Winter der Lügen von Kerstin Ekman

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1967 unter dem Titel Pukehornet, deutsche Ausgabe erstmals 1997 bei Malik.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1950 - 1969.

  • Stockholm: Bonnier, 1967 unter dem Titel Pukehornet. 183 Seiten.
  • München: Malik, 1997. Übersetzt von Hedwig M. Binder. ISBN: 3890290981. 219 Seiten.
  • München: Goldmann, 1999. Übersetzt von Hedwig M. Binder. ISBN: 3-442-72390-6. 215 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2005. Übersetzt von Hedwig M. Binder. ISBN: 3-492-24539-0. 218 Seiten.

'Winter der Lügen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Mit psychologischem Gespür und großem erzählerischen Können rollt Kerstin Ekman vor der winterlichen Kulisse einer schwedischen Provinzstadt einen Kriminalfall auf, in dessen tragische Ereignisse sämtliche Bewohner eines Mietshauses unentrinnbar verstrickt werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Überraschendes aber enttäuschendes Ende« 67°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel


»Wenn sie hinfällt, bleibt sie liegen.«

Ein Eröffnungssatz, der im Gedächtnis bleibt. »Sie«, das ist Agda Wallin, eine ältere Frau, die davon lebt, ihr heruntergekommenes Anwesen an ebenso heruntergekommene Leute zu vermieten, und sie ist so dick, dass sie sich nicht mehr aus eigener Kraft erheben kann. Nicht nur aus diesem Grund braucht sie Hilfe. Und die bekommt sie von Pär Lindblad, der für sie Hausverwalter, Diener und Pfleger in einer Person ist.

Zu seinen Aufgaben gehört es auch, sie zu begleiten, wenn sie ihre Schwester besucht. Auf dem Weg zurück von dort zur Bushaltestelle durch den Wald erleidet die Alte einen Schlaganfall. Per ist absolut hilflos und muß zusehen, wie sie stirbt. Er ist zunächst völlig verwirrt und weiß nicht, wen er benachrichtigen soll. Dann macht er sich seine Situation klar: die alte Frau wollte ihm zwar etwas vererben, doch hat sie dies noch nicht schriftlich niedergelegt. Also ist er ohne sie jetzt nicht nur ohne Job, sondern völlig mittellos. Pär fährt alleine mit dem Bus nach Hause und will von dort die Polizei verständigen. Dann verschiebt er sein Problem auf den nächsten Tag. Mittlerweile ist Schnee gefallen und die Leiche im Wald bereits bedeckt. Natürlich wird es nun immer schwieriger, eine Erklärung für sein Verhalten abzugeben.

Den Mietern erzählt er, die Alte liege krank im Bett und dürfe nicht gestört werden. Pär gerät immer tiefer in sein Lügengeflecht und fälscht Mietquittungen. Er beschließt schließlich, eine Zeitlang die Miete zu kassieren, um ein Startkapital für eine neue Existenz aufzubauen und sich dann aus dem Staub zu machen.

Die Autorin zeigt, wie ein zuerst kleines Problem sich nicht durch Aussitzen lösen lässt, sondern immer unlösbarer wird und sich ihr Protagonist immer mehr in Lügen verstrickt, aus denen er keinen Ausweg mehr sieht.

Gescheiterte Existenzen bilden die Kulisse des Romans. Kleine Ganoven, Arbeitslose, Alkoholiker zählen zu den Mietern von Agda Wallin. Die Beschreibung der Charaktere gerät dabei jedoch teilweise zu oberflächlich. Psychologisch gut erzählt wird der Leser eingestimmt auf die verschneite schwedische Winterlandschaft, in der die Bewohner des Hauses sogar Probleme haben, Geld zum Heizen ihrer kalten Wohnungen aufzubringen.

»Wenn sie hinfällt, bleibt sie liegen.«

Dieser Satz eröffnet auch den zweiten Teil des Buches, der im Gegensatz zum ersten den Leser nicht als Außenstehenden beobachten lässt, sondern ihn durch die Ich-Form mit in das Geschehen einbezieht und zunächst die bisherige Handlung verkürzt rekapituliert. Doch nicht nur die Erzählform, sondern auch die Perspektive wechselt. Überraschenderweise ist nicht Pär der Erzähler, sondern eine namentlich nicht genannte Schriftstellerin, die die Etage über Agda Wallin bewohnt.

»Winter der Lügen« ist zwar ein literarisch ansprechender Roman, aber im eigentlichen Sinn kein Krimi und bietet auch keinen spannenden Handlungsverlauf, dennoch wartet man trotzdem mit Neugier darauf, wie sich Pär aus der verfahrenen Situation befreien kann. Dann aber erlebt man eine wirkliche Überraschung. Ob man diese positiv oder negativ aufnimmt, bleibt dem einzelnen Leser überlassen. Für mich war die unerwartete Wendung eine Enttäuschung. So oder so hätte die Autorin jedoch aus dem Schluß der Story mehr machen können. Ich hatte zwar bei der doch eher psychologisch aufgebauten Geschichte kein Ende erwartet, das Lösungen für alles und jedes bietet, doch dieser Abschluß bietet leider überhaupt nichts.

Ihre Meinung zu »Kerstin Ekman: Winter der Lügen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ahotep zu »Kerstin Ekman: Winter der Lügen« 06.10.2011
Agda Wallin, Hausbesitzerin in einer sozial benachteiligend Wohngegend, erleidet einen Schlaganfall und stirbt vor den Augen Pärs, ihres Untermieters, Hausmeisters und Pflegers.
Die beiden befanden sich in einem Waldstück auf dem Rückweg von einem Besuch bei deren Schwester.

Panisch, unter Schock und verängstigt rennt der „überempfindliche“ Pär zunächst davon…zu Hause dann befürchtet er, es könnte seltsam aussehen, dass er nicht gleich die Polizei gerufen hat und beschließt, sich vielleicht lieber an den Arzt zu wenden.

Doch noch ehe er die Zeit dazu findet, fragen die Ersten von Frau Wallins Mietern nach der Dame und er beginnt zu lügen, sie läge in ihrem Zimmer, fühle sich aber sehr schlecht und möchte niemanden sehen…

Das klappt wie geschmiert und Pär beschleichen nun zudem Bedenken, seine ehemalige Arbeitgeberin könnte ihm womöglich wirklich nichts vermacht haben und er mit ihrem Tod vor dem großen Nichts stehen...deshalb fasst er den Entschluss diese Farce so lange aufrecht zu erhalten, bis er wenigstens die Mieten eingenommen hat, um ein bisschen „Startkapital“ zu bekommen. Da ein starker Schneefall eingesetzt hat, fürchtet er auch nicht die Entdeckung der Leiche.

Damit kommen nun die anderen Mieter mehr und mehr ins Spiel und wir erhalten Einblicke in deren Leben: Da ist Elsy, eine Prostituierte, die für ihren Freund Kjell anschaffen geht, der sich wiederum mit Kleinkriminalität über Wasser hält, Anne-Marie, eine Zehnjährige, deren Eltern es nicht kümmert, ob sie nachts um zwei noch auf der Straße ist, obwohl dort ein Freier nach dem anderen hält…Es fließt Alkohol in Strömen, einer anständigen Arbeit geht kaum einer nach…

und mitten darunter, nicht recht in dieses Milieu passend, sitzt eine Autorin.

Aus deren Sicht und in Ich-Perspektive ist dann auch der zweite Teil der Erzählung verfasst, wobei sie zunächst nur bereits geschilderte Ereignisse wiederholt und die Veränderungen an Pär beschreibt, der plötzlich aufblüht und sich wie der Herr im Haus benimmt und dann wie sie selbst schließlich herausfinden will, wieso sich Frau Wallin dagegen nicht wehrt…

und nach ihrer Entdeckung, entpuppt sie sich als personaler Erzähler des ersten Teils.

Erzähltechnisch ist das sehr raffiniert und der ganze Clou des Buches!

Leider sind dies und der Raum für Interpretation, der dadurch eröffnet wird, das Einzige, was ich an diesem Werk loben kann.

Als Krimi im herkömmlichen Sinn taugt es nicht besonders viel, sieht man von Elsys Prostitution und Kjells Diebstählen ab, ist fraglich, ob überhaupt eine kriminelle Handlung stattgefunden hat…und für eine Milieustudie sind ihre Beschreibungen viel zu flach.
Eher psychologische Themen, wie, welche Folgen eine (Fehl)Entscheidung, haben kann oder was einen Menschen dazu bringt, diesen Weg einzuschlagen, wie abhängig ein Mensch (ein Autor) von anderen und seinem Umfeld ist greift sie zwar mehrmals auf, führt sie aber viel zu wenig und ungenau aus.
Außerdem muss ich dem obigen Rezensenten widersprechen, denn die Autorin beschreibt eigentlich nicht „wie ein zuerst kleines Problem sich nicht durch Aussitzen lösen lässt, sondern immer unlösbarer wird und sich ihr Protagonist immer mehr in Lügen verstrickt, aus denen er keinen Ausweg mehr sieht.“
Zumindest war das nicht meine Lesart.
In meinen Augen, baut Pär das Lügengebäude ganz bewusst auf, grade, weil er darin einen Ausweg sieht… wenn es denn überhaupt einen Pär gibt und er nicht nur eine Phantasiegestalt wie Anna-Maries Freund Thommy oder über weite Strecken Adga Wallin ist.
Wer gerne eine Handlung mit Hand und Fuß lesen möchte, der sollte einen weiten Bogen um diesen Roman machen! Frau Ekman lässt so ziemlich alles in der Schwebe, damit ist das Buch erzähltechnisch große Klasse, inhaltlich aber eher eine Niete.
Leo Brux zu »Kerstin Ekman: Winter der Lügen« 09.02.2003
Ekman-Krimis entsprechen meinem Geschmack: Die Handlung ist realistisch, die Personen authentisch, die Sprache ist so genau wie bei keinem anderen Krimiautor, nichts wird der Spannung oder action wegen übertrieben, alles entwickelt sich natürlich, und man muss langsam und sorgfältig lesen, damit man mitbekommt, was passiert und hat Gelegenheit, über alles nachzudenken und mitzurätseln.

Also: Nichts für hastige, ungenaue Lektüre. Nichts für Leute, die in action und Träume eintauchen wollen. Aber ideal für Leser, die Unterhaltung darin finden, die Wirklichkeit schmecken wollen.
Ihr Kommentar zu Winter der Lügen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: