Verdächtige Geliebte von Keigo Higashino

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Yōgisha X no Kenshin, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Klett-Cotta.

  • Tokio: Bungei Shunjū, 2005 unter dem Titel Yōgisha X no Kenshin. 300 Seiten.
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2012. Übersetzt von Ursula Gräfe. ISBN: 978-3-608-93966-8. 300 Seiten.

'Verdächtige Geliebte' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Wer die Mörderin ist, steht von Anfang an fest: Yasuko hat ihren gewalttätigen Ex-Mann ermordet. Doch dann bietet ihr verliebter Nachbar an, ihr ein Alibi zu verschaffen. Womit das Mathe-Genie allerdings nicht rechnet, ist, dass die Polizei einen genauso brillanten Gegenspieler engagiert, um ihm auf die Schliche zu kommen. Ishigami, der Mathelehrer, gegen Dr. Yukawa, den Physiker: Die beiden haben seit Langem eine Rechnung miteinander offen. Nun kämpfen sie gegeneinander: Ishigami, um die Wahrheit zu vertuschen, und Yukawa, um sie aufzudecken. Gelingt es ihm, der geliebten Mörderin und deren Tochter ein Alibi zu verschaffen, oder werden sie am Ende allesamt des Mordes und der Lüge überführt?

Das meint Krimi-Couch.de: »Das perfekte Alibi als Denksportaufgabe« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Was ist schwieriger: Ein unlösbares Problem zu schaffen oder es zu lösen? Es existiert eine richtige Antwort.

Keigo Higashi ist Vorsitzender der japanischen Kriminalautorenvereinigung und Autor zahlreicher Krimis, die in seiner Heimat Bestseller sind, aber hierzulande leider nahezu unbekannt sind ( es gibt nur eine Veröffentlichung in einem kleinen Verlag). Das wird sich hoffentlich bald ändern, denn sein zehntes Buch Verdächtige Geliebte, das jetzt vom Klett Cotta Verlag veröffentlicht wurde, ist ein großartiger Krimi, der zu Recht für den Edgar Allan Poe-Preis prämiert wurde. Man kann sich nur wünschen, dass Higashis übrige Krimis auch bald auf Deutsch erscheinen.

Verdächtige Geliebte ist Teil einer Reihe um den Physikprofessor Yukawa, der seinem Freund, Kommissar Kusanagi, bei der Auflösung von kniffeligen Kriminalfällen hilft. In Verdächtige Geliebte» tötet die Verkäuferin Yasuko ihren Ex-Mann in Notwehr. Ihr Nachbar Ishigami hört den Mord mit an und bietet ihr seine Hilfe an. Ishigami ist heimlich in Yasuko verliebt – und er ist ein Mathegenie. Ein perfektes Alibi zu konstruieren ist für ihn eine Frage der Logik, wie die Erstellung einer mathematischen Formel. Doch er gerät an einen ebenbürtigen Gegner. Kommissar Kusanagi holt sich Rat bei Professor Yukawa, der zufällig ein ehemaliger Studienkollege Ishigamis ist. Schnell wird Yukawa klar, dass Ishigami der Mastermind hinter dem Alibi ist. Wie bei einem Schachspiel stehen sich zwei gleich starke Kontrahenten gegenüber und es entwickelt sich Zug um Zug ein spannendes Logikduell mit immer neuen Varianten.

Verdächtige Geliebte ist ein für westliche Verhältnisse recht unkonventioneller Krimi. Der Mord steht gleich am Anfang, das Buch kommt ohne blutige Szenen und Tempo aus. Trotzdem versteht es der Autor meisterlich, den Leser zu fesseln. Man steht von Anfang an auf der Seite der sympathischen Täterin und fiebert mit ihr mit, dass das Alibi hält. Während üblicherweise die perfekte Planung zum perfekten Mord führt, geht Verdächtige Geliebte den umgekehrten Weg: im Nachhinein entsteht aus logischen Erklärungen der perfekte Mord. Während der eine jedes Verdachtsmoment mit einer logischen Erklärung pariert, sucht der andere nach der Schwachstelle darin. Es ist fesselnd, wie die beiden brillanten Logiker in Sherlock Holmes Manier ein Duell der Beobachtungs- und Kombinationsgabe ausfechten. Trotz aller Brillanz der beiden Masterminds – der Zufall und besonders die Gefühle sind die großen Unbekannten in ihren Gleichungen. Sie müssen am Ende erfahren, dass sich das Leben nicht berechnen lässt. Der Sieg wird ein bitterer.

So wie Ishigami alle Beteiligten manipuliert, tut es Keigo Higashino mit dem Leser. Alle Fakten und Hinweise, wie Ishigami das Alibi konstruiert hat, sind da. Der Erzähler wechselt von einer Person zur nächsten und verteilt wichtige Details, die der Leser erkennen und wie bei einem Puzzle zusammensetzen muss, so wie es Yukawa tut. Und trotzdem gelingt es Higashino, den Leser in die Irre zu führen und ihn sowohl mit der Auflösung zu überraschen, wie auch mit dem Ende, das selbst der erfahrene Krimileser nicht vorhersieht. «Die eigene vorgefasste Vorstellung ist der größte Feind. Denn auch sichtbare Dinge können blind machen."

Verdächtige Geliebte ist in vielem sehr japanisch. Keigo Higashis Sprache ist klar und schnörkellos. Im Gegensatz zu westlichen Autoren verzichtet er auf die Psychologisierung seiner Figuren. Sie gewinnen ihr Profil durch die Schilderung feiner Details. So wird zum Beispiel Ishigami durch Yasukos Augen geschildert:

Der Mann war wie ein feiner Riss in der Wand für sie. Sie wusste, dass er existierte, achtete aber nie besonders auf ihn.

Higashinos Buch gibt uns einen guten Einblick in die japanische Mentalität und Gesellschaft. Es geht um Freundschaft, Loyalität, Pflichtbewusstsein und Hingabe (an eine Sache oder einen Menschen) bis zur Selbstaufopferung. Westliche Werte wie Selbstverwirklichung, Individualität und Emotionalität sind verpönt. Statt Gefühlen wird Verstand demonstriert. Aber trotzdem brodeln unter der Fassade heftige Gefühle, die die Grenze zur Obsession überschreiten. Deren Ausmaß wird erst am Ende der Geschichte von Verdächtige Geliebte deutlich. Auch das typisch japanische Motiv der beiden gleichwertigen »Krieger«, die den Gegner besiegen wollen, aber trotzdem voller Ehrerbietung ihm gegenüber sind, findet sich bei Higashino wieder.

Verdächtige Geliebte ist beste Unterhaltung für alle, die Spaß an Denksportaufgaben haben. Die japanischen Elemente sorgen für ein unkonventionelles Lesevergnügen und die raffinierte Konstruktion für Überraschungen. Aber Verdächtige Geliebte ist nicht nur ein intelligenter Krimi, sondern auch eine große Liebesgeschichte – und nebenbei lernt man etwas über Mathematik.

Brigitte Grahl, April 2013

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Marius zu »Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte« 17.02.2013
Dialektik des Verbrechens


Für diesen Roman hätte Keigo Higashino ziemlich sicher einen Rüffel von S.S. Van Dine, jenem legendäre Autor des Golden Age des Detektivromans, einstecken müssen. Denn mit „Verdächtige Geliebte“ verstößt der japanische Autor gegen ziemlich viele Regeln, die van Dine damals unter dem Titel „ Twenty rules for writing detective stories “ postulierte.
Ein Showdown zwischen zwei brillanten Köpfen, eine Liebesgeschichte als subtiler Hauptstrang, eine Mörderin und eine Leiche, die bereits zu Beginn des Romans feststehen? Als das wäre dem strengen van Dine damals wahrscheinlich nicht untergekommen - doch Keigo Higashino zeigt, wie kreativ und befreiend Kriminalliteratur sein kann, wenn man sie aus einem starren Korsett der Regeln und Konventionen befreit.

Er konzipiert „Verdächtige Geliebte“ als großes Duell: Die Liebe versus die Vernunft, Vertuschung einer Tat versus Deduktion, Physikprofessor versus Mathegenie. Dieses Buch der Antipoden ist dabei vielleicht nicht immer spannend, dafür fasziniert es ungemein.
Nach einer Kurzschlussreaktion steht Yasuko mit der Leiche ihres Ex-Manns in ihrer Wohnung da. Ihr Nachbar, der Mathematiklehrer Higashimi, hilft ihr nach der Tat aus Liebe bei der Vertuschung der Tat und entwickelt einen strategischen Plan, um den Verdacht von Yasuko zu lenken. Dieser Plan entfaltet sich sukzessive mit dem Fortschreiten des Buchs und sorgt für die subtile Spannung. Doch leider hat Higashimi bei seinem Plan nicht mit einem gerechnet – seinem alten Freund Yukawa, mit dem er zusammen in die Welt der Mathematik eintauchte, ehe sich dieser der konkreten Welt der Physik zuwendete. Sein Alter Freund unterstützt die Polizei bei deren Ermittlungen und versucht, die von Ishigami ausgestreuten falschen Spuren und Finten zu durchschauen, um den Mord zu sühnen.
Dies gestaltet sich manchmal äußerst handlungsarm, da die wahre Leistung in „Verdächtige Geliebte“ nicht physisch sondern eher mental erbracht wird. Dennoch ist der Roman Keigo Higashinos ein Faszinosum, da er fesselt obwohl er auf alle herkömmlichen Suspense-Mittel verzichtet. Nach 320 Seiten ist das Vergnügen auch bereits wieder am Ende, nicht ohne eine überraschende Schlusspointe und ein Ende, das wirklich auf den Punkt gesetzt ist.

So mag „Verdächtige Geliebte“ zwar gegen ebenso etablierte wie mit der Zeit auch überkommene Regeln verstoßen, dies rechtfertigt die Lektüre allerdings durch einen innovativen Plot, der ganz auf's Köpfchen setzt!
Simon Poylett zu »Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte« 11.12.2012
Ein spannender, schnörkelloser Krimi, den man am liebsten in einer Sitzung durchlesen möchte. Er enthält kaum Lokalkolorit oder sozialpsychologische Tiefe, dafür ratiocination und überraschende Wendungen vom Feinsten, also Poe, Conan Doyle, Christie, Stout ... Wer am Ende siegt ist eigentlich egal, dabei ist aber jeder, der mit seinem Mathelehrer noch eine Rechnung offen hat.
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