Attica von Ken Bruen & Jason Starr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel The MAX, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Rotbuch.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.

  • New York: Hard Case Crime, 2008 unter dem Titel The MAX. 220 Seiten.
  • Berlin: Rotbuch, 2010. Übersetzt von Richard Betzenbichler. ISBN: 978-3867891233. 205 Seiten.

'Attica' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die gute Nachricht: Max Fisher und Angela Petrakos sind zurück! Die schlechte: Der eine wurde von der New Yorker Polizei wegen Drogenhandels eingebuchtet, der anderen gelang nach einem brutalen Mord nur knapp die Flucht aus dem Land. Jetzt müssen sie feststellen, dass Gesetzesbruch nur wenig Spaß macht. Max schmort in einer Zelle im berüchtigten Attica, Angela versauert im uralten Knast auf der griechischen Insel Lesbos …Soll das wirklich das Ende sein?

Das meint Krimi-Couch.de: »Die gute Nachricht: «Attica» hat nur 208 Seiten. Die schlechte Nachricht: Man unterhält sich dabei noch schlechter, als bei einem drittklassigen Groschenroman …« 18°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Wenn man der Verlagswerbung glauben darf, dann liefert Hard Case Crime »das Schärfste, was der Pulp-Krimi zu bieten hat – verloren geglaubte Noir-Klassiker ebenso, wie neue Romane der besten zeitgenössischen Autoren. Jedes der Taschenbücher besticht durch klassisch-knallige, speziell für diese Reihe gestaltete Trash-Cover.« Zumindest was das Cover betrifft, hat der Rotbuch Verlag absolut recht. Die vollbusige Blondine und ihre modelhaften Knastschwestern scheinen tatsächlich aus einem schlechten Modejournal der fünfziger Jahre entstiegen zu sein. Tatsächlich ist das Kriterium Hard Case Crime eine Kreation, die erst 2004 von Charles Ardai dazu verwendet wurde, um sogenannte Hardboiled Crime Fiction mit tödlicher Spannung unters Volk zu bringen.

Leider kann man diesem Machwerk des Autorenduos nicht die geringste Spannung nachsagen. Ihre Figuren, allen voran das Ekelpaket Max Fisher und seine abgehalfterte Busenfreundin Angela Petrakos, sind schlichtweg Versager, die dies allerdings nicht erkennen und sich selbst für die Elite in der Halbwelt halten.

Max Fisher, dessen Unrechtsempfinden praktisch Null ist, hat gerade seine Angetraute ins Jenseits entsorgt und muss dafür in den härtesten Knast Attica einsitzen. Die Angst, dort seinen Allerwertesten als Zeitvertreib für die frauenlose Gesellschaft hinhalten zu müssen, ist allerdings unbegründet, denn ihm geht der Ruf voraus, einem Gegenspieler das beste Stück abgeschnippelt zu haben. Deswegen halten sich alle zurück und Max mutiert zu »The M.A.X« und somit zum uneingeschränkten Boss derer, die an ihn glauben. Natürlich gibt es auch in diesem Gefängnis rivalisierende Gruppen und Max will deren Reibereien dazu nutzen, zu flüchten.

Seine Gespielin Angelika hat sich nach Lesbos abgesetzt und setzt dort ihre primären Geschlechtsmerkmale dazu ein, andere Leute (vornehmlich Männer) um deren Barschaft zu erleichtern. Doch auch sie gerät immer wieder an den Falschen und ihr bleibt nichts Anderes übrig, als ebenfalls einen zu anhänglichen Mitmenschen über die Klinge springen zu lassen. Die Flucht nach Attica, um dort wieder mit Max vereint zu werden, ist somit nur eine logische Folge ihrer wenig berauschenden Denkversuche. Dazu tauchen im Lauf der Geschichte weitere Totalversager auf, die sich alle im Dunstkreis des Verbrechens ein gutes Geschäft erhoffen, aber alles kommt anders als gedacht …

Wie weit die Übersetzung von Richard Betzenbichler daran schuld sein könnte, dass die sprachliche Komponente sich auf dem tiefen Niveau eines Primaners abspielt, kann hier wegen des fehlenden Originaltextes nicht beurteilt werden. Tatsache ist, dass man zur Lektüre von Attica weniger Bildung als Durchhaltevermögen benötigt. Dass hinter Gittern und in anderen Milieus nicht gerade die besten Umgangsformen gepflegt werden, ist durchaus einsichtig. Wenn sich aber die Handlung primär darum dreht, wie man der drohenden Penetration in den Anus entkommt und sich Vorteile durch Lug und Trug erschleicht, dann ist dieses Buch gleichsam als Schullektüre für den sicheren Abstieg zu verwenden.

Auch die »Damen« in diesem Buch sind durch die Bank lediglich auf ihre Verwendung als Sexualobjekte reduziert. Dass sie dazu noch voll verblödet sind, lässt jeden schlechten Blondinenwitz zu einem Highlight werden.

Es klingt natürlich besser, Attica als Trash-Literatur zu bezeichen, aber im Endeffekt bleibt es Müll, dessen Humor einem deutschen Brachial-Komiker Pfiffe einbringen würde und dessen Spannung keinesfalls dem entspricht, was die Chicago Tribune als » … widerlich, pietätlos und wahnsinnig unterhaltsam.« bezeichnet.

Wolfgang Weninger, November 2010

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Stefan83 zu »Ken Bruen & Jason Starr: Attica« 21.02.2015
„Irgendwann hatte er erkannt, dass das Gefängnis ein Teil seines Karmas war, nur ein weiterer Schritt auf Max Fishers – und jetzt nur keine falsche Bescheidenheit – Weg als neuer Messias.“

Zugegeben: Eine Besprechung mit einem Zitat einzuleiten, darf nicht selten zurecht als Mangel eigener Kreativität verstanden werden. In diesem, äußerst speziellen Fall, möge man mir diese Einleitung aber zugestehen, funktioniert dieser Ausschnitt doch hervorragend, wenn es darum geht, dem interessierten Leser einen ersten Eindruck auf das vorliegende Buch zu geben. Gleichzeitig dient er gewissermaßen auch als Warnung, denn wessen Augenbraue sich bereits bei diesen wenigen Zeilen skeptisch hebt, kann sich die restliche Lektüre meines Geschreibsels gleich sparen – vom Titel selbst ganz zu schweigen. „Attica“, in einer Gemeinschaftsarbeit der Krimi-Autoren Ken Bruen und Jason Starr entstanden, bildet den (vorläufigen) Abschluss der Reihe um Max Fisher und Angela Petrakos – ein Duo, welches bereits in den Vorgängern „Flop“ und „Crack“ die Grenzen des guten Geschmacks auf äußerst derbe Art und Weise ausgelotet – und hier – nun, man muss ehrlich sein, mit Siebenmeilenstiefeln überschritten hat. So ist es kaum überraschend, dass das Finale der Trilogie auch bei Kritikern bis heute schlecht wegkommt, ja, mancherorts gar enthusiastisch zerrissen wurde. Bestes Beispiel hierfür ist die Rezension von Wolfgang Weninger auf www.krimi-couch.de, der kein einziges gutes Wort für „Attica“ übrig und, im Verbund mit dem Feedback anderer Krimi-Freunde, dafür gesorgt hat, dass ich den Titel ganze fünf Jahre im Regal stehen gelassen habe. Zurecht?

„Attica“ ist eins dieser Bücher, dessen letztliche Bewertung eng mit den eigenen Erwartungen verknüpft ist, denn im Vergleich mit den vorherigen Bänden fällt es tatsächlich ab, kann das Niveau nicht annähernd gehalten werden. Bereits „Flop“ und „Crack“ boten nur wenig auf, was die Bezeichnung „Handlung“ wirklich verdient gehabt hätte – im Fall von „Attica“ haben die beiden Autoren gleich beinahe gänzlich auf eine verzichtet und stattdessen eine volle Schüppe Sex und Crime oben draufgelegt, wodurch die ohnehin überzeichneten Figuren nochmals überspitzter daherkommen. Resultierend daraus ist dieser Roman nun eigentlich in keinster Weise mehr ernstzunehmen, die unterschwellig mitlaufende und versteckte Sozialkritik selbst für wohlmeinende Leser kaum mehr ersichtlich. Oder um es konkreter auszudrücken: Mehr Titten, mehr Knarren, mehr Blut – und der Rest, nun ja, Staffage. Falls es doch jemanden geben sollte, den diese interessiert, sei der Inhalt kurz angerissen:

Max Fisher hat sich gerade seiner nervigen Angetrauten entledigt und muss dafür nun in dem berüchtigten Knast „Attica“ einsitzen, was den Freund großer Brüste mit der Angst konfrontiert, hintenrum seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Bereits erste Kontakte mit Zellengenossen scheinen diese Befürchtungen zu rechtfertigen, bis Max nach der ersten Nacht hinter Gittern feststellt, dass alle ihre Meinung geändert zu haben scheinen. Offensichtlich sind die Umstände seines begangenen Mordes falsch interpretiert worden, weswegen jetzt ganz Attica glaubt, dass er mit dem besten Stück seiner Gegenspieler wortwörtlich kurzen Prozess macht. Ein Umstand, den „The M.A.X.“, wie sich Max inzwischen nennt, für sich zu nutzen weiß. Schon nach ein paar Tagen tanzt fast jeder im Gefängnis nach seiner Pfeife – und für diejenigen, die das nicht tun, hat er bereits die passenden Vorkehrungen getroffen. Ein Aufstand soll zudem als Ablenkung dienen, um aus Attica zu flüchten.

Einige tausend Kilometer weiter genießt Fishers ehemalige Gespielin Angela Petrakos die heiße Sonne von Santorin sowie die Blicke der dort Urlaub machenden Männer, die sie der Reihe nach vernascht und, natürlich, um ihr Geld erleichtert. Als ein Vermieter zu aufdringlich wird, geht ihr dabei – man muss schon sagen abermals – das Temperament durch. Nachdem sie sich mit dem Hackebeil ausgetobt und ihre neueste Bekanntschaft, Möchtegern-Schriftsteller, Lee-Child-Doppelgänger und Gelegenheitsgauner Sebastian damit bis in die Grundfesten erschüttert hat, bleibt ihr nur die Flucht übrig. Schon bald führt sie ihr Weg wieder mit Max zusammen … eine für beide mehr als verhängnisvolle Reunion.

Soweit der Plot, welcher trotz mangelnder Komplexität eine gewisse Vorkenntnis der ersten beiden Bände voraussetzt, da sich Bruen und Starr keine Mühe machen, dem Leser eine Einleitung zu gönnen, sondern diesen gleich ins kalte Wasser werfen, wo es von Mistkerlen, Drecksäcken und Kotzbrocken nur so wimmelt. „Attica“ ist, ungeachtet der Tatsache, dass es vom Verlag als „Krimi“ und im Rahmen der „Hard Case Crime“-Serie präsentiert wird, kein üblicher Spannungsroman, wo es zumeist einen wie auch immer gearteten Sympathieträger gibt, an dessen Seite man dem roten Faden folgen kann. Stattdessen wird das Geschehen ausnahmslos von Antagonisten beherrscht, welche sich allesamt in ihrer Widerlichkeit gegenseitig überbieten. Wenn da den Autoren Geschmacklosigkeit vorgeworfen wird, fehlen tatsächlich die großen Gegenargument, denn Fakt ist: Für Pietät und moralische Skrupel ist hier in der Tat kein Platz. Und auch ein schwaches und zartes Nervenkostüm sollte der Leser wenn möglich nicht haben, denn selbst die drastischen Szenen werden en detail und mit einer emotionalen Kälte geschildert, welche ironischerweise die Absurdität mancher Szenen noch unterstreicht.

„Attica“ ist ein Roman, der sich selbst nicht ernst nimmt und das auch nicht vom Leser erwartet. Bruen und Starr haben mit Absicht übertrieben, den Zynismus auf eine Ebene gehoben, der nicht mehr „Mainstream“-tauglich, nicht mehr nachvollziehbar ist. Die Sprache ist dreckig, kantig, schrill und roh. Bar jede Gefühls und Mitleids – ob mit den Protagonisten oder dem Publikum. Und – was man bei all der Gewalt und dem vielen Sexismus zwischen den Zeilen vergisst – sie ist zutiefst ehrlich. Schaut man sich die Charaktere etwas näher an, erkennt man in ihrem Egoismus und der fortwährenden Selbsttäuschung gewisse Elemente wieder, welche durchaus reale Wurzeln haben, nur halt hier vollkommen überzeichnet dargestellt werden. Es ist meines Erachtens deshalb nicht unbedingt angemessen, „Attica“ Oberflächlichkeit vorzuwerfen bzw. ihn als Schundroman zu betiteln, da es, für Kenner des Genres, relativ schnell ersichtlich ist, dass sich beide Schriftsteller – wie schon im Vorgänger – ausgetobt und sich, weit ab von ihren üblichen Sujets bzw. der Ernsthaftigkeit ihrer sonstigen Werke, einfach etwas Spaß gegönnt haben.

Und Spaß habe ich, wenn auch nicht in demselben hohen Maße wie bei „Flop“ und „Crack“, auch mit „Attica“ wieder gehabt, das kaum einen Seitenhieb auslässt (Lee Child, Laura Lippman und Megan Abbott wissen wen ich meine) und mit einem erfrischend irren Trip der anderen Art, Abwechslung vom faden Allerlei bietet. Nein, keine guter Literatur. Nein, kein guter Krimi. Aber ja, amüsant-inkorrekte Unterhaltung für zwischendurch. Und mehr sollte es, so glaube ich zumindest, auch nicht sein.
Bartensen zu »Ken Bruen & Jason Starr: Attica« 04.08.2011
Bis Max Fisher und Angela Petrakos in Attica erneut aufeinander treffen, holt das Autorengespann Ken Bruen und Jason Starr erneut die erprobte Mischung aus vollkommen überzogenen Charakteren, einem mehr als ansehnlichen Body-Count und ein paar absurd-komischen Situationen ins Boot. Hat ja auch schon zweimal ganz gut geklappt. Zumindest in Flop funktionierte die Mischung, Crack war da schon deutlich platter.

Im finalen Aufguss zündet die Mischung allerdings gar nicht mehr, die Flachheit der Charaktere mündet darin, das Hauptcharaktere und Sidekicks voneinander kaum zu unterscheiden sind. Kurz gesagt : Die männliche Hohlbirnen zeichnen sich durch Machosprache, Brutalität und einer mächtig dicken Hose (samt permanentem Ständer) aus, die weiblichen Hohlbirnen sind einzig und allein Libido gesteuert und haben eine gigantische Oberweite. Alles klar ? Ach ja, ich vergaß, natürlich leiden alle Charaktere an maßloser Selbstüberschätzung.

Das bisschen Story das vorhanden ist wird dermaßen plump , ganz im Sinne von "Was nicht passt, wird passend gemacht" aneinander gekloppt, ist dabei aber nicht einmal gut geschrieben. Das gerade Ken Bruen es besser kann weiß man, das dabei so ein pubertär-feuchter Teenietraum entstanden ist, verwundert mich doch sehr. Dabei sind eigentlich alle Zutaten ideal für einen absoluten Knaller, vor allem die Gefängnisstory. Aber hier scheint der überzogene kurz und knappe Stil doch etwas zu sehr in einer Sackgasse gelandet zu sein.

Flop fand ich großartig, Crack war ein lahmer Aufguss und Attica ist eine Katastrophe.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
micha5 zu »Ken Bruen & Jason Starr: Attica« 08.11.2010
Auch wenn "Attica" im Vergleich zu den Vorgängerbänden "Flop" & "Crack" ein wenig abstinkt, weil die Autoren an ihrer Formel festhalten und nur noch einen schwachen Aufguss ihrer Charakterzeichnungen vornehmen und auch die Story nichts Überraschendes mehr offenbart, so sind diese Bände für mich auf jeden Fall extremstens unterhaltend, weil sie auf höchst amüsante Weise in die Gedankenwelt egozentrischer und egoistischer Kotzbrocken abtauchen, die als überzeichnete Figuren mehr mit realen Menschen zu tun haben als fast alle sogenannten Sympathieträger aus Detekteien und Polizeibüros, die sonst meist in der Literatur auftauchen.
Jedem, der sich schon mal dabei beobachtet hat, wie er/sie sich etwas schönredet, müssten Gedankengänge von z.B. die von Max Fisher in (selbstverständlich abgespeckter Form) vertraut sein; und diese Selbstverarschung bis zum Scheitern vereinigt alle Figuren wie auch ihre nicht vorhandene Moral - und auch damit sind sie sehr realistische Figuren, nur in ihrem Egoismus ehrlicher als die meisten.
Ich habe mich jedenfalls bei den ersten beiden Bänden königlich amüsiert und auch der dritte geht grade noch so durch.
Und, hey: Kann man die Cover irgendwo als Poster bestellen? Großes Kino, wie die ganze Reihe!
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