Jack Taylor gegen Benedictus von Ken Bruen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Sanctuary, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Atrium.
Folge 7 der Jack-Taylor-Serie.

  • London: Transworld Ireland, 2008 unter dem Titel Sanctuary. 203 Seiten.
  • Zürich: Atrium, 2012. Übersetzt von Harry Rowohlt. ISBN: 978-3855350506. 200 Seiten.

'Jack Taylor gegen Benedictus' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Fünf angekündigte Morde – und ein Gegner, der Jack Taylor das Fürchten lehrt Jack Taylor ist trocken. Außerdem hat er den Vorsatz gefasst, sich in Zukunft nicht mehr als Privatermittler zu betätigen. Da bekommt er Post: Es handelt sich um eine Todesliste, auf der zwei Polizisten, eine Nonne, ein Richter und ein Kind stehen. Unterzeichner ist ein gewisser Benedictus, der bereits angefangen hat, diese Liste abzuarbeiten: Zwei Tage zuvor ist in Galway ein Polizist auf mysteriöse Weise bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jack wirft seinen guten Vorsatz kurzerhand über Bord und nimmt Ermittlungen auf – in deren Zuge er sich einem Gegner gegenübersieht, der ihn nicht nur wieder zur Flasche greifen lässt, sondern ihm schon sehr bald noch weit Schlimmeres abverlangt.

Das meint Krimi-Couch.de: »And Now for Something Completely Different …Business As Usual« 78°

Krimi-Rezension von Jochen König

»Hey, haste gehört, was dem ollen Harry zugestoßen ist?« Hans Schneyder sitzt am Tresen, einen Jameson vor sich. Jede Wette, dass es nicht der erste ist.
»Nee, keine Ahnung, habe lange nichts mehr von ihm gehört oder gelesen.« Ich kralle mir einen Barhocker, ordere eine Bruichladdich. Frevel, Malt in einem irischen Pub. Der Bartender ist kulant.
»Hat sich die Knochen gebrochen. Rippen, Arm, Jochbein, die Nase später.« Schneyder grinst.

»Was hat er wieder angestellt?« Ich verdrehe die Augen. Harry, die alte Flumpe. Zu Schulzeiten immer gerne die Hausaufgaben vergessen. Mal war´s der Hund, mal der böse Nachbarsjunge, der sie geklaut und in den Gulli geschmissen hat. Ich. Und immer hieß es: »Frau Lehrerein, die waren ganz toll, super ausgearbeitet und fein aufgelistet!« Heiland, ich erinnere mich nur an so’n Zeug wie: »Pelé: Brasilianischer Fußballer«, »Eddy The Eagle: Britischer Skispringer«, »Mutter Theresa: Nonne«. Stimmte irgendwie alles, wurde aber keinem gerecht. War Harry auf Dauer auch zu blöd, deshalb ließ er es sein. Ich sagte: »Nicht aufhören, besser machen, Burschi!« Harry grinste nur und schob fortan mir das Fehlen seiner Hausaufgaben in die Schuhe. Aber, Mann, er hatte sich um meinen Lieblingsteddy gekümmert, bevor er unter die Räder geriet. Das rechnete ich ihm hoch an. Scheiß drauf, wenn er einen Sündenbock für seine Faulheit braucht, warum nicht mich. Gibt schlimmeres.

»Ist aus’m Fenster geflogen. Volle Lotte«, mischte sich Hans in meine kleine Gedankenrevue.
»Wer hat ihn raus befördert?« fragte ich, obwohl ich die Antwort genau kannte. Ridge.
»Genau – «Wellewulst»! Schneyder schüttelte sich und bestellte einen weiteren Jameson. Einen Doppelten. «Du weißt doch; sie stellt sich vor: »Ridge, In Irish Ni Iomaire«, und was antwortet der schlagfertige Kerl:

Die Tochter der Welle, die Tochter des Bergkamms, die Tochter des Wulstes, kurz Wellewulst.

»Du erzählst Mist! Nicht mal seinen Hund würde jemand «Wellewulst» nennen!«
»Doch, er tut es, mehrfach. Sie sagt ihm, entweder «Cathleen» oder «Ridge», aber «Wellewulst» schieb dir dorthin wo das Nirvana ganz schwarz ist.«
»Er hat natürlich nicht aufgehört.«
Hans verdreht die Augen. Wieder. »Du kennst ihn. Wer einen Iren «Richter Baumelli» nennt, der scheut auch vor «Wellewulst» nicht zurück.«
»´Richter Baumelli´ – die Schweizer haben´s erfunden?«
»Nicht ganz. Das Gegenteil eines «Hanging Judge».
«Kann ich mir was drunter vorstellen.»
«Kann jeder. Hey, Englisch wird in der Grundschule unterrichtet. Aber du kennst ja Harry, der lässt lieber Richter Baumel baumeln, obwohl er für das Gegenteil einsteht; anstatt ihn an seinem Lebensende zum wahrhaften »Hanging Judge« werden zu lassen!»

«Tja, er wird schließlich für’s Übersetzen bezahlt. Also übersetzt er. Auf Teufel kommt raus…»
«Blödsinn!» Hans kippt den doppelten Jameson in einem Zug runter. Scheiße, er war so lange trocken, jetzt holt’s ihn in zweifacher Geschwindigkeit wieder ein. Alles wegen Harry… «Der Mann kann nicht mal einen seiner Lieblingswitze komplett auf Deutsch erzählen!»
«Hä?» Bahnhof, ich seh´ dich, doch der Zug ist weit entfernt. «Lass hören!»

«Ein Mann kommt mit einem Flamingo und einer Katze in eine irische Bar.  Der Mann bestellt 3 Bier, die 3 lenzen das auch weg und der Mann bezahlt. Dann bestellt der Flamingo ´ne Runde und bezahlt. Dann passiert lange gar nix und der Wirt fragt den Mann: »Und was ist mit der Katze? Will die nicht auch.....?«
»Ach,« sagt der Mann, »das ist ne lange Geschichte.«
»Erzählen Sie doch mal, ist nix los heute Abend.«
»Nun, ich fand eine alte Flasche und als ich sie öffnete, erschien ein Geist und ich hatte 3 Wünsche frei. Als erstes wünschte ich mir ein Schloss. Schon erfüllt. Als zweites wünschte ich mir den Keller voll Geld. Zack, erfüllt. Bei dem dritten Wunsch muss was schief gelaufen sein. Ich wünschte mir «a long legged bird with a tight pussy»...” Hans röchelt mehr als er lacht. Immerhin. Der nächste Whisky ist fällig.

«Nicht schlecht», ich gluckse, zünde mir eine Fluppe an. Danke Harry, wenigstens das! «Aber das erklärt nicht seine Verletzungen!»

«Nee, natürlich nicht. Das war ganz einfach. Ridge sagte ihm, noch einmal »Wellewulst«, und es passiert was. So einen Schwachsinn braucht sich niemand anzuhören.» Ein Schneydersches Giggeln. «Harry hörte natürlich nicht auf. Konsequenz – Fensterwurf. Immerhin hatte er Glück. Erdgeschoss. Reichte für Rippen, Arm, Jochbein!»
«Und die gebrochene Nase?»
«Hier. Vorgestern. Harry meinte »Carrickfergus« auf Deutsch intonieren zu müssen, während Bryan Ferry seine Version vortrug.»
«Sakrileg! Dinge, die die Welt nicht braucht.»
«Jep, aber du kennst Harry, der kommt vorbei, denkt, es ist eine Karaoke-Show und legt los. Ohne Rücksicht auf Verluste.»

«Oh ja, du denkst, du liest einen irischen Krimi und findest dich bei Brösels Werner wieder. Ohne Motorrad und Meister Röhrich, aber der Tonfall stimmt.»
«Du sagst es. Hamburger Schule!»
«Gut, Harry ist angeschlagen, aber zappelt noch. Nicht neues.» Ich verdrehte die Augen. «Was hast du bezüglich Jack Taylor gegen Benedictus rausgefunden?»

«Wenn nicht gerade Lullen gesucht, gefunden und geraucht werden, hadert Taylor mit sich selbst. Hängt zwischen Schuld und Erlösung fest, ist trocken und möchte so gerne saufen. Als er es schafft, gelingt ihm eine kotzüble Auferstehung nach Maß (Drei Jugendliche: Einer geht schwimmen, der andere wird vollgekotzt, dem Dritten zwei Finger gebrochen. Beifall vom Rand). Jack steckt wieder Prügel ein, darf austeilen und muss dem Tod mehrfach ins Gesicht sehen. Ergreifend!»
«Jack Taylor – ergreifend fällt mir nicht unbedingt ein, wenn ich an ihn denke?»

«Nee, das hat der Autor raus. Emotionen zu erzeugen, seine Figuren umeinander zu gruppieren wie in einem Schachspiel. Der Fall, oder die Fälle, in denen Jack ermittelt, geben nicht viel her. Vieles erledigt sich von selbst, was Taylor beim Komasaufen entgeht, erledigen Freunde, und so wird jeder Schluss häppchenweise und leichtverdaulich serviert.»
«Die irische Seele wie man sie kennt! Verbandelt mit Literatur, Musik, Filmen und dem Hang, das Alltägliche zu verklären.»
«Genau. Führt gelegentlich dazu, dass sich das Alltägliche zu Wort meldet und zwar mit Aktionen, die kaum nachzuvollziehen sind.»
«Du meinst, weil Jack die Fresse von den Adepten des Polizeipräsidenten poliert bekommt, obwohl nicht der geringste Anlass dafür besteht? Außer die Absicht des Autors seinen Helden leiden zu lassen.»

«Auf den Punkt! Immerhin findet das Buch seinen Abschluss, und das konsequent, eloquent und mit der eigenen Sprache, dem eigenen Stil voller Verweise entwickelt.»
 «Du denkst also, wer Ken Bruen liest, sollte sich in der Populärkultur auskennen?»
 «Kein Muss, aber hilft ungemein. Ein bisschen Eigeninitiative ist vonnöten. Nicht unbedingt im Zug unterwegs zu gewährleisten, aber spätestens am heimischen PC reicht eine kurze Frage.»

«Was sagt Harry dazu?»
«Was schon: Ich könnte ja, aber der böse Jochen lässt mich nicht.» Hans hustete besorgniserregend. Folge: Das Glas Kilkenny, den Jameson mit nach draußen genommen, eine Kippe angezündet. Tief eingesogen. «Keine Erklärung für die Logiklöcher?»

«Fährt Jesus Fahrrad? Jack Taylor läuft auf seiner eigenen Bahn Schlittschuh. Galway ist das Zentrum, von dort aus werden Kreise gezogen. Jack verliert sich und findet sich wieder, das ist von Interesse. Der Rest: Vergessen. Zwischen Jameson und dem Versuch Teil der menschlichen Gemeinschaft zu sein. Was schwerfällt, wenn man die wenigen Wohlmeinenden permanent vor den Kopf stößt, während die Feinde darauf warten, dass man endgültig aus dem Ring geschmissen wird. Jack bleibt – vorerst – drin.»
«Wohl wahr. Aber das nächste Mal nur im Original. Scheiß drauf, wenn ich die eine oder andere Anspielung nicht verstehe oder entdecke. Besser als die vorgekauten und breit wieder ausgespuckten Häppchen Dönekes allemal.»

«Und wenn unser Hamburger Held des konsequenten Übersetzens ernst macht, warum stoppt er dann vor den Namen?» Erst grinste Hans, dann erbleichte er. Ich blinzelte ihm zu.
«Och nöö! Ich…?»
«Sláinte!»

Kleine Anmerkung(en) in eigener Sache: Lieber Harry Rowohlt, krimi-couch.de ist natürlich nicht «mein» Internet-Portal, sondern gehört zur Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG, die nicht in meinem Besitz ist. Manchmal ist es gar nicht übel, seine Hausaufgaben zu machen. 

Was ein paar der Anmerkungen aus dem entfallenen Anmerkungsapparat betrifft (die noch keinen Niederschlag weiter oben erfahren haben) und die sich nicht aus dem Text heraus selbst erklären:

Ace Ventura zu kennen ist nicht wirklich von Vorteil. Man kann ganz gut ohne die durchgeknallte Dr. Doolittle-Nachgeburt leben, die durch zwei eher minderbemittelte Komödien derwischt. Die zweite vergisst man bereits während des Sehens, die erste zeigt immerhin, dass CGI-Effekte bei Jim Carreys Gesichtsakrobatik überflüssig sind und hat zudem ein paar nette visuelle Gags zu bieten, müsste aber insgesamt dringend auf Ritalin gesetzt werden. Ganz im Gegenteil zu Kris Kristofferson, dessen «Sunday Morning Coming Down» tatsächlich gut zur Stimmung von Jack Taylor gegen Benedictus passt. «Then I headed back for home, And somewhere far away a lonely bell was ringin'. And it echoed through the canyons, like the disappearing dreams of yesterday.” Kann man sich, glaube ich, leicht selbst übersetzen…

Was japanische Messer mit dem Kabuki-Theater zu tun haben, würde ich allerdings doch gerne von Herrn Rowohlt selbst erfahren. Sonst würde ich nämlich glatt behaupten, die »Kabuki-Messer« sind alleine auf Ken Bruens kreativem Dünger gewachsen. Bis Harry Rowohlt oder ein Kenner Japans und seiner Messer für Aufklärung sorgt, tut es ein Santoku-Messer (nicht am falschen Ende sparen), der Allroundschneider für die »drei Tugenden« (san – toku) Fleisch, Fisch und Gemüse. Für die ganz speziellen Profimesser braucht es nicht nur eine Menge (Zen-)Erfahrung, sondern auch einen prallen Geldbeutel. Nichts für’s Heimattheater.

Jochen König, Juni 2012

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Egon Superstar zu »Ken Bruen: Jack Taylor gegen Benedictus« 09.06.2014
Welch eine Freude über diese neuerlichen Ergüsse im Anmerkungsapparat des Übersetzers und im Rezensionsapparat der Krimi-Couch.
Diese einmalige Fehde über das Druckerzeugnis (Übersetzer) und das Internet (Rezensent) findet tatsächlich eine Fortsetzung. Vielen, vielen Dank dafür und ein Dreifach-Hoch auf das Deutsche Klugscheissertum !
Jochen zu »Ken Bruen: Jack Taylor gegen Benedictus« 20.11.2012
Lieber nathanschlau, danke für's Kompliment, Kommentare wie ihren lese ich auch so gerne wie Jack-Taylor-Romane! Ich mag Harry Rowohlt eigentlich immer noch gerne, alleine schon wegen seiner Verdienste um "Winnie the Pooh". Aber ich glaube, das wird nix mehr mit dem Beginn einer wundervollen Freundschaft. Zum Vergleich lohnend sind auch die von Conny Lösch, bzw. Richard Betzenbichler übersetzten Bruen-Romane "London Boulevard" und der aktuelle "Tower".
nathanschlau zu »Ken Bruen: Jack Taylor gegen Benedictus« 19.11.2012
Lieber Herr König,
ihren Beitrag hier fand ich jetzt mindestens so amüsant und lesenswert wie die gesamte Taylor-Reihe an sich.
Ich werde mich wohl daran machen die Titel noch im Original lesen.
Danken möchte ich Harry Rowohlt dahingehend dass ohne ihn ich Bruen gar nicht für mich entdeckt hätte und ihnen Herr König.ohne sie hätte ich dieses Portal nicht entdeckt.
und die kleine Fede zwischen ihnen hat auch ihren kleinen Reiz beim Lesen der Serie!
nathanschlau
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