Baby Moll von John Farris

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1958 unter dem Titel Baby Moll, bei Crest Books 206.
Ort & Zeit der Handlung: Florida, 1950 - 1969.

  • --: Crest Books 206, 1958 unter dem Titel Baby Moll. veröffentlicht als Steve Brackeen.

'Baby Moll' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Sechs Jahre ist es her, seit Peter Mallory der Mafia in Florida den Rücken gekehrt hat. Jetzt ist er drauf und dran wieder einzusteigen: Sein alter Boss braucht ihn, denn ihm sitzt ein brutaler Killer im Nacken. Jetzt ist Hilfe gefragt, wie sie nur ein Mann wie Mallory bieten kann. Aber kaum befindet er sich wieder auf dem abgeriegelten Inselgrundstück, sieht er sich umringt von schönen Frauen und spürt überall tödliche Gefahr ein falscher Schritt könnte ein Blutbad auslösen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Sex & Crime, Sein & Nichts« 80°

Krimi-Rezension von Jochen König

Während John Farris auf der Phantastik Couch ein gern gesehener Gast ist, und laut Verlagsauskunft mehr als 40 Kriminalromane verfasst hat, ist Baby Moll tatsächlich sein erster Auftritt auf dieser Seite. Zu verdanken ist er der formidablen HCC-Reihe des Rotbuch-Verlags, die der amerikanischen Vorgabe folgend, den Roman aus dem Jahr 1958 über ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung in Deutschland in die Buchläden bringt.

Dabei ist das Sujet des Buches gar nicht so altertümlich, erinnert es doch frappant an die Graphic Novel und den darauf basierenden exzellenten David Cronenberg-Film »A History Of Violence« aus dem Jahr 2005 .

Ein Gangster nimmt Abschied von seiner Vergangenheit, lernt eine nette Frau kennen und will mit ihr und einem ruhigen, gemütlichen Job, fernab jeder Kriminalität, seinem Lebensabend entgegen meditieren. Leider erweist sich die Vergangenheit als ziemlich nachtragend und betritt durch eine angelehnte Tür die Bildfläche der Gegenwart. In diesem Fall ist es der Gangster und Leibwächter Rudy Mask, der seinen ehemaligen Kumpel Pete Mallory dazu bewegen möchte, den gemeinsamen Arbeitgeber vergangener Tage vor einem Mordanschlag zu bewahren.

Mallory fühlt sich verpflichtet seinem Ex-Boss (und eingestandenermaßen Vaterfigur) beizustehen. So wird die baldige Hochzeit verschoben, und Mallory begibt sich ins herrschaftliche Domizil seines einstigen Gönners. Der lebt, umgeben von einigen vermeintlichen Getreuen, im Schatten seiner einstmaligen Macht und wird bedroht von einem Killer, dessen Familie er vor langer Zeit auf dem Gewissen hatte. Einige Weggefährten hat es bereits erwischt, und der gnadenlose Rächer scheint sich immer näher in seine Richtung zu bewegen. Zeit, Pete Mallory einzuschalten.

Baby Moll ist ein ungeschliffenes, rohes Kammerspiel, eine Gossenvariation von Schuld und Sühne. Das Dokument eines Untergangs, gesehen durch die Augen eines loyalen Handlangers, der jenseits der Illegalität sittsam werden möchte. Ein redlicher Wunsch angesichts eines Mentoren, der sein Heil in angesammeltem Geld und einer Adoptivtochter sucht. Verzweifelt und ausgebrannt, Neider und Konkurrenten auf Tuchfühlung, taumelt er letztendlich bewusst seinem Ende entgegen.

Baby Moll ist eine Studie in Existenzialismus. Gescheiterte, rachsüchtige und des Lebens müde Figuren treffen sich auf einem begrenzten Stückchen Land; Bühnenschauspieler, die den letzten Akt erwarten. Der unweigerlich kommen wird; den Erfordernissen des Kriminalromans entsprechend, mit Blei, Blut und Blondinen, die sich dem Protagonisten bei jeder Gelegenheit an den Hals werfen. Doch nicht, weil Pete Mallory so ein toller Hecht ist, sondern um abzulenken von der eigenen, verzweifelt tief sitzenden Einsamkeit.

Baby Moll ist Pulp pur. Mit all seinen Schwächen und Meriten. Deftiger Crime’n’Sex, vor allem für die prüden und anscheinend doch so wilden ausgehenden 50er des letzten Jahrhunderts, eine durchschaubare Story – es braucht keine fünf Seiten um zu wissen, wer das rachsüchtige Kind ist – mit Widerhaken: welche Bündnisse geschlossen werden, wer mit wem die eigene Verlorenheit zu übertünchen versucht, ist so austauschbar wie kaum zu erraten. Ist aber auch egal, denn schließlich handelt es sich nicht um ein »Whodunnit«, sondern um ein psychisches und physisches Gemetzel. In Moll.

John Farris ist alles andere als ein literarischer Ästhet. Er erzählt eine denkbar simple Story auf denkbar simple Weise. Aktion und Reaktion folgen sich so zwangsläufig wie Tag und Nacht. Was Baby Moll zu einem Leseerlebnis macht, ist, dass sich in dieser schlichten Dramaturgie äußert schräge Charaktere einfinden. Keineswegs fein durchkomponiert, aber beseelt von einer Kraft, die sie gelegentlich selbst erschlägt: das Wunder dem Rätsel der eigenen Existenz entwaffnet gegenüber zu stehen. Die wenigen Überlebenden haben vielleicht einen Schlüssel. Vielleicht aber nur den letzten Rest Naivität bewahrt, der das Leben erträglich erscheinen lässt.

Ist natürlich alles Blödsinn. Baby Moll ist lediglich eine Gangsterstory, in der jemand Rache übt und jemand anders dies zu verhindern sucht. Beides gelingt. Und die Braut wird geküsst. So soll es sein.

Jochen König, Juni 2010

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