Das vergessene Kind von Kate Atkinson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Started early, took my dog , deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 4 der Jackson-Brodie-Serie.

  • London: Doubleday, 2010 unter dem Titel Started early, took my dog . 350 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2011. Übersetzt von Anette Grube. ISBN: 978-3-426-19910-7. 464 Seiten.

'Das vergessene Kind' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Tracy Waterhouse, ehemalige Polizistin und absolut gesetzestreue Bürgerin, kauft ein Kind. Niemand ist davon mehr überrascht als sie selbst. Zwar handelt es sich dabei eigentlich um eine Rettungsaktion, dennoch ist das Ganze keineswegs legal, und Tracy ist von Stund an auf der Flucht. Da kommt es ihr höchst ungelegen, dass ein gewisser Jackson Brodie, Privatdetektiv, sie unbedingt wegen eines dreißig Jahre alten Falles sprechen möchte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vom Suchen …und Finden?« 89°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Wer bei Das vergessene Kind einen rasanten Hochspannungsthriller erwartet, dessen Themenkomplexe irgendwo zwischen der Jagd nach dem Yorkshire Ripper und Kindesentführung, bzw., –missbrauch angesiedelt sind, der sollte jetzt bereits innehalten. Er wäre verloren bei Kate Atkinsons viertem Teil der Jackson-Brodie-Reihe.

Denn was sich da langsam öffnet, ist kein plakatives Drama in dessen Mittelpunkt zufälligerweise (oder berechnend) Kinderschicksale stehen, sondern ein vielschichtiges und weitverzweigtes Portrait einer Gruppe von Menschen, die inmitten einer scheinbar intakten Gesellschaft verloren gehen. Auf die ein oder andere Weise…

Als da wären: Die Polizistin Tracy Waterhouse, die 1975 als junge Polizistin in die Ermittlung des Yorkshire Killers, Peter Sutcliffe, involviert ist und eher zufällig mitsamt ihrer Vorgesetzten und Kollegen in den Mord an der Prostituierten Carol Braithwaite verwickelt wird. Besonders tragisch: Der vierjährige Sohn Michael verbrachte mehrere Tagen in der Wohnung neben seiner toten Mutter und behauptet steif und fest, sein Vater sei der Mörder. Bloß weiß leider niemand, wer sein Erzeuger ist. Später gerät er ins schnell rotierende Amtsgefüge und verschwindet fast spurlos. Tracy berührt dieser Fall tief und Kinder liegen ihr seitdem besonders am Herzen. Was in der Gegenwart dazu führt, dass sie einer Prostituierten völlig überraschend die Tochter (möglicherweise) abkauft und danach auf der Flucht ist.

Auf der Flucht ist auch die Schauspielerin Tillly, die in einer Krimi-Soap eine Nebenrolle spielt und der es immer schwerer fällt sich Texte, Namen und Gesichter zu merken. Sie flüchtet vor den Anzeichen der Demenz und trifft, als Ladendiebin verdächtigt, auf Jackson Brodie. Brodie, wie Tracy Ex-Polizist, flüchtet vor seiner tragischen Vergangenheit und den zahlreichen Frauen seines Lebens.

Da er Detektiv aus Leidenschaft ist, versucht er im Auftrag seiner Klientin Hope McAllister herauszubekommen, wer ihre leiblichen Eltern sind. Niemand wird sich wundern, wenn alle Spuren bei Carol Braithwaite zusammen laufen, und sämtliche Beteiligte sich mindestens einmal zufällig und danach sehr schicksalsträchtig treffen. Im Raum treibende Planeten, die, angetrieben von ihren individuellen Schicksalen, an entscheidenden Punkten kollidieren, um dann einzeln wieder ihren eigenen Lebensentwürfen nachzujagen. Die sich schlagartig ändern können. Dazwischen werden noch aus Kollegen oder sogar Freunden Feinde, und aus ehemaligen Gegnern loyale Verbündete. Und die lange verdrängte Vergangenheit schaufelt sich unaufhaltsam ihren Weg frei. Aus Verdrängung wird Wahnsinn, aus Stillhalten Tod. Die Taten und die damit verbundene Schuld bleiben und werden mit der Zeit zur drückenden Last. Täter und Opfer verlieren.

Das vergessene Kind ist ein ungewöhnliches Buch. Scheinbar abschweifend, ausschweifend und die Macht des zufälligen Aufeinandertreffens strapazierend. Mehr noch: Kate Atkinson erhebt all dies zu großer Form. Sie gibt jedem ihrer Protagonisten Raum, sich zu bewegen, zu verändern, Chancen zu ergreifen, wo andere nichts sehen, und unterzugehen, wenn man einem Status Quo folgt, der auf Lügen und Verbrechen basiert. Betroffen, hin- und hergeschoben, achtlos beiseite gestellt dabei immer wieder Kinder. Das rächt sich, wenn sie überleben, erwachsen werden und ihrer Herkunft und Geschichte bewusst werden wollen. Fußabtreter einer gleichgültigen Gesellschaft, die nur Chancen haben zu wachsen, wenn sie Menschen begegnen, die sich kümmern und sie an die Hand nehmen auf den ersten Schritten. Wie Tracy Waterhouse und Jackson Brodie. Wobei vor allem Tracy erst im Diffusen versagen muss, bevor sie eine zweite Chance erhält. Und Jackson sich mit der Frage aller Eltern quält: Wie konnte aus dem liebreizenden Nesthäkchen nur eine äußerst renitente Pubertantin werden?

Kate Atkinsons Roman ist angefüllt mit Passagen, die man auswendig lernen möchte, kluge und witzige Betrachtungen über Männer, Frauen und Kinder. Ihr gelingt es, einfache Gesten zu etwas Großem werden zu lassen, gerade weil sie nie auf Größe aus ist, sondern die Flamme eher klein hält. Doch ihr gelingt es, sie umso heißer lodern zu lassen.

»Okay?« fragte sie, nachdem die Banane vertilgt war, und Courtney streckte feierlich und wortlos den Daumen nach oben. Sie ging sparsam mit der Sprache um, und warum auch nicht? Wenn man klein war, glaubte man vielleicht, dass man am Ende keine Wörter mehr hatte, wenn man am Anfang alle verbrauchte.

Selbst die mäßige deutsche Übersetzung kann nicht ausmerzen, dass Atkinson eine ganz eigene Sprache spricht, die so klar wie poetisch ist. Alleine Jacksons imaginäre Unterhaltungen mit Julia, Ex-Freundin und Mutter seines Kindes, die zudem als reale Person am Rand in die Handlung involviert ist, beweisen eine Komik und Tiefe, die ihresgleichen sucht.

Das vergessene Kind, zwar nicht ganz falsch, aber ziemlich banal, hat übrigens einen wunderbaren Originaltitel: Started Early, Took My Dog. So beginnt der Blues, den Kate Atkinson singt. Und wie sie ihn singt…

PS.: Anscheinend beschäftigt viele Rezipienten, ob Das vergessene Kind ein Kriminalroman ist oder nicht. Es kommen Polizisten vor, Privatdetektive, Entführung, Mord, Ladendiebstahl – alles was des Krimi-Aficionados Herz begehrt. Die Morde werden nicht unbedingt aufgeklärt, die Polizisten sind nicht immer das, was sie scheinen, und einer der Detektive hat eigentlich gekündigt. Mist.

Wir haben es mit großartiger Literatur zu tun, die natürlich als Kriminalroman funktioniert. Kann man also so lesen. Muss man aber nicht.

PPS.: Dies ist eine jener Rezensionen, bei denen man immer das Gefühl hat, irgendetwas vergessen haben. Stimmt auch und liegt daran, dass man Seiten lang zitieren könnte, Nebenstränge aufgreifen, Figuren portraitieren, die nur kurz und doch prägnant erwähnt und beschrieben werden. Um beim Kind zu bleiben: Ein riesiger Sandkasten, in dem sich Förmchen um Förmchen verbirgt, mit denen man die feinsten Sandkuchen backen kann. Sie schmecken auch noch.

Jochen König, Februar 2012

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Susanne Wermeling zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 30.05.2016
Ich habe diesen Roman gerade beendet, aber frage mich nun, ob die Hekunft von Courtney, dem Kind, das Tracy "kauft", am Ende geklärt ist oder nicht! Ich wusste es am Ende nicht, aber vielleicht habe ich es überlesen???
Die beiden Kinder von Carol waren dann ja wiederentdeckt worden, aber Courtney war nun das Kind der Prostituierten Kelly oder von dieser auch entführt?
Dulcinea zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 25.06.2014
Dieser 4. Band aus der Jackson-Brodie-Reihe ist einfach phantastisch gut, sowohl vom Thematischen als auch Sprachlichen gesehen! Lesern, die schlecht mit ihm klar kommen, sei empfohlen, sich vom 1. Band bis hierher vorzuarbeiten: Es lohnt sich sehr. Ich hatte das Glück, die Originalfassungen lesen zu können und kann deshalb nichts zu den anscheinend schaurigen Übersetzungen sagen.
Immerhin so viel: Brodie ist nicht nur auf den Hund, sondern auch auf die Poesie gekommen. Man stolpert nur so über Zitate, schon der Titel ist der Anfang eines Gedichts von Emily Dickinson, für die Brodie ein ganz besonderes Faible entwickelt hat. Mich würde interessieren, ob die deutsche Übersetzung das Dickinson-Gedicht am Ende unterschlägt?
heinrich zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 19.07.2013
Positiv finde ich das von Katja Holst gestaltete Buchcover, typograpisch durchdacht und inhaltsbezogen - meilenweit weg von dem Unsinn anderer Verlage (Stichwort: Toter Vogel).
Hilfreich beim Lesen ist es, die drei Vorgänger aus der Serie zu kennen, um die Frauengeschichten, die Jackson Brodies Gedankengänge ständig beeinflussen, zuordnen zu können.
Eine weitere Stelle, die mir besonders gefallen hat - Privatdetektiv Brodie über seinen Fernsehserienkollegen:
„Fernsehdetektiv. Vince Collier, kein Mann sondern ein Konstrukt, ein Hybride aus allem, was miserabel war, zusammengepanscht von einer Arbeitsgemeinschaft und gebilligt von einer Zielgruppe.“
Da schon fast alles über den Roman gesagt wurde, nur noch meine Wertung: als Fan dieser Reihe gebe ich 97°
Margit Raven zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 10.04.2013
"Das Vergessene Kind" ist ein bemerkenswertes Buch, Kate Atkinson eine außergewöhnliche Erzählerin, die in den tragischsten Augenblicken ihren umwerfenden Humor aufblitzen lässt, wenn sie Situationen und Personen in einer manchmal geradezu flapsigen Art beschreibt. Der Leser, der einen Krimi erwartet, wird enttäuscht, auch dem Thriller-Fan wird hier nicht genüge getan. "Dass vergessene Kind" ist ein spannender, poetischer, schwarzhumoriger, literarisch hochwertiger Roman.
Leider entspricht die deutsche Übersetzung nicht immer dem sprachlich exzellenten Original. Den Genitiv lässt der Übersetzer sowieso außen vor -"Wegen dem KInd". Das und auch andere "Kleinigkeiten" gehen vor allem auf das Konto des Lektorats.
felinette zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 08.01.2012
Kate Atkinsons Roman ist sicherlich kein Pageturner im üblichen Sinne. „Das vergessene Kind“ war meine erste Begegnung mit der Autorin und sie hat mich neugierig gemacht. Wenn man das Buch unvoreingenommen liest und sich nicht auf die Erwartung an einen Krimi versteift, hat man Gewinn (und Genuss) davon. Das Beziehungsgeflecht der Personen hat etwas durchaus Kunstvolles, die Auflösung kommt schon mit einiger Wucht daher und einige Figuren schließt man durchaus ins Herz: allen voran die tapfer gegen ihre beginnende Demenz ankämpfende Schauspielerin Tilly, die gar nicht so robuste Tracy Waterhouse und nicht zuletzt den „auf den Hund gekommenden“ Privatermittler Jackson. Feines Buch, das ich sicherlich noch einmal lesen werde.
liebesleser zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 30.10.2011
Also, ich hab erst ca. 150 Seiten gelesen und schon jetzt keine Lust mehr. Ich kann der Handlung und den darin vorkommenden Personen irgendwie nur schwer folgen. Dazu finde ich die Übersetzung grottenschlecht, von Grammatik ganz zu schweigen. Ich kann immer noch nicht glauben, daß irgendwo im Text "lügte" statt "log" steht. Ich zweifel ganz stark, daß überhaupt ein Lektor sich das ganze mal angesehen hat...und wenn dann hatte er wahrscheinlich eine Lese-Rechtschreibschwäche. Ich glaube, man muß eingefleischter Kate-Atkinson-Fan sein um das durchzustehen...bin ich leider nicht.
Reinhold Maier zu »Kate Atkinson: Das vergessene Kind« 18.10.2011
Dieser vierte Roman der Jackson-Brodie-Reihe überzeugt zwar wieder durch harsche Gesellschaftskritik, kunstvoll gesponnene Handlungsstränge und empathisch gezeichnete Charaktere, aber irgendwie will der Funke nicht so recht überspringen. Und dies liegt größtenteils an der stellenweise völlig missglückten Übersetzung. Nicht nur, dass hier völlig frei erfundene Polizeirangbezeichnungen herumschwirren, die zu ändern sich der Verlag schon in der Vergangenheit beharrlich weigerte (wie in einem Kommentar von Nordwestradio erwähnt), sondern es gibt noch viel schlimmere Fehlgriffe, etwa wenn die Kritik an der chauvinistisch angehauchtten "Last Night of the Proms" in London als "Gestern-Abend-Blödsinn" missverstanden wird. Dass ein Lektor darüber hinwegliest, ist gänzlich unverständlich und entwertet die Präsentation der genialen Autorin im deutschen Sprachraum. Trotzdem ist das Buch sehr zu empfehlen, weil eben eine Kate Atkinson so stark schreibt, dass auch eine suboptimale Übersetzung ihr wenig anhaben kann.
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