Seelenesser von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel Twenty-Seven Bones,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Heyne.
Folge 3 der E.L.-Pender-Serie.
- New York: Atria Books, 2004 unter dem Titel Twenty-Seven Bones. 360 Seiten.
- München: Heyne, 2005. Übersetzt von Uschi Gnade. 478 Seiten.
- München: Heyne, 2007. Übersetzt von Uschi Gnade. 478 Seiten.
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ISBN 3-453-43003-4, 480, Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House.
Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Uschi Gnade
PROLOG
1985 liegt in Lolowa’asi, einem Dorf auf der Insel Pulau Nias, fünfundsiebzig Kilometer vor der Westküste von Sumatra, ein Häuptling im Sterben.
Oder genauer gesagt, er sitzt im Sterben. In Lolowa’asi ist es nämlich immer noch Brauch, dass ein Häuptling die obligatorische Totenbettrede aufrecht sitzend hält, in seinem mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Ehebett, wenn nötig im Rücken gestützt von einer oder mehreren seiner Ehefrauen, in seiner Nähe der Schädel oder die rechte Hand eines seiner Feinde, damit er ihn über die Brücke in die nächste Welt mitnehmen kann.
Eine solche Rede, in der nicht nur das Leben und die Herrschaft des großen Mannes rekapituliert werden, sondern auch die Geschichte des Dorfs, zieht sich manchmal über Tage hin. Diese hier hat vor etlichen Stunden begonnen. Aber obwohl das dörfliche Leben um das Haus des Häuptlings herum seinen gewohnten Gang geht – Frauen kochen Jamswurzeln oder arbeiten auf den Feldern; Männer hacken Holz oder füttern und striegeln die Schweine, die im Wirtschaftssystem der Insel den wesentlichsten Quell und die demonstrative Darstellung des Reichtums verkörpern -, hat sich im Omo Sebua, dem Großen Haus, bisher noch keiner der beiden potenziellen Nachfolger des sterbenden Häuptlings von seinem Totenbett entfernt.
Für diese Anhänglichkeit gibt es einen Grund. In Lolowa’asi werden sowohl die Nachfolge als auch das Erbe noch auf die herkömmliche Weise übertragen: auf denjenigen unter den Nachkommen, dem es gelingt, dem Häuptling im allerletzten Augenblick so nahe zu sein, dass er dessen Todesodem tief einatmen kann, denn es herrscht der Glaube, dieser enthielte sein sofu und sein fa’atua-tua, seine Autorität und seine Weisheit, aber auch das allein ausschlaggebende lakhomi, den spirituellen Ruhm des Verstorbenen. Gemeinsam machen sie sein eheha aus – seinen Geist oder seine unsterbliche Seele.
Bring diesen Atemzug an dich, und du bekommst alles: die Schweine, das Land, den Geist, das Große Haus. Daher warten die beiden Erben mit nackter Brust und lauschen, die mit Goldfäden durchwirkten Festtags-Sarongs um die Hüften geschlungen, während die Frauen kommen und gehen und Platten mit Reis und Huhn und knusprigen Schweinekrusten auftragen.
Unter den Frauen ist aber auch eine, die weder kocht noch serviert. Sie ist eine junge Weiße, eine Amerikanerin, die Hälfte eines zweiköpfigen Teams von Anthropologen, die miteinander verheiratet sind. Sie und ihr Mann benutzen einen Camcorder für eine Dokumentation über das Dorf, das als die letzte Ansiedlung in der indonesischen Provinz Nordsumatra gilt, in der die traditionelle Kultur noch gepflegt wird. Er bedient den Camcorder, während seine wesentlich jüngere Ehefrau handschriftliche Notizen macht.
Die Anthropologen, die von dem Ritual auf dem Totenbett gehört, es aber noch nie selbst erlebt haben, wissen, was als Nächstes zu geschehen hat. Gemäß der Tradition wird der Häuptling nach der Rede und den Segnungen (alle im Raum Anwesenden einschließlich der Amerikaner kommen für ein gütiges Wort oder ein Stück von dem geweihten Kieferknochen eines Schweins infrage), von seinen Frauen gestützt, auf dem Totenbett sitzen bleiben, während seine beiden Söhne am Fußende des Betts im Kreis herum gehen.
Wenn seine erste Frau ahnt, dass der Häuptling stirbt, wird sie den anderen Ehefrauen ein Zeichen geben. Gemeinsam werden sie ihn wieder auf den Rücken legen, und der glückliche Erbe, der dem Bett in dem Moment am nächsten ist, wird sich mit geöffnetem Mund über den Häuptling beugen und den letzten Atemzug in sich aufsaugen, sofu, fa’atua-tua, lakhomi, eheha und alles, was dazu gehört.
Einzig und allein das Timing ist ausschlaggebend – die Amerikaner erwarten eine Art feierliche Variante des Spiels »Die Reise nach Jerusalem« oder etwas in der Größenordnung, nur dass in diesem Fall ungewöhnlich intensiv gerangelt wird, wenn die Musik, im übertragenen Sinn, endet. Unter vier Augen haben sie sich sogar darüber lustig gemacht.
Aber am Ende hat das, was sich an diesem Sommernachmittag abspielt, gar nichts Komisches an sich. Die Kamera hält alles fest. Ehe sie den anderen Ehefrauen bedeutet, dass für den Häuptling die Stunde geschlagen hat, die für uns alle schlagen wird, gibt die erste Ehefrau des Sterbenden dem älteren Sohn, Ama Bene, dem Sohn ihrer eigenen Lenden, ein verstohlenes Zeichen, indem sie den Handrücken, wie zum Zeichen ihrer Trauer, auf ihre Schläfe legt. Er verlangsamt seine Schritte und steht neben dem Kopf seines Vaters, als sie den alten Mann wieder auf die Matratze mit dem Batiktuch sinken lassen. Die magere nackte Brust – nicht einmal der reichste Mann in Lolowa’asi hat viel Fett auf den Rippen – senkt sich, hebt sich und senkt sich wieder.
Als Ama Bene sich gerade über seinen Vater zu beugen beginnt, zeigt die Bandaufnahme, dass er gewaltsam zur Seite gestoßen, sogar bis über den Bildrand hinausgeschoben wird, und während in dem Raum schlagartig Chaos ausbricht, ist Ama Halu, der jüngere Sohn, derjenige, den die Kamera einfängt, wie er sich über den Häuptling beugt. Er atmet tief ein, ein gewaltiges jauchzendes Luftschnappen, und reißt triumphierend die Arme in die Luft.
Aber im nächsten Moment taumelt Halu vom Bett zurück, und eine blutige Speerspitze, die nach unten weist, ragt in einem obszönen Winkel aus seinem Unterleib hervor. Hinter ihm kommt Bene wieder ins Bild, packt den Speer und lehnt sich zurück, und um der Hebelwirkung willen stemmt er seinen nackten Fuß gegen das Hinterteil seines jüngeren Bruders.
Die Speerspitze verschwindet. Bene kippt mit dem besudelten Speer in der Hand nach hinten um, während Halu taumelnd zu der Anthropologin wankt. Sie fängt ihn in ihren Armen auf. Blutige Schaumblasen quellen aus seinem Mund.
In der Zwischenzeit ist Bene wieder auf die Füße gekommen und rast auf die beiden zu. Seine Absicht besteht eindeutig darin, den väterlichen Atem auf diesem Umweg zurückzuverlangen. Aber Halu hat andere Vorstellungen. Er wirft einen Blick über seine Schulter, bedenkt seinen Bruder mit einem breiten, blutigen Grinsen und dreht sich dann wieder zu der Frau um. Er umklammert mit beiden Händen ihren Hinterkopf und zieht ihr Gesicht an seines, öffnet den Mund ganz weit und legt seine Lippen auf ihre.
Sie wehrt sich mit blutverschmiertem Mund. Sie versucht, den Kopf abzuwenden, aber obwohl Bene sich bemüht, die beiden voneinander zu lösen, ist Halus Todesgriff nicht zu durchbrechen. Halu sinkt schwer auf die Knie, die Frau ebenfalls. Er haucht seinen letzten Atem in ihren Mund, während sein Bruder wiederholt mit dem Ende des Speers von hinten auf ihn einschlägt wie mit einem Knüppel. Die Frau fühlt den dumpfen Aufprall der Hiebe indirekt; der Vorderzahn, der an jenem Tag abbricht, wird nie überkront werden.
Was den letzten Atem des Sterbenden angeht – er ist so zart wie ein Seufzer, sauer und kupferhaltig, und in der Vorstellung der Frau besteht kein Zweifel daran, und für sie wird auch nie Zweifel daran bestehen, dass er mehr als nur Kohlendioxyd enthält. Die Hände, die ihren Kopf umklammert halten, lockern sich; der Tote stürzt auf den Boden. Als sie jetzt allein dort kniet, blickt sie auf – Ama Bene, der Brudermörder, steht über ihr; sein Gesicht ist vor Wut verzerrt, und er hat den Speer mit der besudelten Spitze wurfbereit in der Hand. Sie bedenkt ihn mit einem blutigen, triumphierenden Grinsen. Das Blut und der Triumph gehören nicht nur ihr allein, sondern auch dem Toten; das Grinsen dagegen ist ganz und gar ihr eigenes.
EINS
Andy Arena fuhr um Mitternacht zu den Docks von Frederikshavn hinunter und parkte seinen alten gelben VW-Käfer, den Anweisungen entsprechend, gegenüber dem leer stehenden Schuppen des Hafenmeisters auf der anderen Straßenseite. Als er sicher war, dass ihn niemand beobachtete, schloss er den Wagen ab, überquerte die Straße und wartete, wiederum seinen Anweisungen entsprechend, mit seinem Matchbeutel neben dem Schuppen.
Andy, ein Bartender von neununddreißig Jahren, dessen Lieblingssong »A Pirate Looks at Forty« von Jimmy Buffett war, wusste noch nicht, ob sie auf dem Landweg oder auf dem Seeweg aufbrechen würden (die Epps hatten sich in dem Punkt bewusst vage ausgedrückt), aber er konnte seine Aufregung so oder so kaum zügeln. Streng geheime Pläne, ein Rendezvous um Mitternacht, eine Landkarte auf Wachstuch, mit der Hand gezeichnet, ein vergrabener Schatz: Selbst wenn sie mit leeren Händen heimkehrten, war schon allein das Abenteuer seine Zeit und Mühe wert.
Auf jeden Fall hatte er nichts zu verlieren. Wenn seine neuen Partner ihn aufgefordert hätten, sich an den Auslagen zu beteiligen oder gutgläubig Bargeld bereitzustellen – tja, Mama Arenas kleiner Liebling war schließlich nicht gerade erst gestern aus dem Bananenboot gefallen. Aber die Epps schienen von Andy nichts weiter zu verlangen als Verschwiegenheit und einen starken Rücken, und sie waren bereit, ihm dafür zehn Prozent des Reinerlöses zu bezahlen, falls sie Gewinne machen sollten.
Um 0 Uhr 5 hielt ein weißer Dodge mit Vorhängen vor den Fenstern an. Andy ließ die Seitentür aufgleiten, warf seinen Matchbeutel nach hinten und kletterte ihm hinterher. Es gab keinen Rücksitz. Andy drehte einen leeren Plastikeimer um, setzte sich darauf und tauschte ein freundliches Nicken mit dem anderen Mann aus, der hinten im Wagen saß, ein Indonesier von ungewissem Alter, den er nur unter dem Namen Bennie kannte und der neben der Hintertür auf seinen Hacken kauerte. Andy war es nie gelungen, die exakte Natur des Verhältnisses zwischen den Epps und Bennie zu ergründen. Angeblich war er ihr Faktotum, aber in seinen tief liegenden, wachsamen Augen, seinem zerfurchten Gesicht und seinem ernsten Auftreten lag etwas, woraus Andy schloss, dass mehr dahintersteckte.
»Weiß jemand, dass Sie hier sind?« Dr. Phil Epp, hager und bärtig, drehte sich auf dem Beifahrersitz um. Sein Bart war eine Sache für sich, ganz ohne jeden Schnurrbart, etwa so wie der von Abe Lincoln. Er sah Lincoln auch ein wenig ähnlich, aber noch mehr Ähnlichkeit wies er mit Fotografien auf, die Andy von dem verrückten alten John Brown gesehen hatte – vor allem um die Augen herum. »Hat Sie jemand dort warten sehen?«
»Fehlanzeige. Und noch mal Fehlanzeige.«
»Was hast du deinem Boss gesagt?« Dr. Emily Epp, eine vollbusige Frau von Anfang vierzig, gut zwei Jahrzehnte jünger als ihr Mann, mit rotblondem Haar, grauen Augen, einem breiten, sinnlichen Mund und einer kleinen Stupsnase, saß hinter dem Steuer.
»Ich brauchte ihm nichts zu sagen. Montag und Dienstag sind meine regulären freien Tage.«
»Was ist mit deiner Freundin? Du hast doch eine?« Sie stellte den Rückspiegel so ein, dass sie Andy ins Gesicht sehen konnte. Er selbst sah nur das Spiegelbild ihrer leicht hervortretenden Augen, von der grünen Beleuchtung des Armaturenbretts in einen gespenstischen Schein getaucht.
»Niemand Bestimmtes.«
»Ich wette, Sie kriegen jede Menge Muschis, als Bartender und so«, sagte Phil.
Andy hatte sich seinerzeit zur Genüge mit seinen Eroberungen gebrüstet, aber aus Gründen, die er nicht ganz festmachen konnte, kam es ihm irgendwie degoutant vor – ausgerechnet dieses unmögliche Wort kam ihm in den Sinn -, sein Sexualleben mit den beiden zu diskutieren. »Wohin geht’s denn nun? Jetzt könnt ihr es mir doch sicher sagen, oder?«
»Hier, sagen Sie es mir.« Phil reichte ihm die berühmte Landkarte – oder, genauer gesagt, eine Fotokopie. Das Original hatte Andy nur ein einziges Mal zu sehen bekommen, letzte Woche, und selbst dann nur die Rückseite.
»Sieht aus wie – also gut, es ist eindeutig St. Luke. Das hätte ich natürlich aus der Tatsache schließen können, dass wir kein Boot genommen haben.«
»Nun mach schon, Einstein«, sagte Emily.
»Okay – also, hier ist Fred’ Harbor ...« Phil beugte sich über die Rücklehne seines Sitzes, und Andy fuhr mit dem Zeigefinger die Küste erst in nördlicher und dann in östlicher Richtung nach. »Und hier sind die Karibenklippen …also muss das hier …Smuggler’s Cove sein?«
»Und mehr brauchen Sie im Moment nicht zu wissen.« Phil brachte die Landkarte mit einer behaarten Hand wieder an sich, faltete sie zusammen und ließ sie in eine der vielen Taschen seines langärmeligen Safarihemds gleiten.
Sie fuhren schweigend weiter und folgten der Küstenstrecke, die Andy mit seinem Finger nachgefahren hatte, entgegen dem Uhrzeigersinn. Es war eine mondlose Nacht, aber die Sterne strahlten karibisch hell. Andy rückte den Eimer, auf dem er saß, auf die linke Seite des Kleinbusses (der sich, in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Sitten von St. Luke, auf der linken Seite der zweispurigen Landstraße voranbewegte), zog die Vorhänge vor den Seitenfenstern auf und presste seine Nase an die Scheibe. Wenn er geradewegs nach unten schaute, konnte er den schmalen weißen Streifen der Brandung draußen jenseits der Karibenklippen sehen, die diesen Namen trugen, weil vor vierhundert Jahren die letzten Überlebenden dieses grimmigen und vom Unglück verfolgten Stamms – Männer, Frauen und Kinder – lieber von diesem Steilufer in den Tod gesprungen waren, als sich von den Spaniern versklaven und als Arbeiter in die dominikanischen Goldminen schicken zu lassen.
»Habt ihr eigentlich jemals am Fuß der Klippen gegraben?«, fragte Andy und schloss den Vorhang wieder. Die Epps waren ein Ehepaar, ein zweiköpfiges Team von Anthropologen und/oder Archäologen – Andy war nie hundertprozentig klar gewesen, worin der Unterschied bestand, falls es überhaupt einen gab.
»Oh ja«, erwiderte Emily. Sie grinste ihn über ihre Schulter an und zeigte dabei einen abgebrochenen Vorderzahn. »Das ist der reinste Friedhof.« Aus ihrem Mund klang das ganz so, als fände sie es echt prima.
»Schätzchen, wenn du nicht auf die Straße schaust, werden unsere Knochen bald dort unten bei den anderen liegen«, gab Phil zu bedenken.
»Wenn das den Archäologen in weiteren vierhundert Jahren kein Kopfzerbrechen bereiten wird!«, sagte Emily fröhlich. Dann wandte sie sich an Andy: »Ursprünglich sind wir nach St. Luke gekommen, um uns eingehend mit den Kariben zu befassen. Weißt du, was das Beste an denen ist? Sie sind restlos ausgestorben: keine zu vermutenden Nachkommen, die wegen der Knochen Ärger machen.«
Der Highway führte in einer Serie von Serpentinen von den Höhen hinab. Bennie schien mühelos das Gleichgewicht zu halten, doch Andys Eimer rutschte ständig unter ihm herum. Er stand auf, in der Mitte abgeknickt, blieb, mit einem Fuß auf jeder Seite des Getriebebuckels und einer Hand auf jedem der beiden Vordersitze, stehen und surfte durch die Kurven auf dem verbleibenden Weg hinunter zum Meer.
Ein paar Minuten, nachdem sie am Smuggler’s Cove vorbeigekommen waren, einer breiten Lagune im Sternenlicht, die von giftigen Manzinellabäumen umringt war, verlangsamte Emily, bis der Kleinbus im Schritttempo fuhr. Phil streckte den Kopf aus dem Beifahrerfenster. »Dort!«
Ein vom Wind wie eine Skulptur geformter Dividivibaum rechts von ihnen markierte die Abzweigung. Emily riss das Steuer herum; der Kleinbus fuhr vom Highway ab und begann, einer kaum erkennbaren Reifenspur ins Inland zu folgen, die sich dann nach Westen wandte und wieder in die Hügel des Regenwalds hinaufführte.
Kurz nachdem sich der Baldachin des Waldes über ihnen geschlossen und das Licht der Sterne ausgesperrt hatte, verloren sich die Spuren. Emily schaltete die Scheinwerfer und den Motor aus. Nach einem Moment setzten die Dschungelgeräusche wieder ein – Mungos und ihre Beute raschelten im Unterholz, nachtaktive schwarze Papageien schrien im hohen Baldachin des Waldes -, aber Andy wartete vergeblich auf die Rückkehr seines Sehvermögens.
»Riechen Sie das?«, flüsterte Phil.
Andy schnupperte. »Das riecht nach …Juicy Fruit.«
Phil lachte und pochte ihm mit dem Kaugummistreifen, den er wenige Zentimeter vor Andys Gesicht hatte baumeln lassen, auf die Nase – so dunkel war es.
Bennie bahnte mit seiner Machete einen Pfad. Emily und Phil folgten. Alle drei trugen Bergarbeiterhelme mit hochmodernen, raffinierten Grubenlampen, die es ihnen gestatteten, von roten Laserstrahlen auf weiße LED-Strahlen umzuschalten und umgekehrt. Andy schleppte die Ausrüstung und bildete das Rücklicht. Vor ihrem Aufbruch hatten sie sich mit Insektenabwehrmittel eingeschmiert, doch die Insekten schienen sich davon überhaupt nicht abschrecken zu lassen, dachte Andy – sie nahmen nicht den geringsten Anstoß daran.
Nach ein paar hundert Metern rückten die Sterne blinkend wieder in ihre Sicht. Hier war der Wald nachgewachsen, niedrig und ineinander verschlungen. Der Eingang zum Höhlenkomplex war keinen Meter hoch, in einen kleinen felsigen Hügel eingelassen und mit Gestrüpp und rankenden Kletterpflanzen getarnt. Phil und Bennie räumten die Öffnung frei. Phil schaltete das LED-Weiß seiner Grubenlampe auf Laser-Rot um und kroch als Erster hinein, gefolgt von Bennie. Emily bedeutete Andy, ihnen zu folgen. Er ließ sich auf Hände und Knie sinken und starrte in den schräg nach unten abfallenden Tunnel mit dem Steinboden, schaute dann über seine Schulter und hielt sich gegen den grellen Schein ihrer Grubenlampe eine Hand über die Augen, als er Emily ansah.
»Ich glaube nicht, dass ich das tun kann«, sagte er zu ihr und wich von der Öffnung zurück.
»Du hast doch gesagt, du bist nicht klaustrophobisch.«
»Das bin ich auch nicht – ich meine, bisher war ich es nie. Aber mir ist, als schreie etwas tief in meinem Innern: Geh da nicht runter.«
»Hunderttausend Dollar«, sagte sie. »Darauf könnte sich dein Anteil belaufen.«
»Warum lasst ihr uns warten?«, rief Phil.
»Wir kommen gleich nach.« Emily setzte ihren Helm ab und ließ sich vor Andy auf alle viere nieder. Die obersten Knöpfe ihres Safarihemds standen offen und enthüllten den Ansatz von beeindruckenden, wenn auch hängenden Brüsten, die ein genormter Bügel-BH kaum halten konnte. Sie neigte sich zu ihm vor und presste ihre Stirn an seine. »Wenn du das nicht tust, wirst du es dir niemals verzeihen«, flüsterte sie.
