Südstern von Jonas Hartmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 2010 - heute.

  • München: Heyne, 2012. ISBN: 978-3-453-43616-9. 356 Seiten.

'Südstern' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Berlin-Neukölln. Zwei junge Zivilpolizisten werden Zeugen eines als Unfall getarnten Mordes. Der Mörder entpuppt sich kurz darauf als Undercoveragent des BKA. Ihre Behörde glaubt ihnen nicht und so beschließen die beiden, auf eigene Faust zu ermitteln. Als sie endlich einen Beweis gegen den BKA-Mann in Händen halten, decken sie damit, ohne es zu wissen, ein Komplott des organisierten Verbrechens auf, das die Grenzen ihrer bisherigen Welt sprengt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn die Straßenbullen mit den Großen spielen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Paul Braun und Erkan Genc kennen sich seit vielen Jahren. Der junge Türke und sein älterer Bruder haben Paul einst aus einer ausweglosen Situation befreit, und später wurden sie so etwas wie Brüder. Denn Pauls Vater ist tot, und seine Mutter lebt in der Psychiatrie. Mittlerweile sind Erkan und Paul Polizisten, kurz vor der Anstellung auf Lebenszeit. Frech, rotzig und neugierig – echte Berliner eben – schieben sie ihren Dienst in Neukölln und angrenzenden Stadtvierteln, schnappen die kleinen Fische. Und sind total begeistert, als plötzlich Murat mit einer Sonderkommission des BKA in Berlin auftaucht. Am Hermannplatz hat es einen merkwürdigen Mord gegeben, und nun soll es eine geheimnisvolle Razzia geben, hinter der offenbar mehr steckt, als man den beiden jungen Polizisten verraten will. Sie können es nicht lassen und sind bei der Aktion dabei. Paul beobachtet, wie ein verdeckter Ermittler zum Mörder wird. Niemand glaubt ihm, nicht mal sein Ziehbruder Murat. Gemeinsam mit Erkan gibt Paul jedoch keine Ruhe – und stolpert in ein Komplott hinein, dass sich die beiden Straßenbullen niemals erträumt hätten.

Jonas Hartmann hat mit seinem Roman Südstern eine außerordentlich spannende und in meinen Augen auch authentische Geschichte vorgelegt. Ob er damit die Lebenswirklichkeit in Neukölln und Kreuzberg im allgemeinen und bei der Berliner Polizei im besonderen tatsächlich trifft, werden Kenner der Hauptstadt unter Umständen ganz anders beurteilen. Aber Drogenhandel, Gewalt zwischen kriminellen Banden und der ganz normale Alltagswahnsinn in den Vierteln rund um das Tempelhofer Feld werden von Hartmann plastisch und hautnah geschildert. Zuweilen gestattet sich der Autor auch einige Stilblüten, die für mich jedoch zum Unterhaltungswert des Buches enorm beitragen.

Der Südstern, ein von wichtigen Verkehrsachsen gesäumter Platz, ist dabei insgesamt nur ein Symbol in der Geschichte, aber auch eine Art Grenzbereich. Hier stoßen verschiedene Stadtviertel zusammen, und um die Ecke ist das Hauptquartier des Berliner Landeskriminalamtes. Der Autor zeigt mit seinen Schilderungen der einzelnen Örtlichkeiten, die nie zu ausschweifend ausfallen, dass er es versteht, Lokalkolorit unaufdringlich und geradezu dezent in seinem Roman unterzubringen.

Seine beiden Protagonisten, Erkan Genc und Paul Braun, sind typische Berliner Jungs, die in den beschriebenen Stadtvierteln aufgewachsen sind. Ihre teilweise absurd reduzierte Sprache, ihr immer wieder geschildertes Lebensgefühl, das über den Underdog nur schwer hinausreicht, macht die beiden Figuren ungemein authentisch. Dazu tragen auch ihre zuweilen unsinnig anmutenden Dialoge bei. Im kurzen Intro schildert Jonas Hartmann, wie die Freundschaft zwischen Genc und Braun entstanden ist – und spannt damit geschickt einen Bogen, der bis zum Ende des Romans reicht. Die allzu menschlichen Facetten, die entlang dieser Linie abgearbeitet werden, sind gekonnt in den Handlungsfaden der Kriminalgeschichte eingewoben, und zuweilen wird der Fortgang der Ereignisse durch die Wirrungen und Irrungen in dieser Freundschaft für das Leben sogar noch ungemein befördert. Eine liebenswerte Randfigur, die allerdings eine zentrale Bedeutung erlangt, ist dabei Nina, die das Dreigestirn vervollständigt.

Wortkarg und gewissermaßen minimalistisch ist auch die Unterhaltung zwischen dem in Schwierigkeiten steckenden V-Mann des BKA, Stephan Kohn, ein Schulkamerad von Erkahns Bruder Murat, und seinem Begleiter aus den Reihen des ominösen Netzwerks. Hier geht es um die subtilen Mechanismen in derart kriminellen Zusammenhängen. Misstrauen, Katz-und-Maus-Spiele, die Übernahme von Verantwortung und vieles mehr. Durch den ständigen Wechsel zwischen der Perspektive der Ermittler und der Situation des tief im kriminellen Milieu feststeckenden Undercover-Agenten Kohn wird der Leser bestens auf dem Laufenden gehalten und der Spannungsbogen zuweilen dynamisch überdehnt.

Im ersten Drittel des Buches wird der Leser ziemlich gefordert, da es ständig neue Personen, Kommissionen, Zuständigkeiten und Sachverhalte gibt. Jonas Hartmann ist das durchaus bewusst, deshalb hat er am Ende des Buches ein überaus hilfreiches Personenregister angefügt. Wer da von Beginn an regelmäßig reinschaut, ist klar im Vorteil und hat schnell den Überblick. Die holperige und spannungsgeladene Kooperation von Landes- und Bundeskriminalamt ist von den üblichen Hahnenkämpfen begleitet, aber nachdem der Autor den Rahmen der Geschichte abgesteckt hat, geht es richtig zur Sache. Das Buch wirkt in Sachen Polizeiarbeit und Verhörmethoden wirklich gut recherchiert, insbesondere die psychischen Probleme verdeckter Ermittler werden hervorragend geschildert und thematisiert.

Jonas Hartmann hat mit Südstern ein wirklich bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Personen, Dialoge und die ständig dynamischer werdende Handlung bilden eine gut erzählte Geschichte – feines Lesekino. An einigen kleineren Schwächen muss der Autor noch feilen, aber die beiden Straßenbullen Paul und Erkan haben noch einiges Potenzial, man kann sich also weitere Bände mit den zwei jungen Polizisten gut vorstellen.

Andreas Kurth, Juli 2012

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tom_ate zu »Jonas Hartmann: Südstern« 25.01.2013
Warum der Roman „SÜDSTERN“ heißt, ist mir ein Rätsel.

Tatsächlich beginnt und handelt der Krimi am „Hermannplatz“. Dieser Platz liegt auf der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg. Zuständig ist die Polizei-Direktion 5, zu der auch die beiden Zivilpolizisten Paul und Erkan gehören. Beide sind seit Kindheit eng befreundet, haben ein bewegtes Jugenddasein im Neuköllner Kiez hinter sich und trotzdem bei der Polizei ihre Ausbildung angefangen.

Wer am Hermannplatz Dienst schieben muss, für den gehört Rauschgift zum Alltäglichen. Nicht zum Alltag gehört es, dass dort in einem Lokal ein Mord passiert. Merkwürdigerweise erscheint das BKA mit großem Gefolge und übernimmt den Fall. Zur Mannschaft des BKA gehört auch Murat, der große Bruder von Erkan.

Da die Ortsbeschreibungen meist genau sind, hat man als Kenner der Gegend einen großartigen Krimi mit tollen Aha-Erlebnissen vor sich. (Mein einziger, kleiner Kritikpunkt: Seit wann gab es je vor dem Kult-Currywurst-Stand „Curry 36 am Mehringdamm eine Busspur? Aber egal, dafür stimmt alles andere an der Gegend haargenau.)

Die Spannungen zwischen BKA und Berliner Kripo beleben das Ganze, zumal niemand glauben will, dass ein verdeckter Ermittler des BKA einen Mord begangen haben soll. Erkan ist der einzige Zeuge, der den genauen Tatablauf gesehen hat. Glauben will oder kann ihm das keiner. Selbst sein Kumpel Paul hat Zweifel an der Behauptung.

Leider – jedenfalls aus meiner Sicht – verlagert sich der spätere Verlauf der Handlung nach Osteuropa. Große - vielleicht zu große - Action mit einer Verfolgungsjagd will nicht so recht zu der bisherigen Handlung passen. Die Bodenhaftung bleibt dabei auf der Strecke.

Spannender Roman, der aber leider nicht ganz das halten kann, was er zu Beginn verspricht.

80°, leider nicht mehr.
Torsten zu »Jonas Hartmann: Südstern« 26.12.2012
Nachdem ich sowohl die Rezension von Andreas Kurth als auch die Lesermeinungen gelesen habe, war ich ja schon sehr gespannt was nun meinem Eindruck nach zutreffender ist - das Lob von KC oder die teils harsche Kritik der Meinungen.
Und leider muss ich sagen, dass Andreas Kurth hier total daneben liegt. Ich weiss gar nicht was ich erschreckender finde - dass er die Polizeiarbeit authentisch geschildert findet, oder die "Lebenswirklichkeit" in Berlin.
Falls das zuträfe, gäbe es in Berlin also nur total dilletantische, möchtegern cool oder slapstickartig auftretende Polizisten - das ist wohl zum Glück nicht der Fall.
Und die Lebenswirklichkeit in Berlin besteht ebenfalls zum Glück aus wesentlich mehr als als nur aus den geschilderten kaputten Typen.
Der Plot selber ist letztlich seltsam dünn, das "Komplott" ist doch mehr banal als dass es die "Welt sprengt".
Die ungeheuer vielen Protagonisten sind tatsächlich schön in dem Personenregister aufgeführt - das ist aber auch nötig, da sie derart beliebig und oberflächlich geschildert und beschrieben werden, dass sie in der Handlung auch ziemlich austauschbar daherkommen.
Insgesamt fand ich die gesamte Handlung nicht nur dünn und nur durch ungeheur viele Personen unnötig aufgbläht, sondern auch sehr unglaubwürdig, bis hin zum ratzfatz abgehandelten Showdon.
Es hat mich auch ungeheuer geärgert, dass der Autor zwar ungeheuer mit Lokalkolorit und seinen Berlinkenntnissen kokettiert, aber sich dann entweder doch überhaupt nicht in Berlin auskennt oder es mit Schilderungen von Örtlichkeiten nicht genau nehmen wollte.
Beispiele: Wenn man von der Boppstr. kommt und zwischendurch über die Gneisenaustrasse rast, kann man nur rechts vom Columbiadamm in die Golßener Str. abbiegen wenn man im Kreis fährt.
Man kann auch nicht lang und ausführlich das Lützowufer enlangfahren um dann irgendwann mal auf das Hotel Esplanade zu treffen - das liegt nämlich gleich am Anfang dieser Einbahnstrase.
Und vor dem Curry 36 am Mehringdamm gibt es keine Busspur und gab es auch nie eine - da fährt noch nicht einmal ein Bus durch. Usw.
Nein, das war bei weitem kein Treffen sondern ein ganz laues Büchlein.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mathilda Weber zu »Jonas Hartmann: Südstern« 22.10.2012
Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen. Die schlechten Rezensionen der anderen Leser verstehe ich nicht. Als Berlinerin fand ich das Leben in der Stadt gut eingefangen. Der Plot ist spannend, zur Unfähigkeit des BKAs resultiert aus korrupten Verhältnissen und nicht aus Unfähigkeit. Einer der wenigen Berlin-Krimis, die ich als wirklich gelungen empfinde.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kritikus_Münster zu »Jonas Hartmann: Südstern« 12.09.2012
Bei diesem schäbigen Gekritzel fällt mir nur ein Satz ein: Gute nacht deutscher Kriminalroman! Ganz und gar unrealistisch. Besser wie der sind selbst Frauenkrimis. Schade ums Papier. Da schreib ich auch mal einen Krimi - ganz nach der Mode: Türkennamen, Multikulti, BKA, "Kraftwörter", Menage a Troi ... In allen Punkten unglaubwürdig, von der ersten Seite an. Einfach nur schade ums Geld.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Krimitante zu »Jonas Hartmann: Südstern« 08.09.2012
dieses buch will super cool daherkommen, ist aber unglaubwürdig und eher einfach gestrickt. frei nach dem motto: man nehme viel schnoddrigkeit, eine dreiecksgeschichte, jede menge drogen, das bka, zwei slapstick- polizisten und berlin als kulisse, schüttle das ganze und schon hat man einen tollen krimi. ist nur nicht aufgegangen. oberflächlich und eher unspannend trifft es. manche leute sollten eben nicht auf "mehrfachbegabungen" setzten... (der "autor" ist "auch" schauspieler...) fazit: leider schon wieder ein buch das zu oxfam kommt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Philipp zu »Jonas Hartmann: Südstern« 31.07.2012
Ich kann mich der Rezension von Andreas Kurth leider so gar nicht anschließen. Um es zuzuspitzen: Ich habe in letzter Zeit kaum ein miserableres Buch gelesen als „Südstern“!

Das Buch beginnt einigermaßen viel versprechend mit Berliner Lokalkolorit und einem Toten, der wichtig genug ist, um das BKA anzulocken. Ab dem Moment aber wird die Story an so ziemlich allen Punkten unglaubwürdig:
• zwei planlose Jungbullen juxen sich mit iPhone-Abhörspielchen in die Mordermittlungen, die aber irgendwie gar nicht wirklich stattfinden,
• der BKA-Vertreter ist der große Bruder und lange vermisste Ziehbruder dieser beiden Jungbullen, kokst wie blöd, lässt sich bei seiner so überaus geliebten Familie nie blicken, ist aber am Ende der Held,
• das kriminelle Umfeld besteht nach dem Mord im Wesentlichen aus einer Reise an die Peripherie Europas,
• die Liebesgeschichte mit ihrem Möchtegern-Dreiecksansatz ist nachgerade peinlich unglaubwürdig gestrickt.

Kurzum: Alle sind auf mehr oder weniger harten Drogen, die Experten sind so dämlich, dass die Naivlinge mit Westentaschentricks das organisierte Verbrechen lahmlegen, und zwischendurch immer wieder pseudocooles Rumgelaber. Vom Unterhaltungsgrad leider nur irgendwo zwischen „Charleys Tante“ und „Manta Manta“. Schade drum!
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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