Schattenhände von Jorun Thørring

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Skyggemannen, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1990 - 2009.
Folge 1 der Orla-Os-Serie.

  • Oslo: Aschehoug, 2005 unter dem Titel Skyggemannen. 382 Seiten.
  • München: dtv, 2008. Übersetzt von Sigrid Engeler. ISBN: 978-3423246408. 382 Seiten.
  • München: dtv, 2011. Übersetzt von Sigrid Engeler. ISBN: 978-3423212717. 382 Seiten.
  • [Hörbuch] München: audio media, 2008. Gesprochen von Julia Fischer. Regie: Volker Gerth und Anke Susanne Hoffmann. ISBN: 3868044833. 6 CDs.
  • [Hörbuch] München: audio media, 2011. Gesprochen von Julia Fischer. ISBN: 3868046208. 6 CDs.

'Schattenhände' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Der Fall um zwei ermordete Ukrainer in Paris zieht weite Kreise. Start einer Krimireihe mit Gerichtsmedizinerin Orla Os. »Seine Bewegungen waren explosionsartig schnell. Er kam aus dem Sessel hoch und glitt wie ein Schatten auf sie zu. Eine Riesenwelle der Angst spülte sie auf die Füße.« In einem Pariser Hinterhof wird ein Mann erstochen aufgefunden, offenbar ein Ukrainer, der sich offiziell in Paris aufhielt, um Kunstgeschichte zu studieren. Noch während die Gerichtsmedizinerin Orla Os, eine Norwegerin, die seit 17 Jahren in Paris lebt, und ihr Kollege Kommissar Marchand die Hausbewohner vernehmen, wird ein zweiter Ukrainer, der Zimmernachbar des Toten, ermordet. Es zeigt sich, dass ein Profi am Werke war, doch fehlt zunächst jedes Motiv. Als Orla Kontakt zu einer befreundeten Slawistin aufnimmt, um eine Spur nach Russland zu verfolgen, wird auch diese kurze Zeit später umgebracht. Orla selbst wird eines Abends überfallen. Zwar kann sie entkommen, doch hat sie zusehends das Gefühl, beobachtet zu werden …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein großartiger Debütroman!« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

In einem herunter gekommenen Hinterhof wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der mit mehreren Messerstichen ermordet wurde. Orla Os, Rechtsmedizinerin und Sonderermittlerin bei der Pariser Mordkommission, befragt mit ihren Kollegen die übrigen Hausbewohner, doch diese wollen alle nichts gesehen und gehört haben. Auch Angaben zu dem Toten bleiben aus, nur sein Zimmernachbar wisse womöglich mehr. Von diesem fehlt aber zunächst jede Spur, erst am übernächsten Tag findet Orla ihn in seinem Zimmer vor. Er sei unterwegs gewesen und wisse nichts von dem Tod seines Nachbarn, der wie er selber aus der Ukraine stammt und in Paris Kunstgeschichte studiert hätte.

Kurz darauf finden Orla und ihr Kollege Hervé Marchal auch den Zimmernachbarn erstochen vor. Der Täter hinterließ jedoch einmal mehr keinerlei Spuren und auch die beiden toten Ukrainer selbst bleiben ein völliges Rätsel. Offenbar lebten sie in ärmsten Verhältnissen, nur wenige spärliche Gegenstände finden sich in ihren Wohnungen. Aber wovon haben sie gelebt und waren sie wirklich Studenten? Erste Recherchen ergeben, dass beide ziemlich oft durch halb Europa gereist sind. Aber zu welchem Zweck und wer bezahlte ihre Reisen?

Orlas Ermittlungen drehen sich im Kreis und obwohl der Druck auf die Ermittler immer größer wird kommen sie keinen Schritt voran. Da lernt Orla auf einem Empfang, zu dem sie ihr Schwiegervater mitgenommen hat, Pascal Bernachon, Sohn eines bekannten Weinherstellers, kennen und verliebt sich in diesen. Nachdem sich Orla nach dem Unfalltod ihres Mannes Alain privat jahrelang zurückgezogen hat, scheint wenigstens hier wieder das Leben in normale Bahnen zu geraten. Und noch ein weiterer Mann drängt zunehmend in ihr Privatleben. David, ihr Schwager, der ihr verrät, dass sein schwerreicher Vater sein Testament geändert habe und Orla nur dann die Hälfte des elterlichen Vermögens, Alains Anteil, erben werde, sofern sie nicht wieder heiratet.

Die Zeit bei den Ermittlungen drängt, denn der Täter scheint ein ausgesprochener Perfektionist zu sein, der darüber hinaus über jeden Schritt der Ermittlungen bestens informiert zu sein scheint. Zudem fühlt sich Orla zunehmend beobachtet und bedroht …

Den Namen Jorun Thørring sollte sich jeder Krimifan merken!

Schattenhände ist der Debütroman der Norwegerin Jorun Thørring, die gleich mit ihrem ersten Werk ein dickes Ausrufezeichen – nicht nur in der skandinavischen – Krimilandschaft setzen kann. Zunächst gelingt ihr mit Orla Os eine sympathische Heldin, in deren Gefühlswelt sich die Leser/innen sofort hinein versetzen können. 34 Jahre jung und doch innerlich am Boden, nachdem ihr geliebter Mann vor einigen Jahren mit dem Auto tödlich verunglückte. Eine unwahrscheinliche Liebe nahm ihr jähes Ende, denn Alains Familie ist sehr vermögend und so lassen ihre Schwiegereltern bis heute keine Gelegenheit aus, Orla spüren zu lassen, dass sie keine angemessene Wahl für den Lieblingssohn war. Eine junge Frau aus einem kleinen norwegischen Fischerdorf, obwohl Alain doch beinahe jede ihm standesgemäße Frau hätte haben können. Das Orla Os nach einem außerordentlich erfolgreichen Medizinstudium (Dr. Os; Os = franz. Knochen) und dem Tod Alains zur Polizei wechselte, brachte das Fass vollends zum Überlaufen. Umso überraschter ist Orla, dass ausgerechnet ihr Schwiegervater jetzt versucht, sie zu verkuppeln.

Ebenso zurückhaltend verhielt sich bislang auch Alains Bruder David ihr gegenüber, der sich früher nur alle ein, zwei Jahre mal mit ihr traf und sich nun fast wöchentlich bei ihr meldet. Hat sein Verhalten etwas mit dem neu gestalteten Testament zu tun? Überhaupt gerät Orlas Gefühlsleben in große Schieflage, denn auch das Verhalten des neu angelachten Traummanns Pascal gibt ihr immer wieder zu denken.

Mehrere Verdächtige wechseln sich ständig ab

Als es zu weiteren Todesfällen in Orlas unmittelbarem Umfeld kommt, steigt in ihr ein furchtbarer Verdacht auf, denn der Mörder muss über interne Kenntnisse der laufenden Ermittlungen verfügen. Aber diese besitzen außer ihr nur vier Personen: Pascal, David sowie Hervé und ihr neuer Teamkollege Roland. Immer wieder gelingt es Jorun Thørring äußerst geschickt, die Männer abwechselnd verdächtig erscheinen zu lassen, bis sich dann am Ende hinter einer äußerlich perfekt aufgebauten Fassade ein Serienmörder zu erkennen gibt, der mit Orla ein perfides Katz-und-Maus-Spiel betreibt.

Schattenhände hat alles, was ein guter Krimi braucht

Die Story erschließt sich zunächst nur langsam, da die Darstellung der Ermittlungsarbeit viel Platz einfordert. Intensiv bekommt man einen Geschmack von der ernüchternden Recherchearbeit der Polizei, ohne dass diese zunächst zu Ergebnissen führt. Dann lassen die Ermittlungen allmählich erkennen, was es mit den beiden toten Ukrainern und dem merkwürdigen Verhalten der übrigen Hausbewohner auf sich hat.

Trotz aller Detailverliebtheit ist der Roman durchgehend flüssig geschrieben und nur schwer beiseite zu legen. Schattenhände ist atmosphärisch dicht, bietet eine Heldin mit hohem Identifikationspotential und einen weit reichenden Spannungsbogen mit mehreren Verdächtigen. Auch auf eine Schlusspointe wird nicht verzichtet. In dem an Krimitalenten wahrlich nicht armen Skandinavien leuchtet Jorun Thørrings Name daher schon jetzt in hellen Leuchtbuchstaben.

Jörg Kijanski, November 2008

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