Das Washington Dekret von Jussi Adler-Olsen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Washington dekretet, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1990 - 2009.

  • Kopenhagen: Aschehoug, 2006 unter dem Titel Washington dekretet. 634 Seiten.
  • München: dtv, 2013. Übersetzt von Hannes Thiess & Marieke Heimburger. ISBN: 978-3423280051. 784 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Der Audioverlag, 2013. Gesprochen von Wolfram Koch. ISBN: 3862312038. 6 CDs.

'Das Washington Dekret' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Durch den kaltblütigen Mord an seiner Ehefrau und dem ungeborenen Kind gerät der neu gewählte amerikanische Präsident Bruce Jansen völlig aus dem Gleichgewicht. Er erlässt das ›Washington Dekret‹ – eine politische Entscheidung, die schwerwiegende Folgen nach sich zieht für die gesamte amerikanische Bevölkerung. Amerika im Ausnahmezustand …Doggie Rogers, Mitarbeiterin im Stab des Präsidenten, steht nach dem Attentat unter Schock – nicht zuletzt, weil ihr eigener Vater nun des Mordes angeklagt wird. Auf der Suche nach der Wahrheit wird Doggie zur meistgesuchten Frau der USA. Mit Hilfe von Freunden versucht sie das Komplott aufzudecken. Alles ruht nun auf ihren Schultern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Es gibt viele Kröten zu schlucken« 50°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Atemraubend spannend! – Faszinierend! – Realistisch!«
»Konstruiert! – Unglaubwürdig! – An den Haaren herbeigezogen!«

Jussi Adler-Olsens Roman Washington dekretet aus dem Jahre 2006, jetzt im Zuge des Adler-Olson-Hypes hierzulande auch auf Deutsch veröffentlicht, spaltet die Leserschaft. Das Spektrum der Reaktionen reicht von großer Begeisterung bis hin zur totalen Ablehnung.Warum der Roman so ein widersprüchliches Echo hervorruft, liegt hauptsächlich daran, dass der Autor gemessen an der Realität ein unglaubwürdiges Szenario entwirft – ein US-amerikanischer Präsident stürzt per Dekret sein Land in ein bürgerkriegsähnliches Chaos. Damit aber nicht genug, auch später stolpert man über etliche Ungereimtheiten, Auslassungen,Verallgemeinerungen und krasse Übertreibungen.

Dekrete – im US-amerikanischen Hoheitsgebiet »Executive Orders« genannt – sind Teil des präsidialen Machtinstrumentariums und gehen in den USA bis ins 18. Jahrhundert zurück. In der Regel werden präsidiale Gesetzesinitiativen und Verordnungen durch ein Votum des amerikanischen Kongresses (Repräsentantenhaus und Senat) gestützt oder verworfen.

Nach den Ereignissen von 9/11, die die Politiker des Landes an den Rand einer Paranoia brachten, sind in der Tat einige umstrittene »Executive Orders« erlassen worden, auf die sich Adler-Olsen in seinem Roman bezieht, wie er im Nachwort schreibt. Ebendort ist aber auch, quasi als Warnhinweis für den Leser, festgehalten:

Der vorliegende Roman ist ein fiktionales Werk. Alle Figuren und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Ereignissen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Dass Jussi Adler-Olsen mit der Realität nicht viel im Sinn hat, merkt man schon gleich in der Eingangssequenz zum Haupthandlungsstrang, denn er stellt den folgenschweren Maßnahmenkatalog (Washington-Dekrete) als reinen Willkürakt einer zutiefst verstörten Person dar.Was war passiert?

In der Wahlnacht, in der der frisch gewählte, neue amerikanische Präsident Bruce Jansen seinen erdrutschartigen Wahlsieg in einem Luxushotel in Virginia gebührend feiern will, wird dessen hochschwangere 2. Frau von einem Hotelangestellten erschossen. Das Fatale ist, dass Jansens 1.Frau ein ähnliches Schicksal erleiden musste. Vor sechzehn Jahren, als Jansen noch einfacher Gouverneur von Virginia war, begleitete er mit seiner Frau und seinen engsten Mitarbeitern die Gewinner eines TV-Ratespiels auf ihrem Trip durch China. Bei einer Besichtigung wurde Jansens Frau vor seinen Augen bei einem fehlgeschlagenen Straßenraub mit einem Messer tödlich verletzt. Wie gut oder wie schlecht Jansen dieses Trauma verarbeitet, ist nicht bekannt. Als sich nun dieses schreckliche Ereignis wiederholt, zieht er sich von allen Weggefährten und Freunden zurück und schmiedet düstere Pläne, wie die Öffentlichkeit bald erfahren wird. Den Amtseid noch auf den Lippen, verkündet er ein ganzes Bündel von Dekreten, die in ihrer Gesamtheit und Widersprüchlichkeit unsinniger nicht sein könnten. Erleichterungen beim Abhören von Wohnraum und Telekommunikation, Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit, Verbot des Verkaufs und des Besitzes von Munition, Rückruf aller im Ausland stationierten Soldaten und Freilassung aller (mit Ausnahme der zum todeverurteilten) Strafgefangenen. Starker Tobak für Politiker, welcher Couleur auch immer, und für die Führungsetagen von Handel, Banken und Industrie. Man könnte annehmen, dass sie mit allen Mitteln dagegen sturmlaufen, aber der Autor verwehrt ihnen den Widerstand. Nur das Volk versammelt sich zu gelegentlichen Demonstrationen. Allein einige militante Hinterwälder gehen kompromisslos zur Sache, weil sie fürchten, dass ihnen die Patronen ausgehen könnten.

Es ist schon ein seltsames Szenario, das Adler-Olsen hier entwirft, zumal das Attentat offiziell nur auf zwei Personen zurückgeführt werden kann. Der Täter, der etwas minderbemittelte Hotelangestellte, wird auf frischer Tat erschossen. Als Anstifter muss der millionenschwere Hotelbesitzer Bud Curtis herhalten. Dass ihm etwas untergeschoben wird, merkt der Leser sofort, leider aber nicht seine überbezahlten Anwälte. Ratzfatz sitzt Curtis in der Todeszelle. Dabei braucht später ein einfacher Sheriff gerade mal ein paar Stunden Akteneinsicht, um die Lücken in der Beweisführung zu finden.

Jussi Adler-Olsen erzählt seine Geschichte aus der Sicht mehrerer Personen, die sich zum Teil schon auf der Chinareise vor 16 Jahren kennengelernt hatten. Als Erste ist da Dorothy Rogers zu nennen. Sie belegte damals als 14-Jährige den 3. Platz beim Fernsehquiz und seit der Chinareise fühlt sie sich dem ehemaligen Gouverneur und jetzigen Präsidenten freundschaftlich verbunden. Nach ihrem Jurastudium stieg sie in dessen Wahlkampfteam ein und arbeitet jetzt an untergeordneter Stelle im Weißen Haus. Dorothy – von allen, warum auch immer, Doggie genannt – ist fatalerweise die Tochter des inhaftierten Hoteliers Bud Curtis (sie trägt den Nachnamen ihrer Mutter, der zum Glück nicht Style lautet). Auch wenn das Verhältnis zu ihrem Vater wegen dessen kontroversen politischen Ansichten nicht das beste war, entwickelt sie doch noch Gefühle für ihren alten Herrn in seiner aussichtslosen Situation. Sie nimmt Kontakt zu Sheriff T. Perkins auf, auch ein Quiz-Gewinner, der im ländlichen Virginia eine ruhige Kugel schiebt. Dieser lässt seine Beziehungen spielen und kann auch schnell vielversprechende Resultate aufweisen. Ansonsten sieht es mau aus mit Dorothys Freunden. Im Weißen Haus sitzt noch Wesley Barefoot, der Pressesprecher des Präsidenten, der aber ein unsicherer Kantonist zu sein scheint, da er doch arg auf seine Karriere bedacht ist. Seine sporadischen Gefühlsanwandlungen Dorothy gegenüber wirken ziemlich aufgesetzt. Aber in Zeiten der Not muss jeder erst einmal sehen, wo er bleibt, oder auch nicht.

Die USA im Ausnahmezustand. Die USA als Kontroll- und Überwachungsstaat. Wie so etwas in der Realität aussehen könnte, kann man sich einerseits nicht vorstellen, andrerseits kann man seiner Fantasie freien Raum lassen. Das haben besonders im letzten Jahrzehnt viele Future-Fiction-Autoren getan, deren meist dystopische Gesellschaften auf einer Mischung aus Faktischem, Wahrscheinlichem und Möglichem gründen. Jussi Adler-Olsens Absicht war, sich in seinem Washington-Dekret möglichst nahe an der Realität zu orientieren. Wenn man das macht, muss sich auch firm machen, wie die Realität denn aussieht. Dazu bedarf es eines Blickes hinter die Kulissen. Wie viele überschätzt auch Adler-Olsen die Macht eines amerikanischen Präsidenten. Es ist völliger Humbug zu glauben, er könne im Alleingang weitreichende Dekrete, wie beschrieben, durchsetzen. Genauso abwegig ist die sich daran anschließende Verschwörung, die auf die Machtgier eines einzelnen Politikers zurückzuführen sei. Es wird in den USA mächtige Strippenzieher geben, aber die sind nicht in der Politik zu finden.

Der Rezensent kann sich der Buchhändlerin Uli, die den ersten Leserkommentar hier auf der Krimi-Couch geschrieben hat, nur anschließen. Das Washington-Dekret kann man nicht guten Gewissens empfehlen. Zu dick sind die Kröten der Unglaubwürdigkeit, die Adler-Olsen uns hier vorsetzt, als dass man sie alle schlucken könnte. Einige ganz passable actionreiche Szenen in der zweiten Hälfte des Romans retten den insgesamt verkorksten Plot auch nicht mehr. Zumal das Finale wieder zu schön ist, um wahr zu sein.

Jürgen Priester, März 2013

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Siegurd zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 27.07.2016
Ich wollte an den Buch vorbeigehen, nach dem ich die miese Kritik besonders hier bei KC gesehen habe. Gut dass ich mich nicht davon habe beeinflussen lassen.
Das Buch war spannend und liest sich vor allem sehr gut weil AO einen hervorragenden Schreibstil pflegt.
Die schlechten Kritiker bemängeln in erster Linie zwei Dinge:
Zum einen wird die Realität in Frage gestellt. Puh, da könnte ich aber noch hunderte von sehr gut kritisierten Werken an den Pranger stellen, wenn bei einem spannenden Thriller alles total realistisch sein soll.
Zum Anderen heißt es immer wieder ...nach Sonderdezernat Q ...
Ich habe bislang nur Alphabethaus und Washington Dekret von AO gelesen. Die anderen beschriebenen Bücher von AO stehen noch bei mir im Regal. Man müssen die gut sein. Ich habe bei vielen Kommentaren den Eindruck, dass die Bewertung deutlich besser ausgefallen wäre, wenn AO nichts von Sonderdezernat Q veröffentlicht hätte.
Fazit:
Ich fands gut und werde es weiterempfehlen. 85° von mir.
Heinz-W. Seiler zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 23.04.2016
Nach Sonderdezerenat Q einfach nur enttäuschend. Diese Story hätte man mit 150 Seiten erzählen können, unrealistisch und durch erhebliche Längen dann auch kaum noch spannend. Das Ende könnte einem Groschenroman entnommen sein. Happyend für die Hauptbeteiligten. Das war nichts. Überlege ernsthaft, ob ich AO - außer Dezernat Q - noch einmal lese.
trafik zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 31.03.2016
Ich kann mich den Vorrednern nicht zur gänze anschließen.
Natürlich ist dieses Buch äusserst unglaubwürdig. Ich glaube dies ist dem Autor eh bewust. Wenn man dieses Buch liest, weis man dies und da gehts dann nur mehr um tolle Unterhaltung und Spannung.
Ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Das ist das wichtigste bei einem Thriller.
Deshalb von mir 90 Punkte.
Jenny zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 19.11.2015
Der Autor schreibt ja sonst super Bücher - Dezernat Q und das Alphabethaus sind echt nett - aber dieses ist wirklich unglaubwürdig, langweilig und v.a. eine richtig miese Machtanalyse. Während im Dezernat Q die politischen Machtspielchen in und um Polizei ganz nett angedeutet werden, scheint hier ein Staat und Land als etwas, was sich eine Person einfach so nehmen kann. Einfach nur Schade.
James_Blond zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 23.08.2015
Vollständigkeitsneurotiker (wie ich), die von einem Autor alle Bücher gelesen haben "müssen", kommen um dieses Buch ohnehin nicht herum. Denen und mir ist eh nicht zu helfen ;-)

Allen anderen ist das Buch nur sehr eingeschränkt zu empfehlen. Die Umstände, Zusammenhänge, Ereignisse und Zufälle sind derart hanebüchen, dass ich mich über weite Strecken des Buches fremdschämen habe müssen.

Blende ich aber jeglichen Realitätssinn aus, muss ich gestehen, dass das Buch für mich phasenweise sehr spannend war.
KlausChrist zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 27.04.2015
Ich hatte zwei Stunden Leerlauf, nix zu Lesen dabei, einen schlecht sortierten Büchershop in der Nähe und bin auf den Klappentext reingefallen, ohne mich vorher genauer (z.B. hier) zu informieren. Au weia! Wieder mal 10 Mäuse zum Fenster raus geworfen. Die ersten ca. 100 Seiten sind vor allem eines: Stinklangweilig! (Polit-)Thriller?!?! Dass ich nicht lache! Altpapiertonne! Vor solchem Quatsch muss gewarnt werden, was ich hiermit tue.
Werner Spitschan zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 03.03.2015
Ein Buch, zwei Meinungen.

Als bekennender AO-Leser bin ich nach den fünf Fällen des Sonderdezernats Q mit gemischten Gefühlen an das Werk gegangen. In dem etwas nach Aufzählung klingenden Schreibstil erarbeitete ich mir die Charaktere des Handlungsstranges. Als Dozent für Personalpsychlogie hatte ich nach dem Intro keinerlei Zweifel. Genau diese Menschen sind es, und zwar genau so. Die teilweise seitenfuellenden Dialog sind in der Tat gewöhnungsbedürftig. Notwendig aber, um die Leserschaft in die manchmalige Trivialitaet des menschlichen Geistes einzuführen. Titel, Orden und Ehrenzeichen sind keine Garanten fuer geistige Höhenflüge. Recht haben dann wohl alle Kommentatoren, dass nach der Hälfte des Buches alle Register des Action-Genres gezogen werden. Es grüßt die gedankliche Option der Verfilmung. Nach 3 Tagen kam ich auf mein persönliches Resümee. Ich würde dieses Buch genau so wieder lesen. Die Maximalitaet der Effekte und vorhersehbaren Wirren münden in der von AO selbst prognostizieren Erklärung: Dieser Roman ist eine Fiktion, aber seit 1933 durchaus vorstellbar.
Werner Spitschan
msc zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 18.09.2014
Olson verrennt sich in diesem Buch in fiktionale Phantastereien. In der extrem kurzen Vorgeschichte wird schnell klar, dass es Olson nur darum geht, möglichst schnell einen durchdrehenden amerikanischen Präsidenten zu erfinden. Die Ereignisketten sind durchschau- und praktisch immer vorhersehbar. Das Resultat ist ein jeder Realität entbehrendes und dadurch total belangloses Konstrukt.

Fazit: Nach allen bisheringen Büchern des Dänen ein reiner Geldesel für den Verlag. Nicht kaufen, nicht hören, nicht lesen.
Evelyn zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 05.02.2014
Hallo, ich muss nur noch meinen Schluss dazugeben, da ich das Buch ausgelesen habe. Meiner Meinung nach sollte man nicht übertreiben. Das Buch hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich fand sogar auch den Schluss interessant. Es war spannend und ich kann es weiterempfehlen.
Das heißt, wenn man mit dieser fiktiven Story umgehen kann
Evelyn zu »Jussi Adler-Olsen: Das Washington Dekret« 17.01.2014
Habe das Buch gerade angefangen...bei Seite 180. Finde es auch wirklich nicht so gelungen. Aber wie ein Leser gut schreibt, man sollte den Klapptext lesen. Es geht ja wirklich nur um eine fiktionale Darstellung, und so lese ich es auch. Ich werde bestimmt bis zum Schluß durchhalten. Es ließt sich ganz seicht und ist trotzdem spannend. Aber mit seinen Thrillern ist mes wirklich nicht zu vergleichen.

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