blut und es wird in der Handlung auch nicht der Opfer gedacht oder über das Gefühlsleben des Killers spekuliert. Die Geschichte wird genauso so emotionslos erzählt, wie der Killer tötet – und in dieser Einfachheit ist es klasse geschrieben.
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