Neben dem Gleis von Jürgen Ehlers

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei KBV.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 1950 - 1969.
Folge 4 der Wilhelm-Berger-Serie.

  • Hillesheim: KBV, 2006. ISBN: 978-3937001906. 367 Seiten.

'Neben dem Gleis' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Hamburg, Juni 1959. Der spektakulärste Bankraub in der Freien Hansestadt. Ein Maskierter überfällt die Hamburger Zentrale der Deutschen Bank, weniger als 200 Meter von der nächsten Polizeiwache entfernt. Alarmsirenen schrillen, die Türen schließen sich automatisch, doch der Räuber springt durch ein offenes Fenster, schießt sich auf der Straße den Weg frei und entkommt mit 20.000 DM nach einer waghalsigen Flucht durch den U-Bahn-Tunnel. Kommissar Horst Berger merkt rasch, dass dieser Überfall zu einer Serie gehört, deren Beginn schon Jahre zurückliegt. Aber wer ist der Täter? Der Hamburger Bankräuber narrt seine Verfolger ein ums andere Mal. Banküberfälle sind keine Beziehungstaten. Erwischt man den Täter nicht auf frischer Tat, so kann man nur versuchen, ihm eine Falle zu stellen. Eine schwere Aufgabe für den jungen Kommissar. Im Raubdezernat hängt ein großes Foto des »Lords von Barmbeck«,. Julius Adolf Petersen, von ihm selbst signiert. Und darunter steht in anderer Handschrift : Wir kriegen sie alle! Fragt sich nur wann, denkt Berger …

Das meint Krimi-Couch.de: »Exzellente Zeitgeiststudie in einer unstrukturierten Story« 67°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Mit dem Krimi Mitgegeangen, der den Werdegang des so genannten »Vampir von Düsseldorf« thematisiert, der Ende der 20er Jahre in der Stadt am Rhein tatsächlich sein Unwesen trieb, hat sich Jürgen Ehlers in der Szene einen Namen gemacht. Für sein zweites Buch nimmt sich der Autor eine Reihe von rein fiktiven, spektakulären Banküberfällen vor, die sich von 1959-1966 in Hamburg zutragen.

Eiskalt und erfolgreich

Der neue Kommissar im Raubdezernat Horst Berger hat seinen Einstandssekt noch nicht ganz ausgetrunken, als er unverhofft zu einem Bankraub gerufen wird, dessen Urheber ihn noch für lange Jahre beschäftigen soll.

In unmittelbarer Nähe der nächsten Polizeiwache erbeutet ein blitzschnell agierender Räuber 20000 DM, schießt auf den Kassierer und auf einen den Fluchtweg blockierenden Anwalt, bevor er im Labyrinth der U-Bahn-Tunnel spurlos verschwindet. Gibt es eine Verbindung zu sehr ähnlichen Überfällen in der Hansestadt, die allerdings schon einige Zeit zuvor, nämlich Anfang der 50ger Jahre begangen wurden ?

»Wir kriegen sie alle!«

steht unter dem handsignierten Foto des Hamburger Ehrenganoven Julius Adolf Peterson, dem »Lord von Barnbeck«. »Fragt sich nur wann« denkt sich Horst Berger, der bei der Polizei in die Fußstapfen seines berühmten Vaters, des ehemaligen Hauptkommissars Wilhelm Berger tritt. Nicht jeder der nun Bergers Leitung unterstellten Beamten war einverstanden, einen Neuling zum Kopf der Ermittlungsgruppe zu machen. So erfährt Horst Berger lediglich vom Kollegen Pagels Unterstützung, obwohl auch dieser für die Planstelle in Frage gekommen wäre. Derartige interne Querelen sind denkbar ungünstige Voraussetzungen für die Ermittlung nach einem so raffinierten Serientäter, der unter dem Namen »Spitznase« schon bald zu einer berüchtigten Berühmtheit avanciert. Ist der skrupellose Verbrecher auch für die Morde an zwei Wanderarbeitern verantwortlich?

Ein Bankräuber – aha!

Bankraub steht in Kriminalromanen nicht gerade häufig im Mittelpunkt, denn das Motiv Habgier gibt einfach weniger her, als z.B. das der Leidenschaft. Dennoch wird gerade die Frage nach den Beweggründen des Täters in »Neben dem Gleis« einer der faszinierendsten Aspekte dieses historischen Kriminalromans werden.

»Du denkst, Du jagst irgendeinen Verbrecher, eine Art Monstrum, aber wenn Du ihn dann schließlich hast, ist es doch auch nur ein armer Mensch, vielleicht mit ein paar Fehlern mehr, als die meisten, aber doch [..]nicht viel anders, als ich und Du.«

Kommissar Horst Berger ist einer von diesen Idealisten, die sich selbst in erster Linie als Mensch und erst danach als Polizist sehen. Der Autor kreiert einen äußerst reizvollen Kontrast zwischen verschiedenen Ermittler-Typen; einerseits einem Emporkömmling, dem kein Mittel der Selbstdarstellung zu schade ist und andererseits dem alten erfahrenen Bullen, dessen Weg nicht immer geradlinig verlaufen ist. Ehlers Charaktere sind nicht nur wunderbar vielschichtig und reell, sie passen zudem perfekt in diese Zeit der Neuorientierung.

Die historische Epoche 1959-66

Die Zeit nach 1955 gilt als das Ende der Nachkriegszeit und der Anfang des Wirtschaftswunders. Jürgen Ehlers fängt sowohl die Atmosphäre, als auch die Rahmenbedingungen liebevoll detailliert und stimmungsvoll ein. Es ist für den historisch interessierten Leser eine wahre Freude, in diese Zeit, die gar nicht so weit entfernt und doch so andersartig erscheint, einzutauchen. Man möchte dem Ermittler einfach ein Handy in die Hand drücken, oder ein schnelles Auto zur Verfügung stellen, damit er nicht mit der S-Bahn zum Tatort fahren muss. Mit viel Augenzwinkern beschreibt Ehlers eine Diskussion über die vermeintlich großartigen technischen Möglichkeiten der Zukunft im Bereich der Kommunikation. Dialoge wie

»Aber was nun die Fernschreiber angeht, so lassen sie sich von einem alten Hasen sagen: Der Nutzen ist geringer, als sie denken. Es wird viel zu viel Unsinn geschrieben und in alle Welt verschickt, nur weil es möglich ist und um Aktivität vorzuweisen und der Absender macht sich nicht die geringsten Gedanken darüber, dass mich [..] nicht für 5 Pfennige interessiert.«

lassen jeden schmunzeln, der schon einmal nach längerer Abwesenheit eine dreistellige Anzahl E-Mails abgerufen hat.
Darüber hinaus integriert Ehlers in seine Geschichte die Themen Vergangenheitsbewältigung und Familienzusammenführung auf angenehm unaufdringliche Weise.

»Was wurde doch gleich aus Heckenrose?«

Jürgen Ehlers hat Figuren und Zeitgeschichte überaus glaubwürdig in Szene gesetzt, der Aufbau seiner Kriminalgeschichte ist ihm dagegen nicht durchgängig gelungen. Nach gelungenem Start, verzetteln sich die Ereignisse um Banküberfälle und andere Verbrechen in und um Hamburg derartig, dass jeglicher roter Faden und mit ihm auch die Spannung verloren geht. Immer wieder tauchen Spuren und Verdächtige auf und verschwinden wieder, ohne die Handlung weiter gebracht zu haben. Dieses Chaos stört den Lesefluss erheblich und lässt die Geschichte unfertig wirken. Lediglich zum Ende nimmt der Autor den ursprünglichen Handlungsfaden wieder auf und versöhnt den Leser mit einem überzeugenden, nachdenklich machenden Abschluss.

Neben dem Gleis ist ein locker und doch treffsicher erzählter, zeitgeschichtlich interessanter Roman, der leider einige strukturelle Schwächen aufweist.

Eva Bergschneider, Juni 2007

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GerWin zu »Jürgen Ehlers: Neben dem Gleis« 04.08.2013
Ein Bankraub am helllichten Tag mit Flucht durch den U-Bahn-Tunnel, und wir genau gegenüber in einem anderen Kreditinstitut.
Es waren die Schlagzeilen damals in Hamburg!
Und als dann noch herauskam, wer der Bankräuber war, ob und wie viele Banken er noch überfallen hatte, und wo er wohnte und arbeitete – für Hamburger, die das damals mitbekommen haben, jetzt eine Reise in die Vergangenheit.

Ein locker erzählter Hamburg-Krimi.
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