Jack Taylor und der verlorene Sohn von Ken Bruen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Priest, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Atrium.
Ort & Zeit der Handlung: Irland, 1990 - 2009.
Folge 5 der Jack-Taylor-Serie.

  • London: Bantam, 2006 unter dem Titel Priest. 290 Seiten.
  • London: Corgi, 2007. 363 Seiten.
  • New York: St. Martin´s Minotaur, 2007. 290 Seiten.
  • Zürich: Atrium, 2011. Übersetzt von Harry Rowohlt. ISBN: 978-3855350483. 304 Seiten.

'Jack Taylor und der verlorene Sohn' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Frisch aus dem Krankenhaus und mal wieder weg von der Flasche beginnt für den gebeutelten Privatdetektiv Jack Taylor ein neues Leben. Dann findet man Pater Joyce geköpft in seinem Beichtstuhl in Galway. Selbst die schlimmsten Zyniker sind schockiert und Taylor wird beauftragt, den Mörder zu finden. Aber Irland modernisiert sich schnell – zu schnell, wie Taylor findet. Und die Kirche wird von einem Skandal erschüttert. Bald wird Taylor in ein dunkles Netz aus mörderischen Verschwörungen verwickelt. Was er nicht wissen kann, ist dass die wahre Gefahr viel näher und viel persönlicher liegt, als er sich vorstellt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Dunkle Wolken über der irischen Seele« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Diese Rezension bezieht sich ausschließlich auf die englische Originalausgabe Priest.

Schon eigenartig: Krimis aus Großbritannien laufen wie eh und je hervorragend im deutschsprachigen Raum, selbst Randerscheinungen wie der »Tartan-Noir«, düstere Kriminalromane, die in Schottland spielen und bestenfalls von Schotten geschrieben wurden, kommen nicht erst seit Ian Rankin an. Schaut man aber auf Irland, wird´s bis auf ganz wenige Ausnahmen zappenduster. Was aber wohl eher am Desinteresse deutscher Verlage als an mangelnder Qualität der Iren liegen dürfte.

Ken Bruen ist so ein Autor, der dazu gerne mit dem Etikett »Irish-Noir« versehen wird. Und vor neun Jahren (!) sogar in den Genuss von zwei Übersetzungen ins Deutsche kam. Im anglo-amerikanischen Raum erhält Bruen aber nicht nur wichtige Krimi-Preise, sondern auch noch formidable Kritiken. Priest ist sein vorletzter Roman um Jack Taylor, »Irlands einzigem Privatdetektiv«. Und zeigt, mit welcher kraftvollen Sprache der Ire gesegnet ist. Noir für Fortgeschrittene.

Denn: Bruen tüncht seinen Roman zwar in alle Genre-typischen Klischees, aber er dreht sie in Priest um. Und gewährt dabei einen tiefen Einblick in die Melancholie der irischen Seele. 

Jack Taylor wird aus stationärer psychiatischer Behandlung entlassen. Eigentlich war es ein einfacher Job: Babysitter für die mit dem Down-Syndrom lebende, dreijährige Tochter eines guten Freundes. Nur einen Moment hatte er nicht aufgepasst. Der Moment, in dem das Mädchen aus dem Fenster kletterte und den Fall nicht überlebte. Nicht nur die Ehe der Eltern zerbrach, sondern auch Taylors Psyche. Die Entlassung aus der Anstalt kann also nur ein absoluter Neuanfang werden. Ein schmerzlicher. Taylor muss nicht nur mit seiner Schuld leben, sondern auch lernen, ohne Alkohol durch den Alltag zu kommen. Das zermürbt:

Die klassische Definition von Depression ist nach innen gerichtete Wut. So wie ich das verstehe, wurde ich demnach depressiv geboren. Keinen verdammten Deut mehr. Ich bin nicht untergegangen in diesem kalten Wasser, das sich Depression nennt, bei der der beste Moment des Tages das Zubettgehen ist. Natürlich ist das Allerschlimmste das Erwachen, wenn dich diese schwarze Wolke erwartet und du denkst »nicht schon wieder diese Scheiße«. 1

Es geht in Priest also vor allem um das Innenleben des Protagonisten, wie er am »neuen«, europäisierten bis globalisierten Irland, seiner »neuen« Heimatstadt Galway mit dem ganzen Stahl und Glas, ohne Alkohol – und dazu bald auch schon ohne Kippen – den Alltag überstehen soll. Sein Job als Privatdetektiv ist da eine denkbar ungesunde Medizin, Taylor will einen »normalen« Job annehmen. Doch der geköpfte Pater Joyce, dessen Verstrickungen in Pädophilie und Taylors ganz besonderes Verhältnis zu den – euphemistisch ausgedrückt – wenig geschätzten Geistlichen, die einen Skandal verhindern wollen, lassen ihn wieder »down these mean streets« wandern. Unterstützt ausgerechnet von einem blutjungen Burschen, dessen Begeisterung für die Arbeit eines Schnüfflers keine Grenzen kennt. Und für den Taylor sogar väterliche Gefühle entwickeln soll.

Die Handlung in Priest weiß aus klassischen Krimi-Gesichtspunkten etwas verwunderlich wenig zu überzeugen. Anders ausgedrückt: Sie ist sekundär. Priest lebt von Ken Bruens wortgewaltig-drastischen Schilderungen einer kaputten Seele und eines kaputten Landes, dessen Einwohner alten Traditionen hinterhertrauen, die alles moderne scheuen und wo letztendlich selbst die doch so wichtige Kirche keine moralische Instanz mehr darstellen kann: sich zu Tode saufende Pfarrer, herumhurende Priester. Um es mit Bruens Worten auszudrücken: Die Frage ist nicht, warum Jahr für Jahr so viele Iren Selbstmord begehen. Die Frage ist: warum so wenig?

Die Figur des Jack Taylor erfährt dabei einige interessante Wendungen, die aus ihr einen absolut unvergleichlichen Charakter machen. Taylor ist eigentlich zu alt, um Privatdetektiv zu sein, begeisterter Krimi-Leser von amerikanischen Hardboileds, macht sich mit Nikotinpflastern zum Nichtraucher, weil er – ausgerechnet – Gott ein Versprechen dazu abgeben hat. Und er liebt das Spiel mit dem Feuer: Er geht in verrauchte Pubs, bestellt billigen Fusel, ohne ihn anzurühren; kauft Whisky; um ihn an Penner zu verschenken.

Sprachlich bewegt sich Bruen dabei zwischen energiegeladenem Gossenslang (eine Nachhilfestunde darin, wie vielfältig einsetzbar das Wort »fucking« ist) und fast poetisch anmutenden Intermezzi. Mal drastisch, mal karg, mal gedankenverloren – aber immer auf den Punkt. Vielleicht vergleichbar mit David Peace, wenn auch weniger experimentell. Gerade wegen dieser Ähnlichkeit und Peaces Erfolg bei der deutschen Kritik ist es schwer verständlich, dass Ken Bruens Romane mit all ihren Alleinstellungsmerkmalen nicht auf Deutsch erscheinen.

Priest ist natürlich Nische, alles andere als aalglatter Mainstream – unterm Strich und um im Jargon des Buches zu bleiben aber ein »fucking good read« mit einem wahrlich tragischen Finale.

1) Ken Bruen. Priest. London: Corgi, 2007, S. 165. Übersetzt von Lars Schafft.

Lars Schafft, September 2007

Das meinen andere:

Düster, geheimnisvoll …eine fesselnde Geschichte von Schuld und Erlösung. (Independent on Sunday)

Grimmig, grüblerisch, mit trockenem Humor und absolut originell. Großartig. (Observer)

Bester Hardboiled, unversöhnlich und unvergesslich (Sunday Tribune)

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Jochen zu »Ken Bruen: Jack Taylor und der verlorene Sohn« 24.08.2011
Obwohl ich nicht auf Harry Rowohlts Gehaltsliste stehe und ein wenig eigene Recherche noch niemand geschadet hat, hier ein paar der Namen aus dem Kopf (so ungefähr in Rowohlt-Manier) erledigt:

Nelson Mandela - Das ist nicht ernst gemeint, oder? Der Rest auch nicht, ich weiß, aber das besonders...

Blaise Pascal (1623 - 1662) - Physiker, Mathematiker, Philosoph, Literat (zur ersten Vertiefung ist das hier okay: "Albert Beguin: Blaise Pascal. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten")

David Beckham und George Best spielten beide für Manchester United Fußball. Best ist u.a. bekannt wegen seines legendären Ausspruchs: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ David Beckham hat keine Aussprüche vorzuweisen, ist aber mit einem ehemaligen Spice Girl verheiratet.

Hurling - ältestes Mannschaftsspiel der Welt. Kommt aber kaum über die grüne Insel hinaus. Männer, Stöcke und ein Ball.

Taoiseach - Bezeichnung für das irische Regierungsoberhaupt

Thomas Merton (1915 - 68) - (Christlicher) Autor, Mönch, Philosoph. Take a look here: http://www.52wege.de/thomas-merton-0

Sinn Fein - "Wir selbst", irische republikanische Partei

Oprah (Winfrey) - Die Mutter aller amerikanischen Talkshow-Tanten
Jerry Springer - Der Onkel. Allerdings im Krawall-Bereich.

Homer Simpson - "Dooh!" (synchronisiert: "Nein!")

Fear Factor - dafür müsste ich das Buch lesen. Sicher, dass nicht die Band Fear Factory gemeint ist? Vielleicht aber auch diese komische Show, in der irgendwelche Deppen sich ihren Ängsten stellen müssen. Ein Ableger hat es mal ins deutsche Privtafernsehen geschafft, soweit ich mich erinnere. Ist ziemlich gefloppt.

Edward Heath - Politiker, ehemaliger englischer Premierminister (!970-74)

Hunter S. Thompson - Journalist, Autor und Erfinder des Gonzo-Journalismus. Heißt: Mach' dich selbst zum Inhalt deiner Reportage. "Angst und Schrecken in Las Vegas"

Patrick McGill (1889 - 1963) - Irischer Journalist und Autor. Wenn sie mehr wissen wollen, schauen sie sich den Film mit Stephen Rea an.

Oh Mist, jetzt habe ich ihnen doch die Arbeit abgenommen. Und mindestens so viele Infos geliefert wie der gute Harry es hätte. Jetzt aber hurtig selbstständig weitermachen...
Egon Superstar zu »Ken Bruen: Jack Taylor und der verlorene Sohn« 24.08.2011
Im Anmerkungsapparat dieses Romans weist der Übersetzer Harry Rowohlt darauf hin, dass man sich bei Fragen an Herrn Jochen König von der Krimi-Couch wenden soll.
Ich bitte Herrn König um die Erläuterung folgender im Roman vorkommender Personen und Begriffe. Ich soll ihm ausrichten, Harry Rowohlt hat mich geschickt:
Nelson Mandela, Blaise Pascal,, David Beckham, Hurling,Taoiseach, Sinn Fein, George Best, Thomas Merton,, Patrick McGill, Ophrah, Jerry Springer, Homer Simpson, Fear Factor, Edward Heath, Hunter S. Thompson. Und ich würde es vorziehen, wenn bei den Antworten nicht auf die Homepage "wikipedia" zurückgegriffen wird, vielen Dank.
Bruderconrad zu »Ken Bruen: Jack Taylor und der verlorene Sohn« 22.06.2011
Über die deutsche Übersetzung der Jack-Taylor-Storys von Harry Rowohlt ist hier bei den älteren Romanen der Reihe schon hinlänglich geschrieben worde. Ich habe den Eindruck, dass sich Rowohlt ein wenig zurückgenommen hat, was der Übersetzung sehr gut tut. Trotzdem ist es natürlich keine 08/15-Nummer geworden.
Der aktuelle Roman ist vielleicht der beste der Reihe. Das Thema ist natürlich nicht neu (aber das ist der Original-Roman ja auch nicht mehr) - und leider immer noch aktuell. Das Ende ist tragisch, ja, das stimmt, aber so ist nun mal das Leben.
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