Fremde Blicke von Karin Fossum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Se deg ikke tilbake!, deutsche Ausgabe erstmals 1999 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Oslo, 1990 - 2009.
Folge 2 der Konrad-Sejer-Serie.

  • Oslo: Cappelen, 1996 unter dem Titel Se deg ikke tilbake!. 275 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 1999. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-04021-7. 347 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2000. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-23060-1. 347 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2000. Übersetzt von Gabriele Haefs. 347 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2002. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-23480-1. 347 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2003. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-23860-2. 347 Seiten.

'Fremde Blicke' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Der unerklärliche Tod der jungen Annie löst in dem norwegischen Dorf Horgen tiefe Bestürzung aus. Doch zugleich scheinen die Bewohner ein dunkles Geheimnis zu bewahren. Sensibel zeichnet die norwegische Autorin eine idyllische sommerliche Fjordlandschaft und erzählt von ihren oft so schwer durchschaubaren Bewohnern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Buch wirkt von Anfang an sympathisch.« 77°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Die Polizei wird in das kleine Dorf Horgen in der Nähe von Oslo gerufen, weil die 5-jährige Ragnhild verschwunden ist. Die Erleichterung bei allen ist groß, als das kleine Mädchen nach einigen Stunden wohlbehalten bei ihren Eltern auftaucht. Raymond, ein junger Mann mit  Down-Syndrom, der sehr kinderlieb ist, hatte sie mitnommen und war mit ihr ein wenig spazierengefahren. So kann Kommissar Sejer nach Oslo zurückfahren und sich auf seinen Urlaub freuen.

Doch wie das in Kriminalromanen so üblich ist, kommt natürlich etwas dazwischen. Das Telefon klingelt und Ragnhilds Mutter teilt Sejer mit, dass Ragnhild auf ihrem Ausflug mit Raymond eine nackte Frau am Weiher in den Hügeln liegen sah. Also macht sich Sejer mit seinem Kollegen Skarre erneut auf den Weg nach Oslo und fährt an die beschriebene Stelle am Schlangenweiher. Dort findet er die Leiche einer jungen Frau, nackt, nur mit einer Windjacke bedeckt.

Es stellt sich heraus, dass es sich bei ihr um die erst 15-jährige Annie Holland handelt. Laut Obduktionsbericht wurde sie ertränkt. Ein Sexualdelikt konnte nicht festgestellt werden. Sejer versucht zunächst, sich ein Bild von Annie zu machen. Bei Annie handelte es sich um ein sehr sportliches muskulöses Mädchen. Sie war eine sehr gute Handballspielerin, bis sie vor etwa einem Jahr mit dem Sport aufhörte. Sie veränderte sich zu dieser Zeit sehr aprupt. Aus einem fröhlichen Mädchen wurde die sehr verschlossene schwermütige Annie. Sie war im ganzen Dorf bekannt und beliebt, da sie oft Kinder hütete. Doch seit der 2-jährige Eskil, auf den sie auch des öfteren aufpasste, an seinem Essen erstickte, war es damit vorbei. Seitdem lief sie meist lange Strecken alleine. Auch die Beziehung zu ihrem Freund Halvor lief nicht mehr so gut.

Parallel zu den Befragungen, um sich ein Bild der Ermordeten zu machen und mögliche Motive zu finden, versucht Sejer den Weg von Annie bis zum Ort des Verbrechens zu rekonstruieren. Dabei gestaltet sich die Befragung eines 5-jährigen Kindes und eines mongoloiden Mannes natürlich schwierig. Beiden fiel ein dunkles Auto auf, dass sich mit hoher Geschindigkeit vom Tatort entfernte. Später behauptet Raymond, dass Auto sei rot gewesen. Offensichtlich versuchte ihm das ein unbekannter Besucher einzureden. Zum letzten Mal lebend gesehen wurde Annie vor dem Laden des Dorfes, als sie mit einem Motorradfahrer sprach. Ihr Freund Halvor fährt Motorrad, streitet jedoch ab, Annie an diesem Tag gesehen zu haben. Als Annies Schultasche in Halvors Schuppen gefunden wird, wird Halvor vorübergehend in Untersuchungshaft genommen.

Kommissar Sejer tappt weiter im Dunklen, obwohl sich einige Verdächtige und Motive aufdrängen. In ihm erhärtet sich jedoch der Verdacht, dass er nur über den Tod des kleinen Eskil an die Lösung des Falles kommt.

Wer meine Meinungen regelmäßig liest, der weiß, dass ich ein gewisses Faible für skandinavische Kriminalromane entwickelt habe. Bislang kam das Gros der nordeuropäischen Autoren aus Schweden nach Deutschland herübergeschwappt. Als mir beim Stöbern in der Bücherei dieses Buch einer norwegischen Autorin, deren Namen ich zuvor noch nie gehört habe, in die Hände fiel, hab ich aus Neugier spontan zugegiffen.

Sehr unkonventionell an »Fremde Blicke« ist zum einen der Anfang und zum anderen der Schluß.

Man glaubt sich im ersten Kapitel bereits mitten in der eigentlichen Handlung zu befinden. Geschickt suggeriert die Autorin dem Leser, dass der mongoloide Raymond die kleine Ragnhild entführt und ihr vermutlich etwas angetan hat. Auch das große Polizeiaufgebot lässt keinen anderen Schluß zu. Um so größer ist die Überraschung, als das Kind zum Ende des ersten Kapitels plötzlich wohlbehalten wieder auftaucht und erst eine spätere Aussage des Mädchens den Startschuß zum eigentlichen Kriminalfall bildet. Durch diese Vorgeschichte wird jedoch mit Raymond schon mal einer der Verdächtigen eingeführt.

Das Buch wirkt von Anfang an sympathisch. Man fühlt sich direkt hineinversetzt in diese idyllische norwegische Fjordlandschaft und in das kleine Dorf Horgen, in dem man sehr schnell die Bewohner kennenlernt. Recht unterschiedlich sind die Einwohner, doch jedem widmet die Autorin Zeit und Worte. Sei es die Mutter, die Angst um ihr Kind hat, das Elternpaar, das den Tod des Kindes betrauern muß oder Halvor, der ganz anders um seine Freundin trauert, sei es der mongoloide Raymond, der in einer völlig anderen Welt lebt, der Teppichhändler, der sich kürzlich von seiner Frau getrennt hat oder zum Beispiel die türkische Familie, die eine Außenseiterstellung in der Dorfgemeinschaft einnimmt. Man lernt sie alle im Verlauf der Handlung immer besser kennen, die Charaktere werden erst nach und nach offen gelgt, und man erkennt auch die sozialen Strukturen im Ort nur langsam. Und vor allem Annie, die als lebende Person im Roman gar nicht vorkommt, wird für den Leser zu einem sehr lebendigen und bildhaften Charakter.

Doch welche Beziehungen bestehen und bestanden untereinander zwischen den Personen? Durch wen oder durch welches Ereignis hat sich Annie im letztes Jahr so verändert? Hat ihre Schwester etwas damit zu tun? Oder der Sohn der Familie, bei der Annie früher Babysitten war? Alle diese Fragen sorgen für eine gewisse Spannung. Die Spuren führen schließlich auch aus dem Dorf hinaus zum Vater von Annies Stiefschwester sowie auch zu deren Freund, der wiederum der Sohn des Teppichhändlers ist. Der Leser macht sich ständig seine Gedanken. So könnte es gewesen sein. Oder doch vielleicht so. Doch diese Spannung resultiert aus den eigenenen Überlegungen des Lesers, es ist keine mitreißende Spannung, die einen so festhält, dass man nicht mehr von dem Buch los kommt. Sehr geschickt bietet Karin Fossum immer wieder Verdächtige und Motive an und lässt den Leser an mancher Aussage zweifeln.

Mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen widmet sich die Autorin hier einem sehr sensiblen Thema, nämlich dem Mord an einem Kind. Wie die Eltern einem solchen Verbrechen gegenüber stehen, zeigt sie dabei gleich doppelt auf. Nämlich einmal im Fall der Eltern der ermordeten Annie und zum anderen in der Angst um die verschwundenen Ragnhild zu Beginn des Romans. Viele verschiedene Gefühle tauchen dabei bei den Betroffenen auf. Trauer, Wut, Ratlosigkeit, Verständnis oder der Wunsch nach Rache.

In diesem Roman steht ausnahmsweise einmal nicht der Ermittler im Vordergrund, sondern das Opfer. Man ist beim Lesen meist nicht schlauer als die Polizei, denn überwiegend erlebt man die Handlung aus deren Sicht. Dabei wirken die Ermittlungen durchaus glaubhaft und wenig spektakulär. Die beiden Ermittler Sejer und Skarre bilden dabei ein sympathisches Team. Erst aus der Routinearbeit der Kriminalbeamten und die Befragung vieler Personen wird aus einzelnen Bruchstücken ein komplexes Bild vermittelt. Und schließlich werden die Fäden, die die Norwegerin so geschickt verknüpft hat, auch langsam wieder entwirrt.

Und wie schon zu Beginn erwähnt, hat sich die Autorin noch eine Überraschung für den Schluß aufbewahrt. Glaubt man den Fall abgeschlossen und alle Einzelheiten aufgelöst, so setzt sie am Ende noch eines drauf, was schließlich weiteren Spekulationen Tür und Tor öffnet und den Leser mit diesem offenen Ende doch nicht ganz befriedigt zurücklässt.

Den Namen Karin Fossum sollte man sich merken. Denn mit »Fremde Blicke« liefert sie einen soliden, gut und logisch aufgebauten Krimi. Doch nicht nur die Fakten sind stimmig, sondern auch die psychologisch gut dargestellten Beziehungen, die im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Ihre Meinung zu »Karin Fossum: Fremde Blicke«

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Seewespe zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 09.09.2010
Wer Freude an Krimis hat, in denen die beteiligten Personen, ihr Leben, ihre Wahrnehmung, ihre inneren Landkarten im Vordergrund stehen, wer es mag, wenn ein Autor Protagonisten aufbaut, so dass sie zu vertrauten Personen werden, denen man gern in weiteren Büchern wieder begegnen möchte, der ist bei Karin Fossum richtig. Als "Einsteiger" eignet sich "Fremde Blicke" hervorragend, es ist ein leises, und dennoch eindringliches Werk, das ohne blutrünstige Gaffermentalität vordergründig unspektakulär, hintergründig aber mit einem sehr subtilen Grauen hinsichtlich der Abgründe der menschlichen Psyche daher kommt.
Barbara zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 26.06.2009
Obwohl ich sehr gerne die Kommentare von Krimi-Couch lese, hat mich beim offiziellen und auch bei den Leser-Kommentaren gestört, daß viel zu viel vom Inhalt und schließlich sogar der (mögliche) Täter verraten wird. Jetzt lohnt es sich für mich quasi nicht mehr, das Buch in die Hand zu nehmen. Bitte künftig die Bitte bei "Ihre Meinung zu..." genauer beachten und bei Inhaltsangabe und Kommentaren zurückhaltender sein! Sowieso liegt ja bekanntlich in der Kürze die Würze...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Roswitha zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 14.05.2008
Ich habe das Buch in einem durchgelesen, da es sehr spannend und interessant geschrieben ist und bis zuletzt nicht klar ist, wer der Mörder ist. Über den Schluss war ich erstaunt, da er zwar Aufschluss gibt, wie der kleine Eskil zu Tode gekommen ist, nicht aber, ob Johnas tatsächlich Annie umgebracht hat, da dieser sie ja noch lebend am See gesehen habe möchte. Dieser Fall ist auf jeden Fall nicht geklärt und hört da auf, wo er geendet hat, nämlich mit dem Verschwinden von Ragnhild. Also ein offenes Ende.
Ramona Misic zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 19.11.2004
Ich habe das Buch mit Spannung bis zum Ende verfolgt,immer in der Hoffnung,anders als bei "Stumme Schreie" ein wirkliches Ende zu lesen.Mal wieder bleibt die Täter und auch die Motivfrage ein wenig offen.Das hat mich sehr genervt.Mir stehen noch einige Romane von ihr zur Auswahl und das freut mich schon denn in ihrer Spannung sind sie kaum zu übertreffen.
maria zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 25.10.2004
ich finde das buch sehr spannend. man ratet immer mit, wer der täter sein könnte. nur das ende gefällt mir nicht. ich verstehe es nicht, weil so viele offene fragen bleiben. ich weiß, das soll die fantasie anregen, aber trotzdem verstehe ich es nicht ganz.
Zehra zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 01.03.2004
Ich hab bisher nie so ein Buch gelesen, wo es um einen Mordfall ging, aber seit ich dieses Buch gelesen habe, weis ich wie solche geschichten toll sein können. Ich finde dieses Buch toll, es ist so erzählt das man sich sehr gut in diese Lage versetzen kann! Der Inhalt des Buches ist sehr gut, man wird sehr neugierier wer der Mörder ist, und liest einfach weiter und man denkt sich das es der oder der sein könnte, und wenn man am ende des Buches ist erfährt man erst wer der Mörder ist, und das gefällt mir sehr gut
Daniel Lienhard zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 01.05.2003
Karin Fossum vermittelt in diesem Roman, der weit mehr als nur ein Krimi ist, eine sensationelle Stimmung. Für mich ist sie zur Lieblings-Autorin geworden. Schade, dass mir zur Zeit nur noch zwei Bücher von ihr bevorstehen.
Ingrida zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 18.04.2003
Selten werden in Krimis Kindermorde zum Thema gemacht. Der Wechsel auf den Mord eines 15-jährigen Mädchens, das körperlich durchtrainiert und vor Selbstbewußtsein zu trotzen scheint , dient m.E. als Ablenkung, den Leser nicht allzusehr zu schocken. Bei Karin Fossum wird die psychologische Seite deutlich: Wie verklemmt kann ein Täter,
der auch noch einen Vater-Sohn-Komplex hat, einem Kommissar Sejer entgegentreten? Spannung und Nachdenklichkeit bringt dieser Krimi.
Judy zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 18.04.2003
schön geschrieben...! auf jedenfall lesenswert!
Heiko Bolick zu »Karin Fossum: Fremde Blicke« 20.01.2003
Ich bin ein Mankell-Freak und habe das Buch natürlich und unbewusst an seinen gemessen. Fossum schreibt kälter, seziert die Gemütsverfassungen in dem Kaff Horgen (gibt es auch in der Schweiz). Und sie bleibt traditionell. Der über allem stehende Ermittler, der seine Puzzle-Teilchen zusammensucht, sich immer ausserhalb der Gefahr befindet und bis auf wenige Momente (die er aber voll im Griff hat) kaum seine eigene Biografie einfliessen lässt. Trotz allem, ein Genuss, wenn auch ein kurzer.
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