Warten auf den Tod von Josephine Tey

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1929 unter dem Titel The Man in the Queue, deutsche Ausgabe erstmals 1972 bei Heyne.

  • London: Methuen, 1929 unter dem Titel The Man in the Queue. als Gordon Daviot. 246 Seiten.
  • München: Heyne, 1972 Der Mann in der Schlange. Übersetzt von Alfred Dunkel. 141 Seiten.
  • München: Heyne, 1980 Der Mann in der Schlange. Übersetzt von Alfred Dunkel. ISBN: 3-453-10459-5. 141 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2003. Übersetzt von Jochen Schimmang. ISBN: 3832183000. 285 Seiten.

'Warten auf den Tod' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Inmitten einer Menschenmenge wird ein Mann erstochen. Inspektor Alan Grant nimmt schwierige Ermittlungen auf, denn niemand kennt das Opfer oder hat etwas gesehen. In zäher Polizeiarbeit rollt Grant den Fall beharrlich auf, was den Täter zunehmend nervös werden lässt – und gefährlich macht ... – Dieser wahrlich klassische Krimi aus dem Jahre 1929 ist der erste Fall einer viel gerühmten, aber hierzulande weitgehend unbekannten Serie. Die Verfasserin setzt zeit- und genretypisch bei der Lösung des Falls nicht auf Tempo, sondern auf Logik und Atmosphäre. Zusätzlich lässt Tey in langen inneren Monologen die komplexe Arbeit des Kriminalisten ablaufen. Die detaillierte Figurenzeichnung verleiht der Geschichte eine Dimension, die den meisten »klassischen« Kriminalromanen abgeht. Insgesamt ein Werk, das den Status weiblicher Schriftsteller in diesem Genre nachdrücklich unterstreicht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Perfekter Mord in dichter Menschenmenge« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Niemand kennt den jungen Mann, dem eines Märzabends vor dem Woffington-Theater zu London ein Dolch in den Rücken gestoßen wird. Obwohl die Schlange der auf Einlass wartenden Thespisjünger sich um das große Haus windet, hat auch niemand die Bluttat beobachtet. Die zuständige Polizeiwache Gowbridge zeigt sich ratlos und bittet Scotland Yard um Unterstützung. Superintendent Barker schickt seinen besten Mann: Alan Grant, den Gentleman-Polizisten, der mit Köpfchen und Eleganz noch jeden Fall gelöst hat.

Dieses Mal lassen sich die Ermittlungen schwerfällig an, denn es gibt zwar Spuren, die jedoch zunächst nur ins Leere führen. Die Anonymität des Opfers macht Grant zusätzlich zu schaffen. Ausgerechnet ein »alter Kunde«, der Ganovenkönig Danny Miller, kann dem »verdammten Polypen« behilflich sein: Den Toten hat er als Buchmacher während eines Pferderennens kennen gelernt.

Jetzt kommt die Polizeiarbeit in Schwung. Unerbittlich verbeißt sich Grant in die sich allmählich mehrenden Spuren. Bald schon bekommt er den mutmaßlichen Mörder zumindest aus der Ferne zu Gesicht. Noch gelingt diesem die Flucht, aber er ist nervös geworden und macht sich nach Schottland davon. Gut verkleidet folgt ihm Grant und waltet seines Amtes, aber die Unschuldsbeteuerungen des Mannes verunsichern ihn. Tatsächlich gibt es da Indizien, die in eine ganz andere Richtung weisen – und Grant ist nicht der Kriminalist, der sich mit dem Offensichtlichen zufrieden gäbe!

Mörderjagd klassisch – mühsam und methodisch

Ein Mord geschieht und wird aufgeklärt: So kurz lässt sich der Inhalt des hier vorgestellten Kriminalromans zusammenfassen. Ob er deshalb so gut funktioniert? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Schnörkellosigkeit des Plots täuscht; er ist wesentlich kunstvoller komponiert als er zunächst erscheint. Vor allem in der ersten Hälfte sind es die wenigen Indizien, die den Eindruck erwecken, der Fall sei gelöst, wenn Grant die Bruchstücke in der korrekten Reihenfolge zusammengesetzt hat.

Selten steht in einem »klassischen« Thriller die profane Kriminalistik so im Vordergrund wie hier. Dabei wird das »police procedural” im Kriminalroman erst in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg datiert. Vorher hüllte sich der Ermittler üblicherweise in den Dunst der eigenen Genialität, den in der Regel ein «Watson» – jemand der in Vertretung der Leser die dummen Fragen stellt – aufhellen muss. Josephine Tey geht einen anderen, für einen schon 1929 entstandenen Krimi bemerkenswert «modernen» Weg. Sie lässt uns in ausgedehnten inneren Monologen teilhaben an den Gedankengängen des Alan Grant. Diese machen sehr deutlich, dass der keinen «Assistenten» benötigt, sondern sehr gut allein seine Arbeit erledigen (und sich dabei tüchtig irren) kann.

Stück für Stück vervollständigt Grant das Puzzle. Harte Arbeit, Beharrlichkeit, die Unterstützung durch Kollegen, Glück und Zufall – hervorragend und stets überzeugend zeichnet Tey das Bild professioneller Polizeiermittlungen. Entspricht es der Wirklichkeit? Das ist nebensächlich, denn dank Tey glauben wir es zumindest und das reicht völlig aus.

Was Alfred Hitchcocks Aufmerksamkeit erregte

Zudem hat die Verfasserin ein Händchen für eindrucksvolle Szenen. Die ersten Seiten, die das Ende des unglücklichen Buchhalters schildern, sind eines Alfred Hitchcock durchaus würdig: Inmitten einer Menschenmenge ereignet sich völlig unverhofft ein Mord. (1937 bediente sich der «Master of Suspense» des Teyschen Grant-Romans «A Shilling for Candles» als Vehikel für seinen Film «Young and Innocent».) Dies bettet Tey so genial in eine lebendige Schilderung menschlichen Verhaltens ein, dass es auch den Leser überraschen kann. Auch später gelingen der Verfasserin immer wieder solche Szenen. Zu erwähnen ist beispielsweise Grants Besuch im Woffington-Theater, der in jeder Zeile von der Vertrautheit Teys – die viele Jahre Bühnenstücke schrieb – mit diesem Milieu kündet.

Der Mittelteil spielt in den Highlands, die Tey, der geborenen Schottin, ebenfalls wohl vertraut waren. Auch hier ist Hitchcock nahe: Die Figuen seiner Verfilmung des John-Buchan-Bestsellers «The 39 Steps” (1935, dt. »Die 39 Stufen”) liefern sich ebenfalls eine Hatz durch Heide und Moor – und dann ist da natürlich d e r Sumpfkrimi-Klassiker «Der Hund der Baskervilles” (1901) mit Sherlock Holmes & Dr. Watson von Arthur Conan Doyle.

Nationalstolz falsch verstanden

Einige heute gewichtige Anlässe zur negativen Kritik liefern unschöne Ressentiments. Josephine Tey (die als Schottin geboren wurde) ist Britin durch und durch. Sie meint »ihre« Landsleute zu kennen und projiziert dies auf Alan Grant. Der sieht den Dolch im Rücken des Opfers und »weiß« sogleich: »Kein echter Engländer würde eine solche Waffe benutzen.« (S. 19) Deshalb »muss« ein Südeuropäer die Tat begangen haben: »Südländer waren in ihren Gefühlen notorisch verletzlich; eine Beleidigung nagte ein Leben lang, ein verirrtes Lächeln auf der Seite ihrer Angebeteten, und sie liefen Amok.«

(S. 20) Solche Passagen verraten dann doch das wahre Alter der ansonsten nur edel gereiften Geschichte. Manchmal verärgern sie sogar, auch wenn man sich vor Augen führt, dass Tey nur schreibt, wie vielen englischen Zeitgenossen der Schnabel gewachsen war: »[Grant] kannte die fast rattenhafte Vorliebe des Südländers für die Kloake eher als für das Offene.« (S. 76)

Genial, doch nicht unfehlbar

Dieser Alan Grant ist ungeachtet seiner Vorurteile ein höchst interessanter Charakter. Es heißt, dass Josephine Tey ihm viele eigene Wesenszüge aufgeprägt hat. Sie hat offenbar stets allein gelebt und das für völlig normal befunden. Bei der Lektüre fällt Grants ausgeprägter Hang zum Alleinsein auf. Darunter leidet er jedoch nicht; es ist sein Lebensstil, so dass Tey keine Zeit darauf ver(sch)wenden muss, dem armen Mann eine Gefährtin finden zu lassen. Die Abwesenheit solcher Seifenoper-Elemente ist durchaus zu verschmerzen.

Grant ruht in sich selbst. Er ist ein scharfer Beobachter mit festen Grundsätzen. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch. Grant ist sehr von sich und seinen Fähigkeiten eingenommen. Dafür gibt es oft gute Gründe, manchmal aber nicht; seine persönlichen Vorurteile lässt Grant sehr wohl in seinen Polizeialltag einfließen. Das hat er mit den Kriminalisten seiner Ära gemeinsam. Trotzdem ist da nichts von den Schrullen, mit der beispielsweise Agatha Christie ihren Hercule Poirot oder ihre Miss Marple ausstattet. Außerdem Grant ein Snob; er kann es sich ja erlauben, hat er doch eine Erbschaft gemacht, die ihm finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Trotzdem ist er bei Scotland Yard geblieben, denn weniger die Jagd auf Verbrecher als die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist seine Passion.

Solche Abstraktionen und Übertreibungen koppeln eine Figur von der »Realität« ihrer Geschichte ab und verleihen ihr ein Eigenleben, das sie unsterblich werden lassen kann. Grant ist dagegen zu stark und zu kühl, als dass er das Herz der Leser gewinnen könnte. Man akzeptiert ihn, wenn er schließlich begreift, dass die Realität sich dem Verstand nicht zwangsläufig unterordnet, aber man liebt ihn nicht. Für die Konsequenz, mit der Tey dies umsetzt, im Thrillergenre ihren eigenen Weg geht und nicht den größten gemeinsamen Lesernenner anpeilt, gebührt ihr Anerkennung.

Was ist »gut«, was ist »böse«?

Nur wenige Figuren sind für Tey eindeutig »gut« oder »böse«. Normalerweise steckt ein bisschen von beidem in ihren Protagonisten. Auch das wirkt heute weniger zeitgenössisch als zeitgemäß. Wie man sich denken kann, bezieht Tey die weiblichen Figuren hier ein. Ihre Frauen sind keine notwendigen Randgestalten, die gerettet oder geheiratet werden müssen, sondern stehen fest im Leben, das sie aktiv – und wiederum im Positiven wie Negativen – gestalten.

Wahrer Witz angelsächsischer Herkunft

Positiv gilt weiterhin Teys ausgeprägter Sinn für den (in der Übersetzung erhalten gebliebenen) »britischen” Humor, der nicht ohne Grund so berühmt geworden ist, setzt er doch nie auf den plumpen «Brou-har-har”-Effekt, der z. B. für das deutsche Privatfernsehen lebensnotwendig ist: » …der Arbeit brachte seine eigenen Schrecken mit sich in dem hell erleuchteten Gemeindesaal, wo …Frauen umherliefen ..., dabei viel redeten und wenig zustande brachte, da keine von ihnen etwas tun konnte, ohne daß eine andere eine Verbesserung vorschlug, was hieß, dass das Komitee schon mitten in der Sitzung war.” (S. 151). Oder Teys Kommentar zum Dorfleben: «Die beiden Männer waren niemandem aus der Gemeinde persönlich bekannt gewesen. Sie waren …aus der Ferne als moralische Aussätzige ohnegleichen betrachtet worden, aber als Gesprächsthemen besaßen sie jene nie schwindende Anziehungskraft, die die ausgekochte Verworfenheit auf die Tugend ausübt, und keine Einzelheit ihres Lebens war den Leuten verborgen geblieben.” (S. 153). Wieso solche Aperçus witzig sein soll, fragt da jemand? Tja, wer so denkt, der halte sich doch lieber an Bully & Bam Magera …

Ihre Meinung zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod«

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Maria Funda zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 15.11.2006
Wenn ich "Der Mann in der Schlange" ("Warten auf den Tod") als ersten Kriminalroman von Josephine Tey gelesen hätte, dann hätte ich wohl keinen weiteren ihrer Krimis angefaßt. Ich bin ein Fan von Geschichten, in denen der Held das Problem, den Fall, mutig und clever auflöst, wobei ich mit ihm konkurrieren kann. Die Lösung muß für mich nachvollziehbar sein.
In dem vorliegenden Krimi aber geschieht folgendes: Ein Mord geschieht, der Held (Alan Grant) findet über ca 98 von 100 Seiten endlich den Hauptverdächtigen, hat aber dann doch Zweifel an seiner Täterschaft. Der Leser spürt, der war's nicht, blickt auf die sehr geringe Zahl der restlichen Seiten und erwartet jetzt einen Clou, der ihn erleichtert aufseufzen läßt: Ja klar, nur so konnte es gewesen sein.
Ist aber nicht! Statt dessen kommt der Täter bei Scotland Yard reinspaziert und sagt: "Ich war's!"
So was finde ich einfach nur ärgerlich!
(Und was soll der letzte Satz? Ist da jetzt ein Schurke oder ist da keiner?)
Aber wie gesagt, dies war nicht mein erster Krimi von Josefine Tey. Angefangen habe ich mit "Verfolgte Unschuld", zur Zeit bin ich bei "Singender Sand". Und ich bin ganz begeistert und werde die restlichen von ihr auch noch lesen.
Josef Berg zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 07.11.2005
Meine Güte, Herr Wamer, Denken vor Schreiben, wennn's geht. DAS ist mal ein Eigentor. Mir gewöhlich sträuben sich die Haare nur bei guten Krimis, z.B. bei diesem hier, und nicht bei Schlechten. Ich gebe Frau Peters völlig recht, und begrüße auch Herrn Drewnioks faire, sympathische Antwort. Tey ist übrigens immer lesenswert!
Anja S. zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 28.01.2005
Also, ich will mich in die unten stehenden Streitigkeiten der promovierten Literaturwissenschaftler nicht einmischen (warum muss man seinen Doktortitel eigentlich ueberall herausstreichen?), sondern nur sagen, dass mir dieser Krimi mit seiner voellig ueberraschenden Aufloesung bereits vor 20 Jahren so gut gefallen hat, dass ich mich immer noch daran erinnern kann.
Michael Drewniok zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 10.12.2004
Aha, meine bescheidenen Texte finden sogar in Seminaren Erwähnung? Das macht mich zufrieden, denn sie werden offensichtlich bemerkt. Kritik pflege ich sehr genau zur Kenntnis zu nehmen; meine Rezensionen haben sich im Laufe der Jahre inhaltlich und formal stark gewandelt. Insgesamt überwiegt die Zahl derer, denen meine Besprechungen gefallen und die sie hilfreich finden. Ich habe nun einmal meinen Stil, den man "arrogant" und "herablassend" und "selbstgefällig", aber auch "ironisch" und "entschieden" und "selbstbewusst" nennen kann; "weitschweifig" und "verspielt" lasse ich auch gern gelten. Dabei beanspruche ich keine Allwissenheit, und weil ich weiß, dass ein Rezenzent niemals den Gral der reinen Objektivität erringen wird, versuche ich es hier auf der Krimi-Couch, wo der Maßstab kein literaturwissenschaftlicher ist, wie ich zu bedenken gebe, auch gar nicht allzu verbissen. (Seltsamerweise ist die Tey-Rezi, unter der die harschen Worte der Kollegin stehen, sowohl positiv als auch neutral gehalten; manches andere Werk habe ich wesentlich kräftiger gezaust.) In der Sache bin ich allerdings bitterernst, denn ich liebe Krimis und bewundere jene, die sie wirklich schreiben können. Letztlich bleibt immer dem Leser einer Buchbesprechung überlassen, ob er/sie sich den Schlussfolgerungen anschließt. Das ist keine Pflicht - und auf der anderen Seite bin ich nicht verpflichtet auf meine Stimme zu verzichten.
RolfWamers zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 10.12.2004
Es muss doch wohl " dass sich mehr Haare beim Lesen Ihrer Texte sträuben als beim SCHLECHTESTEN Krimi" heißen, liiiiiebe Frau Peters, oder ?? Ein Beitrag mit klassischem Eigentor. Oder Futterneid, dass Drewniok besser im Geschäft ist ?
Dr. Katharina Peters zu »Josephine Tey: Warten auf den Tod« 09.12.2004
Selbst Literaturwissenschaftler halten Ihre Rezensionen für unerträglich arrogant und herablassend, Herr Drewniok, wie kürzlich zufällig in einem Seminar für Kriminalliteratur bekannt wurde. Es wäre schön, wenn Sie versuchen könnten, uns nicht in jedem zweiten Satz Ihre zweifelos umfassende literaturwissenschaftliche Bildung unter die Nase zu reiben, auf oft so selbstgefällige Weise, dass sich mehr Haare beim Lesen Ihrer Texte sträuben, als beim schönsten Krimi.
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